Karma zum Anziehen

Ökologisch und fair: Anbau und Ernte von Biobaumwolle als Grundpfeiler für nachhaltige Mode. Im Bild eine Anbaufläche der Firma Agrocel in Indien. Foto:EZA Fairer Handel GmbH
Ökologisch und fair: Anbau und Ernte von Biobaumwolle als Grundpfeiler für nachhaltige Mode. Im Bild eine Anbaufläche der Firma Agrocel in Indien. Foto:EZA Fairer Handel GmbH

 

Fair Fashion und Eco Chic sind nicht nur in aller Munde. Man trägt den Trend auch als Statement. Ökologisch korrekte Mode in Österreich boomt. Statt Birkenstock und Batik gibt es jetzt lässige Designer-Klamotten für Umweltbewusste. Ein Streifzug durch die ganzheitliche Modewelt.

 

Von Sigrit Fleisz und Berit Freutel

Über den Laufsteg jagt ein Trend den nächsten. Nichts ist so alt wie die Kollektion von gestern. Tendenzen in der Mode spiegeln aber auch tiefer liegende gesellschaftliche Entwicklungen. Das renommierte Hamburger „Trendbüro“ hat beschlossen, dem aktuellen schönen Schein näher auf den Grund zu gehen. Als selbst ernannte Beobachter des gesellschaftlichen Wandels analysierte das Team die Neuigkeiten auf Modemessen. Die Frage: Welche Angebote hält die Fashion-Branche für die gegenwärtigen Wünsche und Begehren der Menschen bereit? Unter sieben definierten Trends sticht einer heraus: „Eco Chic“. Und der hat heuer ganz klar die Führung übernommen.

 

Moderner Eco-Chic hat, wie der Name schon vermuten lässt, rein gar nichts mehr mit dem Jute-statt-Plastik-Look aus den siebziger Jahren gemein. Dabei gibt es auch Angebote aus Österreich: Das Lable Alila etwa erfrischt seit 2008 mit einem visionären nachhaltigen Look: „Der Name Alila kommt aus dem Sanskrit und bedeutet soviel wie Überraschung“, sagt die Designerin Barbara Lindner. Die Wienerin kommt ursprünglich aus dem Kulturmanagement, ist modische Autodidaktin und verarbeitet traditionelle Materialien meist in Vintage-Qualität zu zeitgemäßen Kleidungsstücken in limitierten Kleinserien. Alila sieht sich damit als Gegenposition zum Massenmarkt mit billiger und unter fragwürdigen Umständen produzierter Einheitsmode. „Wir machen Recycling deluxe“, sagt Lindner. Dabei verwendet sie meist japanische Kimono-Stoffe der 1930er- bis 80er-Jahre. Die Patina ist dabei kein Makel, sondern charmante Eigenheit, die jedes Teil unverwechselbar macht. Kein Wunder also, dass eine blütenbesetzte Alila-Clutch-Tasche aus alter japanischer Obi-Seide bei der Ausstellung „Leder, Stoff und Reißverschluss“ im Wiener Museum für Angewandte Kunst ausgestellt wird. Auch international ist Alila mittlerweile ein Begriff: Bei der „Blickfang“-Stuttgart zeigt sie bei der Sonderschau „eco design“ mit acht weiteren Öko-Lables, dass Design und Zeitgeist mit Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein Hand in Hand gehen und dabei auch noch toll aussehen können.

 

Trendige Alternative zur billigen Massenware

„Wir sind keine Ökos“, sagt auch Martin Höfler, Mitbegründer des Fashionlables Armedangels. „Wir möchten den Menschen einfach eine Alternative bieten, also stylische Klamotten, die ökologisch und fair produziert wurden.“ Gemeinsam mit seinem Kollegen Anton Jurin haben sich die jungen Armedangels sei Juni 2007 in Köln der Produktion und Vermarktung von ökologisch korrekter Mode verschrieben. Will heißen: Keine Kinderarbeit, keine unmenschlichen Arbeitszeiten oder Löhne, kein Einsatz von Pestiziden. Stattdessen wird reine Baumwolle, die davor mit natürlichen Schädlingsbekämpfungsmitteln bearbeitet wurde, verarbeitet. Die Firma Armedangels geht auf Nummer sicher. Die zwei Jungunternehmer, die mit einer klaren Mission auf die internationale Modeszene zusteuerten, setzen auf ihrem Kurs in eine bessere Welt auf den Partner „Fairtrade“, ein Zertifizierungsinstitut, das sich mit der Kontrolle von fairem Handel, ökologischem Anbau und sozialen Arbeitsbedingungen beschäftigt. Mit Hilfe von so genannten Business Angels, Unternehmern, die kleinen Firmen mit Wachstumspotential finanziell unter die Arme greifen, produzierten Martin Höfler und Anton Jurin ihre erste Kollektion und wurden mit dem Gründerpreis von 250.000 Euro belohnt. „Die Produktionskosten unserer Teile sind höher als bei großen Billig-Herstellern“, sagt Anton Jurina. „Das meiste Geld geht dabei für den Kauf fair produzierter Baumwolle aus Indien und anderen Ländern drauf. Die Bauern erhalten von uns einen Preis, der weit über dem oft mageren Weltmarktniveau liegt.“ Wer ökologisch korrekt gestylt sein will, muss sich darüber im Klaren sein, wie viel ihm sein reines Gewissen wert ist. Etwas mehr zu bezahlen ist das ganze Geheimnis. Rund 30 Euro kostet ein T-Shirt bei den Armedangels; locker ein Dreifaches dessen, was bei H&M und Co auf den Preisschildern steht. Return on Investment: Man hat nicht nur das Gefühl etwas Gutes getan zu haben, sondern erntet auch Komplimente für einen individuellen Look abseits der Main-Stream-Mode.

 

Nachfrage aus der Bevölkerung wächst ständig

Menschen mit überdurchschnittlich hohem Einkommen legen ihr Geld mittlerweile mit Vergnügen in einem von Gesundheit und Nachhaltigkeit geprägten Lebensstil an. Die so genannten Lohas (Lifestyle of Health and Sustainability) haben aufwändigen Luxus-Tripps, die der Umwelt häufiger schaden als nutzen, den Rücken gekehrt und fordern nebst ausgewogenem Lifestyle auch Eco-Fashion auf höchstem Niveau. Sie machen, Experten zufolge, in Deutschland und Österreich bis zu achtzehn Prozent der Bevölkerung aus. Tendenz steigend. Kein Wunder also, dass die wirtschaftlichen Big Player auf diesen schnell wachsenden und überaus potenten Markt reagieren und ihn mit entsprechenden Produkten bedienen. Allen voran stiegen der deutsche Modegigant C&A, der US-Sportartikel-Hersteller Nike sowie Wal-Mart auf den Zug auf. Allein C&A verkaufte 2010 in Europa achtzehn Millionen Einzelstücke aus streng biologischer Herstellung, 2008 waren es nur rund 12,5 Millionen Eco-Fashion-Stücke, die über den Ladentisch gingen.

 

Aber nicht überall, wo „Organic Fashion“ draufsteht, ist auch zwingend Authentizität im Einkaufssack. Laut einem aktuellen Bericht der Financial Times Deutschland hat Indien große Mengen vermeintlicher Bio-Baumwolle exportiert, die gentechnisch verändert waren. Betroffen waren angeblich Giganten wie H&M, C&A und Tschibo. Die Aktion steht im Widerspruch zu den strengen Ökostandards, mit denen diese Unternehmen für ihre Textilien werben. Die Modefirmen beteuern, nichts von der Manipulation gewusst zu haben. Die T-Shirts schweigen. Das unabhängige Labor Impetus in Bremerhaven, das für kleinere Ökoanbieter Fasern und Garne untersucht, sagt, dass etwa 30 Prozent der Biobaumwollproben gentechnisch verändert seien. Fazit: Gut gemeint ist nicht immer gut.

 

Auch die deutsche Sportmarke Puma verkauft die Turnschuhe nicht mehr in Kartons, sondern in pappverstärkten Beuteln. Ihr „clever little bag“ wurde so hip konzipiert, dass er gleich im Design Museum in London vorgestellt wurde. Artiness kollaboriert mit Eco-Chic. So weit, so gut. Leider ist die Tüte alles andere als organisch. Der einzige Unterschied zur herkömmlichen Plastik-Tasche  aus Polyethylen besteht in einem höheren Anteil wieder verwendbaren Materials.

 

Schon die Verpackung ist biologisch abbaubar

Trotzdem gehören die Puma-Menschen zu den „Guten“: Immerhin werden T-Shirts und andere Textilien generell in Beuteln aus biologisch abbaubarer Maisstärke, die im Hausmüll entsorgt werden können, verpackt. Außerdem betreibt das Unternehmen die Firmenzentrale, das Logistikzentrum sowie drei Stores in Deutschland seit Herbst 2009 mit Ökostrom des Hamburger Anbieters „Lichtblick“. Die Nordlichter liefern zu hundert Prozent erneuerbare Energie. Puma-Chef Jochen Zeitz betonte in einem Interview mit der Financial Times Deutschland hehre zukünftige Ziele. Bis zum Jahr 2015 soll die Hälfte der Kollektion zumindest zu fünfzig Prozent aus umweltfreundlichen und nachhaltigen Materialien bestehen. Die Baumwolle, die das Unternehmen in seinen Textilien verarbeitet, stammt teilweise aus der Initiative „Cotton made in Africa“, in die auch das Versandhaus Otto dicht verstrickt ist. Der Unternehmer Michael Otto wirkt als Schirmherr für das zukunftsweisende Projekt, bei dem das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe durch Handel“ gilt, statt lediglich Geld an Entwicklungsgebiete zu schicken. Afrikanische Kleinbauern, die sich der Initiative angeschlossen haben, werden als Partner auf Augenhöhe respektiert. Über zwanzig Unternehmen aus der internationalen Textilbranche sind derzeit Partner von „Cotton made in Africa“.

 

Einen alternativen Zugang zum Öko-Modetrend hat das Italienische Kult-Lable Napapijri. Martino Scabbia Guerrini, Chef der chicen kleinen Schwester von The North Face, will vordergründig nicht als ökologisches Unternehmen gelten, setzt aber dennoch eindeutig faire (Under-)Statements: „Wenn ich die Möglichkeit habe, etwas über gute und wichtige Umweltschutzprojekte in einem meiner Kataloge zu berichten, dann mache ich das auch“, sagt der Konzernchef. Authentische Kommunikation ist sein Beitrag zu einer verbesserten Umwelt. Außerdem produziert Napapijri ökologisch korrekte Funktionskleidung. Dabei werden Naturmaterialien mit Hightech Materialien gekreuzt und teilweise sogar mit der Hand verarbeitet. Die Kohlendioxidemission der Firma wird mit der Bepflanzung von 12.000 Quadratmeter Waldfläche in Costa Rica kompensiert.

 

Auch in Österreich setzen Betriebe auf ökologische Korrektheit. Und das nicht erst, seit es Trend ist. Kleine regionale Firmen und vereinzelt smarte Shops trachteten danach, die Welt ein wenig zu verbessern. Und werden dabei nicht nur groß, sondern beweisen einen langen grünen Atem. Die Traditionsmarken Gea und Vega Nova haben sich seit Jahrzehnten erfolgreich der Nachhaltigkeit verschrieben. Neuerdings hat sich das auch in die Welt der Cineasten herumgesprochen: Die Grazer Diagonale (22. bis 27. März), die heuer unter dem Motto „Diagonale goes green“ steht, hat Vega Nova als Sponsor gewonnen. Die Partner in Sachen Umwelt setzen damit ein klares Zeichen für nachhaltiges Wirtschaften. Die eigens entwickelte Diagonale-Postertasche symbolisiert als cooles Gadget eine weitere Fusion für die Umwelt.

 

Chic, schlicht und modern präsentiert sich das österreichische Unternehmen Grüne Erde. Fans des natürlichen Wohngefühls können das Grüne-Erde-Gefühl auch am eigenen Leib erfahren: Die neue Frühjahrskollektion setzt auf edle Naturfasern wie Leinen und organic Denim aus kontrolliert biologischem Anbau. Wer lieber bei den Wohn-Accessoirs bleibt, kann außergewöhnliche Kissen, Teppiche und Stoffe der Firma Anju goutieren und individuell kombinieren: Die Wienerin Katharina Raisp produziert, färbt und webt auf Bestellung in Indien bei lokalen Bauern.

 

Um sich von der Qualität zu überzeugen, betreut die ehemalige Personalchefin von Essilor, dem weltweit größten Brillenglasproduzenten, den gesamten Produktions- und Exportprozess persönlich. Der ist nicht nur zu 100 Prozent ökologisch, sondern auch menschlich korrekt. „Ich kenne jeden einzelnen Menschen, der an meinem Produktionsprozess beteiligt ist, persönlich“, sagt Raisp. „Angefangen von den Wollfärbern und Wäschern über die Näher und Sticker bis hin zu den Büglern.“ Nach mittlerweile drei Jahren ist das Unternehmen noch immer ein Nullsummenspiel. „Das Feedback der Menschen, die meine Kissen und Teppiche kaufen, ist aber gut. Das Material hat good vibrations und das spürt jeder“, sagt die faire Unternehmerin. „Ich bin mir sicher, dass es der Trend der Zukunft ist, und glaube fest daran.“

 

Immer mehr Öko-Labels entstehen in Österreich

Begeistert, cool und unkonventionell präsentieren sich neue junge Austro-Fashion-Shops wie Guter Stoff. Hier gibt es Dessous und knallbunte T-Shirts aus zertifizierter Biobaumwolle, die unter fairen Bedingungen und klimaneutral hergestellt wurden. Im Wiener Servitenviertel hat sich das Lable Greenground frisch angesiedelt. Es werden ausschließlich Marken angeboten, die biologische Materialien höchster Qualität verwenden. Dazu gibt es Taschen aus recyceltem Polyester.

 

Wer einen schlichten zeitlosen Stil bevorzugt, ist bei der seit 20 Jahren in Österreich bekannte Marke Modus Vivendi bestens aufgehoben. Dort beginnt das Frühjahr mit einer eigenen „organic cotton“ Kollektion. Auf seiner langen Strecke vom Samen bis zum Kleidungsstück hinterlassen die stylischen Gewänder garantiert keine schädlichen Spuren oder ökologisch auffällige Fingerabdrücke auf der Haut der Träger.

 

Psychologen wissen: Auch Stoffe berühren. Und Kleidung soll einfach nur glücklich machen. So wie ein Besuch auf der Homepage der Göttin des Glücks: Die schlichte Mode kann mit gutem Gewissen online oder in den Shops in Wien und St. Pölten gekauft werden. Und sollte man dabei einem wahren Kaufrausch verfallen, kann man sich getrost dem lockenden Werbeslogan „jeder einzelne Schritt in die richtige Richtung zählt“ hingeben. Fairerweise, versteht sich. Solange man ihn dann auch weiter im Herzen trägt.

 

Webtipps:

www.ebenberg.at | www.alila.at

www.anjou.co.at | www.guterstoff.com

www.greenground.at | www.modusvivendi.at

www.goettindesgluecks.at

 

 

Die Autorinnen: Sigrit Fleisz war im Kulturbereich tätig, bis sie 2007 auch in den Journalismus einstieg.

Berit Freutel hat 18 Jahre Erfahrung als Beauty-, Fashion- und Lifestyle-Journalistin in Deutschland und Österreich u.a. für Kurier, News, Wiener, Hitradio Ö3, ATV und SAT1 Österreich.

2010 gründeten beide das Text- und Schreibbüro „Die Spielwiese“.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Lina (Montag, 06 Februar 2012 10:23)

    Das Thema Biobaumwolle scheint ja immer mehr zum Trend zu werden. Aber kann man wirklich davon ausgehen, dass es sich immer um Biobaumwolle handelt? Das stelle ich gerne mal in Frage.

  • #2

    lebensweise-Team (Donnerstag, 09 Februar 2012 07:33)

    Interessante Frage. Wir werden uns das in den nächsten Heften gerne mal ansehen.