Angstmache oder Pharmakomplott?

Die geplante EU-Richtlinie für die Registrierung von Heilpflanzen könnte vor allem für asiatische Kräuter zum Hemmschuh werden. Foto:www.istockphoto.com
Die geplante EU-Richtlinie für die Registrierung von Heilpflanzen könnte vor allem für asiatische Kräuter zum Hemmschuh werden. Foto:www.istockphoto.com

Ein Gespenst geistert aktuell durch Internetforen und Mailverteiler: Die EU will angeblich den Verkauf traditioneller Heilpflanzen verbieten. Mehr als hunderttausend Menschen haben in kürzester Zeit eine Petition dagegen unterschrieben. Umgekehrt geben manche Experten auch Entwarnung.

Von Martin Rümmele

Die E-Mail kam gleich mehrfach über verschiedene Verteiler. Der Inhalt ließ aufhorchen: „Die EU plant den Handel mit Heilpflanzen ab April 2011 einzuschränken. Laut europäischer Richtlinie zur Verwendung traditioneller und pflanzlicher medizinischer Produkte (THMPD) werden der Verkauf und die Anwendung von Naturprodukten enorm eingeschränkt. Durch diese neue Bestimmung müssen Naturprodukte zu medizinischen Produkten umdeklariert werden, welche eine Zulassung benötigen. Jegliche Naturstoffe, denen eine Wirkung nachgesagt wird, werden nicht mehr als Lebensmittel, sondern als Arzneimittel eingestuft. Dies hat zur Folge, dass nur noch Produkte erwünscht sind, welche patentiert sind. Somit wird nur die Profitgier der Pharmaunternehmen gesichert und nicht unsere Gesundheit...“ Eine entsprechende Petition fand in kürzester Zeit mehr als 120.000 Unterzeichnende. Kurze Zeit später meldeten sich allerdings auch EU-Parlamentarier und Pharmakologen zu Wort, die Entwarnung gaben. Hier werde flasch interpretiert bzw. würden kritische Menschen von unsauberen Unternehmen vor den Karren gespannt.

            Die Wahrheit liegt - wie in vielen Fällen – in der Mitte. „Die Diskussion ist nicht ganz neu, nur fand sie lange in Expertenkreisen statt. Jetzt laufen Übergangsfristen aus“, erzählt Andrea Zauner-Dungl, TCM-Ärztin und Vorsitzende des Dachverbandes für Traditionelle asiatische Methoden in Österreich und Lehrgangsleiterin an der Donauuni Krems. Die Sorge sei durchaus begründet, erzählt sie. „Gerade für Anwender wird sich schon einiges ändern, weil manche Produkte nicht mehr so leicht verfügbar sein werden“, fasst Zauner-Dungl, die auch Mitglied im Lebensweise-Fachbeirat ist, die Auswirkungen der EU-Richtlinie zusammen. Die Union versuche für Heilpflanzen eine spezielle Monographie zu erstellen, um ein eigenes Arzneimittelbuch für diesen Bereich zu bekommen.


Teure Registrierung für Arzneimittel

Um in dieses Buch aufgenommen zu werden und damit als Heilmittel einsetzbar zu sein, muss eine Pflanze seit mindestens 30 Jahren, davon mindestens 15 Jahre in der EU, medizinisch verwendet werden. Die Inhaltsstoffe und die verfügbare wissenschaftliche Literatur müssen aufgelistet werden. Für viele der heimischen Pflanzen ist das kein Problem. Zwar kostet die Registrierung viel Geld, doch in den meisten Fällen wurde das von der EU übernommen. Ist eine Pflanze einmal registriert, können pflanzliche Arzneimittel registriert werden, ohne dass der Antragsteller Angaben und Unterlagen über Prüfungen und Versuche zur Sicherheit und Wirksamkeit des Arzneimittels vorlegen muss. Ein Hersteller muss für die Registrierung in der Regel dann keine Studien, sondern lediglich ein Gutachten sowie einen Literatur-Überblick vorlegen. Unter die Richtlinie fallen zudem nur rezeptfreie Fertigarzneimittel, die ohne ärztliche Kontrolle eingenommen werden.

            „Das bedeutet folglich für homöopathische Arzneimittel oder traditionelle pflanzliche Arzneimittel, dass sie durch diesen Rechtsrahmen nicht verboten werden, sondern vielmehr, dass es leichter wird, diese Produkte in Europa auf den Markt zu bringen“, schreibt die sozialdemokratische EU-Parlamentarierin Evelyn Regner in einem Brief an aufgebrachte Gewerkschafter. Entwarnung kommt auch aus Deutschland, wo die Richtlinie bereits seit längerem in nationales Recht umgesetzt worden ist. Dort seien heimische Planzen, wie Thymian, Lavendel oder Spitzwegerich keineswegs vom Markt verschwunden, schreibt das Nachrichtenmagazin „Stern“. Zudem habe auch früher schon immer gegolten, dass Arzneimittel, die aus Heilpflanzen hergestellt und als Medikamente verkauft werden, registriert werden mussten.

            So einfach ist die ganze Sache nun aber doch auch wieder nicht. Huflattich oder Beinweil sind etwa sehr wohl nicht mehr als Arznei verkaufbar, sagt Zauner-Dungl. Sie erhielten keine Zulassung, weil der EU Fälle über missbräuchliche Verwendung mit zu hohen Dosierungen bekannt gemacht wurden. „Diese Pflanzen bekommt man heute nicht mehr in Apotheken.“ Auch das Zuckerersatzmittel Stevia werde möglicherweise nicht zugelassen, weil es in den Ursprungsländern unter anderem zur Empfängnisverhütung verwendet worden sei. „Die EU-Behörden befürchten nun eine erhöhte Gefahr der Unfruchtbarkeit“, schildert Zauner-Dungl die Debatte.

            Ein weit größeres Problem, als die eingeschränkte Verwendung heimischer Heilpflanzen als Arzneimittel sind aber Einschränkungen für Pflanzen aus der traditionellen asiatischen Medizin. Zauner-Dungl: „Inder haben einige Pflanzen bereits eingereicht, China und die meist kleinen Importeure chinesischer Pflanzen, halten sich aber zurück.“ Für die Importeure sei die Registrierung zu teuer und China stelle die Frage, ob sich der Aufwand rechne. Dazu käme, dass der Stolz auf traditionelle Medizin in manchen Ländern groß sei und eine Ablehnung auch ein emotionales Problem darstellen könnte. Auch die Regelung, dass die Richtlinie für Rohdrogen nicht gelte, helfe da wenig. „Chinesische Kräuter werden oft auch als gefriergetrocknete Granulate geliefert. Und die würden dann sehr wohl rausfallen, weil sie bereits industriell aufbereitet worden sind“, weiß die TCM-Expertin. Anwender, wie TCM-Ärztinnen und Ärzte würden durch die Richtlinie also sehr wohl mit Einschränkungen rechnen müssen.

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Kommentare: 1
  • #1

    E. Maurer (Sonntag, 01 Mai 2011 12:39)

    An der "Hoax" ist was dran!

    Ja, die Fakten werden aufgebauscht, es wird aber sehr wohl den Wegfall einer großen Zahl von Pflanzen, unfaire Wettbewerbseinschränkungen v.a. gegenüber Ayurveda und Tr. Chin. Medizin, eine unlogische und unwissenschaftliche Regulierung, eine für viele Hersteller von Arznei-MISCHUNGEN untragbare finanzielle Hürde und damit Förderung der Pharma-Monopole geben.

    Die Dosis macht das Gift. Das Zulassungsverfahren schüttet jedoch vorsichtshalber das Kind gleich mit dem Bade aus - Ein beispielloser Kahlschlag im Angebot an Heilpflanzen beginnt! "Huflattich oder Beinwell sind etwa sehr wohl nicht mehr als Arznei verkaufbar... Sie erhielten keine Zulassung, weil der EU Fälle über missbräuchliche Verwendung mit zu hohen Dosierungen bekannt gemacht wurden."

    Weiter schlaumachen!
    LG,
    E. Maurer