Kulturerbe Traditionelle Medizin

Wissen über Hausmittel und traditionelle Heilmethoden ist in den 70er und 80er Jahren stark zurückgegangen. Nun nehmen Angebote und Methoden wieder zu, es wird aber auch viel mit asiatischem Wissen vermischt. Foto:Peta Klotzberg
Wissen über Hausmittel und traditionelle Heilmethoden ist in den 70er und 80er Jahren stark zurückgegangen. Nun nehmen Angebote und Methoden wieder zu, es wird aber auch viel mit asiatischem Wissen vermischt. Foto:Peta Klotzberg

Im Auftrag der Unesco wird in Österreich das immaterielle Kulturerbe erfasst. Dazu gehören auch traditionelle Heilmethoden. Martin Rümmele sprach mit Kulturwissenschafterin Michaela Noseck über ihre Forschungen.

lebensweiseSie erforschen und erfassen für die Unesco und das Gesundheitsministerium traditionelle heimische Heilmethoden. Wie sind die Ergebnisse?

Michaela Noseck: Das Projekt läuft seit Ende 2007 und wird Ende dieses Jahres abgeschlossen. Wir sind dabei die Ergebnisse zu sichten und prüfen verschiedenste Publikationsmöglichkeiten. Es wird sicher wissenschaftliche Publikationen wie auch populärwissenschaftliche Veröffentlichungen geben. Wir haben viel mehr gefunden, als ursprünglich erwartet worden ist. Was ich mache, ist die Methoden zu sammeln und zu untersuchen. Wir versuchen zu charakterisieren, zu analysieren, was genau gemacht wird, wie die Anbieter ausgebildet werden, fragen, warum und wann Klienten ein Angebot wählen, wie es wirkt und wo es auch Berührungen zu biomedizinischem Wissen gibt. Wir fragen aber auch, in welchen Lebensbereichen und bei welchen Problemstellungen traditionelles Wissen über Heiltechniken für die Menschen heute relevant sein kann.


lebensweiseWoher kam der Anstoß zu den Forschungen?

Noseck: Ich bin Kulturwissenschafterin und keine Medizinerin. Was mich interessiert hat, war das Thema Ethnomedizin – also die Erforschung traditioneller Heilmethoden. Im Jahr 2006 gab es dazu eine erste Tagung im Gesundheitsministerium. Die Frage war, was es eigentlich gibt und wie man damit umgehen kann. Einige Hersteller pflanzlicher Produkte und Apotheken klopften damals bei der Unesco an, weil sie Zulassungsbarrieren befürchteten und damit den Verlust traditioneller Medikamente. Ich habe dann für den Bereich der Heilmethoden dem Ministerium und der Unesco ein Forschungskonzept vorgelegt. Es wird mit finanzieller Unterstützung der Uniqa-Versicherung umgesetzt.


lebensweiseWie muss man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Noseck: Es gibt bereits Forschung zum Thema traditionelle Heilmittel. Wir wissen aber über symbolische, psychologisch wirksame, spirituelle und rituelle Verfahren in unserer Gesellschaft sehr wenig. Wenn wir von Methoden reden, gibt es ein weites Feld. So gibt es etwa nicht einfach die Kinesiologie, sondern neben der ärztlichen etwa 40 verschiedene Methoden, die alle auch wieder Anbieter, Ausbildungen und teilweise Verbände haben.


lebensweiseReden wir über die Ergebnisse.

Noseck: Ein wesentlicher Punkt ist, dass es bei vielen energetischen Anwendungen oft um spirituelle Konzepte, Inhalte und auch spirituelles Erleben geht. Da ist natürlich die Frage, was wissenschaftlich nachweisbar ist. Die Qualität der Studien, die in diesem Bereich gemacht werden, ist oft schlecht. Hier kann die Kulturwissenschaft vermitteln. Je organisierter eine Heiltechnik angeboten wird, umso komplexer müssen die Erklärungsmodelle sein. Ein Spruchheiler in Tirol braucht eine wissenschaftliche Analyse nicht, er macht es einfach.


lebensweiseWo liegen die Herausforderungen in der Forschung?

Noseck: Eine Frage ist sicher die Rolle des Placeboeffektes. Manches kann schon allein aufgrund der Zuwendung einem Patienten gegenüber wirken. Hier spielt die Kultur eine wichtige Rolle. Nehmen wir das Beispiel Farbe. Selbst die Pharmaindustrie nutzt Erkenntnisse der Farbtherapie bei der Wahl der Farbe von Tabletten. Blau ist etwa bei uns beruhigend und wird gerne für entsprechende Produkte verwendet.


lebensweiseDie Schulmedizin bedient sich also komplementärer Erkenntnisse?

Noseck: Schulmedizin ist nicht kulturfrei. Das ist ein großes Missverständnis. Das zweite Thema, das wichtig ist, ist die Genderforschung.


lebensweiseMit welchem Ergebnis?

Noseck: Frauen reagieren stärker auf komplementäre Angebote und nehmen sie auch stärker in Anspruch als Männer. Das liegt vermutlich am Bedürfnis nach Harmonie oder auch dem Wunsch sich ausdrücken zu können, was sich etwa in der Nutzung vieler Gesprächsrunden oder Bewegungsangebote zeigt.


lebensweiseHaben sich die Angebote, die Sie untersucht haben, im Lauf der Jahre verändert? Geht Wissen verloren?

Noseck: Generell nehmen die Angebote zu. Das Wissen über Hausmittel ist in den 70er und 80er Jahren aber auch stark zurückgegangen. Eine traditionelle österreichische Laienkultur wird man kaum noch finden. Es gibt sicher noch religiös unterlegte Methoden, die aber nicht so populär sind und es wird auch viel mit asiatischem Wissen vermischt. Einiges, das verloren gegangen ist, ist nicht wieder aufzuholen. Manchmal ist das aber auch gut. Die traditionelle Dreckapotheke, die es etwa im bäuerlichen Bereich gab mit Mist auflegen und so weiter, will heut auch kaum jemand mehr. Grundsätzlich ändert sich die Art des Konsumierens, die Selbstversorgung nimmt ab.

 


Zur Person: Michaela Noseck ist Sozial- und Kulturanthropologin in Wien. Sie erhebt im Auftrag des Gesundheitsministeriums sowie in Zusammenarbeit mit der UNESCO traditionelle und komplementäre Heilmethoden in Österreich.

 

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