Einfach märchenhaft

"Märchen unterhalten, beleben die Fantasie, fördern die Sprache, geben Lebensweisheiten und Zugänge zu Lösungen in schwierigen Lebenssituationen", sagt die Märchenerzählerin Claudia Edermayer. Foto:Edermayer-Bühne
"Märchen unterhalten, beleben die Fantasie, fördern die Sprache, geben Lebensweisheiten und Zugänge zu Lösungen in schwierigen Lebenssituationen", sagt die Märchenerzählerin Claudia Edermayer. Foto:Edermayer-Bühne

 

Märchen sind nicht nur etwas für Kinder. Es macht Spaß, sie zu hören oder zu lesen, und sie ermöglichen völlig neue Sichtweisen – auch für schwierige Situationen. Gerade im Winter und in der Ferienzeit findet sich vielleicht auch die Zeit für Märchenstunden.

 

Von Christian F. Freisleben-Teutscher

 

Märchen sind Geschichten, Erfahrungen und Erinnerungen, die seit tausenden Jahren oft mündlich von Generation zu Generation weitergegeben werden. Sie kreisen um universelle Themen, um Schwellensituationen wie Geburt, Heranwachsen, Aufbruch ins Abenteuer, Liebe, Verlust und Tod. „Märchen unterhalten, beleben die Fantasie, fördern die Sprache, geben Lebensweisheiten weiter und machen mit ihren eindringlichen Bildern auch Zugänge zu Lösungen in schwierigen Lebenssituationen möglich„, sagt die Märchenerzählerin Claudia Edermayer.

 

Diesen Berufstitel trägt sie seit 2001. Nach einem einjährigen Märchenerzähllehrgang im Jahr 1996 begann sie selbst zu erzählen. Vor zwei Jahren absolvierte sie auch eine Ausbildung zum Psychodramacoach. Heute tritt sie bei verschiedensten Veranstaltungen oder in Schulen auf. Anders als Sagen, die sich auf konkrete Zeitabschnitte, Personen wie Siegfried der Drachentöter und Orte wie das Land der Nibelungen, beziehen, sind Märchen zeitlos und nicht mit konkreten Regionen verbunden.

 

„Märchen können eine wichtige Rolle beim Umgang mit Ängsten spielen, da es oft um die Auseinandersetzung mit dem ‚Bösen‘ und der Dunkelheit geht. Die Persönlichkeit des Helden oder der Heldin durchläuft dabei immer auch einen Reifungsprozess„, ergänzt Edermayer. Den Geschichten wurde schon zu Zeiten der Gebrüder Grimm vorgeworfen sie seien zu grausam: Kinder werden von Stiefmüttern als Sklaven gehalten oder im Wald ausgesetzt, Bäuche werden aufgeschnitten, Riesen von Hunden zerrissen...

 

Aber die Personen in Märchen sind keine realen Figuren, sondern Sinnbilder, Archetypen, die bestimmte Eigenschaften verkörpern. „Und das Leben ist nicht immer lieblich. Gerade bei Kindern erlebe ich es, dass sie erleichtert sind, wenn das Böse im Märchen besiegt wird.„ Manche Geschichten werden, wie Edermayer auch aus eigener Erfahrung berichtet, immer wieder gelesen, werden zu Lebensbegleitern oder geben Impulse für Situationen, die zunächst ausweglos erscheinen.

 

Erwachsene können viel von Kindern lernen

Die Märchenerzählerin hält aber nichts davon, Märchen zu verniedlichen oder diese als Träger von moralischen Aufträgen zu missbrauchen. Für sie ist es zudem ein Grenzgang, Märchen quasi zu Tode zu analysieren: „Psychologische Deutungen geben viele mögliche Impulse etwa für therapeutische Settings. Die persönliche Bedeutung erhalten Märchen durch ihre Vielschichtigkeit für jeden durch die eigene Lebenserfahrung oder die aktuelle Lebenssituation.„ Beim Zuhören können Erwachsene viel von Kindern lernen: Sie tauchen in die Geschichte ein, genießen sie, leben mit den Figuren mit. Märchen zu erzählen bedeute auch, sie zu interpretieren. Schon von Ausgabe zu Ausgabe der „Kinder- und Hausmärchen„ der Gebrüder Grimm entwickeln sich die Geschichten weiter. Es geht oft darum, Bezugspunkte zu aktuellen Ereignissen zu knüpfen oder bewusst mit der Fantasie zu spielen. „Es entstehen beim Lesen oder Zuhören von Märchen vielfältige Bilder im Kopf, die bei jedem und jeder anders aussehen - gerade das macht einen wichtigen Teil der Faszination und der Kraft von Märchen aus“,ergänzt Edermayer.

 

Neben reinen Erzählveranstaltungen erarbeitet sie im Rahmen des Märchendramas mit Kindern Themen wie Ausgrenzung, Selbstvertrauen und Angst. „Märchenerzählen ist ein Dialog, in dem gerade mit jüngeren Kindern auch Bewegungselemente eine wichtige Rolle spielen„. Edermayer ist übrigens nicht die einzige Märchenerzählerin in Österreich: Helmut Wittmann, der kürzlich erreichte, dass Märchenerzählen in Österreich den Status als immaterielles UNESCO-Welterbe erlangt, arbeitet hauptberufliche als Märchen- und Sagenerzähler und hat eigene Sendungen in den ORF-Regionalsendern Salzburg und Oberösterreich. Die Wienerin Margarete Wenzel fand auf Grenzgängen zwischen Philosophie, Gesang und Improvisationstheater zum Märchen. Die als „Frau Wolle„ bekannte Tirolerin Karin Tscholl erzählt in Deutsch, Englisch beziehungsweise Tirolerisch. „Tamara„ Anna Hölzlsauer arbeitet mit Forumtheater und storytelling. Die Wienerin Christa Schmollgruber bietet auch Workshops an. Der gebürtige Grazer Folke Tegetthoff organisiert auch das „Festival der erzählenden Künste„, das kommendes Jahr vom 4. bis 13. Juni an neun Orten in Niederösterreich stattfindet.

 

Auch in der psychotherapeutischen Arbeit können Märchen eine wichtige Rolle spielen. „In vielen Märchen geht es um das Thema Erlösung. In der Therapie können dazu Vergleiche zu scheinbar ausweglosen Lebenssituationen hergestellt werden„, erklärt Auguste Reichel MAS, Supervisorin, Psychotherapeutin in freier Praxis in St. Pölten und Lehrtherapeutin an der Donau-Universität Krems. Die Kraft der Märchen liegt dabei oft darin, dass paradoxe Lösungen vorkommen. „In Märchen müssen Dinge oft dreimal geschehen, bis sich etwas verändert – dahinter steht das Prinzip, dass Lösungen oft Wiederholungen brauchen„, ergänzt Reichel.

 

Wichtig ist die Fähigkeit zur Imagination

Die Erzählprinzipien von Märchen ermöglichen den Zugang zur Metaebene: In der Therapie werden Menschen dazu animiert, Lebensgeschichten in Texten aufzuschreiben, die eng an die Sprache und Metaphern der Märchen angelehnt sind. Es entsteht eine Distanz, aus der Dinge neu betrachtet werden. „Eine wichtige menschliche Ressource ist die Fähigkeit zur Imagination„, betont die Psychotherapeutin. Schon als Kinder können wir uns Figuren, ihre Geschichten, magischen Verwandlungen und auch scheinbar unorthodoxen Lösungen vorstellen. In schwierigen Lebenssituationen kann der Glaube an die Kraft der Vorstellung verloren gehen, die Zugänge zu Auswegen und neuen Sichtweisen bringt.

 

Gearbeitet wird auch mit Körperhaltungen: Eine wichtige Zielgruppe von Reichel sind Frauen: Wer in die Rolle von Aschenputtel und in jene der Prinzessin einsteigt, kann die Unterschiede gut spüren, Ideen für eigene Möglichkeiten zur Veränderung, ja Verwandlung bekommen.

 

 

Die Archetypen

 

Gerade in Märchen, letztlich aber in allen Geschichten, gibt es Archetypen. Also Figuren, die sich durch bestimmte Eigenschaften und gleichzeitig Wandlungsfähigkeiten auszeichnen.

 

Der Held oder die Heldin lebt ein normales Leben. Dann kommt ein Ruf von außen. Ein Archetyp ist der „Herold„, jemand, der diese Nachricht, den Aufruf zur Handlung überbringt. Es ist aber keineswegs so, dass diesem Ruf sofort gefolgt oder dass er verstanden wird. Oft fühlen sich Helden überfordert, fragen sich: „Warum muss gerade ich losziehen, um den Drachen zu besiegen?„

 

Ein weiterer Archetyp ist jener der Mutter. Eine Person – Mann oder Frau – hat eine behütende Rolle, sorgt dafür, dass sich jemand so richtig Zuhause fühlt, sorgt sich um das Wohlergehen des Helden. Irgendwann geht ein Held los, verlässt Gewohntes, macht sich auf in das Land des Abenteuers, stellt sich der Herausforderung.

 

Auf dem Weg gibt es Schwellenhüter, die Übergänge bewachen und die besiegt, ausgetrickst oder überredet werden müssen. Es kann Weggefährten oder Verbündete geben. Beispiele sind Don Quijote und Sancho Pansa, Sherlock Holmes und Watson oder Shrek und der Esel. Letzterer hat eine wichtige Rolle, weil er den Schwellenhüter zur Prinzessin, den weiblichen Drachen, als Lebensgefährtin gewinnt, die dann hilft die Bösen zu besiegen. Ja, es gibt auch die „Schatten„. Wobei in manchen Geschichten die Grenze zwischen Gut und Böse nicht so eindeutig ist. Auch diese Personen haben oft Gefährten, etwa Draco Malfoy aus Harry Potter, der von Crab und Coyle begleitet wird, die für ihn oft die „Drecksarbeit„ übernehmen.

 

Auf dem Weg durch das Land der Abenteuer gibt es auch Mentoren, Menschen mit Erfahrungen, großer Weisheit, zu denen der Held geht, um Rat zu suchen oder um nach dem Sinn des Weges zu fragen.

 

Sehr spannend und hilfreich kann es sein, Erlebnisse aus dem Alltag mittels dieser Archetypen zu erzählen, ganz in die Sprache des Märchens, des Abenteuers, in dem es auch Magie und Wunder gibt, einzutauchen. Beim Erzählen kommen wir auf neue Ideen, die im ersten Moment unerklärlich sind. Also etwa eine Verwandlung des schwarzen in den weißen Königs. Es kann wichtig sein, diese Momente nicht zu Tode zu interpretieren. Denn oft tauchen dann Personen, Situationen oder Handlungsmöglichkeiten auf, die beim genaueren Hinsehen genau für diese Verwandlung stehen, sie ausmachen oder antreiben.

 

 

Der Autor: Christian F. Freisleben-Teutscher lebt in Linz und arbeitet als Berater, Referent sowie Journalist mit den Schwerpunkten Bildung, Gesundheit, Soziales und Nachhaltigkeit.

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