Konzepte wider die Fleischeslust

Ist der gänzliche Verzicht auf alle tierischen Nahrungsmittel ein gesundes Ernährungskonzept? Wie sehr die Ansichten darüber auseinandergehen, zeigen die Veganerin Katharina Petter und der 95-Prozent-Vegetarier Axel Dinse. Das Streitgespräch moderierte Andreas Feiertag.

lebensweise: Sie haben dem Fleischlichen den Rücken zugekehrt. Wie geht es Ihnen?

Katharina Petter: Ich habe vor 15 Jahren aus ökologischen und ethischen Gründen angefangen, meine Ernährung umzustellen und immer weniger Fleisch zu essen. Vor 13 Jahren bin ich Vegetarierin geworden, vier Jahre später wurde ich vegan. Meine körperliche Leistungsfähigkeit hat zugenommen, ich fühle mich heute total fit.

Axel Dinse: Mit 18 habe ich begonnen, mich vegetarisch zu ernähren. Bei mir standen ethische Aspekte im Vordergrund und ein rebellisches Aufbegehren gegen die Essgewohnheiten meiner Eltern. Ich habe mich später auch eine längere Zeit strikt vegan ernährt, bin aber wieder davon abgekommen, weil mein körperliches Wohlbefinden sehr darunter gelitten hat. Heute weiß ich warum, und dies trifft auch auf viele andere zu: Pflanzliche Ernährung wird nicht ausgewogen praktiziert. Es gibt etwa fünf Prozent Vegetarier in Österreich, von denen sind die meisten Pudding-Vegetarier.

 

lebensweise: Was ist das?

Dinse: Fleisch weg, Wurst weg, dafür aber alles andere, also sehr viel Fertigprodukte. Käse, Pizza, Tiramisu, die gängigste ovo-lakto-vegetarische Kombination. Ein Wahnsinn. Es wird sehr viel Süßes gegessen, es wird nicht mehr gekocht, vorwiegend kalt gegessen. So können Sie kein pflanzliches Ernährungskonzept umsetzen. Grundvoraussetzung für vegetarische und vegane Ernährung ist Ausgewogenheit. Das funktioniert vielleicht zwei, drei Jahre, dann gleitet das ab in eine negative, nicht bedarfsgerechte Ernährung.

Petter: Ich kenne viele Veganerinnen und Veganer, von denen sich niemand so ernährt.

Dinse: Alle essen ausgewogen?

Petter: Die meisten, wie inzwischen auch zahlreiche Studien beweisen. Außerdem gibt es berühmte Beispiele aus dem Sport, wo die Ernährung bekanntlich eine besonders wichtige Rolle spielt, Beispiele sind etwa der Weltklasseathlet Carl Lewis, der Ultramarathonläufer Scott Jurek und der Box-Weltmeister Mike Tyson.

 

lebensweise: Können sich Veganer mit ihrer eingeschränkten Lebensmittelpalette überhaupt ausgewogen ernähren?

Petter: Ja. Sie bekommen alle Nährstoffe, die der Organismus braucht. Die größte Ernährungsgesellschaft der Welt, die American Dietetic Association, hat mit der kanadischen Gesellschaft für Ernährung ein Positionspapier herausgebracht, das bescheinigt, dass vegane Ernährung gesund ist, ernährungstechnisch ausreichend - man bekommt alle Nährstoffe - und gesundheitliche Vorteile haben kann, dementsprechend zur Prävention und Therapie etwa bei Adipositas, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs eingesetzt werden kann. Und sie ist geeignet für jedes Lebensalter und jede Lebenssituation.

 

lebensweise: Und Vitamin B12, das angeblich aus Pflanzen nur schwer aufzunehmen ist? Das esse ich dann synthetisch als Pille?

Petter: Es gibt auch angereicherte Produkte zu kaufen, das ist dann im Grunde nichts anderes als die obligatorische Anreicherung von Speisesalz mit Jod, die praktisch alle Österreicher betrifft. Außerdem wird auch Tierfutter mit B12 angereichert, so „natürlich“ ist das B12 aus tierischen Lebensmitteln also auch nicht unbedingt.

Dinse: In der Theorie stimme ich Ihnen zu, da wäre eine vegane Ernährung sicher ausreichend. Aber bedarfsgerecht heißt, dass ich die komplette Bandbreite aller pflanzlichen Lebensmittel in Anspruch nehme. Also nicht nur ein Getreide, sondern 15 verschiedene, nicht nur drei Gemüsesorten, sondern 40 und so weiter. Es gibt nämlich nicht die eine Lebensmittelgruppe, die alle Nährstoffe abdeckt. Hülsenfrüchte sind extrem kompakt, auch Vollkorngetreide. Sie allein reichen aber nicht aus. In der Praxis fehlt aber oft die nötige Bandbreite. Außerdem ist vegan nicht natürlich. Evolutionsgeschichtlich hat es nie eine vegane Periode gegeben. Über Hunderttausende von Jahren hinweg hat sich kein Mensch vegan ernährt, und ich traue dem Menschen genügend Instinkt zu, dass er nur aus guten Gründen immer wieder zu Fleisch und tierischen Produkten greift.

Petter: Früher standen dem Menschen aber auch viel weniger Nahrungsmittel zur Verfügung. Heute gibt es alles - und das im Überfluss. Da braucht niemand mehr Fleisch.

 

lebensweise: Niemand? Würden Sie sich trauen, Kinder ausschließlich vegan zu ernähren?

Petter: Ja, natürlich. Ich kenne wirklich relativ viele vegane Kinder, und es ist tatsächlich möglich. Viele vegane Frauen stillen natürlich sehr lange, was sehr positiv ist. Durch die Muttermilch bekommt das Kind alles, was es braucht.

 

lebensweise: Das ist aber keine Sojamilch. Stillen ist nicht vegan. Muttermilch ist ein tierisches Produkt.

Petter: Stillen ist trotzdem vegan. Die Definition vegan bezieht sich nämlich lediglich auf die Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere. Und Muttermilch ist eben ganz speziell auf das Kind abgestimmt. Es ist jedenfalls keine Kuhmilch. Die verträgt ein Kleinkind außerdem gar nicht gut. Es gibt viele vegane Mütter, die ihre Kinder weit mehr als zwei Jahre lang stillen, das ist ideal.

 

lebensweise: Durchschnittlich wird in Österreich aber lediglich acht Monate lang gestillt. Kann ich ein Kind auch gleich danach vegan ernähren?

Petter: Wenn man die Ernährung entsprechend zusammenstellt, ist es sehr gut möglich. Auch davor, in der Schwangerschaft, ist es kein Problem.

Dinse: Ich bin nicht Ihrer Meinung. Ich glaube zwar, dass manche Mütter aufgrund ihrer Konstitution mit rein pflanzlicher Nahrung in der Schwangerschaft zurechtkommen, aber nicht sehr viele. Und bei kleinen Kindern habe ich meine Vorbehalte. Wie wollen Sie ein Kind in den ersten Lebensjahren ausgewogen vegan ernähren? Es bekommt Gemüsebrei, Bananenbrei, phasenweise auch Tofu und Sojamilch.

Petter: Das hängt natürlich von der individuellen Verträglichkeit ab, aber viele Kinder können auch verschiedene Fruchtsorten, Getreide, Hülsenfrüchte, Nüsse und natürlich Kartoffeln in zermuster Form essen. Und Avocados sind super.

Dinse: Echt? Welches Kleinkind isst Avocados?

Petter: Ich kenne einige.

Dinse: Ich nicht. Kinder essen nicht alles, sie sind sehr heikel. Ich glaube nicht, dass ein Kind ausgewogen vegan ernährt werden kann, wenn man es nicht dazu zwingt. Und ob das sinnvoll ist, weiß ich auch nicht. Kinder greifen nicht instinktiv zu veganer Ernährung, sie greifen instinktiv zu Milchprodukten, zu Fisch, zu Fleisch. Das haben unzählige Beobachtungen gezeigt. Und ich denke, dass Kinder sehr gut wissen, was ihr Organismus braucht. Ich glaube, es ist sehr gut, pflanzliche Lebensmittel in den Vordergrund zu stellen. Ich selbst ernähre mich zu 90 bis 95 Prozent vegetarisch. Aber tierische Produkte ganz wegzulassen halte ich aus gesundheitlichen Gründen für inkompatibel.

Petter: Jetzt widersprechen Sie sich: Sie haben gesagt, dass es theoretisch möglich ist, sich rein pflanzlich zu ernähren.

Dinse: Ja, das habe ich gesagt. Was ich nicht gesagt habe ist, dass ich es nicht für alle Menschen befürworte. Es gibt viele Konstitutionstypen. Und es gibt einen Typ, der ganz gut damit leben kann. Viele andere aber sind aus gesundheitlichen Gründen nicht gut beraten, das Tierische wegzulassen - nicht nur wegen B12. Vegane Ernährung kann auch zu Eisen- und anderen Mangelerscheinungen führen.

Petter: Dabei ist es gerade positiv, wenn die Eisenspiegel eher niedrig sind, weil Eisen zum Beispiel Infektionen verstärken kann.

Dinse: Ich spreche von einer ausgewachsenen Anämie, und die ist in vegetarischen und veganen Kreisen ein ziemliches Thema. Aber auch andere Spurenelemente bezieht man leichter aus Tierischem.

Petter: Aber nicht aus Milchprodukten. Im Gegenteil. Die enthalten wiederum sehr viel Kalzium, das die Aufnahme von Eisen behindert...

 

lebensweise:...aber gegen Osteoporose schützen soll.

Dinse: Ich halte Milchprodukte durchaus für gesunde Nahrungsmittel, allerdings nur, wenn sie sinnvoll dosiert werden. In Österreich werden jedoch viel zu viel Milchprodukte konsumiert, und zwar auf Kosten vieler anderer Lebensmittelgruppen und damit wieder auf Kosten der Gesundheit. Weniger Milchprodukte hieße mehr Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen, Gemüse, Salate und Obst.

Petter: Warum überhaupt Milchprodukte? Und Milch als Schutz vor Osteoporose ist im Übrigen sehr umstritten.

Dinse: Weil sie ernährungsphysiologisch betrachtet eine Fülle an Nährstoffen bieten und küchentechnisch einfach zuzubereiten sind. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Aus ökologischer, ethischer und moralischer Sicht wäre mir eine vegane Ernährung am liebsten, nicht aber aus ernährungsphysiologischer. Vegane Kost auf Dauer halte ich für gesundheitsschädigend. Abgesehen davon: Wieso soll ich mir beispielsweise B12 über Nahrungsergänzungsmittel zuführen, wenn ich es ganz natürlich mit Fleisch konsumieren kann? Da stimmt doch etwas nicht.

 

lebensweise: Von wegen zuführen: Nehme ich mit rein pflanzlicher Nahrung nicht auch wesentlich mehr Giftstoffe wie Pestizide und andere Spritz- und Düngemittel auf?

Petter: Schadstoffe können sich über die Nahrungskette hin anreichern und dann im Endeffekt in Fleisch sogar stärker vertreten sein als in pflanzlichen Lebensmitteln. Zur Reduktion kann man jedenfalls auf biologische Produkte zurückgreifen. Und bei Tierprodukten besteht zusätzlich die Gefahr von Salmonellen, BSE, EHEC-Bakterien, Schweinegrippe und vielem mehr. Da ist die Gesundheitsgefahr viel größer.

Dinse: Ich glaube, die toxikologische Bilanz dabei ist relativ grenzwertig. Ich kann mir schon vorstellen, dass Vegetarier und Veganer ein wenig mehr Giftstoffe über die Nahrung zu sich nehmen würden. Aber ich glaube, dass sie sich auch bewusster ernähren, deshalb automatisch zu ökologisch einwandfreien Produkten greifen. Das gilt freilich nicht für Pudding-Vegetarier und Junkfood-Veganer.

 

 

Zur Person: Katharina Petter (29) studierte Ernährungswissenschaften an der Universität Wien. Sie ist Mitglied des Arbeitskreises Vegane ErnährungswissenschafterInnen (AVE) der Wiener Universität und Autorin der großen veganen Nährwerttabelle. Seit Juli 2006 ist sie auch Ernährungsexpertin der Veganen Gesellschaft Österreich. www.vegan.at

 

Zur Person: Axel Dinse (43), studierte an der Uni Wien Ernährungswissenschaften, ließ sich am Kushi-Institut in Boston und Amsterdam zum makrobiotischen Ernährungsberater ausbilden. Er ist Ernährungsberater mit Schwerpunkt ganzheitliche Ernährungsformen, vergleichende Ernährungslehren und Buchautor. www.vegetarier.at

 

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Kommentare: 1
  • #1

    D.M. (Freitag, 09 März 2012 20:03)

    Also bei diesen Antworten kann ich nur den Kopf schütteln... Welche Kinder essen Avocados? Kinder essen nicht alles, sie sind sehr heikel? Welche Kinder kennen sie? Bzw wie ernähren sich die Eltern derer Kinder? Denn das Vorleben und wiederholte Anbieten spielt da die wesentlichste Rolle!!!
    Ja, meine Tochter isst sehr gerne Avocados - und sie ist gerade mal 1 Jahr alt.
    Und mein Sohn, der seit seinem 2. Lebensjahr eine Mischkost-Kindergruppe besucht lehnt Käse, Milch und alles mit Sauerrahm oder Schlagobers gekochte kategorisch ab - was in unserer Familie sehr gerne gegessen wird.

    Ich persönlich habe vor einem halben Jahr durch den zusätzlichen Verzicht auf Eier ganz automatisch zur veganen Ernährungsweise gefunden - und war sehr sehr überrascht, wie einfach es ist, sich vegan und vollwärtig zu ernähren.
    Ja, es stimmt, kochen sollte man gerne, aber ich bin vielmehr davon überzeugt, dass dies die richtige Ernährungsweise für Menschen ist.
    Studien gibts es für und wider alles - milch entzieht kalzium und ist der hauptgrund für osteoporose beschreibt zB Ruediger Dahlke in seinem Buch PEACE FOOD.
    Wenn man eine Studie als Argument sucht, wird man sie finden !!!

    Und noch was zum Thema Kinder:
    In viele ernährungsbewussten Familien werden Babys unter einem Jahr vegan ernährt, da Milchprodukte (weil Allergen) erst im 2. Lebensjahr eingeführt werden, und Fleisch oft intuitiv noch nicht gegeben wird.
    Und da rede ich nicht von vegetarischen oder vegan geprägten Familien!!!

    Egal, welche Ernährungsform man für sich persönlich wählt - die vegane oder auch vegetarische Ernährung für Kinder ist der Österreichischen Durchschnittskost sicherlich vorzuziehn - und die Eltern sind der prägende Faktor, wenns um die vielfalt geht !!!

    schönen abend aus wien