"Wissenschaftliche Unredlichkeit"

Anbauflächen mit gentechnisch veränderten Pflanzen sind keine Seltenheit mehr. Umweltschutzorganisationen warnen. Foto: Greenpeace
Anbauflächen mit gentechnisch veränderten Pflanzen sind keine Seltenheit mehr. Umweltschutzorganisationen warnen. Foto: Greenpeace

 

Genmais, Genreis, Gensoja: Was bedeutet eigentlich „genmanipuliert“ beim Pflanzenanbau? Und welche Auswirkungen hat das so genannte Genfood auf die Gesundheit? Hier ein kompakter Überblick.


Von Sigrun Saunderson

Die Bienen tun es. Der Wind tut es. Selektion und Kreuzung geschehen auf jeder Blumenwiese ganz ohne das Zutun des Menschen. Jeder Rosenzüchter und jeder Obstbauer macht sich diese Mechanismen zunutze und kreuzt gezielt jene Pflanzen ein, die die gewünschten Eigenschaften aufweisen. Und so gut wie niemand stößt sich daran. Ist die Gentechnik aber wirklich nur ein weiterer Schritt in der Pflanzenzüchtung? Oder ist sie doch ein Riesensprung, vielleicht sogar in eine ganz andere Richtung und mit unabschätzbaren Folgen?

 

Im Gegensatz zu Biene und konventionellem Pflanzenzüchter braucht der Gentechniker keine Pollen, die durch den Kontakt zum Blütenstempel ihre Erbinformationen weitergeben. Er nimmt die Erbinformation – ein merkmalbestimmendes Gen – selbst und verändert es gezielt, entfernt es oder fügt ein zusätzliches hinzu. So kann er im Labor zum Beispiel aus einer bisher weißblühenden Nelke mithilfe von Genen aus Petunie und Veilchen eine blauviolette Nelke machen.

 

Tatsächlich lassen sich spannendere Erbinformationen transportieren, und zwar nicht nur zwischen zwei Pflanzen, sondern zwischen völlig unterschiedlichen Organismen.

 

Distanzen zwischen den Arten werden überwunden

Die Gentechnik kann heute auch große Distanzen zwischen den verschiedenen Arten überbrücken und dadurch Eigenschaften kreieren, die der Natur von selbst nicht einfallen würden. Die sie auch gar nicht zustande brächte. So könnte der Gentechniker Merkmale des Marienkäfers in das Gänseblümchen einbauen, wenn das denn unbedingt sein soll.

 

Der seit 1998 in Europa für den Anbau zugelassene Mais MON810 zum Beispiel enthält in seiner Erbinformation ein Gen des Bakteriums Bacillus thuringiensis. Mit diesem Gen erzeugt jede Zelle der Maispflanze selbst ein Insektengift, das die Raupen des Maiszünslers lähmt und schließlich tötet. Der vom Pharma- und Chemiekonzern Bayer entwickelte Raps Liberator pHoe6/Ac ist gegen das Pflanzengift Glufosinat immun. Auch seine Erbinformationen wurden um ein Gen eines Bakteriums verändert. Ein Rapsfeld kann so großzügig mit Glufosinat besprüht werden, bis kein Kraut mehr darauf wächst – allein der dagegen immune Raps bleibt stehen. Genial, so lange der Rapsbauer genügend Glufosinat bei der Hand hat, das er selbstverständlich auch bei Bayer kaufen kann. Ähnliches können der Reis LL62 von Bayer und die Sojapflanze BPS-CV127-9 des deutschen Chemieriesen BASF.

 

Auf der stetigen Suche nach neuen Gentechnik-Anwendungen produzieren Gen-Labore auch Lebensmittel mit veränderter Zusammensetzung: Reis mit extra viel Vitamin A oder Mais, der auch auf trockenen Böden gedeiht, weil ihn ein Gen des Bacillus subtilis gegen Wassermangel unempfindlich macht. Im Gentech-Labor scheint alles machbar. Auch die koffeinfreie Kaffeebohne.

 

Kritik an dieser so genannten Grünen Gentechnik gibt es zuhauf. Hersteller von genetisch modifiziertem Saatgut müssen sich den Vorwurf des wirtschaftlichen Machtinteresses gefallen lassen. Doch vor allem ökologische und gesundheitliche Bedenken bereiten Sorge: Die Pollen von genmanipuliertem Raps fliegen auch über die Grenzen seines Feldes und befruchten möglicherweise den konventionellen Raps oder gar die Wildblumen am Waldrand mit den nun manipulierten Genen. Eine Veränderung, die nicht mehr rückgängig zu machen ist.

 

Genfood besser untersucht als andere Lebensmittel

Und wie wirken sich gentechnisch veränderte Organismen (GVO) auf die gesamte Insektenwelt aus? Wie auf jene Tiere, die diese Insekten wiederum fressen? Wie auf diejenigen, die den Mais selbst essen – Tiere und Menschen? „Ich habe keine Sorge die menschliche Gesundheit betreffend, weil kein erhöhtes Risiko nachweisbar und denkbar ist“, meint Josef Glößl, Professor am Department für angewandte Genetik und Zellbiologie der Universität für Bodenkultur in Wien. „Keine anderen Lebensmittel sind so gut untersucht wie die gentechnisch veränderten. Ich halte daher das mögliche Gesundheitsrisiko bei den uns fremden, exotischen Lebensmitteln für größer als bei den so genannten GVO.“

 

Tatsächlich müssen die Hersteller gentechnisch veränderter Pflanzen eine Reihe von Nachweisen vorlegen, bevor die Europäische Kommission diese zum Anbau oder Import in Europa zulässt. Doch nicht nur ausgesprochene Gentechnik-Gegner sondern auch unabhängige Wissenschaftler warnen Konsumenten, sich wirklich auf diese Nachweise zu verlassen. „Die Antragsteller führen in der Regel nicht die Tests auf Toxikologie und Allergenität aus, die notwendig wären“, erläutert Helmut Gaugitsch vom österreichischen Umweltbundesamt. In der Praxis verläuft die Prüfung auf eventuelle allergieauslösende Inhaltsstoffe so: Der Hersteller durchstöbert die internationale Datenbank aller bisher bekannten allergieauslösenden Proteine und überprüft, ob eines dieser Proteine auch in seinem Produkt vorkommt. Wenn nicht, gilt es als allergologisch unbedenklich. Ganz ohne einen Test mit dem tatsächlichen genmodifizierten Produkt gemacht zu haben.

 

Auch die von der Europäischen Union geforderte toxikologische Prüfung wird meist nur mit jener isolierten Substanz durchgeführt, die neu in die veränderte Pflanze eingebracht wurde. So wird zum Beispiel nicht der ganze gentechnisch veränderte Maiskolben in einem Fütterungsversuch auf gesundheitliche Auswirkungen getestet, sondern nur das isolierte Insektengift, das dieser Maiskolben von sich aus produzieren soll. Warum das einen Unterschied macht? Weil die Genetik nicht nach dem einfachen Baukastenprinzip funktioniert, wie es für den Normalverbraucher oft dargestellt wird.

 

Denn die Gene legen eben nicht alle Eigenschaften eindeutig fest: Ob und wie sich eine Eigenschaft ausprägt, hängt auch vom genetischen Umfeld und der Umwelt, in der sich der Organismus befindet, ab.

 

Plötzlich ganz andere Eigenschaften als zuvor

Stichwort Epigenetik: Wenn eine genetische Information aus einem Bakterium in eine Sojapflanze eingebaut wird, kann diese in der neuen Umgebung plötzlich ganz andere oder auch zusätzliche Eigenschaften auslösen als in ihrer ursprünglichen Umgebung des Bakteriums. Ergibt also eine wissenschaftliche Untersuchung, dass zum Beispiel das im Genmais produzierte Insektengift im menschlichen Körper keinen Schaden anrichtet, so bedeutet das nicht, dass der gesamte Genmais nicht irgendeine völlig unerwartete Eigenschaft angenommen hat. Das kann eine nützliche Eigenschaft sein, aber auch eine schädliche.

 

Besonders unabsehbar können diese unerwarteten Auswirkungen werden, wenn verschiedene gentechnisch veränderte Pflanzen wiederum miteinander gekreuzt werden – wie im Mais SmartStax der US-Konzerne Monsanto und Dow AgroSciences. Er produziert sechs verschiedene Insektengifte und ist gegen zwei Unkrautvernichtungsmittel resistent. Die europäische Lebensmittelbehörde EFSA hat seine Zulassung für die EU bereits befürwortet, obwohl keine Tests zu den Gesundheitsrisiken dieser Genkombination vorgelegt wurden. Es existieren lediglich die üblichen Tests zu den isolierten genetischen Merkmalen und ein Fütterungsversuch, der nur die Futterverwertung von Masthühnern überprüft.

 

Handlungsbedarf bei Lebensmittelsicherheitsbehörde

 „Wissenschaftliche Unredlichkeit“ nennt dies Peter Weish, Dozent für Humanökologie und Umweltethik an der Universität für Bodenkultur. Und Gaugitsch verlangt: „GVO-Lebensmittel müssen viel genauer untersucht werden als das derzeit passiert. Denn durch die Gentechnik werden große Veränderungen im genetischen Design und damit im Stoffwechsel eines Organismus verursacht. Es fehlen aussagekräftigere, statistisch umfassendere Fütterungsversuche mit Tieren, die diese Futtermittel tatsächlich zu fressen kriegen sollen. Die europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde hat noch einiges an Handlungsbedarf, um das System sicherer zu machen.“

 

Frage nach Gesundheitsrisiken wird ausgeklammert

Für Weish, der 1997 auch Sprecher des Gentechnik-Volksbegehrens war, ist die Frage nach den direkten gesundheitlichen Auswirkungen der Grünen Gentechnik ohnehin nicht die zentrale: „Selbst wenn nicht bewiesen werden könnte, dass zum Beispiel Roundup Ready-Soja gesundheitsschädlich ist, muss diese Art Anbau als Fehlentwicklung erkannt werden. Denn er ist mit der Ausbringung riesiger Mengen von Total-Pflanzengiften verbunden und schädigt somit den Boden nachhaltig. Dies steht einer langfristigen Sicherung der Welternährung diametral entgegen.“ Er sieht den Weg zu einer zukunftsfähigen Nahrungsbasis in der Sortenvielfalt und einer Bodenpflege mit Humusaufbau, wie sie nur von relativ kleinräumiger, lokal angepasster ökologischer Land- und Gartenwirtschaft geleistet wird. Weish: „Konsumentinnen und Konsumenten sollten sich generell darüber im Klaren sein, wie ihre Ernährungsweise – weit über die enge Frage gesund oder ungesund hinaus – Umwelt und Gesellschaft beeinflusst.“

 

 

Die Autorin: Sigrid Saunderson ist freie Journalistin in Breitenbrunn. Sie schreibt bevorzugt zu medizinischen und populärwissenschaftlichen Themen – unter anderem für das Universum Magazin und die Wiener Zeitung.

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    mugitsch eva (Dienstag, 15 März 2011 09:31)

    bin kein experte glaube aber nicht an ungefährliche Wandlungen
    für mensch UND Tier.
    Wozu das alles?
    Macht über alle ?