Universalgelehrter, Philosoph und Guru

Rudolf Steiner um das Jahr 1900: Zu dieser Zeit lebte er als Schriftsteller und Vortragender in Berlin. Foto: Rudolf Steiner Archiv Dornbach
Rudolf Steiner um das Jahr 1900: Zu dieser Zeit lebte er als Schriftsteller und Vortragender in Berlin. Foto: Rudolf Steiner Archiv Dornbach

 

Würde Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, heute leben, wäre er Gast in Talk-Shows, hätte ein Profil auf Facebook und einen Blog, sagt die Historikerin Miriam Gebhardt. Sie hat zu seinem  150. Geburtstag, der heuer gefeiert wird, eine neue Biografie über diesen vielfältigen und nach wie vor Kontroversen auslösenden Menschen geschrieben. Die von Steiner entwickelte Anthroposophie beschäftigt sich mit allen Lebensbereichen: Kindergarten, Schule, Kunst, Medizin, Wirtschaft, Nachhaltigkeit, Spiritualität, letzte Lebensphase. Seine Lehren sind heute noch modern.


Von Christian F. Freisleben-Teutscher

Die Historikerin, Journalistin und Biographin Miriam Gebhardt bezeichnet Rudolf Steiner, der am 27. Februar 150 Jahre alt geworden wäre, als „femininen Propheten“. Ein Mann, der auch – für seine Zeit noch eher unüblich – stark mit Frauen zusammenarbeitete, und ein Mensch, der sich auf eine sehr umfassende Weise mit dem Leben und den verschiedensten Feldern, in dem dieses abläuft, beschäftigt. Steiner wird oft vorgeworfen, er sei reaktionär und autoritätsgläubig gewesen, habe auch rassistische Ansichten vertreten (siehe Kasten Seite 38). Doch Gebhardt sieht ihn als Guru, wobei für sie dieses Wort keinen negativen Beigeschmack hat.

 

Faktum ist: Steiner gab Impulse, die sich in vielen aktuellen Diskussionen und Trends spiegeln: Etwa, dass Kinder mehr direkt mit der Natur in Berührung treten sollten oder dass sie oft auch gut ohne jede Form von Spielzeug auskommen. So entstehen nicht nur im Bereich der Waldorfkindergärten, die aus seinen Lehren hervorgegangen sind, immer mehr Waldkindergärten oder gibt es „spielzeugfreie“ Wochen. Lange bevor über Gesamtschule diskutiert wurde, gab es in den Waldorfschulen schon Ansätze, um Kinder gemeinsam zu unterrichten und gleichzeitig, je nach ihren Fähigkeiten und ihrem Entwicklungsstand, individuell zu fördern.

 

Ganzheitlich, multidisziplinär, ein Blick auf die Zusammenhänge zwischen Körper und Psyche – alles auch bereits zentrale Themen der anthroposophisch erweiterten Medizin. Dazu kommen Steiners Bemühungen, Menschen mit Behinderung möglichst umfassend zu unterstützen.

 

Die von ihm entwickelte Anthroposophie hatte bereits zu Steiners Lebzeiten zudem Auswirkungen auf landwirtschaftliche, biologisch ausgerichtete Konzepte, und insgesamt auf die Wirtschaft. Auch dort ging und geht es um zentrale aktuelle Themen wie Nachhaltigkeit, gutes Betriebsklima durch Mitbestimmung und faire Preise. Das Wort Anthroposophie ist eine Kombination der griechischen Wörter „anthropos“ (Mensch) und „sophia“ (Weisheit). Der Mensch sei nicht nur ein Bürger der Erde sondern auch einer geistigen Welt. In jedem Menschen würden geistige Kräfte schlummern, die sich durch entsprechende Übungen wecken und steigern ließen, war Steiner überzeugt. Bei der Anthroposophie geht es darum, „hinter die Dinge“ zu blicken, um eine umfassendere Zugangsweise zum Leben zu bekommen.

 

Viele Ebenen statt nur ein einzelner Körper

Steiner gab sich nicht damit zufrieden, nur den Körper des Menschen näher zu betrachten. Allen Lebewesen gemeinsam wäre ein „ätherischer Leib“, ein über das Physische hinausgehendes Organisationsprinzip, das durch entsprechende Schulung auch wahrnehmbar sei. Dazu kommt eine zusätzliche Ebene, der „Astralleib“: der Träger von Empfindungen und Gefühlen. Als weiteren Teil des Menschen sah Steiner das „Ich“, die geistige Individualität, die den Menschen vom Tier unterscheidet und den materiellen Tod überdauert. In den ersten sieben Lebensjahren würde es um die Entwicklung des „physischen Leibs“ gehen, der Großteil der Energie und Aufmerksamkeit würde hier gebraucht werden. Daher sprechen sich viele, die Steiners Lehren folgen, dagegen aus, dass Kinder vor dem siebten Lebensjahr Lesen lernen. Große Bedeutung wird dem Erfahrungslernen sowie der Förderung der Eigenaktivität zugemessen. Herangehensweisen, die inzwischen in verschiedenen Varianten auch in „normalen“ Kindergärten umgesetzt werden.

 

In Österreich gibt es 31 Waldorfkindergärten. Der Name stammt von den Schulen, die sich an den Lehren Steiners orientieren – die erste wurde 1919 für Kinder der Mitarbeiter der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik in Stuttgart gegründet. Die Zahl der Waldorfkindergärten und der Kindergärten, die mit anthroposophischen Elementen arbeiten, ist im Steigen begriffen. „Das Freispiel hat Vorrang vor dem Lernspiel, Kinder können bei uns mit allen Sinnen ihre Erfahrungen machen“, erklärt Brigitte Goldmann, die die Aus- und Weiterbildung der heimischen Waldorfpädagoginnen und -pädagogen koordiniert. Hohen Stellenwert hat die Beziehung zur Natur, die durch Aktivitäten im Freien gefördert wird. Die Phantasie wird zudem durch unbearbeitete Holzklötze, Wurzeln, Steine, Zapfen, Muscheln, Kerne gefördert, sowie durch Holzspielständer, Tücher, selbstgemachte Puppen, Seidenmarionetten und Holztiere. Auch die Musik wird selbst gemacht. Diese direkten Erfahrungen sollen Vorrang vor passiver Wahrnehmung haben. So werden Eltern auf den möglichen negativen Einfluss von elektronischen Medien hingewiesen. „Die Entscheidung, wie Eltern solche und andere Hinweise umsetzen, bleibt ihnen überlassen“, betont Goldmann.

 

Um individuelle Förderung geht es auch in den 18 Waldorfschulen in Österreich. Ein großer Unterschied zur Regelschule ist, dass es keine Noten und kein Sitzenbleiben gibt – gearbeitet wird mit schriftlichen Beurteilungen. Ziel ist, durch den ganzheitlichen Ansatz verschieden intellektuell, sozial, emotional und motorisch begabte Schüler gemeinsam in einer Klasse zu unterrichten und gleichzeitig am jeweiligen Entwicklungsstand ausgerichtet zu unterstützen.

 

„Waldorfpädagogik berücksichtigt, ähnlich wie die Montessori-Pädagogik, die sensiblen Phasen bei heranwachsenden Kindern“, erklärt Tobias Richter, der unter anderem an der Donau-Universität Krems in einem Masterlehrgang zu Waldorfpädagogik unterrichtet. „Es gibt eben nicht nur die eine Intelligenz, der Leistung abverlangt wird, sondern es müssen vielfältige Intelligenzen trainiert und entwickelt werden.“ Es könne also laut Richter keine Rede von Unterforderung oder rigider, einseitiger Ausrichtung des Unterrichts sein. Waldorfpädagogik sei keineswegs realitätsfremd, sie würde neue, ganzheitlichere Zugänge zu zentralen Lebensfeldern bringen. Geist, Seele und Leib sollen in der Waldorfschule gleichberechtigt gefördert werden – große Bedeutung hat der handwerklich-künstlerischer Unterricht. In der Oberstufe wird stärker projekthaft unterrichtet. Es gibt etwa Landwirtschafts-, Forst- und Feldmesspraktika sowie Sozial- und Wirtschaftspraktika. Von Steiners Philosophie geprägt sind auch Schulen mit heilpädagogischem Schwerpunkt – davon zwei in Österreich. Sowie mehr als 100 so genannte Camphill-Gemeinschaften, für Menschen mit schweren geistigen, seelischen und körperlichen Benachteiligungen, etwa in Liebenfels in Kärnten. Sie bieten Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten sowie umfassende Unterstützung – genau diese geht einigen Kritikern zu weit, weil ihnen Integrationschancen fehlen. Gleichzeitig entsteht für viele Menschen eine Lebenswelt, in der sie auch mit ihrer Behinderung „zuhause“ sein können und wo sie individuell gefördert werden.

 

Steiners Philosophie in Landwirtschaft bewährt

Letztendlich gehe es insgesamt darum, wie konservativ Steiners Impulse ausgelegt werden, sagt die Historikerin Gebhardt. Sie bedauert in ihrem Buch, dass Steiner oft als rückwärtsgewandt wahrgenommen und interpretiert wird. Das Gegenteil sei der Fall: Steiner habe vieles vorweggenommen und angeregt, das heute hoch aktuell ist. Ein Beispiel ist der biologisch-dynamische Landbau: Die Marke Demeter war schon vor über 80 Jahren ein Vorreiter bei der biologischen Landwirtschaft. In 38 Ländern wird auf über 3500 Betrieben mit rund 100.000 Hektar Fläche nach den Demeter-Richtlinien biologisch-dynamisch gewirtschaftet. Der weltweite Umsatz mit Demeter-Produkten wird auf rund 220 Millionen Euro geschätzt. In Österreich gibt es 160 Demeter-Landwirte, die Hälfte davon in Niederösterreich. Die Demeter-Produkte GmbH kauft von diesen die Produkte und lässt sie von heimischen Firmen verarbeiten. Geachtet wird dabei darauf, dass alle, vom Hersteller bis zum Verkäufer, faire Preise erhalten. Für die Verarbeitung der Produkte gelten noch strengere Auflagen als für den biologischen Landbau, etwa beim Einsatz von Zusatzstoffen. Der gesamte Hof wird im biologisch-dynamischen Landbau als lebendiger Organismus gesehen.

 

Wichtige Ausgangspunkte für die tägliche Arbeit liefern Naturbeobachtungen – etwa die Mondphasen. Zum Einsatz kommen biodynamische Präparate die von den Bauern selbst hergestellt werden: etwa aus Baldrian, Kamille, Eichenrinde, fein zerriebenen Quarzkristallen, Schafgarbe, Löwenzahn und Brennessel. Damit wird das Wachstum der Humusschicht gefördert, die Pflanzen werden kräftiger. Demeter-Bauern ist zudem das Wiederentdecken und der Erhalt von Getreide-, Obst- und Gemüsesorten wichtig, die vom Aussterben bedroht sind. Artgerechte Tierhaltung ist eine Selbstverständlichkeit – die Zahl orientiert sich an der Größe der Landwirtschaft. Das Futter kommt mindestens zur Hälfte vom eigenen Hof.

 

Steiners Gedankengut wurde nicht nur in der Landwirtschaft sondern auch in anderen Produktionsbereichen aufgegriffen: Es gibt auch einige Unternehmer, die die Anthroposophie in den Wirtschaftsbereich übertragen. So wurde 1974 in Deutschland die GLS-Bank gegründet, 1984 die Freie Gemeinschaftsbank in der Schweiz. Beide finanzieren inzwischen nicht nur Projekte in Demeter-Höfen und Waldorfschulen sondern im boomenden Ethikbereich, also Ökologie, Frieden und Gleichberechtigung. In der Schweiz gibt es auch eine anthroposophisch orientierte Pensionskasse.

 

Der Unternehmer Götz Werner, der die Drogeriekette dm gegründet und lange geleitet hat, setzt sich wie andere Anthroposophen für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein. Die 30.000 Mitarbeiter der dm-Märkte haben ein starkes Mitgestaltungs- und Mitspracherecht: Sie bestimmen das lokale Sortiment, handeln miteinander Dienstpläne und Gehälter aus. Vorgesetzte werden teils von der Belegschaft gewählt, es gibt ein breites Weiterbildungsprogramm.

 

Rudolf Steiner entwickelte also ein Denk- und Lebenskonzept, das den Blick hinter die Dinge in allen Feldern fördert. Während andere Gedankenexperimente der Zwischenkriegszeit sang- und klanglos verschwunden sind, hat die Anthroposophie teils tiefe Wurzeln geschlagen und ist gleichzeitig in vielen Aspekten in Weiterentwicklung begriffen. Es ist ein Ansatz, der die Gesellschaft in den nächsten Jahren vermutlich noch viel stärker beschäftigen und herausfordern wird als bereits heute. Auch und insbesonder in der Medizin.

 

Anthroposophisch erweiterte Medizin

Wie in anderen ganzheitsmedizinischen Ansätzen sieht auch die anthroposophisch geprägte Medizin Patienten in ihrer Ganzheit. „Einen wichtigen Ausgangspunkt können übliche diagnostische Möglichkeiten wie Computertomografie, Magnetresonanz und Labor liefern. Anthroposophie versteht sich als Ergänzung zur Schulmedizin“, betont Harald Siber. Zwischen 1989 und 1998 war Siber Präsident der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte Österreichs (www.anthromed.at). Der Internist war einer der Gründer der komplementärmedizinischen Ambulanz im Wiener Sophienspital und ist auch in einer niedergelassenen Ordination tätig.

 

Siber war auch an der Entwicklung eines Diploms der Ärztekammer zu anthroposophischer Medizin beteiligt. Es gibt 45 Ärzte mit diesem Diplom, mehrheitlich Allgemeinmediziner, sowie Fachärzte für Innere Medizin, Kinderheilkunde, Gynäkologie und Neurologie. Sie arbeiten immer wieder eng mit verschiedenen Therapeuten zusammen, gerade wenn es um die anthroposophische Form der Bewegungstherapie – Eurythmie – oder Maltheraphie geht. Der multidisziplinäre Ansatz wird hier wesentlich intensiver als oft in der Schulmedizin üblich gelebt. 

 

Neben der Ambulanz im Sophienspital gibt es auch noch eine akutgeriatrische Station am Wiener Otto-Wagner-Spital sowie die Abteilung für Geburtshilfe und Frauenheilkunde am Landeskrankenhaus Bregenz und eine Abteilung für Onkologie am Krankenhaus Wien-Hietzing, wo auch mit Ansätzen der anthroposophischen Medizin gearbeitet wird.

 

Krankheit wird von Steiner und seinen Anhängern als Chance der Veränderung und des Wachstums wahrgenommen. „Rudolf Steiner wurde von anderen als Seher bezeichnet“, analysiert Siber (siehe Kasten Seite 38), „ich kenne in Österreich keinen anthroposophischen Arzt, der behauptet, nur aufgrund seiner Wahrnehmung etwa der Aura eines Menschen eine Diagnose stellen oder behandeln zu können. Gleichzeitig ist der Blick auf diese übersinnliche Ebene, die sich zum Beispiel in bestimmten Symptomen und ihrer konkreten Ausprägung widerspiegeln kann, sehr wichtig für unsere Arbeit und wird unter anderem durch bestimmte Fragetechniken unterstützt.“

 

In Deutschland und der Schweiz gibt es sogar, wie in Herdeke, Schwerpunktkrankenhäuser sowie Alters- und Pflegeheime, die anthroposophisch geführt werden.

 

 

Der Autor: Christian F. Freisleben-Teutscher lebt in Linz und arbeitet als Berater, Referent sowie Journalist mit den Schwerpunkten Bildung, Gesundheit, Soziales und Nachhaltigkeit.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0