Treibstoff für die Zellen

Mit Schüßler-Salzen sollen die Zellen wieder aufgefüllt werden. Foto:www.photoXpress.com/Alison Bowden
Mit Schüßler-Salzen sollen die Zellen wieder aufgefüllt werden. Foto:www.photoXpress.com/Alison Bowden

Krankheiten entstehen auf Zellebene und im Zellhaushalt spielen Mineralstoffe eine wichtige Rolle. Daraus ergaben sich für Wilhelm Heinrich Schüssler vor mehr als 150 Jahren neue Sichtweisen. Heute erleben Schüssler-Salze eine Renaissance und einen Boom, der auch Skeptiker auf den Plan ruft.

Von Karin Pollack

Gesünder, glücklicher und jünger, sollen Schüssler-Salze angeblich machen. Was vor einigen Jahren noch als Nischenprodukt nur Spezialisten bekannt war, erlebt einen Boom, der nun sogar in Lifestyle-Magazine Einzug gehalten hat. Grund auch, dass sich umgekehrt der Verein für Konsumenteninformation damit beschäftigt hat – mit zum Teil kritischen Analysen. Was steckt also hinter dem Boom und was können die Arzneimittel – denn als solche gelten die Salze laut Arzneimittelgesetz seit 1983 – wirklich?

            Es gibt kleine Leiden, die so wenig Leiden sind, dass sie nicht wirklich tragisch sind. Brüchige Fingernägel zum Beispiel, oder trockene Haut. Besenreißer am Oberschenkel, gelegentliche Schlafstörungen, träge Verdauung oder Augenringe. Medizinisch betrachtet sind das alles keine Krankheiten im eigentlichen Sinne, trotzdem beeinflussen sie die Lebensqualität. „Ich bin froh, wenn ich Menschen, die mir von derart alltäglichen Unannehmlichkeiten berichten, Alternativen bieten kann“, sagt Julia Moser, Apothekerin in der Alten Feldapotheke am Wiener Stephansplatz und Expertin für Schüssler-Salze. Für Moser sind die Mineralstoffe eine Ergänzung.

            Wer die richtigen Schüßler-Salze für sich finden will, lässt sich am besten beraten. Apothekerin Moser verschafft sich durch gezielte Fragen ein Gesamtbild des Menschen. Die so genannte Antlitz-Analyse steht im Mittelpunkt. „Ich habe ein sehr gutes Auge für die unterschiedlichen Nuancen von Hautfarbe, für die Partie um die Augen, für die Art, wie sich dort die feinen Fältchen ziehen“, sagt sie. Nach vielen Fragen zu Verdauung, Energielevel, Schlafstörung und geschmacklichen Vorlieben und Abneigungen wird ein Fragebogen ausgefüllt, dann werden die passenden Salze ausgewählt. Optimalerweise wird drei bis vier Wochen später in einem Kontrollgespräch nachjustiert. Die Grundannahme der Behandlung: Mit Schüssler-Salzen lassen sich die unterschiedlichen Betriebsdepots bei Mängeln im Körper wieder auffüllen.

            Feinstoffliche Wahrnehmung und Achtsamkeit dem eigenen Körper gegenüber seien eine Grundvoraussetzung, sagt Moser. Ungeduldige, die auf einen schnellen Effekt abzielen, seien mit den Salzen schlecht beraten. Nebenwirkungen sind keine bekannt, und deshalb lassen sich Schüssler-Salze zu anderen Therapien dazukombinieren. „Hilft’s nicht, so schadt’s nichts“, würde der Volksmund allen Skeptikern vielleicht sagen. „Die Selbstbehandlung kann zu schwerwiegenden gesundheitlichen Schäden führen, wenn dadurch die ärztliche Behandlung einer ernstzunehmenden Krankheit unterbleibt“, warnt VKI-Gesundheitsexperte Bernhard Matuschak, der auch in manchen Bereichen Geschäftemacherei beobachtet haben will. In nur drei von sieben durch den VKI geprüften Apotheken wurde abgeklärt, ob der Kunde bereits beim Arzt war oder andere Medikamente eingenommen werden. In drei Fällen wurden die Salze ohne Nachfrage ausgehändigt. Manche Verordnungen können zudem teuer kommen: Im extremsten Fall der VKI-Prüfung wurde zur Einnahme von elf der zwölf möglichen Salze – in Form von 140 Tabletten pro Tag – geraten. Und das – inklusive Beratung – um einen Gesamtpreis von 190 Euro. Vorsicht ist zudem Menschen geraten, die eine Laktose-Unverträglichkeit haben. Denn Trägersubstanz für die Salze ist Milchzucker. Bei größeren Mengen kann es zu Blähungen und Durchfällen kommen. Als Alternative bieten manche

Hersteller michzuckerfreie Globuli an.

            Schüssler selbst ging von der Annahme aus, dass Krankheiten aufgrund gestörter biochemischer Prozesse im Körper entstehen. Da Mineralsalze chemische Prozesse in den Zellen steuern, wird durch das Fehlen eines Minerals der gesamte Stoffwechsel in Mitleidenschaft gezogen. Allein über die Nahrung lässt sich eine Balance nicht erzielen und aufrechterhalten. Doch Defizite können mit Schüssler-Salzen durchaus ausbalanciert werden.

            In einem aufwändigen Verfahren hatte Schüssler zwölf Mineralsalze, denen er im „animalischen Organismus“ genaue Funktionen zu schrieb, definiert. Teilweise hatte er dafür Leichen verbrannt und die Asche genau analysiert. 1874 jedenfalls veröffentlichte er seine Theorie im schmalen Büchlein „Abgekürzte Therapie“. Der Titel ergab sich aus Schüsslers Umfeld, der Homöopathie. Die Salze werden verdünnt, in Milchzucker verrieben und über die Mundschleimhaut aufgenommen. „Schüssler-Tabletten werden optimalerweise gelutscht, sie können aber auch aufgelöst und in kleinen Portionen gelöffelt werden“, erklärt Moser.

            Im Gegensatz zur Homöopathie beruht Schüsslers Verfahren nicht auf dem von Homöopathievater  Samuel Hahnemann propagierten „Simile-Prinzip“ („Ähnliches kann durch Ähnliches geheilt werden“), sondern ist auf physiologisch-chemische Vorgänge im Organismus zurückzuführen. Mittel, die bei Gesunden unverdünnt Symptome auslösen, werden in der Homöopathie auch zur Behandlung eingesetzt. Das Ziel der Schüssler-Therapie: Den Zellen jene Stoffe zuzuführen, die fehlen. Schüssler verwendete, anders als die Homöopathen, auch nicht hunderte unterschiedliche Substanzen, sondern nur zwölf.

            Vieles war Ende des 19. Jahrhunderts neu und forderte die damaligen Ärzte. Die Biochemie war eben entdeckt worden. Justus Liebig hatte herausgefunden, dass man ausgelaugte Böden durch Salze wieder fruchtbar machen kann und der Wissenschaftler Rudolf Virchow hatte erstmals die Erkenntnis formuliert, dass der Körper aus vielen unterschiedlichen Zellen besteht, und bei Krankheit nicht der gesamte Körper sondern nur einzelne Zellgruppen befallen werden. Das veränderte das gesamte Menschenbild. Schüssler wurde von diesen Erkenntnissen stark beeinflusst und entwickelte auf deren Basis seine eigenen Theorien.

            In Vergessenheit geraten sind sie bis heute nicht: Ihr ganzheitlicher Ansatz erlebt gerade eine Renaissance, meist als ergänzende Therapie. Julia Moser weiß, dass sich die Zusammenhänge, die Schüssler einst formulierte, nicht mit wissenschaftlichen Methoden – etwa durch Studien – beweisen lassen. Dass es bestimmte Menschentypen gibt, und diese unterschiedlichen Menschentypen oft ähnliche gesundheitliche Probleme haben, davon ist sie überzeugt. Rotfleckige Wangen deuten auf innere Anspannung, viele Menschen schlafen schlecht oder haben immer wieder Heißhungerattacken. Ein Grauschleier rund ums Kinn und eingefallenen Schläfen deuten auf wenig Energie, und wenn jemand in der früh ganz verquollen aufwacht und zu viel Wasser im Körper hat, dann heißt das, dass der Schadstoffabtransport über die Lymphe nicht optimal funktioniert. Dementsprechend wählt sie Schüssler-Salze aus, kombiniert, zieht Schlüsse und legt die Dosierung fest.

            Wer eine Schüssler-Beratung macht, erfährt in jedem Fall viel Neues über den eigenen Körper und Zusammenhänge, die in der Form in der Schulmedizin nicht so gesehen werden. Haut und Verdauung werden plötzlich in eine Beziehung gesetzt, oder Blutgefäße und Nervensystem: Laut Schüssler gibt es eine ganze Reihe solcher Netzwerke im Körper. In den vergangenen 100 Jahren wurde seine Theorie weiterentwickelt. Mittlerweile stehen 15 weitere Salze, die so genannten Ergänzungsmittel, zur Verfügung. Es gibt sie als Tabletten (zum Lutschen oder Auflösen), als Cremen, Tropfen, Fußbäder oder im Fall des Mineralsalzes Nr.7 (siehe Kasten) als in heißem Wasser aufgelöstes Notfallmittel - „die heiße Sieben“. Schüsslers Ziel war es, Menschen ein Instrumentarium für die Selbstbehandlung anbieten zu können.

            Allerdings ruft das auch Kritiker auf den Plan, die fürchten, dass sich Schüssler-Salze aufgrund des immer umfangreicheren Produkt- und Literaturangebotes in Richtung Lifestyleprodukte bewegen. Auch die manchmal vorgeschlagenen, hohen Einnahmemengen und der Rat zur gleichzeitigen Einnahme mehrerer Mittel entsprächen nicht mehr den ursprünglichen Gedanken, merkt Alexandra Abrahim, Sprecherin des Homöopathie- und Schüssler-Salze-Herstellers Dr. Peithner KG an: „Schließlich handelt es sich auch bei Schüssler-Salzen um eine Anreiz- und nicht um eine Substitutionstherapie.“

 


Die Autorin: Karin Pollack ist Redakteurin bei der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“, wo sie für den MedStandard, der jeden Montag erscheint, verantwortlich ist. Zuvor schrieb sie für „profil“ und „brand eins“.

 

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