„Gemeinsame Festplatte im Hirn“

Das ganze Leben ist von rituellen Handlungen bestimmt. Das beginnt bereits beim morgendlichen Zähneputzen. Foto:Kzenon/Fotolia.com
Das ganze Leben ist von rituellen Handlungen bestimmt. Das beginnt bereits beim morgendlichen Zähneputzen. Foto:Kzenon/Fotolia.com

 

 

Rituale haben in allen Kulturen gesundheitsfördernde Wirkung, sie können mitunter sogar das Immunsystem stimulieren, sagt der Völkerkundler und Ethomediziner Armin Prinz im Interview. Gefragt hat ihn Andreas Feiertag.

 

lebensweise: Was ist eigentlich ein Ritual?

Armin Prinz: Etwas, das man erfahren und erlernt hat und in einem speziellen Ablauf tut. Unser ganzes Leben ist von rituellen Handlungen bestimmt. Das beginnt bereits am Morgen mit dem Zähneputzen. Ritual ist alles, was in einem bestimmten Rahmen abläuft. Im Gesundheitsbereich sehen wir Rituale etwa bei der morgendlichen Visite im Spital, bei der sogar mobile Patienten im Krankenbett liegen müssen. Hier sind alle Involvierte in ein bekanntes Schema gepresst. Zwar vermuten viele bei Ritualen Menschen, die Trommeln schlagen oder sonstige außergewöhnliche Handlungen unternehmen, doch sind das nur auffallende Ausformungen von Ritualen.

 

lebensweise: Bleiben wir bei der Gesundheit. Haben Rituale auch einen medizinischen Wert?

Prinz: Dass sich Rituale positiv auf die Gesundheit auswirken, ist ein Faktum. Es gibt sogar Beobachtungen, dass Heilrituale das Immunsystem stimulieren können, das haben wir bei HIV-Infizierten in Afrika gesehen, bevor die medikamentöse Therapie dort eingeführt wurde. HIV-Positive, die sich rituellen Handlungen von traditionellen Heilern unterzogen haben, hatten danach feststellbar höhere Werte an T-Helferzellen als andere. Aber wissenschaftlich bewiesen wurde das nie. Im Bereich der Psyche sieht es anders aus. Hier sind sehr eindeutige Befunde da. Hier geht es um eine Wirkung gegen Angstzustände, Depressionen, Selbstzweifel und dergleichen. Rituale sind im gesamten Gesundheitsbereich stark vertreten.

 

lebensweise: Können Sie ein Beispiel nennen?

Prinz: Wenn ein Apotheker eine Arznei herstellt, ist das ein Ritual. Er wird die Zutaten auch nie wie ein Koch im Uhrzeigersinn sondern diesem immer entgegen rühren. Die Vorstellung dahinter ist simpel. Es ist nichts Banales wie ein Gericht, das der Apotheker fertigt, sondern etwas Heilsames, Außergewöhnliches. Auch die Farbgebung von Arzneien unterliegt einem Ritual. Rot, so wird vermittelt, wirkt aktiv auf Herz und Blut, blau wirkt beruhigend, grün ist assoziiert mit der Atmung, so wie der Wald ja auch die Lunge der Natur ist.

 

lebensweise: Gibt es alte österreichische Heilrituale?

Prinz: Kaum noch. Unsere Heilrituale sind vielfach in Vergessenheit geraten. Früher hat man versucht, Krankheiten abzuleiten. In der Steiermark zum Beispiel haben Heiler versucht, eine Krankheit auf einen Hund abzuleiten, war sie dann aus dem Körper des Menschen heraußen, hat man das arme Tier erschlagen. Im Lauf der Geschichte und des größer werdenden Wissens haben sich aber viele Rituale herausgebildet, die auch im physiologischen Sinn wirksam sind. Ein Teil der Wirkung von Ritualen ist auch die rituelle Zuwendung – so wie es vielen Menschen schon deutlich besser geht, wenn ein Arzt sie tatsächlich ausgiebig untersucht und nicht nur fünf Minuten lang oberflächlich diagnostiziert.

 

lebensweise: Das ist aber eher ein Plazebo-Effekt...

Prinz: ...Ja und nein. Auf der ganzen Welt haben wir ganz spezifische Vorstellungen, was Krankheit ist. Oft genug denken wir, dass eine falsche Materie, ein falscher Saft in unserem Körper ist, weil wir einen Schnupfen haben. Und dann versuchen wir dieses Falsche mit Kräutertees und Ausschwitzen aus dem Körper zu bringen. Diese Vorstellungen sind universell und viele Heilriten bauen darauf auf. Auch bei psychischen Erkrankungen werden Rituale angewandt. Das Liegen auf der Couch des Psychoanalytikers ist das offensichtlichste. Was dabei aber etwas schade ist: Heute wird die Qualität solcher rituellen Zuwendungen oftmals an ihrer Dauer gemessen. Das ist erst so, seit wir alle miteinander keine Zeit mehr haben.

 

lebensweise: Kann man die primäre Wirkung von Ritualen auf die Stärkung der Gemeinschaft und des Selbstbewusstsein reduzieren?

Prinz: Das kann man. Das Ritual ist etwas extrem Einigendes. Ich erkenne es, ich fühle mich ihm verbunden, werde in vielen Fällen eins mit all den anderen Menschen, die sich ebenfalls zu dieser Zeit diesem Ritual unterwerfen, und fühle mich dadurch gut behütet und – in der Gruppe – stark. Selbst dann, wenn ein Ritual wie früher beispielsweise in Afrika oder Amerika für einen einzelnen der Ritualteilnehmer durchaus schlecht ausgeht. Denken Sie nur an die früheren Menschenopfer.

 

lebensweise: Apropos Afrika und Asien: Wie sehr reagieren wir eigentlich auf fremde Rituale?

Prinz: Rituale muss man lernen, man muss sie verstehen, verinnerlichen und akzeptieren, sonst bewirken sie entweder nichts oder genau das Gegenteil. Dies trifft vor allem auf Heilrituale zu. Interessant dabei ist der Umstand, dass jede Kultur solche fremde Rituale in die eigenen kulturellen Vorstellungen und Umgebungen zu übersetzen versucht. So haben heute zum Beispiel bei uns praktizierte Heilrituale der Schamanen kaum noch etwas mit dem ursprünglichen Schamanismus zu tun, sondern sind in ihren Handlungsabläufen an europäische Riten angepasst worden.

 

lebensweise: Kennzeichnend ist jedoch, dass sich Rituale durch alle Kulturen und durch die gesamte Meschheitsgeschichte ziehen. Gibt es dabei so etwas wie einen gemeinsamen rituellen Nenner?

Prinz: Wenn man sich den kulturellen Überbau wegdenkt und nur die Grundlagen ansieht, dann ist es tatsächlich so, dass alle Rituale sehr ähnlich sind. Es ist fast so, als ob der Mensch eine gemeinsame Festplatte im Hirn hat, in der das Ritual gespeichert ist. Diese Kenntnis der Gemeinsamkeiten ermöglicht es uns überhaupt, mit anderen Menschen aus anderen Kulturen zu kommunizieren, auch wenn wir ihre Sprache nicht verstehen.

 

lebensweise: Kann man sich Ritualen entziehen?

Prinz: Selten bis kaum. Das Gegenteil vom rituellen Handeln ist nämlich das rein emotionale Handeln. Wenn man in einer Stresssituation ist und rein seiner Natur und seinen Instinkten folgend handeln würde, dann ist das ohne jegliches Ritual. Wenn man jedoch die Situation überdenkt und seine Handlungen bewusst und überlegt und nach gewissen Vorgaben, auch anerzogenen, setzt, dann handelt man rituell. Also fast immer.

 

 

Zur Person: Univ.Prof. DDr. Armin Prinz promovierte an der Universität Wien in Völkerkunde, Kunstgeschichte und Medizin. Er ist Leiter der Arbeitsgruppe Ethnomedizin und International Health am Zentrum für Public Health der Medizinische Universität Wien, Präsident der Österreichischen Ethnomedizinischen Gesellschaft und Fachbeirat der lebensweise.

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