Alles nur Einbildung

Bekannte Darreichungsformen wecken Heilserwartung. Ob ein Wirkstoff enthalten ist oder nicht, ist vorerst irrelevant. Foto:jeancliclac/Photoxpress.com
Bekannte Darreichungsformen wecken Heilserwartung. Ob ein Wirkstoff enthalten ist oder nicht, ist vorerst irrelevant. Foto:jeancliclac/Photoxpress.com

 

Schwindel, Einbildung, nur bei beeinflussbaren Menschen möglich – so lautet die landläufige Meinung zu Placebo. Und immer wieder werden ganzheitsmedizinische Erfolge von Kritikern als Placebo abgetan. Die moderne Forschung kommt jedoch zu ganz anderen Ergebnissen.

 

Von Sigrun Saunderson

 

Für die gängige schulmedizinische Arzneimittelforschung ist der Placeboeffekt vor allem ein Ärgernis: Denn wenn ein neues Medikament in einer Studie an Patienten getestet wird, so muss diese lästige Erscheinung erst einmal aus der Statistik herausgerechnet werden. Dazu bekommt nur ein Teil der Testpatienten tatsächlich das zu testende Medikament, die Kontrollgruppe schluckt hingegen eine Tablette ohne Wirkstoff (das Placebo). Schließlich wird verglichen, ob das Medikament eine stärkere Wirkung hat als das Placebo. Nur dieser zusätzliche Effekt kann nämlich tatsächlich dem Wirkstoff zugeschrieben werden.

 

Die Erfahrung aus 250 Jahren solcher placebokontrollierter Arzneimittelstudien: Auch die Tablette ohne Wirkstoff wirkt. Und zwar bei bis zu 70 Prozent der Testpersonen. Umgekehrt ist die Wirkung jeder Behandlung, auch der mit pharmazeutischen Wirkstoffen, zu einem Teil auf reine Placebowirkung zurückzuführen. Sogar Operationen wirken manchmal nicht besser als Scheinoperationen.

 

„Es gibt Erkrankungen, bei denen der Placeboeffekt sogar den überwiegenden Teil des therapeutischen Nutzens einer Behandlung ausmacht”, erläutert Hans-Günther Knaus, Direktor der Sektion für Biochemische Pharmakologie an der Medizinischen Universität Innsbruck. „Vor allem die Wirkung von Antidepressiva kann zu bis zu 90 Prozent auf die Placebowirkung zurückgeführt werden. Hier stellt sich vielleicht die Frage, warum man dann überhaupt noch ein Antidepressivum verschreibt – weil der Wirkstoff, der Verum-Effekt, noch eins draufsetzt. Diese letzten 10 Prozent können ausschlaggebend sein und zum Beispiel den Patienten vom Selbstmord abhalten.”

 

Auch bei Operationen kann die Placebowirkung im Spiel sein. Das bewies zum Beispiel J. Bruce Moseley im Jahr 2002: Ob eine Knieoperation tatsächlich stattfand oder durch einen oberflächlichen Schnitt nur vorgetäuscht wurde, machte keinen Unterschied. In beiden Fällen ging es 90 Prozent der Arthrose-Patienten auch noch zwei Jahre nach der Operation besser, egal ob tatsächlich operiert oder nur zum Schein – im Placebo steckt mehr Kraft als man glaubt. Woher aber kommt diese Kraft? Aus der Erwartungshaltung des Patienten vor allem. Vertraut der Patient darauf, durch eine Infusion ein potentes Schmerzmittel zu bekommen, gehen seine Schmerzen tatsächlich zurück – auch wenn durch die Kanüle nur eine wirkungslose Salzlösung fließt. Auch reine Konditionierung kann zu einer Placebowirkung führen. Wer über einen längeren Zeitraum ein wirksames Schmerzmittel einnimmt, reagiert auch dann mit derselben – erlernten – Symptomverbesserung, wenn das Schmerzmittel ohne sein Wissen durch ein unwirksames ersetzt wird. Die Konditionierung ist übrigens jener Auslöser einer Placebo-Reaktion, der auch bei Tieren nachgewiesen werden konnte (Schedlowski 1992).

 

„Symptome, die eine starke psychische Komponente haben – wie Schmerz, Depression oder Schlafstörungen – lassen sich durch eine Placebo-Behandlung leichter verbessern als zum Beispiel Krebs“, sagt Knaus. Wer jetzt aber glaubt, das ließe sich alles auf Einbildung zurückführen – eingebildete Krankheiten oder eingebildete Verbesserung – der irrt gewaltig.

 

Der Placeboeffekt tritt auch bei Krankheiten mit überprüfbaren Symptomen auf, wie Bluthochdruck, Magengeschwüren und Asthma. Und er bewirkt sogar messbare körperliche Veränderungen: Eine Studie der University of Michigan zeigt, wie sich in Arthrose-Patienten körpereigene Schmerzmittel bilden und an Rezeptoren im Gehirn andocken, sobald der Patient überzeugt ist, ein Schmerzmittel injiziert zu bekommen – tatsächlich war es eine Kochsalzlösung. Eine Forschergruppe rund um Fabrizio Benedetti in Turin beobachtete, wie bestimmte Hirnregionen von Parkinson-Patienten aufgrund einer Placebogabe aktiviert wurden. Dies erklärt auch, warum Alzheimer-Patienten wesentlich weniger Placeboreaktion zeigen. Ihre Frontallappen im Gehirn, die auch für Erwartungen zuständig sind, sind durch die Krankheit in ihrer Funktion beeinträchtigt.

 

Um eine Therapie möglichst wirkungsvoll zu gestalten, hilft es also, die Heilungserwartung im Patienten zu stärken. Aber wie? Allein die Gabe eines Medikaments oder einer therapeutischen Behandlung trägt bereits zur Heilungserwartung bei. Mindestens gleich wichtig ist jedoch der Einfluss der Arzt-Patienten-Beziehung. Dabei ist nicht nur die Erwartungshaltung des Patienten ausschlaggebend, sondern auch die des Arztes. Kann er Vertrauen in gute Heilungschancen vermitteln, werden diese tatsächlich größer. Eine Studie an der Universität Harvard (Kaptchuk u.a., 2008) kommt zum Schluss, dass allein wiederholte Gespräche mit dem Arzt schon bei 20 Prozent der Reizdarm-Patienten zu wesentlicher Verbesserung führten. Kam zu den Gesprächen auch noch eine Placebo-Behandlung dazu, so berichteten sogar 37 Prozent der Patienten von einer Besserung der Symptome. Das alles noch bevor eine Verum-Therapie mit nachgewiesener Wirkung zum Einsatz kam.

 

Warum aber sprechen nur bestimmte Personen auf Placebos an und andere nicht? Sind sie wirklich besonders leichtgläubig, beeinflussbar oder naiv? Dazu gibt es noch keine klaren Forschungsergebnisse. Eines ist jedoch sicher: Wer stark auf Placebos reagiert, profitiert weitaus mehr von jeder Behandlung als jemand, der keine Placeboreaktion zeigt. Denn für ihn summiert sich die  Wirkung der Behandlung mit der zusätzlichen Placebowirkung zu einem potenten Heilmittel. Außer natürlich, er erwartet einen negativen Ausgang. Denn auch die negative Erwartung schlägt sich in den Heilungschancen nieder und kann sogar die nachgewiesen positive Wirkung eines Heilmittels ins Negative umkehren. Dieser so genannte Nocebo-Effekt lässt sich zwar in Studien als Nebeneffekt beobachten, wird aber aus ethischen Gründen noch wenig erforscht. Der italienische Placebo-Experte Fabrizio Benedetti hat zumindest für Schmerzpatienten eine Erklärung: „Experimente deuten darauf hin, dass negative Suggestion eine ängstliche Erwartung auslöst, die wiederum Cholecystokinin aktiviert, ein Hormon, das die Schmerzübertragung verstärkt.” Die Ergebnisse der Placebo-Forschung zeigen bereits Wirkung: Die deutsche Ärztekammer versuchte in einer Stellungnahme im vergangenen Juli das Bewusstsein ihrer Ärzteschaft dafür zu schärfen, „dass der Placeboeffekt bei nahezu jeder Behandlung auftreten kann”. Dazu gehören nicht nur das Placebo-Medikament, sondern auch der Einfluss des Behandlungsumfelds, die Erwartung des Patienten und des Arztes und die Arzt-Patienten-Interaktion.

 

Bewusster Einsatz von Placebos zulässig

Und sogar den bewussten Einsatz von Placebos in der Behandlung erklärt die deutsche Ärztekammer als zulässig, da Placebos nachgewiesene Heilerfolge zeigen. Allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen: Wenn es für eine Krankheit keine andere wirksame Behandlung gibt, wenn es sich um relativ geringe Beschwerden handelt und der Patient eine Behandlung verlangt, und wenn eine Aussicht auf Erfolg einer Placebobehandlung besteht. Die Chance, in der Arztpraxis bewusst getäuscht und mit Placebos behandelt zu werden, bleibt daher gering. Zum Nachdenken über die Mechanismen der Heilung hat die Placeboforschung jedoch bereits angeregt. Irving Kirsch, Professor für Psychologie an der Universität Hull, England: „Wir haben die Fähigkeit, körperliche Krankheiten mit psychologischen Mitteln zu heilen. Das müssen wir erst einmal akzeptieren. Die Placeboforschung demonstriert das deutlich. Wir müssen verstehen, dass die Patienten aktive Teile ihrer Behandlung sind, nicht passive. Der Placeboeffekt kommt nicht von der Pille, er kommt aus dem Patienten.”

 

 

 

Ist Kompementär-Medizin nur ein Super-Plazebo?

 

Homöopathie-Gegner jubelten: Globuli hätten nicht mehr als Placebowirkung. Zu diesem Ergebnis kam eine immer noch viel zitierte Metastudie einer Schweizer Forschergruppe (Egger u.a.) im Jahr 2005. Sie wählte aus 21 Doppelblindstudien, die in ihren Augen methodisch korrekt durchgeführt waren, acht für ihre Analyse der Homöopathie aus. Ihr Ergebnis lautete: „Eine Auswertung der besten Studien zeigte, dass Homöopathie nicht besser als Scheinarznei wirkt.” Das britische Fachblatt „The Lancet” – und in der Folge die gesamte europäische Medienwelt – verkündete flugs das Ende der Homöopathie.

 

Was niemand dazu sagte: Hätte die Gruppe um Egger andere acht Studien aus den 21 ausgewählt, wäre ihr Ergebnis positiv für die Homöopathie ausgegangen. Sie  hatte offenbar die acht für die Homöopathie ungünstigsten Studien gewählt. Dies haben sowohl die Schweizer Vereinigung homöopathischer Ärztinnen und Ärzte als auch die britische Faculty of Homoeopathy schlüssig nachgewiesen. Dennoch gilt die Egger-Studie weiterhin für viele als Beweis dafür, dass Homöopathie nicht mehr als ein Placebo wirke.

 

Heißt das nun, dass die Wirkung der Homöopathie definitiv nachgewiesen ist? Nein! Komplementäre Heilweisen profitieren sicherlich vom Placeboeffekt mehr als Schulmedizin, denn allein schon die Arzt-Patienten-Beziehung ist eine stärkere. Die aktuelle Forschung zeigt, dass die persönliche Zuwendung in vielen Behandlungen – ob komplementär oder schulmedizinisch – tatsächlich der ausschlaggebende Grund für die Heilung sein kann. Wer zunächst eine ganze Stunde beim Arzt sein Herz ausschütten kann, und dann eine individuelle Behandlung bekommt, hat eindeutig größere Chancen auf Besserung.

 

Komplementärmedizin nützt wohl den Placeboeffekt meist besser als Schulmedizin. Bedeutet das, sie hätte keine Wirkung abseits der Placebowirkung?  Für den Patienten ist es beinahe unmöglich, sich ein objektives Bild aus den vorhandenen Studien zu machen. Zu einfach ist es, Statistiken zu beeinflussen und Studienbedingungen so zu setzen, dass das gewünschte Ergebnis herauskommt. Dem einzelnen Patienten ist es meist auch egal. Er geht dorthin, wo er sich wohlfühlt. Und bezahlt eben selbst für den Homöopathen, wenn er es sich leisten kann. Wollen Komplementärmediziner jedoch Teil des öffentlichen Gesundheitswesens werden und zum Beispiel auch auf Kassenkosten behandeln, so ist es berechtigt, Wirkungsnachweise zu fordern, die über den Placeboeffekt hinausgehen.

 

Wie diese Nachweise aussehen sollen, ist ein alter Streit zwischen Komplementärmedizinern und Arzneimittelforschern: Ein auf pharmazeutische Mittel zugeschnittenes Studiendesign könne auf komplementäre Methoden nicht immer angewendet werden, sagen die einen. Nur randomisierte kontrollierte Studien nach dem derzeitigen Goldstandard der Wissenschaft lieferten glaubwürdige Ergebnisse, sagen die anderen.

 

Doch halt: Solche Studien gibt es. Laut der britischen Faculty of Homeopathy wurden bis 2009 genau 142 randomisierte kontrollierte Studien zur Homöopathie nach höchsten wissenschaftlichen Standards durchgeführt. Davon brachten 63 ein positives Resultat, 11 ein negatives und 68 ein statistisch nicht repräsentatives (zum Beispiel aufgrund einer zu kleinen Testgruppe).

 

Daraus schließt die britische Homöopathen-Vereinigung: „Die Evidenz aus den bisherigen Studien spricht weder definitiv für noch gegen die homöopathische Medizin als eine therapeutische Möglichkeit für jene Krankheitsbilder, in denen sie bisher untersucht wurde. Es ist offensichtlich, dass mehr Forschung notwendig ist.”  Von einem „Ende der Homöopathie“ oder anderer Komplementärmethoden kann also keine Rede sein.

 

 

 

 

 


Hildegard Tischer: Heilende Einbildung - Medizin zwischen Placebo-Effekt und Wunderheilung
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