Stark verdünnt, hoch wirksam

In Frauenheilkunde und Geburtshilfe erzielt Homöopathie gute Erfolge - in Ergänzung zur klassischen, schulmedizinischen Schwangerenbetreuung. Foto:www.photoXpress.com/Arne Pastoor
In Frauenheilkunde und Geburtshilfe erzielt Homöopathie gute Erfolge - in Ergänzung zur klassischen, schulmedizinischen Schwangerenbetreuung. Foto:www.photoXpress.com/Arne Pastoor

Homöopathie hat sich in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe als komplementäre Behandlungsmethode etabliert. Was sie wirklich kann und wo ihre Grenzen liegen.

Von Birgit Köhlmeier

Die Homöopathie arbeitet mit den Selbstheilungskräften des Menschen. Jeder Mensch ist ein Ganzes in seinem Körper, seiner Seele und seiner biografischen Linie“, erklärt Jutta Gnaiger-Rathammer. Für die Allgemeinmedizinerin, die seit 1982 mit Homöopathie arbeitet, geht es bei der Homöopathie im Prinzip darum, die gesamte Ordnung des Menschen zu erreichen beziehungsweise wieder herzustellen.

            Gerade in der Geburtshilfe lässt die Sorge von unerwünschten und auch nicht absehbaren Nebenwirkungen auf das Ungeborene durch klassische Arzneimittel immer mehr werdende Mütter zu homöopathischen Arzneien greifen. Banale Infekte, Allergien, Kopfschmerzen, die üblicherweise oft mit schulmedizinischen Medikamenten behandelt werden, werden in der Schwangerschaft zum Problem, da plötzlich nicht mehr auf die üblichen Therapien zurückgegriffen werden kann.

            „Wir haben in Hietzing als Pilotprojekt eine homöopathische Ambulanz an der geburtshilflich-gynäkologischen Abteilung eingerichtet. Nach zwölf Jahren kann man sagen, dass homöopathische Behandlungen oft genau so effektiv sind wie schulmedizinische Ansätze - bei Alltagsbeschwerden ebenso wie bei den typischen Schwangerschaftssymptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Kreuzbeschwerden oder Sodbrennen“, sagt Michaela Zorzi, Allgemeinmedizinerin und Homöopathin im Krankenhaus Wien-Hietzing. Auch Probleme vor oder während der Geburt könnten gut behandelt werden, schreibt Zorzi für die Österreichische Gesellschaft für Homöopathische Medizin (ÖGHM).


Das Gespräch als Hauptwerkzeug

Zu Beginn einer homöopathischen Behandlung stehe ein ausführliches Gespräch, bei dem der Gesamtzustand der Patientin und des Patienten analysiert und erforscht werde, betont Gnaiger-Rathammer. Für ein solches Erstgespräch setzt die Ärztin gut eine Stunde an: „Es braucht einfach seine Zeit, wenn man die Gesamtenergie, den biografischen Background und den Seelenzustand des Patienten erfassen will.“ Bereits bei der Terminvereinbarung bittet die Ärztin die Patientinnen und Patienten deshalb, sich auf das Gespräch vorzubereiten, sich Gedanken und auch Notizen über vorangegangene Erkrankungen und eventuell in Vergessenheit geratene Beschwerden zu machen.

            Für Gnaiger-Rathammer ist das Gespräch im Grunde das Hauptwerkzeug der Homöopathie. Auch die ÖGHM als größte Vereinigung homöopathischer Ärztinnen und Ärzte in Österreich unterstreicht die Wichtigkeit des ausführlichen Erstgesprächs. Besprochen werden laut ÖGHM nicht nur die Krankheitssymptome von Patienten, sondern auch deren familiäres und berufliches Umfeld, Belastungssituationen, Stimmungslage und Ähnliches mehr. „Alle auftretenden Symptome sind interessant – egal ob physischer, psychischer oder geistiger Natur. Abgefragt werden zum Beispiel Appetit, Durst, Beschaffenheit von Haut, Harn, Stuhl sowie Schweiß, Zittern, Schwäche, Abgeschlagenheit, Abneigungen, Schlaf und Träume, Menstruation und vieles mehr“, erklärt die ÖGHM. Dazu kommen die Wahrnehmungen und Beobachtungen durch den Arzt. Die körperliche Untersuchung vervollständigt das Bild. In der Ausbildung werde daher auch sehr viel Wert auf das Erstgespräch gelegt, sagt Gnaiger-Rathammer: „In gewisser Weise ist es eine Kunst, den Patienten zum Sprechen zu animieren und dadurch seine Krankheitsgeschichte zu erfahren.“ Für Patientinnen und Patienten zeigt sich hier auch die Kompetenz des jeweiligen Arztes.

            Die Homöopathie zeige, schildert Gnaiger–Rathammer, vor allem bei all jenen Krankheiten Wirkung, bei denen die Eigenregulation des Körpers eine Chance hat. „Bei einem Beinbruch funktioniert das nicht.“ In der Frauenheilkunde und Geburtshilfe werden dagegen sehr gute Wirkungen erzielt, vor allem bei funktionellen Beschwerden wie Kopfschmerzen, dem prämenstruellen Syndrom (PMS), bei Beschwerden in der Schwangerschaft, in der Geburtshilfe und nach einer Geburt. Gnaiger-Rathammer erzählt ein Beispiel aus ihrer Praxis: Eine Frau klagte über PMS, unregelmäßige Menstruation und einige Tage vor Einsetzen der Regelblutung über Blähungen, Übelkeit, Esssucht, Bauchschmerzen, Abgeschlagenheit und Schlaflosigkeit. Gnaiger-Rathammer regte die Patientin an, die Beschwerden einmal von einer anderen Seite zu betrachten und zu überlegen, was diese Beschwerden bedeuten könnten, auf was sie aufmerksam machen könnten. „Wenn man mit dieser Haltung den Frauen mit ihren typischen gynäkologischen Beschwerden begegnet, ist jedes einzelne Gespräch ein gemeinsames Abenteuer, und der Weg führt von einer lästigen, abgedrängten, ungeliebten Beschwerde zu den wesentlichen Fragen des tieferen Seins der betroffenen Frau,“ erläutert die Homöopathin. Das PMS sei genauso wie das Klimakterium (Wechseljahre), sagt Gnaiger-Rathammer, im Leben der Frau eine Phase mit reduzierter Vitalität, in der die „schwache Stelle“ der gesamten Person zum Vorschein komme und fassbar werde.

            Das gelte im Besonderen für die reiferen Jahre. Da es sich bei den Beschwerden in den Wechseljahren um funktionelle Symptome ohne tiefere Organschädigung handelt, ist die regulativ auf körpereigene Prozesse wirkende homöopathische Therapie besonders effektiv – so wird auch die noch vorhandene Hormonproduktion optimal für den Organismus zur Verfügung gestellt. Die natürlichen Selbstheilungskräfte werden gestärkt, sodass sich Körper und Seele auf die neue, veränderte Situation einstellen können. Diese Erklärungen sollten aber nicht zu Eigenbehandlungen führen. Es sei dringend davon abzuraten, dass Frauen zum Beispiel ein homöopathisches Mittel ausprobieren, das erst vor kurzem der besten Freundin geholfen hat. „Das kann Probleme geben“, warnt Michaela Bitschnau. Die an der Wiener Privatklinik Döbling tätige Gynäkologin und erfahrene Homöopathin hat in ihrem Berufsalltag schon einiges erlebt und weiß sehr genau, wann Homöopathie bei Schwangerschaft und Geburt hilfreich ist und wo Gefahren lauern.

            In der Schwangerschaft, während und nach einer Geburt scheuen sich Frauen oft, Medikamente einzunehmen, weil sie Angst haben, dem Baby zu schaden. Die Homöopathie habe sich als Heilmethode erwiesen, die viele Beschwerden lindern, oft sogar auskurieren kann, ohne Mutter oder Kind zu belasten. Selbst bei Ängsten und Spannungszuständen während der Geburt hat sich Homöopathie als nützliche Ergänzung zur Schulmedizin erwiesen. Auch im Wochenbett spielen homöopathische Arzneien eine Rolle. Zorzi: „Offene Brustwarzen, schmerzende Wunden und mangelnder Milchfluss bzw. Milchstau bei der Mutter sind mögliche Anwendungsgebiete. Beim Neugeborenen und Säugling können wir Anpassungsschwierigkeiten, Trinkprobleme, Schlafstörungen und erste Infekte gut homöopathisch behandeln.“ Und Bitschnau ergänzt: „Der Arzt, der beide Methoden solide beherrscht, kann in jeder Situation abschätzen, ob Homöopathie oder Schulmedizin oder eine Kombination für die Patientin und ihr Baby zu einem bestimmten Moment am besten geeignet sind.“

            Leichtfertiger Umgang mit homöopathischen Mitteln kann hingegen unangenehme Auswirkungen haben. „Wer einen einzigen Patienten homöopathisch heilen möchte, der muss dazu die ganze Homöopathie erlernen“, zitiert Micha Bitschnau den berühmten Schweizer Homöopathen Adolf Vögeli. Der habe damit all jene warnen wollen, die ohne die Methode von Grund auf erlernt zu haben, Homöopathie betreiben. Bitschnau erinnert sich an eine Patientin, die vier Tage nach der Geburt wegen eines schmerzhaften Milchstaus in der linken Brust die homöopathische Arznei „Phytolacca D12“ in mehrmaligen Gaben erhalten hatte. Die erhoffte Linderung der Beschwerden trat nicht ein, im Gegenteil, die Schmerzen nahmen an Heftigkeit zu.

            Die betreuenden Personen führten den Zustand der Patientin nicht auf die Einnahme der falschen homöopathischen Arznei zurück und rieten ihr, „Phytolacca D12“ weiter einzunehmen. „Als ich kontaktiert wurde, hatte die Patientin trotz Antibiotikagabe Fieber, einen schmerzhaften Abszess in der Brust, immer noch heftige Halsschmerzen und wollte nicht mehr weiter stillen,“ schildert Bitschnau. Sie habe zuerst das sofortige Absetzen von „Phytolacca D12“ angeordnet und habe versucht, durch einen anderen Reiz zu übertünchen – Bitschnau spricht von „antidotieren“ – und damit die Wirkung der verabreichten homöopathischen Arznei zu löschen, erzählt die Gynäkologin. Nach zwei Tagen seien die Entzündungen abgeklungen gewesen und der Patientin sei es wieder besser gegangen.


Hohe Potenzen nur vom Arzt

Auch Kornelia Müller, Hebamme in der Privatklinik Graz Ragnitz, arbeitet mit Homöopathie: „Viele Frauen fragen bei Schwangerschaftsbeschwerden oder während der Geburt nach homöopathischen Mitteln,“ berichtet sie. Müller hat eine Ausbildung in Homöopathie gemacht und wendet diese alternative Methode schon seit Jahren an. Dennoch ist die erfahrene Hebamme vorsichtig: „In schwierigen Fällen ziehe ich einen homöopathischen Arzt zu Rate, Arzneien in hohen Potenzen muss ein geschulter Arzt verschreiben,“ betont Müller. Die Erfahrungen von Michaela Bitschnau, Jutta Gnaiger-Rathammer und Kornelia Müller zeigen, dass neben Erkrankungen wie PMS, Schwangerschaftsübelkeit, Schmerzzuständen wie Migräne, Ischiasbeschwerden, auch chronische Erkrankungen wie Neurodermitis, Asthma, Allergien und sogar entzündliche Darmerkrankungen unter homöopathischer Therapie in der Schwangerschaft stark verbessert oder sogar auskuriert werden können.

 


Die Autorin: Birgit Köhlmeier ist seit mehr als 30 Jahren journalistisch tätig. Sie hat für den ORF, Die Presse, APA sowie deutsche und Schweizer Medien gearbeitet.

 

 


Verschüttelt und verrieben

„Similia similibus curentur – „Similia similibus curentur – Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt,“ lautete das Credo des Arztes Samuel Hahnemann (1755 - 1843), der als Begründer der Homöopathie gilt. Das Ähnlichkeitsgesetz ist das Grundprinzip der Homöopathie. Nur jenes homöopathische Arzneimittel kann wirken, das in einer Prüfung am Gesunden (Arzneimittelprüfung) die ähnlichsten Symptome hervorgerufen hat, an denen der Erkrankte leidet. Das Ähnlichkeitsgesetz wurde bereits ansatzweise in den Schriften der Ärzte Hippokrates (460-377 v. Chr.) und Paracelsus (1493-1541) beschrieben.

 

Zur Herstellung der Arzneimittel werden die Grundsubstanzen einer so genannten Potenzierung unterzogen, das heißt sie werden wiederholt (meist im Verhältnis 1:10 oder 1:100) mit Wasser oder Alkohol verschüttelt oder mit Milchzucker verrieben. Die Verdünnung wurde ursprünglich wegen der Giftigkeit vieler der verwendeten Stoffe durchgeführt. Erst später verordnete Hahnemann so genannte Hochpotenzen, bei denen die Ausgangsstoffe so stark verdünnt werden, dass sie nicht mehr nachweisbar sind. Hahnemann nahm an, dass durch das besondere Verfahren der Potenzierung oder „Dynamisierung“ eine „im innern Wesen der Arzneien verborgene, geistartige Kraft“ wirksam werde.

 

Heutige Homöopathika werden in Apotheken meist in Form von Tropfen oder kleinen Kügelchen (Globuli) in verschiedenen Potenzen (so genannte C-, D-, LM-, Q- und K-Potenzen) angeboten. Weitere Infos im Internet unter: www.homoeopathie.at

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