Wohnen im Alter

Die Bedürfnisse alter Menschen rücken zunehmend ins Zentrum bei der Planung und dem Betrieb von Betreuungseinrichtungen. Foto:www.photoXpress.com/asmik
Die Bedürfnisse alter Menschen rücken zunehmend ins Zentrum bei der Planung und dem Betrieb von Betreuungseinrichtungen. Foto:www.photoXpress.com/asmik

Die Zahl betagter Menschen steigt und damit auch die Zahl jener, die nicht zu Hause von Familienangehörigen gepflegt werden können. In spitalsähnlichen Heimen will niemand den Lebensabend verbringen. Immer mehr Heimträger suchen deshalb ganzheitliche Lösungen.

Von Birgit Köhlmeier


Langsam, bedächtig schält die alte Frau Karotten. „Es geht nicht mehr so schnell wie früher,“ sagt sie. „Das macht nichts, wir haben Zeit,“ beruhigt Songül Östürk, während sie eine Kartoffel schält. Die 40-jährige Türkin arbeitet schon 20 Jahre in der Küche des Vorarlberger Altersheims Alberschwende. Vor fünf Jahren hat sich ihr Arbeitsplatz gründlich verändert. Anstatt in einer Grossküche arbeitet sie seither in der „normalen“ Küche einer Wohngemeinschaft von 15 Senioren, die zuschauen und manchmal sogar mithelfen. Songül Östürk und Heimbewohnerinnen sitzen gemeinsam an einem Tisch in der Wohnküche und treffen Vorbereitungen für das Abendessen.


Leben wie in der Familie

Im Sozialzentrum Alberschwende wurde erstmals in Österreich das vom Kuratorium Deutsche Altershilfe entwickelte Hausgemeinschaftsmodell umgesetzt: Die Bewohner leben wie in einer Familie, sie können - wenn sie wollen - beim Kochen und bei der Hausarbeit mithelfen. Die Teilnahme an derartigen Aktivitäten hängt aber sehr vom Gesundheitszustand und der Tagesverfassung ab. „Es gibt Tage, da wollen viele helfen, an anderen Tagen interessiert sich niemand für Hausarbeit, da ist Kartenspielen gefragt,“ erzählt Heimleiterin Ursula Fischer.

            Ähnliche Beobachtungen werden in allen Senioren-Einrichtungen gemacht, in denen es über die „Satt-Sauber“-Pflege hinausgehende Angebote für die Bewohnerinnen und Bewohner gibt. Inzwischen wird der überwiegende Teil der stationären Altenbetreuungseinrichtungen in Österreich nach moderneren Grundsätzen geführt. Schlafsäle mit bis zu zehn Betten wie es sie noch vor 15, 20 Jahren gab, gehören der Vergangenheit an. Ein- bis Zweibettzimmer mit Nasszelle und WC sind heute in den meisten Einrichtungen Standard. Zwischen den Betreibern von stationärer Altenbetreuung ist ein regelrechter Wettstreit um die besten Konzepte und das beste Preis-Leistungsverhältnis entbrannt. Die knapper werdenden finanziellen Ressourcen heizen den Konkurrenzkampf zusätzlich an: Die „neuen“ Alten, aber auch deren Angehörige schauen sich rechtzeitig verschiedene Heime an und vergleichen sehr genau.

            Die Caritas Socialis hat in Wien beispielsweise die ersten zwei Wohngemeinschaften speziell für Demenzkranke eingerichtet. Das Konzept ist ähnlich dem des deutschen Hausgemeinschaftsmodells. Etwa acht Bewohner leben gemeinsam in einer normalen Wohnung, verrichten soweit es ihr Gesundheitszustand zulässt, Hausarbeit und Kochen gemeinsam. Ziel der Wohngemeinschaften ist es, für mittel bis schwer demente Menschen einen neuen bedürfnisgerechten Wohn- und Lebensraum zu schaffen, in dem Alltag ohne heimtypische Regelungen und Strukturen gelebt wird. „Einschlägige Studien bescheinigen in jeder dieser Wohngemeinschaften, dass die Interaktion zwischen den Bewohnern und zwischen Betreuerinnen und Bewohnern höher einzustufen ist, als im stationären Alzheimer/ Demenzsetting,“ erklärt Sabina Dirnberger, die Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit bei der Caritas Socialis.

            Jede Demenz-Wohngemeinschaft besteht aus sieben bis acht Einzelzimmern, einem grosszügigen Wohn-Ess-Küchenbereich, Terrasse, Bädern und Toiletten. Vertraute Räume, Abläufe und aktive Beteiligung an Alltagstätigkeiten schaffen bessere Orientierung, mehr Sicherheit und Lebensqualität für Bewohner. „Die Identifikation mit dem Raum ist im WG-Bereich höher als im Pflegeheimbereich: Fremde Personen, werden sofort als Besuch bzw nichthierhergehörig erkannt und es wird nachgefragt. Im stationären Bereich wird der ‚öffentliche, gemeinschaftliche’ Bereich hingegen nicht als so zugehörig zum eigenen Lebensraum empfunden,“ sagt Dirnberger. In der Betreuungsphilosophie orientiert sich die Caritas Socialis am Konzept der Mäeutik (griechisch: „Hebammenkunst“). Der Begriff steht in der Geriatrie und der Betreuung Demenzerkrankter für „erlebensorientierte Pflege“ wie sie von der holländischen Ärztin Cora van der Kooij entwickelt wurde. Der Fokus der Betreuung liegt dabei auf der Persönlichkeit und den seelischen Bedürfnissen der alten Menschen. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Wohngemeinschaft arbeiten „gefühlsorientiert“. Sie sind Bezugspersonen und bieten Beziehung an. Die Wertschätzung der Bewohner drückt sich im Respekt gegenüber ihrem Lebensweg und dem Wahrnehmen ihrer gegenwärtigen Bedürfnisse aus. In der Praxis werden dabei Fähigkeiten und Fertigkeiten bewusst gemacht und entsprechend gefördert.

            Der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) beschreitet in der Altenpflege und –betreuung ebenfalls neue Wege. Nach dem Geriatriekonzept der Stadt Wien soll bis 2015 in Wien eine neue, moderne Pflegelandschaft entstehen. „Derzeit gibt die Stadt jährlich mehr als 680 Millionen Euro für ambulante und stationäre Pflege und Betreuung aus. Das Angebot reicht von der Betreuung und Pflege zu Hause mit Hilfe mobiler Dienste über Pensionisten-Klubs und Tageszentren, betreute Wohnformen bis hin zu Pflegewohnhäusern, die auch medizinische Betreuung und Therapie anbieten. Im stationären Bereich gibt es rund 8.500 Pflegeplätze“, erläutert Roland Paukner, KAV-Direktor der Geriatriezentren und Pflegewohnhäuser der Stadt Wien mit sozialmedizinscher Betreuung.

            Neben dem neuen Pflegewohnhaus Baumgarten werden bis 2015 fünf weitere neue Pflegewohnhäuser errichtet: in Liesing, Meidling, Innerfavoriten, Simmering und Leopoldstadt. „Der Aspekt des Wohnens steht im Vordergrund, ein krankenhausähnlicher Charakter wird bewusst vermieden. Kleine Wohnbereiche, Vertrautheit, Überschaubarkeit und Sicherheit sollen die Lebensqualität für die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner steigern,“ sagt Paukner. Außerdem werde auf Kommunikations- und Kontaktmöglichkeiten geachtet.

            Vor wenigen Wochen wurde das erste neue Pflegewohnhaus in Wien Leopoldstadt eröffnet. Das Haus verfügt über eine sehr gute öffentliche Verkehrsanbindung, weist eine ruhige Lage auf, hat ausreichende Grün- und Erholungsflächen sowie Nahversorgungsunternehmen in der Nähe. Für an Demenz erkrankte Bewohner wurden Rundwege und ein Demenzgarten errichtet, damit sie dem für eine Demenzerkrankung typischen Bewegungsdrang nachgeben können. Für alle Bewohnerinnen und Bewohner steht rund um die Uhr eine ärztliche Betreuung bereit. Zusätzlich werden zahlreiche Therapien angeboten, wie etwa Physio-, Ergo-, und auch Garten- und Tiertherapie. Gleich neben dem Pflegewohnhaus bietet das Rote Kreuz Betreutes Wohnen für 60 Menschen an.


Demenzgerechte Lebensraumgestaltung

 Die Senecura Kliniken- und HeimebetriebsgesellschaftmbH ist einer der jüngsten Anbieter von stationären Altenpflegeeinrichtungen in Österreich. 1998 wurde die GmbH als Beratungsunternehmen gegründet und betreibt inzwischen mehr als 40 stationäre Einrichtungen in Österreich und 13 in der Schweiz mit insgesamt rund 4.500 Pflegeplätzen und 2.500 Beschäftigten. Als erste Einrichtung Österreichs – und erst zweite weltweit – wurde das Senecura Sozialzentrum Grafenwörth im April 2010 für sein hervorragendes Demenzbetreuungskonzept ausgezeichnet und zur besten europäischen Einrichtung nach dem Validationskonzept von Naomi Feil gewählt. Die Validations-Theorie hilft zu verstehen, dass viele sehr alte, desorientierte Menschen mit der Diagnose Demenz sich im Endstadium ihres Lebens befinden und danach streben, unerledigte Aufgaben aufzuarbeiten, um in Frieden sterben zu können. Im Sozialzentrum Grafenwörth sind nicht nur alle Beschäftigten – vom Pflege-Team über ehrenamtliche Helferinnen und Helfer – und Angehörige in der Betreuung nach dem Validationskonzept geschult, auch die Architektur des Zentrums ist auf die demenzgerechte Lebensraumgestaltung nach Naomi Feil ausgerichtet.

            Mit wissenschaftlicher Begleitung der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg setzt Senecura zudem Österreichs erstes Mobilitäts- und Fitnessprogramm speziell für höher betagte Menschen um. „Das Projekt „Fit & Beweglich 77+“ zielt darauf ab, die körperliche Funktionalität und Mobilität älterer und pflegebedürftiger Personen durch gezieltes Training in eigenen Senioren-Fitnesszentren zu verbessern,“ erläutert Geschäftsführer Rudolf Öhlinger.

            Um dieses Ziel zu erreichen wurde ein spezielles Programm aus Muskel-, Ausdauer-, und Balancetraining mit seniorengerechten, sporttherapeutischen Geräten entwickelt. Im Senecura Sozialzentrum Krems und im Senecura Laurentiuspark Bludenz sei das Mobilitätsprogramm bereits äußerst erfolgreich angelaufen. Nicht nur für die Bewohner der Häuser, sondern auch für die gesamte Bevölkerung über 77 Jahren sind die Fitnesszentren in den Altenbetreuungseinrichtungen geöffnet.

 


Die Autorin: Birgit Köhlmeier ist seit mehr als 30 Jahren journalistisch tätig. Sie hat für den ORF, Die Presse, APA sowie deutsche und Schweizer Medien gearbeitet. Schwerpunkte sind Wirtschaft, Tourismus, kulturelle, gesundheitspolitische und soziale Themen.

 

 

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