Weg vom Scharlatan-Image

Alternative Heilmethoden wirken ganzheitlich und lassen sich deshalb mit biomedizinischen Ansaätzen, die punktuelle Erfolge messen, kaum bewerten. Foto:www.photoXpress.com/Piotr Rzeszutek
Alternative Heilmethoden wirken ganzheitlich und lassen sich deshalb mit biomedizinischen Ansaätzen, die punktuelle Erfolge messen, kaum bewerten. Foto:www.photoXpress.com/Piotr Rzeszutek

Die Komplementär-Therapeutinnen und Therapeuten Europas organisieren sich. Bei einer Konferenz in Wien diskutierten sie neue Forschungsansätze und Qualitätsrichtlinien.

Von Sigrun Saunderson

Lassen Sie sich nicht entmutigen, sondern geben Sie Zunder!” Das war das Abschlusswort von Nora Laubstein, Vorsitzende der Association of Natural Medicine in Europe (ANME). Am 13. und 14. November trafen sich in Wien rund 80 Teilnehmer aus 14 europäischen Ländern zum vierten ANME-Symposium, darunter Ärzte, Therapeuten und Vertreter von Berufsorganisationen komplementärer Therapierichtungen.

            Sie diskutierten jene zwei Fragen, die sogar zur existenziellen Bedrohung der Komplementären und Alternativen Medizin (CAM) werden könnten: Wie kann die Wirksamkeit komplementärer Methoden bewiesen werden? Und wie kann man sicherstellen, dass die einzelnen Therapeuten auch halten, was sie versprechen? Mit einem Wort: Wie kann die Komplementärmedizin den Ruch der Quacksalberei loswerden? Die ANME formierte sich im Jahr 2004 als politische Vertretung der Komplementären und Alternativen Medizin (CAM) in Europa. Ihr Ziel: die Koordinierung und gemeinsame Interessenwahrnehmung der Naturheilkunde in der europäischen Politik. Dass eine organisierte Interessensvertretung auf EU-Ebene inzwischen notwendig geworden ist, bestätigte Sascha Marschang von der European Public Health Alliance. Er forderte die Symposiums-Teilnehmer auf, den Entscheidungsträgern innerhalb der EU vor allem Nachweise zur Wirksamkeit ihrer Therapien zu bringen.

            Genau das sehen Kritiker aber als Schwachpunkt der komplementären Therapiemethoden. Ein so wesentlicher, dass ihre Vertreter fürchten müssen, von der europäischen Gesundheitspolitik ins Abseits gedrängt zu werden. Die Komplementärmedizin kann kaum wissenschaftliche Forschung vorweisen. Das liegt zum einen daran, dass Forschung teuer ist, und sich niemand findet, der sie bezahlt. Zum anderen aber an den Methoden, mit denen Wirksamkeit üblicherweise gemessen wird. „Derzeit ist die evidenzbasierte Medizin der Goldstandard der Naturwissenschaft. Deren Forschungsmethoden können aber nur auf wenige komplementäre Methoden angewendet werden”, erläuterte Michaela Noseck, Mitglied eines Arbeitskreises im Gesundheitsministerium zur Qualitätssicherung und Eingliederung komplementärmedizinischer Methoden in das Gesundheitssystem.


Biomedizinisches Modell passt nicht

„Das biomedizinische Modell reduziert einen Wirkungsnachweis auf einzelne Aspekte. Ganzheitliche Heilungsmethoden jedoch beziehen sich auf das ganze System des individuellen Patienten. Das kann nicht zusammenpassen.” In einfachen Worten: Die Biomedizin bekämpft einzelne Krankheiten. Ob zum Beispiel ein Wirkstoff einen bestimmten Virus tötet, lässt sich einfach nachweisen. Viele traditionelle Heilmethoden hingegen befassen sich mit dem gesamten Patienten. Sie können Prozesse in ihm auslösen, die schließlich zu mehr Gesundheit führen. Ob und wie schnell der Patient jedoch etwas an seine Lebensführung ändert, hängt immer von ihm ab. Das lässt sich in einer Studie nicht erfassen.

            Eine wissenschaftliche Erfoschung traditioneller Heilweisen sei aber dennoch wichtig und auch möglich, ist sich Noseck sicher. Große Hoffnungen setzen die Vertreterinnen und Vertreter von Naturheilverfahren in das europäische CAMbrella-Projekt. Bis 2012 soll im Dialog mit Wissenschaftlern aus zwölf EU-Ländern eine Standortbestimmung der Komplementärtherapien in Europa entstehen. Dazu werden unter anderem die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger erhoben und die Situation der Therapeuten erfasst.

            Eine wichtige Aufgabe des Projekts ist es, die CAM-Forschung voranzutreiben und festzulegen, welche Forschungsmethoden sich für Komplementärtherapien eignen. Sind die Ergebnisse überzeugend, so stellt die Europäische Kommission möglicherweise auch Geld für diese Forschung zur Verfügung. Dass die Anerkennung als qualifizierte Naturheiler nicht mit einer akademischen Ausbildung zusammenhängen soll, darüber waren sich alle Symposiums-Teilnehmer einig. Komplementär-Therapeuten seien Praktiker, vergleichbar mit Handwerkern, nicht aber Wissenschaftler. Ihre Methoden seien deshalb vor allem durch direkte Überlieferung in der Praxis erlernbar, zum Teil sogar nur erfahrbar. Die vorhandenen Ausbildungswege mancher Komplementärmethoden sind jedoch undurchsichtig und für Nicht-Eingeweihte schwer nachvollziehbar. Das macht die Komplementärmedizin einerseits frei für begabte Naturtalente und außergewöhnliche Methoden, aber auch offen für wenig kompetente Heilsversprecher – Scharlatane eben. Deutliche Kritik fand dabei der Wildwuchs an Zertifikaten und Urkunden, die zum Teil schon nach einem Wochenendkurs verteilt werden. Sie erschweren es dem Verbraucher zusätzlich, die Spreu vom Weizen zu trennen. Das ANME-Symposium war ein erster Schritt, um Werkzeuge einer sinnvollen Qualitätssicherung innerhalb der Komplementärtherapien zu entwickeln. Qualitätskriterien festzulegen, die gleichzeitig für Homöopathie, Cranio-Sacral-Therapie, Phyto- und Aromatherapie gelten sollen, ist allerdings nicht einfach. ANME will dies trotzdem in Zusammenarbeit mit den einzelnen Berufsverbänden versuchen. Die Komplementärtherapeuten lassen sich noch lange nicht entmutigen, sie geben Zunder.

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