Akupunktur auf Kassenkosten

In Oberösterreich wird von der Krankenkasse Akupunktur durchaus bezahlt. Andere Kassen sind bei Komplementärmedizin sparsam. Foto:www.photoxpress.com/Yanil Chauvin
In Oberösterreich wird von der Krankenkasse Akupunktur durchaus bezahlt. Andere Kassen sind bei Komplementärmedizin sparsam. Foto:www.photoxpress.com/Yanil Chauvin

Wer eine Behandlung aus den Bereichen Alternativ- und Komplementärmedizin bevorzugt, muss sich darauf einstellen, den Großteil der Kosten selbst zu tragen. Manchmal können die Krankenkassen hier aber auch geradezu grosszügig sein.

Von Christian F. Freisleben-Teutscher

Laut der Österreichischen Akademie für Ganzheitsmedizin nutzen über 100 Millionen Menschen in Europa regelmäßig komplementärmedizinische Methoden, für die Vorbeugung oder Behandlung von Krankheiten. Mehr als zwei Drittel aller Menschen in Österreich haben im Laufe ihres Lebens schon zumindest einmal homöopathische Wirkstoffe eingesetzt. Auch Akupunktur oder Ansätze aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) sind zunehmend bekannt und werden gerne nachgefragt.

            Aber: Was wird im Feld der Komplementär- und Alternativmedizin von den Krankenkassen gezahlt? Eine erste Antwort ist eher unbefriedigend und lautet: ‚Es kommt darauf an!‘ - denn eine einheitliche Vorgangsweise gibt es in Österreich nicht.

            Im Gesetz heißt es, dass eine „Krankenbehandlung ausreichend und zweckmäßig sein muss, aber nicht das Maß des Notwendigen überschreiten darf.“ Soweit, so unklar. Im Gesamtvertrag zwischen Ärzten und der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse (OÖ GKK) heißt es weiter: „Wissenschaftlich nicht erprobte Heilmethoden dürfen für Rechnungen des Versicherungsträger nicht angewendet werden.“ Ähnliche Passagen finden sich bei anderen Länderkassen. Was aber nun darunter verstanden wird, darüber gehen die Meinungen und die Praxis auseinander. „Geht es nach der gültigen Rechtssprechung, würden Methoden der Komplementärmedizin nur bezahlt, wenn sie hilfreich waren, nachdem zuvor alle Versuche der Schulmedizin gescheitert sind“, fasst Franz Kiesl von der OÖ GKK zusammen. Allerdings sieht die Praxis der Bezahlung oft anders aus und die Krankenkassen bewerten sehr unterschiedlich, ob eine Therapie eine „Außenseitermethode“ oder „wissenschaftlich bewiesen“ ist und damit bezahlt wird.

            So gibt es im Land ob der Enns etwa Akupunktur auf Krankenschein – auch für homöopathische Behandlungen bzw. einige Mittel wird zugezahlt. Ähnliches gilt für Personen, die bei der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft versichert sind. Was im niedergelassenen Bereich an komplementär- und alternativmedizinischen Behandlungen oder Medikamenten bezahlt wird hängt auch immer davon ab, wie entsprechende Gerichtsverfahren dazu ausgegangen sind.

            Im Spital kommen homöopathische Mittel immer öfter in geburtshilflichen Abteilungen in ganz Österreich zum Einsatz oder auch auf Stationen mit dem Schwerpunkt der Betreuung von Kindern oder Krebspatienten werden alternative und komplementäre Methoden eingesetzt. Im Wiener Kaiserin Elisabeth Spital, am AKH Wien oder im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz gibt es etwa eigene Akupunkturambulanzen. Akupunktur wird auch in einigen orthopädischen Spitälern angeboten. Zudem gibt es eine homöopathische Baby- und Kinderambulanz in der Wiener Rudolfstiftung. Homöopathie wird ebenso in anderen Häusern wie in Bregenz oder Steyr und Privatkliniken angeboten. Generell gilt für Spitäler: Die Finanzierung erfolgt über die Eigentümer und die Länder. Die Kassen zahlen pauschal Geld in einen Topf zur Spitalsfinanzierung, reden aber nicht mit, was bezahlt wird.

            „Es gibt vom Obersten Gerichtshof eine ziemlich umfangreiche Judikatur zum Thema der Behandlung von ‚Außenseitermethoden‘“, berichtet Kiesl. In Oberösterreich gibt es zudem eine gemeinsam von Ärztekammer und Krankenkasse erstellte Liste von Behandlungsmethoden, die nicht von den Kassen bezahlt werden und die auch „von Vertragsärzten nicht erbracht werden dürfen, auch nicht als private Leistung“. Auf der Liste stehen Methoden von Aura-Heilung über Haarmineralanalyse bis zur Zelltherapie. Gerade gestrichen wurden hingegen Aroma-, Bach-Blüten- und Bioresonanztherapie. Hier wären doch Nachweise über die Wirksamkeit erbracht worden.

            Aus Kiesls Sicht wäre eine politische Diskussion auf Bundesebene sinnvoll, „die darüber entscheidet, welche Leistungsbereiche in die Zuständigkeit der gesetzlichen Krankenversicherung fallen und welche nicht.“ Generell haben die Kassen nämlich wenig Spielraum – der Großteil der Leistungen wird per Gesetz vorgegeben. Dieses Thema wird auch immer wieder unter den Chefärzten der Kassen diskutiert. In Deutschland gibt es den „Gemeinsamen Bundesausschuss“, mit Vertretern von Vertragsärzten, Krankenhäusern und Kassen. Allerdings gibt es auch in unserem Nachbarland einige „Insellösungen“ im Umgang mit Methoden aus dem Bereich der Alternativ- und Komplementärmedizin.


Frage der Qualität

Allerdings sind nicht alle Anbieter komplementärer Methoden überhaupt für eine Kassenerstattung zu begeistern. „Es ist genau anzuschauen, was es bedeutet, wenn eine Behandlung oder Heilmethode den Status als Kassenleistung bekommt“, gibt Michael Frass zu bedenken. Er ist Präsident des Dachverbands österreichischer Ärztinnen und Ärzte für Ganzheitsmedizin (www.ganzheitsmed.at) und Mitglied im LEBENSWEISE-Fachbeirat. Denn meist bedeute Kassenleistung eher niedrige Refundierungen oder auch Limits für die Zahl der Behandlungen. „Die Frage ist: Welche Qualität ist dann noch umsetzbar“, fragt Frass, dem gleichzeitig wichtig ist, dass mehr Menschen auch in finanzieller Hinsicht leichteren Zugang zu jahrhundertelang bewährten Methoden wie Akupunktur, Homöopathie oder Ayuveda bekommen. „Es geht also um einen sensiblen Grenzgang.“ Dem Ganzheitsmediziner ist wichtig zu ergänzen, dass ähnliches für psychotherapeutische Leistungen gelten müsse. wo es wenn überhaupt nur eingeschränkt Zuschüsse durch die Kassen gibt. Das Gleiche gilt für Leistungen aus Feldern wie Physio- und Ergotherapie bzw. Logopädie - besonders für Kinder und Jugendliche bzw. Menschen mit chronischen Krankheiten.

            Für Frass steht außer Frage, dass es für viele Heilmethoden die dem Bereich der Komplementär und Alternativmedizin längst wissenschaftlich gut abgesicherte Daten gibt. „Es gilt zu unterscheiden, wer, was wie anbietet – aber es gibt bewährte Methoden die abgesichert sind und wo fehlende Beweise für die Wirksamkeit kein Argument sein können, dass es keine Zuschüsse der Kassen gibt.“

  

 

Großzügige Schweizer und deutsche Kassen

In Deutschland werden in vielen Fällen von den Kassen die Kosten für Akupunktur und andere Methoden übernommen. Besonders wenn es um Diagnosen wie chronische Kopfschmerzen, Schmerzen der Lendenwirbelsäule oder Gelenkserkrankungen geht. Bei manchen Kassen gibt es Zuschüsse etwa zu Osteopathie, Reflexzonenmassage oder Atemtherapie. Seit 2005 sind homöopathische Behandlungen im Leistungskatalog vieler gesetzlicher deutscher Krankenkassen. Aktuell wird heftig darüber diskutiert, ob dies so bleiben soll – einige Vertreter von SPD und CDU weisen auf die angeblich unzureichende wissenschaftliche Beweisbarkeit der Wirksamkeit von Homöopathie hin. Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe spricht sich aus für ein „Miteinander von Homöopathie und Schulmedizin“.

 

Schweizer stimmten über alternative Methoden ab

1999 bis 2005 wurden Homöopathie, Anthroposophische Medizin, Neuraltherapie, Phytotherapie und Traditionelle Chinesische Medizin in den Leistungskatalog der Schweizer Krankenkassen aufgenommen. In einer Evaluation wurde auf die hohe Akzeptanz in der Bevölkerung hingewiesen und auf die Wirksamkeit, die sich zwar nicht auf der Ebene wissenschaftlicher Analysen so deutlich zeige aber in den wahrnehmbaren Gesundheitseffekten. Trotzdem wurden alle fünf Bereiche wieder aus dem Leistungskatalog hinausgenommen. Im Mai 2009 stimmten 68 Prozent der Bevölkerung für die Verankerung der Komplementärmedizin in der Schweizer Verfassung. Allerdings hat sich im Bereich der Umsetzung nichts getan und das Thema steht auf der Aufgabenliste des aktuellen Gesundheitsministers Didier Burkhalter. Er kündigte Entscheidungen bis zum Ende des Jahres an, dabei geht es ebenso darum, Wissen aus dem Feld der Alternativmedizin stärker in die Lehrpläne der medizinischen Fakultäten einzubinden. Auch die Marktzulassung für Medikamente der Alternativmedizin soll erleichtert werden.

 


Psychotherapie auf Kassenkosten zaghaft

Dass ein gutes psychotherapeutisches Angebot wichtig ist, würden wohl alle Gesundheitspolitiker sofort unterschreiben. Wenn es dann um die Kosten geht, tritt eine große Zurückhaltung ein. Vor dem Sommer forderte Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) einmal mehr, dass deutlich mehr Menschen als bisher einen einfachen und kostengünstigen Zugang zu psychotherapeutischen Leistungen bekommen sollen. Gleichzeitig äußerte sie Verständnis für ihren Parteikollegen Gesundheitsminister Alois Stöger, der nicht zuletzt aus Kostengründen am aktuellen Status festhält.

            „Psychotherapie auf Krankenschein“ wird schon seit Jahren diskutiert – es gibt sehr unterschiedliche Modelle in den Bundesländern. In Wien gibt es etwa Verträge mit zwei Vereinen – allerdings ein begrenztes Kontingent für Kassenplätze. Die Wartezeiten auf diese sind teilweise sehr lang. Ähnliches gilt für Oberösterreich. In beiden Bundesländern kann Psychotherapie auf Krankenschein auch in Ambulatorien der Gebietskrankenkasse in Anspruch genommen werden – auch dort sind die Kapazitäten aber begrenzt. In Salzburg wurden Verträge mit einigen Psychotherapeuten abgeschlossen, dort kommt es aber ebenso immer wieder zu längeren Wartezeiten, weil die Nachfrage weit größer ist.

 

Zuschuss von der Krankenkasse

Wer keinen der Kassenplätze ergattert, kann allerdings einen Zuschuss bei seiner Krankenkasse beantragen. Dieser wird nur gewährt, wenn ein ‚Problem‘ vorliegt, das einer Krankheit gleichgestellt ist. Nötig ist zudem vor der zweiten Therapiesitzung eine ärztliche Untersuchung. Wer mehr als zehn Sitzungen in Anspruch nehmen will, muss einen Antrag nach der vierten Sitzung stellen. Die Kassenleistungen sind aber bescheiden: Für 30 Minuten werden durchschnittlich 13 Euro, für 50 Minuten 22 Euro gezahlt. Damit sind meist maximal ein Viertel der anfallenden Kosten abgedeckt.

 

 

Der Autor: Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher lebt in Linz und arbeitet als Berater, Referent sowie Journalist mit den Schwerpunkten Bildung, Gesundheit, Soziales und Nachhaltigkeit.

 

 

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