Die Schmerz-Detektive

Osteopathen arbeiten u.a. mit Bindegewebsstrukturen, die Spannungen in Körperteile übertragen. Foto:stockphoto.com/1001nights
Osteopathen arbeiten u.a. mit Bindegewebsstrukturen, die Spannungen in Körperteile übertragen. Foto:stockphoto.com/1001nights

 

Osteopathie wird bei vielen Krankheitsbildern zumindest als Unterstützung zur ärztlichen Therapie eingesetzt. Wie sie funktioniert, was sie kann und welche geheimnisvollen Wellen durch den Körper strömen. Und was Osteopathie und Craniosacrale Therapie miteinander zu tun haben.

 

Von Sigrun Saunderson

Wie Zauberei kann es wirken, wenn nach einigen sanften Berührungen und leichtem Druck an unterschiedlichen Stellen die Rückenschmerzen verschwinden oder ganz ohne brachiales Einrenken der verschobene Wirbel wieder an seinem Platz sitzt. Eben weil die osteopathische Behandlung meist ohne massive Eingriffe verläuft, fällt es vielen Menschen schwer, sie zu verstehen. Vielleicht auch deshalb, weil Osteopathie mit Bestandteilen des Körpers arbeitet, von denen wir in der Schule nichts gehört haben.

 

Menschen bestehen nämlich nicht nur aus Knochen, Muskeln, Organen, Gefäßen und Nervenbahnen. Es gibt da noch etwas drumherum: die sogenannten Faszien, feine und grobe Bindegewebsstrukturen, die wie Häute einzelne Muskelstränge und Organe umgeben – sie voneinander trennen, aber auch miteinander verbinden. Ein großer Teil der osteopathischen Arbeit verläuft über dieses Bindegewebe. “In diesen Faszien entstehen Spannungen. Wenn man an einer Stelle zieht, pflanzt sich der Zug bis ans andere Ende der Faszie fort”, erklärt Raimund Engel, Geschäftsführer der Wiener Schule für Osteopathie. Das lässt sich am Beispiel eines Hemds gut nachvollziehen: Zieht man am unteren Ende des Hemds, so entsteht an der Schulter ein Druck – dieser Schulterschmerz hat aber seinen Auslöser am Hemdsaum.

 

Das führt dazu, dass der Osteopath die Knieschmerzen des einen Patienten am Knöchel behandelt, beim anderen Patienten jedoch findet er die Ursache der Knieprobleme in der Lendenwirbelsäule – oder bei einem Organ. “Schmerzen an der rechten Schulter können zum Beispiel mit Leberproblemen zusammenhängen”, so Engel. “Ist die Leber überlastet, so steht ihre Faszienhülle unter Spannung und zieht am umliegenden Bindegewebe. Dieser Zug ist aber erst in der Schulter als Schmerz spürbar.” Wie beim Hemd eben.

 

Umgekehrt kann es auch passieren, dass eine Schwäche am Bewegungsapparat die Funktion von Organen beeinflusst. Ist zum Beispiel die Beweglichkeit eines Wirbels eingeschränkt, so kann sich das nicht nur auf andere Wirbel übertragen, sondern auch Organe beeinträchtigen. Die Nervenbahnen und die Transportwege von Blut und Lymphflüssigkeit, die das Organ mit Nährstoffen versorgen und den Abfall abtransportieren sollen, sind behindert. Das Organ reagiert vielleicht mit Stauungen, die sich wiederum als Spannung auf das umgebende Bindegewebe übertragen, sich dort weiter ausbreiten ... und irgendwo im Körper macht sich dann Schmerz bemerkbar.

 

Ergänzung zur ärztlichen Therapie

Das erklärt auch, warum Osteopathie bei so vielen unterschiedlichen Krankheitsbildern zumindest als Unterstützung zur ärztlichen Therapie eingesetzt werden kann: nicht nur bei Störungen des Bewegungsapparats, sondern auch bei Verdauungsproblemen, neurologischen Erkrankungen, Asthma, Allergien und sogar Entwicklungsstörungen wie Legasthenie und Hyperaktivität. Weil für Osteopathen alles im Körper zusammenhängt, werden sie auch immer den gesamten Körper untersuchen – auch wenn sich ein Problem sehr genau lokalisieren lässt, wie der Knieschmerz zum Beispiel. Er sucht nach feinen Spannungen im Gewebe und verfolgt diese Spannung bis zu ihrem Ursprung. “Detektivarbeit mit den Händen” nennt es Engel. Wenn er die Ursache gefunden hat, stehen verschiedene Techniken zur Verfügung, um Spannung oder Blockaden zu lösen.

 

So kann der Osteopath durch sanftes Bewegen ein Gelenk mobilisieren, angespannte Muskeln dehnen oder Spannungen in den Faszien auflösen und dadurch die Elastizität des Gewebes wiederherstellen. Spezielle Flüssigkeitstechniken helfen Stauungen in Blut- und Lymphbahnen aufzulösen. Und ab und zu mobilisiert auch ein Osteopath ein Gelenk mit einem kurzen Knacksen.

 

Allen Techniken liegt dasselbe Prinzip zugrunde: Der Körper hat die Kraft sich selbst zu heilen. “Die Osteopathie dringt nicht von außen nach innen ein, sondern versucht, die ohnehin vorhandene Gesundheit wieder frei zu bekommen”, erläutert Karl-Heinz Weber, Obmann der Österreichischen Gesellschaft für Osteopathie, die Selbstheilungskräfte. Wo Blut und Lymphe ungehindert fließen, kann der Körper meist für sich selbst sorgen. Erst dort, wo sich diese Selbstheilungskräfte nicht mehr mobilisieren lassen, stößt die Osteopathie an ihre Grenzen.

 

Die osteopathische Ausbildung dauert in Österreich derzeit sechs Jahre und setzt zumindest eine physiotherapeutische Vorbildung voraus. Während dieser Zeit geht es nicht nur darum, die anatomischen Zusammenhänge des Körpers zu erlernen, sondern vor allem auch darum, die eigene Fähigkeit des Spürens zu schulen. “Der Osteopath lernt zuerst an den großen Gelenken und an groben Strukturen. Erst im Laufe der Zeit kommt man zunehmend in die feineren Kategorien der Faszien und Organe. Das ganz feine Spüren schließlich erlernt man mit der Craniosacralen Technik”, erklärt Weber den langen Weg der Osteopathie-Ausbildung.

 

Die Craniosacrale Therapie hat sich aus der Osteopathie entwickelt, überträgt aber  das Prinzip „Alles hängt zusammen“ vom rein Körperlichen auch auf Seele und Geist, die für körperliche Probleme verantwortlich sein können. Sie verzichtet auf mobilisierende Techniken wie Dehnen und Bewegen von Muskeln und Gelenken, sondern konzentriert sich auf die Arbeit am Bindegewebe – und auf ein zusätzliches, schwer greifbares Phänomen: den Craniosacralen Puls. Diese rhythmische Wellenbewegung wurde Anfang des 20. Jahrhunderts vom amerikanischen Osteopathen William G. Sutherland entdeckt. Er ging davon aus, dass die Hirnflüssigkeit, die das gesamte zentrale Nervensystem umspült, eine autonome rhythmische Bewegung mit sieben bis zwölf Wellen pro Minute aufweist, ähnlich dem Herzschlag oder der Lungenbewegung. Diese überträgt sich auf das Craniosacrale System (Hirnhäute, Gehirnflüssigkeit, Schädelknochen, Nervensystem und Kreuzbein) und soll am gesamten Körper fühlbar sein.

 

Den Craniosacralen Puls mit den Händen zu erfühlen erfordert Übung und eine sehr feine Wahrnehmung. Ist er an einzelnen Stellen schwächer fühlbar, so ist dies ein Anzeichen erhöhter Spannung und damit einer Störung im Craniosacralen System. Mit kaum spürbarem Gegenzug oder -druck kann der Therapeut solche Spannungen lösen und die “Welle” wieder zum kraftvollen Fließen bringen.

 

Geheimnisvolle Wellenreiter

Was diese Welle ist und wodurch sie ausgelöst wird, dafür gibt es noch keine schlüssigen Erklärungen. Nur dass sie existiert, ist gesichert (Nelson, Sergueef und Glonek im Journal of the American Osteopathic Association, Vol 106, 2006). Auch dass solche feinen Oszillationen im Körper durch Craniosacrale Therapie beeinflusst werden können, konnte belegt werden. Ob und welche gesundheitlichen Auswirkungen dies hat, ist allerdings noch nicht wissenschaftlich erforscht, sondern stützt sich vor allem auf Erfahrungsberichte.

 

Wer sich weniger für wissenschaftliche Beweise, dafür mehr für das eigene Erleben interessiert, wird der Methode zumindest eines nicht absprechen können: Sie ist unsagbar entspannend. „In dieser tiefen Entspannung kann sich vieles verändern”, weiß Weber. Er hat zwar die vollständige Ausbildung zum Osteopathen absolviert, arbeitet nun aber fast ausschließlich mit der biodynamischen Craniosacral-Therapie. „Da das Nervensystem mit dem gesamten Körper verbunden ist, kann man mit dieser Methode auch alle Organe beeinflussen. Das Ideal ist ein Balance-Zustand, in dem das Nervensystem am besten ernährt wird.”

 

Der Osteopath John Upledger sah großes Potenzial in der lange vernachlässigten Craniosacralen Therapie und begann in den 1960er Jahren sie als eigenständige Methode zu verfeinern. Dabei entwickelte er die Technik der Somato-Emotionalen Entspannung. Ihr liegt die Auffassung zugrunde, dass körperliche und seelische Traumen in den Körperzellen gespeichert bleiben und damit den Körper in seiner Funktion einschränken können. Solche „Energiezysten“ machen sich laut seinen Erkenntnissen durch erhöhte Bindegewebsspannung bemerkbar und können mithilfe spezieller Techniken zum Abfließen gebracht werden.

 

Kenntnisse zum therapeutischen Dialog

Heute wird die Craniosacrale Therapie auch in Österreich unabhängig von der restlichen Osteopathie gelehrt. “Wir legen bereits im Unterricht großen Wert darauf, Körper, Geist und Seele miteinzubeziehen. Dazu gehören auch psychosoziale Aspekte des Behandelten”, erläutert Ulrike Fabian-Riedler den größten Unterschied zur Osteopathie-Ausbildung. Sie ist Allgemeinmedizinerin und Lehrerin im Upledger-Institut Österreich. „Neben körperbezogenen Techniken vermitteln wir Kenntnisse zum therapeutischen Dialog und verschiedene energetische Techniken. Dabei ist die achtsame Begegnung Grundlage aller therapeutischen Interventionen.“

 

Auch das Upledger-Institut lässt nur Angehörige von Gesundheitsberufen zur Ausbildung zu. Manche Kursanbieter verlangen jedoch keine Vorbildung und bieten Ausbildung im Schnelldurchlauf. Nach einer solchen Kursreihe darf der Absolvent bereits ohne viel Erfahrung den Gewerbeschein als Energetiker lösen und die Bezeichnung „Craniosacral Balancing“ führen. Der Energetiker-Schein erlaubt ihm aber nicht, Krankheiten zu behandeln. Er darf nur im Wellnessbereich zum generellen Wohlbefinden beitragen. Für den Konsumenten ist der Unterschied in der Ausbildung nicht sofort ersichtlich, denn weder der Osteopath noch der Craniosacral-Practitioner gilt in Österreich als eigenständiger Beruf. Ein Missstand, den beide Seiten gerne beseitigt sähen: “Sowohl die Osteopathie als auch die Craniosacrale Therapie sollten als eigene Berufe anerkannt werden. Dann gäbe es eine geregelte Ausbildungsordnung und der Konsument hätte Klarheit”, plädiert Fabian-Riedler.

 

Bei der Wahl eines geeigneten Osteopathen oder Craniosacral-Practitioners geht es aber nicht nur um Methode und Ausbildung: “Die menschliche Ebene ist wichtig”, meint Weber. “Wir arbeiten sehr nahe am Menschen. Wenn da die Chemie nicht stimmt, dann kann sich der Patient nicht der Behandlung öffnen und er wird keine Besserung spüren. Das kann, muss aber nicht mit der Qualität des Therapeuten zusammenhängen.”

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Kommentare: 2
  • #1

    Jane Anders (Donnerstag, 24 Februar 2011 14:31)

    Eine sehr intensive Methode den Schmerz in einigen Regionen durch das arbeiten mit deer Bindewebestrukturen und der Spannung, welche man in die Körperteile überträgt. Habe auch schon mal eine solche "Massage" genossen und habe die nächste auch schon geplant.

    Gruss Jane

  • #2

    TOP Coaching (Montag, 11 März 2013 11:55)

    Sehr interessanter Artikel!!

    Mit unseren Kunden sprechen wir von der Balance die man erreichen soll und es dank unserer geschulten und kompetenten Art und Weise auch erreichen.
    Viele Schmerzen können mit gezielten Übungen und Training komplett wegtrainiert werden.

    Wohl auf und
    Liebe Grüße die Coaches von TOP Coaching