Mit Lust statt Frust zum Wohlfühl-Gewicht

Saisonale Produkte, bewusster Umgang damit und die gemeinsame Freude am gesunden Essen führen bald zum Wohlfühl-Gewicht. Foto: Robert Kneschke/Fotolia.com
Saisonale Produkte, bewusster Umgang damit und die gemeinsame Freude am gesunden Essen führen bald zum Wohlfühl-Gewicht. Foto: Robert Kneschke/Fotolia.com

 

Gleich nach der mühsamen Abmagerungskur steigt die Nadel der Waage scheinbar unaufhaltsam nach oben. Die üblichen Diäten bringen selten Veränderungen und können Probleme sogar verschärfen. Doch es gibt simple Alternativen, die vor allem auf frische, regionale und gesunde Nahrungsmittel setzen und nicht auf Verzicht: Mit Genuss und Lust statt Frust zum Wohlfühl-Gewicht.

 

Von Christian F. Freisleben-Teutscher

Fast die Hälfte, konkret 42 Prozent der 18- bis 65-jährigen Menschen in Österreich sind übergewichtig, elf Prozent davon sind sogar krankhaft fettleibig beziehungsweise adipös. Zu diesem Ergebnis kommt der Österreichische Ernährungsbericht. Übergewicht ist aber mehr als ein Phänomen, das sich durch Prozentpunkte erfassen lässt. Es hat viele Ursachen und der Kampf gegen die Kilos ist längst kein individuelles Thema mehr. Einerseits versucht die Gesundheitspolitik mit den verschiedensten Programmen gegenzusteuern, andererseits ist der Kampf gegen Kilos bereits ein gigantischer Kampf um Milliardenumsätze geworden.  Längst gibt es eine unüberschaubare Flut an Büchern zum Thema Diät. Kaum ein Wochen- oder Monatsmagazin übersteht ein Jahr, ohne eine längere Serie über angeblich effektives Abnehmen anzubieten. Und im Internet gibt es Diäten für jeden denkbaren Geschmack. Ein gemeinsamer Faktor vieler Diäten ist die Zeitspanne, über die sie „durchgehalten“ werden müssen: Der Beliebtheitsfaktor scheint zu steigen, je kürzer sie dauern, Hauptsache die scheinbar überflüssigen Kilos sind nachher verschwunden.

 

„Oft aber ist das Gegenteil der Fall: Nach dem Ende der Diät wird sehr schnell wieder das Ausgangsgewicht erreicht und oftmals sogar überschritten. Denn der Körper reagiert sehr sensibel auf den Energieentzug und versucht diesen schnell wieder auszugleichen“, analysiert die Ernährungsberaterin Andrea Kainz, die sich seit vielen Jahren mit der gelebten Form der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) beschäftigt. Dieser Jojo-Effekt ist der Garant dafür, dass Diätbücher weiter rasanten Absatz finden und auch die Anbieter von verschiedensten Fastenkuren weiter gut verdienen.

 

Diäten sind höchstens sehr kurzfristig wirksam

Elisabeth Fischer, Autorin von mehr als 30 Kochbüchern und Ernährungsratgebern, verweist dazu auf eine Untersuchung aus den USA, mit der geprüft wurde, ob Diäten von der Krankenversicherung gezahlt werden sollen. Bei genauer Analyse der Ergebnisse erwiesen sich die Diäten durchgängig als höchstens kurzfristig wirksam.

 

„Basis einer ausgewogenen Ernährung sind pflanzliche Lebensmittel: Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, Kartoffel, Hülsenfrüchte und Sojaprodukte. Sie versorgen uns sowohl mit Vitaminen und Bio-Stoffen als auch mit den ‚guten‘, energieliefernden Kohlenhydraten, die langsam verdaut werden und den Blutzuckerspiegel konstant halten,“ beschreibt Fischer. „Ein weiterer Pluspunkt: Getreide, Kartoffeln, Hülsenfrüchte und Sojaprodukte enthalten kaum Fett, aber gut verwertbares Eiweiß. Denn Fett macht fett, darum sollten die wertvollen Pflanzenöle und Nüsse sparsam verwendet, sowie bei Milchprodukten, Fleisch und Geflügel fettarme Produkte bevorzugt werden. Dafür öfters Fisch mit Omega 3 Fettsäuren essen.“

 

Fischer empfiehlt, Weißmehlprodukte und Zucker in zu hohen Ausmaß zu meiden. „Diese Dickmacher enthalten die schlechten Kohlenhydrate. Sie lassen den Blutzuckerspiegel in die Höhe schnellen, erhöhen die Ausschüttung von Insulin und forcieren den Fetteinbau. Sinkt der Blutzuckerspiegel, drohen Heißhungerattacken und die nächste Cremeschnitte wird verschlungen.“ Fischer betont, dass „ausgewogene Ernährung eigentlich sehr einfach ist – aber sie wird oft als sehr kompliziert dargestellt“. Zudem wird viel zu oft der entscheidende ergänzende Faktor regelmäßiger Bewegung zu wenig betont. Schwierig kann das Weggehen von jahrelang eingeübten Essgewohnheiten sein – der Geschmackssinn ist oft auf extrem Süßes und Fettes fixiert. Darum ist es ganz wichtig, dass die neuen, leichten Speisen besonders gut schmecken.

 

Ähnlich sieht das Philipp Braun, Leiter von Slow Food Linz: „Ein ganz wichtiger Aspekt ist, Lebensmittel bewusst zu schmecken, aktiv darauf zu achten, was dem Körper gut tut“. Die Slow Food-Bewegung zählt heute weltweit über 100.000 Mitglieder und ist in 50 Ländern auf fünf Kontinenten vertreten. „Unterstützt wird der Ansatz, saisonale und frisch geerntete Produkte zu bevorzugen. Sie sollen möglichst kurze Transportwege hinter sich haben und im besten Fall aus biologischer Erzeugung kommen“, ergänzt Braun.

 

Viele konventionelle Lebensmittel sind mit Aromen, diversen Zusatzstoffen sowie reichlich Zucker und Salz angereichert. Eine Studie zeigte, dass ein großer Teil der Kinder im Alter zwischen 10 und 14 sich dabei schwer tut, die Geschmacksrichtungen süß, sauer, salzig, bitter sowie umami (fleischig, herzhaft, würzig) zu unterscheiden.

 

Auswahl an saisonalen Produkten sehr hoch

Unveränderte Produkte werden teils als „fad“ im Geschmack wahrgenommen - „unterstützt wird so eine Fehlernährung, die auch Fettleibigkeit fördert“, meint Braun. Wobei gerade auch Slow Food-Projekte, in denen Geschmackssensorik als eine bewusste Neuentdeckung von Lebensmitteln im Zentrum steht, zeigen, dass dies nicht unveränderbar ist. Gefördert werden kann zudem das Bewusstsein, dass die Auswahl an saisonalen Produkten sehr hoch ist und mit diesen eine ausgewogene Ernährung möglich ist. „Auch der beliebte Schweinsbraten kann aus regionaler biologischer Produktion kommen. Immer mehr Menschen ist es wichtig, darauf zu achten, welche ökologischen und sozialen Konsequenzen die Produktion von Lebensmitteln hat.“ Auch dieser Aspekt hat für Braun viel mit bewussten Genuss, mit gesunder und ausgewogener Ernährung zu tun. „Viele Menschen sind heutzutage quasi von Kohlehydraten vergiftet“, ergänzt Kainz.

 

Ursache ist ein ständiges Überangebot, eine nicht mehr überschaubare Auswahl an Möglichkeiten in einem Dschungel der Nahrungsvielfalt. Für Kainz entscheidend ist daher ein neuer Zugang zum Thema Ernährung. „Es geht nicht um einige Wochen, wo ich während einer Diät mühsam auf bestimmte Nahrungsmittel verzichte um dann zum scheinbar üblichen Ernährungsverhalten zurückzukehren“, sondern eben um eine Umstellung. Wer mit Hilfe der Ansätze von TCM abnehmen möchte, stellt sich auf einen längeren Zeitraum ein, mindestens zwei Monate. Innerhalb dieser wird das energetische Gleichgewicht hergestellt und es zeigen sich auch Ergebnisse im Sinn von weniger Körpergewicht. „Aber es geht um mehr, um einen nachhaltigen Beitrag zum Gesund werden und bleiben auf einer tiefer gehenden Ebene“, unterstreicht Kainz. Denn auch nach diesen Monaten wird auf eine bewusste Auswahl von Nahrung geachtet, wobei es nicht um Kasteiung geht, sondern im Gegenteil um einen lust- und genussvolleren Zugang. Aus der Perspektive der TCM ist Energie nötig, um Kalorien zu verbrennen. „Um abzunehmen ist es nötig, zu essen – aber eben das Richtige!“ Menschen mit starkem Übergewicht sind laut der Ernährungsexpertin Kainz oftmals zu energielos, um Gewicht verlieren zu können. Diese Energie kommt nach der TCM nur von frisch zubereiteten Speisen. Durch den Kochvorgang wird Energie in die Speisen gebracht: je länger desto mehr Energie, denn, betont Kainz, „es geht nicht um Vitamine, sondern um Thermik.“ Die TCM unterscheidet zwischen heißen oder warmen und erfrischenden oder kalten Nahrungsmitteln. Diese Unterscheidung betrifft auch den Menschen: Personen mit kalter Konstitution benötigen wärmende Speisen, Personen mit heißer Konstitution kühlende und erfrischende Speisen.

 

Nach der kalten Winterzeit mit eher deftigen Eintöpfen und reichlich Kohlenhydraten ist im Frühling leichtere Kost wichtig. Die „Frühjahrsmüdigkeit“ resultiert aus der Sicht der TCM fast ausschließlich aus einer Überzufuhr mit Kohlenhydraten und Übersäuerung des Körpers. In unserem Kulturkreis ist seit jeher nicht umsonst das Frühjahr eine Zeit des Fastens. Zu vermeiden sei generell fettiges schweres Essen. Magen, Milz und Darm sind nach TCM dem Erdelement zugeordnet. Sie gelten als die Mitte des Körpers, die gestärkt werden soll. Diese Organe haben die Aufgabe, alles für den Organismus Verwertbare aus den Nahrungsmitteln herauszuholen und in Energie umzuwandeln. Es gibt viele Menschen, die wenig Energie haben und sehr sensibel auf Energieentzug durch einseitige Diät- und Fastenprogramme reagieren.Kainz betont, dass, „wenn jemand abnehmen will, ein individuelles Programm wichtig ist. Es gibt kein universell gültiges Patentrezept“.

 

Generell würden die Grundlagen für gesunde Ernährung in den ersten drei Lebensjahren gelegt. Die Expertin weist auf die Wichtigkeit des ausschließlichen Stillens in den ersten sechs Monaten hin, wie es auch die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt. Oft und gerne würden bei der ersten Beikost Orangen und Bananen zum Einsatz kommen, aus TCM-Sicht kühlende Lebensmittel. Die Folge sei eine Unterkühlung von innen, die sich in häufigen Infekten zeigt. Das wichtigste Element der Ernährungsumstellung und des Abnehmens nach TCM ist das Zuführen von „Wärme“. So werden abkühlende Lebensmittel wie alle Milchprodukte, Südfrüchte oder Salat vermieden, dreimal am Tag gibt es etwas Warmes. Die Nahrungsumstellung wird mit auf die Person abgestimmten Kräutertees begleitet, da die im Körper auftretenden Giftstoffe auch ausgeleitet werden müssen. Schon zum Frühstück sollte es etwas Wärmendes geben, etwa selbst zubereitetes Müsli. Mittags wird Gemüse gekocht, zum Beispiel gekochte rote Rüben statt dem üblichen Salat. Dazu gibt es Fleisch oder Fisch. Am Abend steht wieder Warmes am Programm: Suppe in Kombination mit Reis oder Getreide. „Der Dosenöffner verschwindet bei diesem Kochen in der Schublade, es gibt zu jeder Jahreszeit eine ausreichend große Auswahl an regionalen und auch biologisch erzeugten Lebensmitteln, die selbst zubereitet werden können“, betont Kainz.

 

Buchtipp:

Elisabeth Fischer: Die schlanke Küche, so gut schmeckt das Wunschgewicht, Kneipp 2010.

 

Web-Tipp:

Weitere Informationen zu slow food unter: www.slowfoodaustria.at 

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