Die Feinstofflichen und die Wirtschaftskammer

Die Methoden der Energetiker sind vielfältig. Allgemeine Standards gibt es jedoch keine. Das soll sich ändern. Foto:www.photoXpress.com/Marc
Die Methoden der Energetiker sind vielfältig. Allgemeine Standards gibt es jedoch keine. Das soll sich ändern. Foto:www.photoXpress.com/Marc

Bachblüten, Kinesiologie, Aromatherapie, Ayurveda, Chakrenarbeit, Cranio-Sacral-Balancing, Feng Shui oder Lomi Lomi Nui verbindet eines: Offiziell werden sie unter dem Begriff Energetik zusammengefasst. Orientierung für Hilfesuchende ist schwierig, weshalb Verbände nun über Qualitätskriterien diskutieren.

Von Ulli Moschen

Rund 15.000 Ärztinnen und Ärzte haben in Österreich eine niedergelassene Ordination. Doch sie sind nicht die Einzigen, die im Gesundheitsbereich ambulant tätig sind. Parallel zum schulmedizinischen Sektor gibt es jenen mit alternativen und komplementären Heilmethoden. Und dieser Sektor ist, auch wenn er in öffentlichen Diskussionen kaum wahrgenommen wird, ziemlich genau gleich groß. Den 15.000 niedergelassenen Schulmedizinern stehen genauso viele Energetiker gegenüber. Bei der Wirtschaftskammer – als einziger offizieller Organisation, die einen Überblick hat – sind zur Zeit rund 15.000 Energetikerinnen und Energetiker in ganz Österreich gemeldet, die einen entsprechenden Gewerbeschein haben. Die Zahl der eingetragenen Methoden beläuft sich mittlerweile auf 250, und täglich kommen neue dazu.

            Obwohl beide Gruppen nahezu gleich groß sind, gibt es aber Grenzen: In Österreich darf ein Energetiker rechtlich gesehen alles, solange er nicht in jene Bereiche eindringt, die etablierten Gesundheitsberufen vorbehalten sind. Und das ist auf einen Nenner gebracht vor allem eines: kranke Menschen heilen. Energetiker dürfen im Grund nur mit gesunden Menschen arbeiten. Vieles hat auch nur am Rande überhaupt mit Gesundheit zu tun. Dazu kommt, dass Energetiker nicht selten unter kritischem Beschuss der Ärzteschaft stehen, die ihnen das Fehlen von Ausbildungsrichtlinien vorwirft und Nachweise anatomischer und physiologischer Kenntnisse fordert.

            Was kompiziert klingt, ist es auch. Denn die rund 250 verschiedenen energetischen Methoden werden gewerberechtlich unter einem Dach zusammengefasst. Ayurveda gehört dazu. Oder Body Talk, Chakrenarbeit, Cranio-Sacral-Balancing, die Erstellung von Horoskopen, Feng Shui, aber auch eine Flut von weniger geläufigen Methoden wie etwa Cymatics, Animagene Energiearbeit oder Lomi Lomi Nui. Zu den Errungenschaften der vergangenen Jahre zählt unter anderem die Einteilung der Methoden in drei Gruppen, die Humanenergetik, die Tierenergetik und Lebensraum-Consulting. Eine Reihe ähnlich klingender Methoden fallen dezidiert nicht in den Anwendungsbereich der Gewerbeordnung, wie etwa Mentaltraining, Esoterische Beratungen, Lichtarbeit, Rebirthing oder Schamanismus.


Unüberblickbare Vielfallt

Für Laien ist es deshalb nicht einfach, sich in der Fülle von Angeboten zurechtzufinden. Und auch nicht, gute und seriöse Anbieterinnen und Anbieter von unseriösen zu unterscheiden. Auch wer sich selbst für eine Energetiker-Laufbahn interessiert, hat es nicht leicht. Selbst in den einzelnen Disziplinen, wie etwa der Kinesiologie, werden unterschiedliche Ausbildungen angeboten.

            Fakt ist, dass das Energetikergewerbe ein freies Gewerbe ist, in dem es weder verbindlich rechtliche Richtlinien noch eine gesetzliche Regelung der Vorbehaltsbereiche gibt und auch keine vorgeschriebene Ausbildung.

            Aus diesen Gründen haben sich die Energetiker nun zu Arbeitsgruppen zusammen getan und versuchen, ihr Image und ihre Reputation zu verbessern und Qualitätsstandards zu erarbeiten. In einigen Bundesländern, wie etwa Oberösterreich und der Steiermark, werden bereits einige Modelle zur Qualitätssicherung getestet, die Arbeitsgruppe auf Bundesebene konstituiert sich nach Wahlen in der Wirtschaftskammer gerade neu, was der Einsatzfreude der aktiven Mitglieder jedoch keinen Abbruch tut. Die Position der Bundesvorsitzenden soll bis spätestens Mitte Dezember nachbesetzt werden. Ingrid Fischer sitzt im Berufsgruppenausschuss und ist sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene für die Qualitätssicherung zuständig. „Im Moment sind wir in der Findungsphase. Wir setzen uns mit den Landessprechern der einzelnen Bundesländer zusammen und versuchen eine gemeinsame Linie zu finden. Wir prüfen, welche Modelle zur Qualitätssicherung sinnvoll und österreichweit umsetzbar sind.“

            Das Problem dabei: Ähnlich wie in der Ärztekammer, wo Spitalsärzte mit niedergelassenen und Chirurgen mit Internisten und die wieder mit Intensivmedizinern streiten, sind sich auch bei den Energetikern nicht alle einig. Bei 250 verschiedenen Methoden ist das aber auch nicht weiter verwunderlich. Nicht zuletzt deshalb wird das Installieren einer verbindlichen Ausbildung von verschiedenen Gruppen in Frage gestellt. Eine einheitliche Basis könne der Vielfalt der Methoden nicht gerecht werden, argumentieren sie. Seit Kurzem kann man sich jedoch auf einer Homepage der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) über sämtliche Ausbildungen informieren, in denen man das Basiswissen der Humanenergetiker erwerben kann. Diese Ausbildungen sind methodenunspezifisch, ihr Ziel ist es, mit Anatomie, Physiologie und steuerlichen und gewerberechtlichen Modulen auf die Selbständigkeit vorzubereiten. Und sie sind freiwillig.

            Anders ist das in Deutschland. Dort können Nicht-Ärzte diverse alternative Heilmethoden als Heilpraktiker anbieten. Bei der Heilpraktikerprüfung, die vom Gesundheitsamt abgenommen wird, werden bis auf ein paar Fragen aus der Pflanzenheilkunde, keine Methoden abgefragt, sondern medizinisches Basiswissen und Recht, um so sicher zu stellen, dass der zukünftige Behandelnde keine Gefahr für die Volksgesundheit darstellt und damit über die wichtigsten diagnostischen Kenntnisse verfügt und weiß, wann er eine Klientin oder einen Klienten zum Arzt schicken muss.

            Ingrid Fischer würde medizinisches Grundwissen als Voraussetzung für die Ausübung des Energetiker-Gewerbes auch in Österreich begrüssen, „aber die Umsetzung würde mindestens 20 Jahre in Anspruch nehmen.“

            Rein praktisch gesehen ist ein Energetiker jemand, der sich bei der Wirtschaftskammer als freier Gewerbetreibender in Sachen Energetik angemeldet hat, übrigens ein Kunstwort, das die Wirtschaftskammer aus „Energie und Ethik“ zusammensetzt. „Hilfestellung zur Erreichung einer körperlichen beziehungsweise energetischen Ausgewogenheit, wie unter anderem mittels der Methode von Dr. Bach, Biofeedback oder Bioresonanz, Auswahl von Farben, Düften, Lichtquellen, Aromastoffen, Edelsteinen, Musik, unter Anwendung kinesiologischer Methoden und mittels Interpretation der Aura“, heißt es im Gewerbewortlaut.

            Ob eine Methode als energetische akzeptiert wird, prüfen die Juristen der Rechtsabteilung der Wirtschaftskammer. Reiki etwa, eine Methode, bei der laut Ausübender Lebensenergie über die Hände des Behandelnden übertragen wird, gehört nicht zu den energetischen Disziplinen. Als die Anfrage auf Eintrag des Gewerbes an die Wirtschaftskammer heran getragen wurde, sei der zuständige Referent überfordert gewesen. Auf Wikipedia habe er etwa über Magie und Religion im Zusammenhang mit Reiki gelesen und den Antrag abgelehnt. Wer das weiß, kann aber auf die Bezeichnung „Energieübertragung“ ausweichen und dieselbe Methode unter anderer Überschrift praktizieren.

            Ein Methodenkatalog, in dem sämtliche anerkannte Methoden aufgelistet sind, wird von der  Wirtschaftskammer regelmäßig aktualisiert. Eine Ausformulierung und Beschreibung der einzelnen Methoden zur Orientierung für Energetiker und Kunden gehört zu den angestrebten Neuerungen und ist zurzeit in Arbeit.


Mystery Testing in Oberösterreich

Die Energetiker in Oberösterreich haben in den vergangenen zehn Jahren ein Modell entwickelt, das den komplexen Ansprüchen des Gewerbes gerecht zu werden scheint. Zurzeit hat die dritte Runde des von der Wirtschaftskammer unterstützten Projekts „Zertifizierten EnergetikerInnen OÖ“ begonnen, bei der sich Energetiker, die mindestens zwei Jahre als Energetiker gemeldet und tätig sind, für eine Zertifizierung anmelden können. Innerhalb der folgenden Monate werden sie unter der Bezeichnung „Mystery Testing“ von zwei Testpersonen als Kunden konsultiert, die die Behandlung unter Berücksichtigung von „hard facts“, wie etwa die Beschaffung des Arbeitsraums, und „soft facts“, wie den persönlichen Kontakt, auswerten und dann in Absprache mit einer Arbeitsgruppe ein umfassendes schriftliches Feedback verfassen. „Dabei geht es nicht darum, Methoden zu zertifizieren oder Arbeitsweisen zu vereinheitlichen“, wie Berufsgruppensprecherin Gertrude Glück betont, sondern um die „Schaffung einer gemeinsamen Qualitätsmarke für alle, die nachhaltig und seriös mit und für Klienten arbeiten wollen.“ Ein weiterer wichtiger Punkt ist laut Glück außerdem die Entwicklung eines Glossars: „Wir brauchen eine gemeinsame Sprache.“

            Einig sind sich alle Involvierten, dass eine zentrale Aufgabe der Energetiker neben der Nachsorge in der Prävention zu finden ist. „Unser Gesundheitssystem ist auf Dauer nur über die Prävention finanzierbar“, ist Susanne Feichtinger, Lebensraum-Consulterin überzeugt. Dass die Energetiker einen Beitrag leisten, indem sie ihre Klienten darin unterstützen, ein körperlich-seelisches Gleichgewicht zu erlangen, noch bevor sie krank werden, müsse nicht nur von Seiten der Medizin anerkannt werden.

            Qualitätsverantwortliche Ingrid Fischer ist für die Zukunft der Energetiker optimistisch: „In erster Linie geht es darum, Qualität nachhaltig zu dokumentieren, damit eine Brücke zu den Ärzten zu schlagen und letztendlich eine gemeinsame Linie im Gesundheitswesen zu finden.“

 


Die Autorin: Ulli Moschen ist Gesundheits- und Kulturjournalistin sowie u.a. Sozial- und Gesundheitspädagogin. Sie arbeitet aktuell für die Stadtzeitung Falter, Medianet-Health:economy und sim-kultur.

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Kommentare: 3
  • #1

    Christine Schrenk (Mittwoch, 17 Oktober 2012 05:24)

    Ein sehr guter objektiver Artikel. Auch ich begrüße es, wenn eine Zertifizierung im Energethik-Bereich kommt! Dadurch würde dieses Gewerbe mehr Anerkennung finden.

    Möge diese Übung österreichweit gelingen!

  • #2

    Klaus Kräftner (Montag, 12 November 2012 17:57)

    Ich gratuliere zu diesem sehr guten Beitrag. Ich bin wirklich erstaunt vom Stil und der Qualität.

    Das hört sich so an als ob Fr. Gabauer nicht mehr Bundesvorsitzende ist?

    Na hoffentlich kommt da jemand kompetenter hin. Soweit ich das aus der Vergangenheit mitbekommen habe war Fr. Gabauer sehr seriös, kompetent und umsichtig.

  • #3

    Klaus Hafner (Dienstag, 29 März 2016 10:58)

    Ein toller Bericht.
    Da sieht man, daß sich etwas bewegt.
    Es bräuchte bloß etwas mehr Geschwindigkeit.

    Die Emotionen sollten den ihnen angemessenen Raum bekommen.
    Dann wären aber viele Heiler (energetisch oder schulmedizinisch) arbeitsloser.
    Und viele Kranke sehen in ihrer Krankheit einen Besitz.
    Oft der einzige Freund, an dem viele Menschen hängen.


    Es gehörte auch eine gewisse Basis der Vernunft geschaffen.
    Das könnten die Menschen gratis zuhause bewerkstelligen.
    Eine Lösung, die das Zusammenleben (wie etwa lösungsorientierte Streitkultur) erleichtert, könnte man auch als Leistung oder Gewinn sehen.
    In einer Leistungs- und Gewinngesellschaft sollte das doch eine willkommene Bereicherung sein.