Frei von Verspannung und Anstrengung

Das Ziel von Shiatsu ist der Ausgleich und die Wiederbelebung des vitalen Potenzials. Foto: www.shiatsu-verband.at
Das Ziel von Shiatsu ist der Ausgleich und die Wiederbelebung des vitalen Potenzials. Foto: www.shiatsu-verband.at

 

Längst ist Massage von fernöstlichen Methoden wie Shiatsu oder Tuina beeinflusst. Zu Recht, denn wissenschaftliche Studien belegen die Existenz der Meridiane im menschlichen Körper. Über diese lassen sich die Organe beeinflussen – ohne Nadeln und weitgehend ohne Schmerz.

 

Von Linda Kappel

Die drei französischen Forscher Pierre de Vernejoul, Pierre Albarède und Jean-Claude Darras staunten nicht schlecht, als sie die Verläufe einer radioaktiven Substanz im Körper der Versuchspersonen mit einer bildgebenden Kamera beobachteten. Sie hatten 1985 sowohl gesunden als auch kranken Menschen diese Substanz an „gewöhnlichen“ Körperstellen und auch an solchen, die nach der fernöstlichen Medizin als Akupunkturpunkte gelten, injiziert. Bei den „gewöhnlichen“ Stellen breitete sich die Substanz diffus, halbkugelförmig in alle Richtungen aus; bei den Akupunkturpunkten erfolgte die Ausbreitung rascher und auch entlang der in der chinesischen Medizin bekannten Meridiane. Wenngleich diese Ergebnisse nahe legen, dass die Meridiane wohl nicht nur ein Gedankenkonstrukt darstellen, so lassen sie sich - bislang zumindest - doch nicht anatomisch erfassen.

 

2005 wurde der Versuch mit einer anderen Methode, der Infrarot-Thermographie wiederholt. Dabei wurde die Meridianstruktur der Versuchspersonen in Form einer „Wärmestrahlung” bei laufender Kamera erfasst. Mit Hilfe von neuen biomedizintechnischen Konstruktionen, die Licht-, Ultraschall- und höchstsensitive bioelektrische Messverfahren umfassen, versuchen, wie berichtet, Forscher an der Universität Graz zu entziffern, wie Akupunktur auf den menschlichen Körper wirkt. Wurde ein bestimmter Akupunktur-Punkt angeregt, entstanden messbare Auswirkungen der Herzfrequenz.

 

Ein Meridian ist weder eine Nerven führende noch eine andere anatomisch sichtbare Bahn, wie ein Blutgefäß oder eine Lymphbahn im Körper, sondern eine Art von Kanal im Bindegewebe, in der die Lebenskraft fließt, die sich laut fernöstlicher Philosophie überall in der Natur findet und ausdrückt, das so genannte Qi.

 

Die Entdeckung von 1985 fällt zeitlich in jene Phase in Europa, in der fernöstliche Methoden der Gesundheitsförderung sich langsam aber doch zu etablieren begonnen haben. So gehen etwa die Ursprünge der Shiatsu-Ausbildungen in Österreich auf das Jahr 1985 zurück. Nur kurze Zeit zuvor, 1983, hat der US-Amerikaner Ted J. Kapchuk das Standardwerk über Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) für den westlichen Kulturkreis veröffentlicht („Das große Buch der chinesischen Medizin“). Davor sind viele der Wirkungen der fernöstlichen Heilmethoden ins Reich der Phantasie verwiesen oder als Placebo-Effekt abgetan worden.

 

Meridianlehre als Basis verschiedener Techniken

Auf Basis der Meridianlehre beruhen auch verschiedene Massage-Techniken, die die ganzheitliche Betrachtung des Menschen in den Vordergrund stellt. „Auf Grund der vielfältigen Verbindungen des Organismus durch Meridiane projizieren sich Störungen eines Organs auf die Körperoberfläche im entsprechenden Meridian. Aus diesem Grund lassen sich die Organe wiederum über die Behandlung der Meridiane positiv beeinflussen“, erklärt Eduard Tripp, der gemeinsam mit Stephan Hilpert die Shiatsu-Schule „Shiatsu-Ausbildungen Austria“ leitet.

 

Shiatsu ist die wohl bekannteste der Meridian-Massage-Methoden. Wörtlich übersetzt bedeutet Shiatsu Fingerdruck. Die Ursprünge liegen in den traditionellen chinesischen und japanischen Gesundheitslehren. „Es lässt sich wohl am besten als eine einfühlsame, achtsame, in seiner Grundform leicht erlernbare und sehr wirkungsvolle Arbeit am Körper beschreiben. Sie aktiviert unsere Selbstheilungskräfte und löst Blockaden im Fluss unserer körpereigenen Energien“, beschreibt Tripp. Erstmals wurde das jahrtausende alte medizinische Wissen der Chinesen im „Huang Di Nei Jing”, dem Lehrbuch der Inneren Medizin des Gelben Kaisers, schriftlich niedergelegt. Es dürfte zwischen 475 und 221 v. Chr. entstanden sein. Demnach gibt es zwölf Hauptmeridiane. Jeder ist einem Organ beziehungsweise Organsystem zugeordnet. Auf den Meridianen liegen wiederum Akupunkturpunkte oder Tsubos.

 

Bei einer Shiatsu-Behandlung liegt ein Klient zumeist auf dem Boden auf einer Matte und bleibt häufig – im Gegensatz zu den anderen Verfahren – angekleidet. Auf die Meridiane und Tsubos wird durch Einsatz des Körpergewichts ohne Kraftanwendung Druck ausgeübt; mit den Händen, Daumen, Fingern, Ellbogen, Knien und Füßen. „Charakteristisch für Shiatsu ist, dass wir aus dem so genannten Hara heraus arbeiten. Wir schwingen uns auf den Klienten ein und lehnen uns als ganze Person mit unserer Energie in die jeweilige Handlung hinein“, erläutert Tripp. Hara kommt aus dem Japanischen und heißt so viel wie „Bauch“ – gemeint ist das physische und energetische Zentrum des Menschen. 

 

Das Ziel von Shiatsu ist der Ausgleich, die Wiederbelebung des vitalen Potenzials, die Aufrechterhaltung und Stärkung der Körper-Seele-Geist-Einheit, welche den Energiefluss harmonisiert. Nach eingehendem Vorgespräch kann die behandelnde Person entscheiden, was der Klient am ehesten braucht. Bei dem einen sind etwa beruhigende Maßnahmen nötig, beim anderen eher tonisierende. Der Druck auf die Meridiane und Tsubos, auf Gelenke, Muskeln und Sehnen löst energetische Blockaden, die sich in Spannungszuständen oder –gefühlen äußern und bringt die Energie wieder zum Fließen.

 

Shiatsu wird zudem eine stimulierende Wirkung auf das autonome Nervensystem zugeschrieben. Auf diese Weise lassen sich ausgleichend die Herzfrequenz und Atmung sowie der Muskeltonus beeinflussen. Dass da etwas dran ist, hat sich in einer länderübergreifenden, längerfristig angelegten Untersuchung, die im Auftrag der European Shiatsu Federation (ESF) durchgeführt wurde, bewahrheitet. Denn Behandelte u.a. in Österreich und Großbritannien gaben selbst an, dass sich über die Zeit eine signifikante Verbesserung bei allen Beschwerden einstellte. Die größten Veränderungen hatten sich bei Spannung und Stress ergeben, gefolgt von Problemen mit der Muskulatur, Gelenken oder Körperbereichen inklusive Haltungsbeschwerden oder Rückenproblemen.

 

Tuina hat sich etwas später als Shiatsu etabliert

Shiatsu kann prophylaktisch angewendet werden oder begleitend bei konventionellen Therapien wie Psychotherapie, Physiotherapie oder schulmedizinischen Behandlungen und die Regeneration und Rehabilitation, etwa nach Unfällen fördern. Später als Shiatsu hat sich in Österreich die chinesische Heilmassage Tuina etabliert. Dabei beruht Shiatsu eigentlich auf dieser Methode, die auch Anmo genannt wird. Neben der traditionellen chinesischen Kräuterheilkunde ist die Tuina-Therapie die älteste Therapieform der TCM.

 

„Tuina ist die  manuelle Therapie der Traditionellen Chinesischen Medizin“, sagt Andrea Göttinger-Schalkhammer, Heilmasseurin mit Schwerpunkt Tuina- und Meridian-Massage aus Tresdorf (Niederösterreich). „Die Wirkung beruht auf der Öffnung blockierter Leitbahnen und der Anregung des Energie- und Blutkreislaufes. Dies erfolgt durch die Kombination verschiedener Grifftechniken, wobei „Tui” für Schieben steht und „Na” für Greifen beziehungsweise „An” für Drücken und „Mo” für Streichen. Die Griffe unterscheiden sich in ihrer Wirkung, das heißt, sie wirken entweder wärmend, kühlend oder ausleitend.“

 

Bei Tuina liegt der Klient zumeist auf einer Massageliege, manchmal kommen auch Öle zum Einsatz. Massiert wird mit der ganzen Hand, dem Daumen, Zeige- und Mittelfinger oder dem Handballen. Auch hier geht es um das Ausgleichen, Yin und Yang, das Gegensatzpaar in der chinesischen Philosophie, sollen in der Balance sein. Göttinger-Schalkhammer: „Die Chinesen sagen, dass 70 Prozent aller Krankheiten emotionsbedingt sind. Tuina ist für mich die ideale Form, Geist, Köper und Seele auf eine Ebene zu bringen. Man berührt ja schließlich mehr als den Körper.“

 

Das Spektrum der Indikationen reicht laut Österreichischer Gesellschaft für Tuina (ÖGT) „vom großen Feld der Erkrankungen des Bewegungsapparates über interne Erkrankungen und Kopfschmerzen bis hin zu Schlafstörungen“. Die Tuina-Behandlung sei für Menschen geeignet, die sich gerne berühren lassen „und einen anderen Weg einschlagen wollen“, so Göttinger-Schalkhammer. Bei der Tuina-Behandlung gibt es sowohl großflächige als auch punktuelle Techniken, letzteres entspricht am ehesten dem, was bei uns im Westen als Akupressur bekannt geworden ist.

 

Das Wissen um die Akupressurpunkte hat sich auch eine westliche Methode zunutze gemacht, die Akupunkt-Massage nach Penzel (APM). Es ist eine der ältesten europäischen Meridiantherapien, die ihre Wurzeln in der TCM und der klassischen Akupunkturlehre hat, aber in Deutschland – bereits in den 1950er und 1960er Jahren – vom Masseur Willy Penzel entwickelt wurde.

 

Energie fließt in geordneten Bahnen

Auch hier besteht die Grundannahme darin, dass die körpereigene Energie in den „elektrischen Leitungen“ des Körpers fließt und alle Funktionen des Organismus steuert. Sowohl Krankheit als auch Schmerz und seelische Verstimmung seien Anzeichen einer energetischen Blockade, die sich durch APM beheben ließe. Seit der Anerkennung der Akupunktur als Heilmethode entscheiden sich immer mehr klassische Masseure für die APM als Zusatz-Behandlungsmethode. „Die Einsatzmöglichkeiten reichen von Wirbelsäulen-, Gelenks- und Verdauungsproblemen über Blutdruckregulierung bis hin zu Narbenentstörung“, erklärt Christine Baldt, die in der Wiener Shiatsu- und Gesundheitspraxis Dantien zusätzlich zur klassischen Massage APM und Ohrakupunkt-Massage anbietet.

 

Die APM-Technik basiert auf dem „Ziehen der Meridiane“, wobei Stäbe aus Metall, die auch Magnete beinhalten können, verwendet werden. „Ich streiche mit der Hand über den Körper, über die Meridiane und halte dabei das Stäbchen unter den Fingern. Die Haut um die Akupunktur-Punkte wird stimuliert oder gereizt“, schildert Baldt. Vorsicht ist angesagt bei Menschen, die zu schmerzempfindlich sind, zu Krämpfen neigen, oder bei Risikoschwangerschaften. Die Ohrakupunkt-Massage wirke deshalb, weil das Ohr alle Reflexzonen des menschlichen Körpers repräsentiert und diese Reflexzonen die kürzeste Verbindung zur zentralen Schaltstelle Gehirn darstellen. Auch hier werden die Stäbchen in tonisierenden Strichen an der Haut entlang geführt oder es wird Druck auf die wesentlichen Punkte ausgeübt.

 

 

Die Autorin: Linda Kappel arbeitet seit 20 Jahren als Journalistin u.a. für Der Standard, Wirtschaftsblatt, Format. Sie ist Chefredakteurin bei Fachmagazinen und ehrenamtlich tätig für das Rote Kreuz.

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Kommentare: 1
  • #1

    Martin (Dienstag, 15 März 2011 15:16)

    Ich bin immer wieder erstaunt, wie oft Kraut mit Rüben vermischt und verkauft wird.
    Das Prädikat "wissenschaftlich" setzt voraus, dass eine bei einer Untersuchung sowohl eine Messbarkeit, Lehrbarkeit und eine Wiederholbarkeit vorliegt. Bei ALLEN bisherigen Untersuchungen im Bereich der Meridiane (und das sind bis jetzt über 70 Stück im Verlauf von 60 Jahren) gibt es KEINE einzige Studie, die wissenschaftlich anerkannt ist, da jedes Mal die Wiederholung des Versuches von einer anderen Studiengruppe misslang!
    Aus Erfahrung driften gerade die Kollegen in den Esoterischen Bereich der Alternativ Medizin ab, welche nicht genügend Sitzfleisch zum Lernen und/oder fachlich inkompetente Unterrichtende hatten. Statt 40-50 relevante Muskeln mit Ansatz, Ursprung, Funktion und Innervation und daraus ableitbare Muskelketten und -schlingen, werden 12 Meridiane gelernt.
    Techniken wie die Fußzonenmassage und die APM, Tuina und wie sie noch alle heißen haben ihre "relative" Berechtigung z.B. in der Onkologie, aber geringfügige bis gar keine Relevanz in der Orthopädie, Neurologie und Sportmedizin. Hinzu kommt, dass gerade bei Techniken aus dem Asiatischen Raum der soziokulturelle Hintergrund absolut außer Acht gelassen wird. So gut wie kein Europäer hat das Bewegungs-, Lebens - und Ernährungsmuster eines Chinesen (erst recht nicht eines Chinesen des 19 Jahrhunderts und davor). Daher ist es absolut absurd, sich mit einer Technik aus der TCM einmal in der Woche behandeln zulassen und zu glauben, dass man sich damit was gutes tut - wobei glauben kann man das schon, aber nutzen tut es nichts.

    In meinen Augen kann man diese Angebote getrost als Betrug am Kunden und Patienten betrachten. Es ist wie üblich schöne Verpackung ohne echtem Inhalt!

    MfG
    Martin