Heilsamer Tanz als Ausdruck der Seele

Tanz ist die älteste Ausdrucksform des Menschen. Er stärkt das Selbstbewusstsein und fördert die Gemeinschaft. Foto: Emanuel Gat Dance, Gadi Dagon/Festspielhaus St. Pölten
Tanz ist die älteste Ausdrucksform des Menschen. Er stärkt das Selbstbewusstsein und fördert die Gemeinschaft. Foto: Emanuel Gat Dance, Gadi Dagon/Festspielhaus St. Pölten

 

Jeder kann tanzen. Auch wenn er keinen der 200 existierenden Paartänze beherrscht. Beim Tanz geht es nämlich um mehr. Es geht um Ausdruck, Gefühl, Selbstbewusstsein und um die heilende Kraft der Erkenntnis.

 

Von Ulli Moschen

Gar keine Frage – Tanzen ist gesund. Nicht nur, weil der ganze Körper durch die Bewegungen trainiert, die Muskulatur und das Herzkreislaufsystem gestärkt werden. Sondern auch, weil sich der Tanz gleichzeitig auf den Gleichgewichtssinn und die Koordination positiv auswirkt. Linke und rechte Gehirnhälfte werden simultan aktiviert, und wer fremde Bewegungen nachtanzt, erweitert sein Bewegungsrepertoire. Tanz führt zu einer Steigerung des Körperbewusstseins und der Selbstwahrnehmung und beide sind, wie Psychologen bestätigen, die Voraussetzungen für ein gesundes Selbstbewusstsein und für gesteigerte Empathiefähigkeit. Außerdem ist fast jede Tanzform eine soziale Praxis: Ähnlich wie beim Singen, Musizieren oder Kochen werden beim Tanzen diejenigen Zentren im Gehirn aktiviert, die gemeinschaftsbildend wirken. Aber was genau bedeutet Tanzen und was genau erlebt man dabei?

 

Die US-amerikanische Philosophin Gabrielle Roth, eine international anerkannte Theaterdirektorin, Tanzlehrerin und Tanzforscherin, beantwortete diese Frage folgendermaßen: „In einer heißen Vollmondnacht fuhr mir ein unwiderstehlicher Rhythmus bis ins Mark. Ich vergaß meine Knie und vergaß alles andere, bis auf den Trommelschlag. Unter seinem Bann gab ich mich auf. Ich verlor mich an den Geist des Tanzes und fand in ihm einen Weg, der mich zum tiefsten und lebendigsten Ort führte, an dem ich je gewesen war. Ich tanzte, bis von mir nur noch der Rhythmus meines Atems übrig blieb. In diesem Rhythmus fühlte ich Körper und Seele eins werden.“

 

Und doch ist vielerorts auch Scheu vor dem Tanzen, insbesondere vor dem öffentlichen Tanzen vorhanden. „Ich kann nicht tanzen“, hört man nicht nur auf Ballveranstaltungen. Was aber soll das bedeuten? Heißt es, dass man keinen der weltweit rund 200 existierenden Paartänze beherrscht, sich Zeit seines Lebens keine Ballett-Technik angeeignet hat, oder sich unwohl fühlt, wenn man sich frei zur Musik bewegen soll?

 

Aktivität mit enorm großer Bandbreite

 „Jeder kann tanzen“, ist das Gegenargument dazu, das auch der Titel für ein Buch des britischen Choreografen und Tanzpädagogen Royston Maldoon ist. Maldoon vertritt die Philosophie, dass jeder Mensch, unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht oder körperlicher Beschaffenheit, tanzen kann – was er mit seinen Community Dance-Projekten mit Straßenkindern aus Adis Abeba, Hamburger Sozialhilfeempfängern oder Berliner Schülern auch eindrücklich unter Beweis stellt. Die Tanzforschung gibt ihm dabei Recht: „Tanz ist so alt wie der Mensch”, schreibt etwa Tanzforscher Edgar Beckers. „Tanz ist eines der ursprünglichsten Ausdrucksmittel des Menschen für Freude und Trauer.“ Die Bandbreite reicht dabei vom Kunsttanz, der sich aus dem Ballett entwickelt hat und bei dem ein passives Publikum den Tanz beobachtet, über Trancetänze, die wie bei den Sufis in religiöser Ekstase gipfeln können, und Medienphänomene wie „Dancing Stars“, bei denen Prominente ihr Können in Sachen Paartanz zum Besten geben, bis hin zum so genannten Krumping, einer schweißtreibenden Tanzform, in der Jugendliche in den Ghettos von Los Angeles ihre „Battles“ austragen, anstatt zu den Waffen zu greifen.

 

Wer heute selbst tanzt, geht entweder auf Tanzveranstaltungen, Bälle, in die Disco oder auf Raves, nimmt Tanzstunden in einer der zahlreichen Disziplinen, wie Jazz, Modern, Flamenco oder anderen Formen des zeitgenössischen Tanzes oder verschreibt sich einer der freieren Tanzformen, in denen keine Bewegungsabläufe vorgegeben werden, sondern improvisiert wird, wie es etwa bei den 5 Rhythmen, Soul Motion, Kontaktimprovisation oder dem so genannten Integrativen Tanz der Fall ist, um nur einige in Österreich praktizierte Formen zu nennen.

 

Im vergangenen Jahrhundert gab es zwei Zäsuren, in denen der Tanz eine radikale Metamorphose durchlebte, ohne die diese freien Tanzformen nicht denkbar wären. Die erste lässt sich um 1920 verorten, als im Rahmen tief greifender gesellschaftlicher Veränderungen der Inbegriff des Kunsttanzes, das Ballett, als künstlich und naturfern abgelehnt wurde.

 

Die Spitzenschuhe wurden abgelegt und man gab sich dem freien Fluss der Bewegung in Wellenlinien, Spiralen und Kreisen hin. Für die Vertreter der neuen Tanzbewegung wie Isadora Duncan, Mary Wigman, Rosalia Chladek, Rudolf von Laban und Martha Graham wurde der Tanz zur Repräsentation von Gefühl, zum Ausdruck der Seele, von Erfahrungen, die dem Intellekt nicht zugänglich sind. Zahlreiche Tanzrichtungen sind das Erbe der zweiten Hochzeit Anfang der 1970er Jahre, die von verschiedenen Strömungen wie der östlichen Philosophie, dem Schamanismus, aber auch den neueren Therapieformen wie der Gestalttherapie von Fritz Pearls oder dem Psychodrama von Jakob Levy Moreno beeinflusst wurden.

 

Die 5 Rhythmen etwa wurden in den 1970er Jahren unter eben solchen Einflüssen von Gabrielle Roth in den USA entwickelt. Diese studierte die Bewegungsgewohnheiten ihrer Schüler und entdeckte sowohl Muster, die sich einschränkend, als auch solche, die sich befreiend auf Körper, Psyche, Geist und Seele auswirkten. Aus diesen Erkenntnissen heraus entwickelte sie die 5 Rhythmen: Sie fand fünf Grundrhythmen des Lebens, die sie entsprechend ihren Qualitäten Flowing, Staccato, Chaos, Lyrisch und Stille nennt. Diese ergeben in eben dieser festgelegten Reihenfolge getanzt eine so genannte Wave, eine Welle.

 

„Bewusster Tanz ist keine rein sportliche Praxis, er verbindet den Körper mit dem Fühlen und Denken“, erklärt Claudia Pichl, von Gabrielle Roth ausgebildete Lehrerin der 5 Rhythmen in Wien. „Die Welle wirkt sich von der körperlichen Dimension über die psychische und geistige bis in die spirituelle Dimension aus und ist dadurch im besten Sinne ganzheitlich. Ich liebe den achtsamen Tanz als Weg, mich selber ebenso wie die Beziehung zu einzelnen anderen oder zum größeren Ganzen zu erforschen“, erklärt sie ihre persönliche Affinität zu dieser Form. „Die Rhythmen faszinieren mich in ihrer Einfachheit. Ich kann jeden Tag, jede Woche wieder in dieselbe simple Welle eintauchen. Und dort entfaltet sie dann ihre Vielschichtigkeit, wenn ich mein Augenmerk auf einzelne Aspekte richte, etwa einzelne Körperteile, Raumdimensionen oder einzelne Beziehungsformen. Jedes Detail lässt sich tanzend bis in seine Tiefe erforschen.“

 

Vinn Marti, einer der Schüler Gabrielle Roths, hat in den vergangenen zwanzig Jahren einen eigenen Ansatz entwickelt, den er Soul Motion getauft hat. Bei diesem liegt der Fokus auf der Beziehungsebene. Die Teilnehmer einer Soul Motion-Session werden eingeladen, sich auf die so genannten vier Landscapes, die Beziehung zum eigenen Selbst, die Beziehung zum anderen, die Beziehung zur Gemeinschaft und den Tanz mit allem, was existiert, einzulassen. Vinn Martis erklärtes Ziel ist es, den Teilnehmern „durch den Tanz eine achtsamere und liebevollere Begegnung mit sich selbst zu ermöglichen“.

 

Gemeinsam ist den freien Tanzformen, dass sie meist barfuß, in bequemer Kleidung, in Gemeinschaft und in Tanzräumen zu Musik praktiziert werden. Vorkenntnisse sind keine notwendig, nur die Bereitschaft, sich zu bewegen. „Niemand ist zu alt, zu jung, zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn“, wie Claudia Pichl sagt. Die Kontaktimprovisation (CI) geht sogar noch einen Schritt weiter. Bei dieser Tanzform, die ebenfalls in den frühen 70ern von Merce Cunningham Schülern Steve Paxton, Nancy Stark Smith und Daniel Lepkoff entwickelt wurde, erforschen zwei oder mehrere Tänzer spielerisch die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, dass die Körper einander ihr Gewicht abgeben. Der Bewegungsfluss ergibt sich durch die Interaktion der Körper und kann Rollen, Klettern, Springen bis hin zu akrobatischen Elementen umfassen.

 

Von New York bis nach Wien

Die Begründer der Kontaktimprovisation trafen damals im Gegensatz zu den meisten Entwicklern verschiedener Tanzformen die Entscheidung, den Begriff nicht schützen zu lassen und vertrauten darauf, dass sich die Verbreitung selbst reguliert. Mittlerweile gibt es abgesehen von CI-Kursen in fast allen großen Städten, regelmäßige so genannte Jam Sessions, bei denen sich die Tänzer treffen, um ohne Anleitung zu tanzen. Unter der Bezeichnung Dance Ability bringt der New Yorker Alito Alessi Menschen mit und ohne Behinderung zusammen, um miteinander CI zu tanzen, und gibt seinen Ansatz auch in Wien regelmäßig beim ImPulsTanz Festival weiter.

 

„Tanz ist eine uralte Form, sich selber jenseits vorgefasster Gedanken und Konzepte zu begegnen und auch in Gemeinschaft das Leben in all seinen Facetten miteinander zu teilen“, ist Claudia Pichl überzeugt. „Wenn wir bewusst und aufmerksam miteinander tanzen, begegnen wir uns auf einer tieferen Ebene, aber auch diversen Ängste, Bewertungen und Schutzmechanismen, die sich manchmal zwischen uns schieben.“ In diesem Sinne gesteht sie dem freien Tanz eine therapeutische Wirkung zu, im Sinne einer Integration von abgespaltenen Anteilen, von Dingen im Schatten.

 

Von einer dezidiert therapeutischen Wirkung kann man beim Integrativen Tanz ausgehen. Bernhard Weiser ist Lehrgangsleiter der Ausbildung zur Integrativen Tanzpädagogik im Tiroler Schwaz, die gleichzeitig als Aufbaulehrgang für die Ausbildung zur Tanztherapie fungiert. Wo in anderen Therapieformen das gesprochene Wort im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht, orientiert sich die Tanztherapie an der Sprache des Körpers. „Ich durfte die heilsame und vitalisierende Wirkung des Tanzes in meinem eigenen Leben immer wieder positiv und glücksbringend erleben“, erklärt Bernhard Weiser auf die Frage nach der Motivation für den Aufbau der Ausbildung. „Ich konnte selbst erleben, wie über den Tanz die persönlichen Prozesse noch tiefer gehen und sich eine ganzheitlichere und nachhaltigere therapeutische Wirksamkeit entfalten kann. Der Tanz ermöglicht nicht nur das mühelosere Auffinden und Bearbeiten von lebenseinschränkenden Mustern, er ermöglicht auch wie kein anderes Medium schon das konkrete Erproben des Neuen in der tänzerischen Improvisation und Gestaltung. Das ist ein Grund für die hohe Nachhaltigkeit der Arbeit mit Tanz.“

 

Der Begriff „integrativ“ bezieht sich unter anderem auf den Theoriehintergrund der Integrativen Therapie von Hilarion Petzold, die für den Integrativen Tanz eine wichtige Wurzel darstellt. Tanz und Bewegung führen aus der Starre, aus der Einengung von Mustern und Festlegungen. Der Integrative Tanz versteht sich als ein Modell des Wandels, als ein Medium, ganzheitliche Veränderung und Entwicklung in Gang zu bringen.

 

„Aufgrund meiner Forschungen zur prä- und perinatalen Psychologie weiß ich, dass wir im Tanz an ganz tiefe unbewusste Ressourcen aus der Pränatalzeit und der frühen Kindheit anknüpfen können“, erklärt Weiser. „Das gemeinsame Schwingen in einem Rhythmus, der Körperkontakt beim Tanz im Kreis, all das führt uns in sehr frühe Bereiche unseres Seins zurück, die uns als Kraftquellen zur Verfügung stehen.“ Im Mutterleib ist nach der taktilen Wahrnehmung das vestibuläre Sinnessystem, also die Gleichgewichtswahrnehmung, das zweite Sinnesorgan, das funktionsfähig wird, noch lange vor der visuellen Wahrnehmung. Im Tanz knüpfe man laut Weiser an diese lebensgeschichtlich frühen Erfahrungen an. Über Musik und Bewegung aktiviere der Mensch diese tiefste Schicht der psychischen Struktur und könne aus dieser Quelle Freude und Kraft schöpfen. „Wie kein anderes Medium führt der Tanz Menschen in aller Verschiedenheit zusammen“, weiß Bernard Weiser aus Jahrzehnte langer Tanz- und Unterrichtspraxis zu berichten. „Er schafft Verbundenheit und fördert gleichzeitig die Individualität, macht die Einzigartigkeit   im Gemeinsamen erlebbar. Ganz Ich selbst sein und gleichzeitig mich getragen fühlen im Beziehungsnetz, das ermöglicht nur der Tanz.“

 

 

Die Autorin: Ulli Moschen ist Gesundheits- und Kulturjournalistin sowie u.a. Sozial- und Gesundheitspädagogin. Sie arbeitet aktuell für die Stadtzeitung Falter, Medianet-Health:economy und sim-kultur.

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Kommentare: 5
  • #1

    Julia (Montag, 05 März 2012)

    Ich schreibe an einer wissenschaftlichen Arbeit und würde daher gerne wissen wann Sie diesen Artikel verfasst haben.

    Vielen Dank.

  • #2

    lebensweise - Team (Freitag, 16 März 2012 09:18)

    Liebe Julia, unsere Redakteurin hat den Artikel am 10.01.2011 verfasst.

    Alles gute für deine wissenschaftliche Arbeit!

    Liebe Grüße vom lebensweise-Team

  • #3

    Julia (Dienstag, 05 Juni 2012)

    Vielen, vielen Dank :)

    Ich bin nun fertig mit der Arbeit, jetzt warte ich auf die Beurteilung.

    Liebe Grüße

  • #4

    lebensweise-Team (Freitag, 29 Juni 2012 16:23)

    Liebe Julia!

    Könntest du uns bitte deine Email-Adresse an newsletter@lebensweise-magazin.at mailen!

    Danke und liebe Grüße vom lebensweise-Team

  • #5

    Manju (Samstag, 06 Dezember 2014 11:30)

    Hallo, ich Frage mich grad warum in diesen Artikel BIODANZA nicht vorkommt.