Wettstreit der Industrieriesen

Was Gesundheit verspricht, verspricht auch gesunde Geschäfte. Die EU will hier Angebote regulieren, doch scheint es, als würde nur die Industrie wirklich davon profitieren. Foto:Andreas F./Fotolia.com
Was Gesundheit verspricht, verspricht auch gesunde Geschäfte. Die EU will hier Angebote regulieren, doch scheint es, als würde nur die Industrie wirklich davon profitieren. Foto:Andreas F./Fotolia.com

 

Eine EU-Verordnung verbietet gesundheitsbezogene Aussagen auf Lebensmitteln – außer sie sind wissenschaftlich nachgewiesen. Hinter den Kulissen tobt ein Kampf zwischen Lebensmittel- und Pharmaindustrie um Vitaminpräparate, Pflanzensäfte und Nahrungsergänzungsmittel.

 

Von Sigrun Saunderson

Täglich ein probiotischer Joghurt-Drink, ein Omega-3-Ei und ein mit Vitaminen angereicherter Vielfruchtsaft – und Herbert muss sich um seine Gesundheit nicht mehr sorgen: Mit den inflationären Versprechungen in der Lebensmittelwerbung will die EU Health Claims-Verordnung aufräumen und den Käufer vor nicht fundierten Gesundheitsaussagen schützen. Nicht nur Joghurts und Diätkäse sind davon betroffen, sondern auch Vitamin- und Kräuterpräparate.

 

Die Konsumentenschützer Europas begrüßen die Verordnung. „Werbung darf nicht irreführend sein“, erklärt Birgit Beck vom österreichischen Verein für Konsumenteninformation. “Ob sich zum Beispiel probiotische Joghurts tatsächlich positiver auf die Verdauung auswirken als herkömmliche Joghurts – das sollte zuerst einmal bewiesen werden, bevor es auf einer Packung stehen darf.” Und tatsächlich hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bereits rund 200 Mikroorganismen, die gerne in probiotischen Joghurts verwendet werden, mit dem Argument die Wirkung sei nicht nachgewiesen, abgelehnt.

 

Wohlgemerkt: Dass die Wirkung nicht nachgewiesen ist, bedeutet nicht, dass es sie nicht gibt. Und es bedeutet auch nicht, dass das Produkt selbst nicht mehr verkauft werden dürfte. Es heißt lediglich, dass ein Joghurt mit einem dieser Mikroorganismen nicht mehr als gesundheitsfördernd beworben werden darf, bis ein wissenschaftlicher Nachweis dafür gefunden ist.

 

So darf die Werbung für Granatapfelsaft zwar von antioxidativer Wirkung und Schutz der Zellen sprechen, aber auf keinen Fall behaupten, der Saft wirke durch die enthaltenen Antioxidantien gegen Krebs. Mit großer Wahrscheinlichkeit aber darf der Granatapfelsaft mit generellen Anti-Aging-Effekten werben, denn sie sind viel zu allgemein und keine spezifische Gesundheitsaussage. Bei so vielen Spitzfindigkeiten und einer Unmenge an Dokumenten zum Wirkungsnachweis ist es kein Wunder, dass die EFSA mit den bisher eingereichten 44.000 Anträgen leicht überfordert scheint.

 

Eigentlich war die EU auch von weit weniger Anträgen ausgegangen. Doch Lebens- und Arzneimittelindustrie wittern das große Geschäft mit der Gesundheit. Europäische Hersteller, die mit gesundheitsspezifischen Aussagen werben wollen, müssen jedes einzelne Produkt oder seine Inhaltsstoffe möglichst gemeinsam mit wissenschaftlichen Wirkungsnachweisen von der EFSA überprüfen lassen. Nur wenn diese bestätigt, dass die jeweilige gesundheitsbezogene Aussage begründet ist, darf sie auch auf der Packung stehen.

 

Der große Unterschied zur bisherigen Regelung: “Bisher durfte man alles sagen, so lange es nicht irreführend war”, erklärt Markus Zsivkovits, Lebensmittelgutachter bei der AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit). “Die Verordnung dreht das Prinzip um: Man darf nichts mehr sagen, was nicht ausdrücklich von der EFSA erlaubt ist.” In Zukunft jedenfalls. Denn derzeit ist noch ein Großteil der Anträge unbearbeitet. Und solange das Urteil der EFSA aussteht, werden die Verpackungen bedruckt wie bisher. “Die Bestimmungen sind für Lebensmittel ungewohnt streng”, so Zsivkovits. “Um eine gesundheitliche Wirkung nachzuweisen, müssen meist Humanstudien vorgelegt werden, die wir nur von Arzneimitteln kennen. Das können sich nur die wenigsten Unternehmen leisten.”

 

Lebensmittel oder Arzneimittel? Bei Nahrungsergänzungsmitteln und pflanzlichen Heilmitteln, wie Eukalyptuskapseln oder Baldriantropfen, will die Trennung nicht so recht funktionieren. Denn einerseits gelten sie als Nahrungsmittel, unterliegen also dem Lebensmittelrecht und damit der Health Claims-Verordnung. Andererseits ist ihr einziger Zweck die Förderung von Gesundheit, sie werden sogar zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt. Ganz nach der Empfehlung von Hippokrates: “Unsere Nahrungsmittel sollen Heil-, unsere Heilmittel Nahrungsmittel sein.” Er hatte leicht reden. Im antiken Griechenland gab es weder Arzneimittelgesetz noch Lebensmittelrecht, die die beiden heute streng auseinander halten wollen. Je nachdem, was die Verpackung verspricht und wie stark die Konzentration der Wirkstoffe ist, gilt die Health Claims-Verordnung oder die strenge Arzneimittelverordnung.

 

Einige Produkte können es sich sogar aussuchen. Wie der Kamillentee zum Beispiel. Er ist sowohl Arzneimittel als auch Lebensmittel, je nachdem wo man ihn kauft – und je nachdem, was draufsteht. Dass die Kamille entzündungslindernd wirkt, gehört zum Allgemeinwissen und ist auch wissenschaftlich nachgewiesen. Weil aber Entzündung eine Krankheit ist, darf die Teepackung im Supermarkt nicht darauf hinweisen. Denn Arzneimittel dürfen in Österreich nur in der Apotheke, einige Heilkräuter auch im Fachhandel, verkauft werden. Dementsprechend enthält die Kamillenteepackung in der Apotheke auch krankheitsbezogene Angaben wie “bei krampfartigen Beschwerden im Magen- und Darmbereich“. Das darf das Arzneimittel Kamille, nicht jedoch das Lebensmittel Kamille.

 

Keine Katastrophe für den Handel

Wie wichtig ist es eigentlich, dass Nahrungsergänzungsmittel mit gesundheitsbezogenen Angaben beworben werden dürfen? Martin Wedl, Geschäftsführer der Reformhauskette “Natur & Reform” bleibt gelassen. “Es wird sich etwas ändern, aber für den Handel ist das keine große Katastrophe. Zumindest nicht für den beratenden Fachhandel wie Reformhäuser und Apotheken.” Hier kann sich der Konsument auf eine kompetente Beratung durch geschultes Personal verlassen und muss nicht selbst nach geeigneten Präparaten suchen. In Supermärkten und übers Internet wird es schwieriger sein, Produkte zu verkaufen ohne ihre mögliche Wirkung auf die Gesundheit deutlich anpreisen zu dürfen.

 

Auch große Hersteller wie Biogena, ein österreichischer Erzeuger von orthomolekularen Präparaten, können mit der Verordnung gut leben. Ihre Produkte werden von Ärzten und Therapeuten empfohlen, müssen also nicht beim Konsumenten selbst beworben werden. “Wir sind von der Verordnung nicht so betroffen, weil wir nicht im allgemeinen Handel sind”, erklärt Barbara Fäth-Neubauer, Leiterin des Wissenschaftsteams von Biogena. Zusätzlich existieren für die Bestandteile ihrer Präparate bereits von der EFSA abgesegnete Beschreibungen. “Auf ein Zink-Präparat darf ich nicht schreiben, dass Zink die Erhaltung gesunder Gelenke unterstützt. Ich darf aber sehr wohl sagen, dass es für die normale Funktion des Immunsystems wichtig ist. Ich komme gut mit diesen von der EFSA vorgegebenen Aussagen zurecht. ”

 

Wer also hat Probleme damit? - Jene kleinen Hersteller, die sich weder Wirksamkeitsstudien gemäß der Health Claims-Verordnung noch eine Registrierung als Arzneimittel leisten können. Wie das Familienunternehmen Sonnenmoor zum Beispiel, das auf überliefertes und seit 40 Jahren erprobtes Heilwissen aufgebaut ist. Seine Produkte finden sich im Reformhaus genauso wie in Apotheken im In- und Ausland. Doch wissenschaftliche Studien zur Wirkung von Kräuterauszügen und Heilmoor kann Sonnenmoor nicht liefern.

 

“Wir haben einmal um eine Feldstudie für ein Produkt angefragt”, erzählt Betriebsleiter Heimo Leypold. “Das kostet von 50.000 Euro aufwärts und hat einen ungewissen Ausgang. Das Wissen über die Heilkraft der Kräuter ist tausende Jahre alt. Wer sagt aber, dass das was wir über unser Produkt wissen, auch mit der in der Studie angewandten Methode nachweisbar ist?” Sonnenmoor wartet wie viele andere Hersteller schon seit 2008 auf Nachricht von der EFSA.

 

Ende 2011 sollen alle Anfragen beantwortet sein und die Leute von Sonnenmoor werden Sicherheit haben, ob eine ihrer Kräuterlösungen weiterhin den Aufdruck “dämpft Stress und Nervosität” tragen darf, oder ob – und wie – sämtliche Verpackungen neu betextet werden müssen. “Wenn wir nur mehr völlig nichtssagende, noch schwammigere Formulierungen verwenden müssen, wird das uns und unseren Verkaufspartnern den Verkauf immens erschweren und wahrscheinlich auch Umsatzeinbrüche nach sich ziehen.”

 

Die Möglichkeit, Sonnenmoor-Präparate als Naturheilmittel gemäß Arzneimittelgesetz registrieren zu lassen, hält Leypold für unrealistisch. “Auch die neuen erleichterten Verfahren für Naturheilmittel sind mit enorm hohem Zeit- und Finanzaufwand verbunden. Der Ausgang eines solchen Verfahrens ist aber ungewiss, die hohen Ausgaben waren eventuell umsonst.” – Für große Pharma-Unternehmen leistbar, für Familienunternehmen nicht. Besser stehen die Chancen für Apotheken mit ihren pflanzlichen Hausmischungen. Sie haben die mächtige Apothekerkammer im Rücken und konnten bereits erreichen, dass die Zulassungsbestimmungen ihrer Hausmischungen als Naturheilmittel erleichtert und die Gebühren dafür gesenkt wurden. Pflanzliche Nahrungsergänzungs- und Heilmittel lassen sich nicht verbieten. Man kann jedoch deren Bewerbung erschweren, Zulassungsbedingungen verschärfen, komplizierte Wirkungsnachweise verlangen und Anträge mit hohem Aufwand und hohen Gebühren verbinden. Wer sich diesen Aufwand nicht leisten kann, könnte vom Markt verschwinden. Wer ihn sich leisten kann, übernimmt die freigewordenen Marktanteile.

 

 

Nahrungsmittel oder doch Arzneimittel?

 

Nahrungsmittel dienen der Ernährung, Arzneimittel der Heilung und Linderung von Erkrankungen. „Die Nahrungsergänzungsmittel liegen in einer Grauzone. Denn vor dem Gesetz gelten sie als Nahrungsmittel, dennoch werden sie oft zur Erhaltung oder Verbesserung der Gesundheit eingesetzt. Bei pflanzlichen Präparaten sowie Vitaminen und Mineralstoffen gibt es sowohl Nahrungsergänzungsmittel als auch Arzneimittel”, schildert Martin Peithner, Geschäftsführer des Wiener Homöopathie- und Phytoherstellers Dr. Peithner GmbH & Co und Austroplant-Arzneimittel GmbH. Für den Konsumenten seien diese nur schwer zu unterscheiden, und doch gebe es erhebliche Unterschiede.

 

Arzneimittel dürfen nur nach Zulassung durch eine nationale Behörde (in Österreich die AGES-PharMed) in Umlauf gebracht werden. Für diese Zulassung sind unter anderem umfangreiche Wirkungsnachweise notwendig. Nahrungsergänzungsmittel hingegen haben nur eine Auflage: Sie dürfen nicht gesundheitsschädlich sein. Arzneimittel müssen zudem immer eine identische Zusammensetzung und Qualität aufweisen. Gerade natürliche Pflanzenextrakte jedoch schwanken erheblich in Qualität und Wirkstoffgehalt.

 

Zusätzlich gebe es für Nahrungsergänzungsmittel eine gesetzlich festgelegte Höchstgrenze für den Wirkstoffgehalt. Das Arzneimittel darf auch einen wesentlich höheren Gehalt aufweisen. Peithner: „So enthält zum Beispiel das Arzneimittel Magnesium Diasporal 100 mg Magnesium in Form von 610 mg Magnesium-Citrat. Ein Nahrungsergänzungsmittel aus dem Supermarkt wirbt mit“100 mg Magnesium, enthält aber nur 100 mg Magnesium-Citrat, was einem Gehalt von 17 mg Magnesium entspricht.”

 

Ein Nahrungsergänzungsmittel könne zwar bestimmte Nährstoffe enthalten, „jedoch in einer Menge, die für eine Verwertung ungeeignet ist”, ergänzt Norbert Fuchs, geschäftsführender Gesellschafter der Salzburger Ökopharm GmbH. Ist die Dosis zu niedrig, hat sie keine Wirkung auf den Stoffwechsel. Ist sie zu hoch, kann das ein schädliches Ungleichgewicht im Mikronährstoffhaushalt bedeuten.

 

Die Qualität der in Nahrungsergänzungsmitteln enthaltenen Mikronährstoffe könne stark variieren, sie ist jedoch ausschlaggebend dafür, ob das Produkt hält, was es verspricht, sagt Fuchs. „Dabei kommt es vor allem auf die Quelle der Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente an. Werden sie in hohen Konzentrationen synthetisch hergestellt oder stammen sie aus natürlichen Quellen? Vitamin C kann zum Beispiel billig hergestellte Ascorbinsäure sein, oder direkt aus der Acerola-Kirsche in hoher Qualität gewonnen werden.”

 

Es gibt aber noch andere Unterschiede: Für Arzneimittel besteht Meldepflicht für auftretende Nebenwirkungen, für Nahrungsergänzungsmittel nicht. Das könne dramatische Auswirkungen haben, erzählt Martin Peithner: „Als das vormalige Nahrungsergänzungsmittel Kava-Kava in Europa als Arzneimittel zugelassen wurde, galt natürlich auch die Meldepflicht bei eventuellen Nebenwirkungen. Innterhalb von zwölf Monaten wurde das Mittel weltweit verboten, weil schwere Leberschäden gemeldet wurden.“ Wäre es Nahrungsergänzungsmittel geblieben, wären diese nie bekannt geworden.

 

Unabhängig von der formalen Rahmenbedingungen gibt es aber noch andere: „Der Körper braucht keine isolierten Nährstoffe, sondern eine Kombination vieler verschiedener Stoffe”, sagt Fuchs. Daher seien die regelmäßig auftauchenden Wundermittel wie Selen, Coenzym Q10 oder auch reine Kalzium-Tabletten mit Vorsicht zu genießen. Fuchs: „Besser ist eine Kombination aufeinander abgestimmter Mikronährstoffe. Diese Nährstoffe können einander in ihrer Wirkung unterstützen aber sich auch gegenseitig aufheben.“ Um die optimale Kombination zu finden, brauche der Hersteller viel biochemisches Wissen. Der Konsument hält sich am besten an Hersteller, denen er vertraut, oder verlässt sich auf Beratung durch Experten.

 

 

Die Autorin: Sigrun Saunderson ist freie Journalistin in Breitenbrunn. Sie schreibt bevorzugt zu medizinischen und populärwissenschaftlichen Themen - unter anderem für das Universum Magazin und die Wiener Zeitung.

 

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