Reiki: Kraft aus den Händen

Reiki ist eine energetische Behandlungsmethode, die gerne ins esoterische Eck gestellt wird. Zu Unrecht, sagen Praktiker und bemühen sich nun um eine Imagekorrektur.  Foto: Lakshmi/Fotolia.com
Reiki ist eine energetische Behandlungsmethode, die gerne ins esoterische Eck gestellt wird. Zu Unrecht, sagen Praktiker und bemühen sich nun um eine Imagekorrektur. Foto: Lakshmi/Fotolia.com

 

Eine Reiki-Sitzung sei wie eine energetische Wellness-Behandlung, sagen Fans. Regelmäßige Sitzungen sollen helfen, körperliche und emotionale Probleme zu lösen. Wer die Ausbildung macht, muss erst seine eigenen Leichen im Keller finden.

 

Von Sigrun Saunderson

Handauflegen. Das ist wohl die einfachste Umschreibung dieser Behandlungsform, die der Japaner Usui Mikao in den 1920er-Jahren entwickelt hatte. Die Methode verbreitete sich in Japan rasend schnell, fand bald in Amerika Anklang und kam 1981 auch nach Europa. In Österreich ist Reiki als energetische Behandlungsmethode im hochesoterischen Bereich angesiedelt – wo sie laut Vertretern nicht hingehört.

 

Dass einfache Berührung ein wohliges Gefühl verursachen kann, weiß jede Mutter und jeder Tierbesitzer. Eine ganze Stunde solcher sanften Berührungen führt also unweigerlich zu Entspannung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger Effekt schreiben Zweifler dem Reiki zu. Reiki-Praktiker – und viele, die schon eine Behandlung probiert haben – sprechen aber von ganz anderen Kräften und auch von erstaunlicher Wirkung, die neben der reinen Entspannung entstehen kann.

 

Die dem Reiki zugrundeliegende Auffassung über Lebensenergie steht in verschiedener Ausprägung auch hinter anderen energetischen Behandlungsmethoden und – vor allem asiatischen – Philosophien. Doch obwohl den Menschen demnach Lebensenergie durchfließt, kann er sie üblicherweise kaum bewusst steuern oder auf- und abdrehen, geschweige denn auf andere übertragen. Genau das aber wollen Reiki-Praktiker können. „Wir arbeiten mit der universellen Lebensenergie, jener Kraft, die alles bewegt und miteinander verbindet, alles zum Wachsen bringt und auch den Menschen am Leben erhält”, erklärt Erna Janisch, Leiterin der Shambhala Reiki-Schule in Wien und Vorsitzende des Österreichischen Berufsverbands der Diplomierten Reiki-Therapeutinnen und -Therapeuten.

 

Wenn diese universelle Energie ohnehin überall vorhanden ist, warum kann der Mensch sie dann nicht selbst anzapfen, auch ohne Reiki-Ausbildung? Der Salzburger Reiki-Lehrer Rudolf Kronreif meint, jeder Mensch könne das. Zumindest unter bestimmten Voraussetzungen: „Reiki ist liebevolles Dasein für den Anderen. Es ist etwas ganz Natürliches. Jeder kann versuchen, einem anderen Menschen eine Stunde lang liebevoll die Hände aufzulegen. Er muss es auch gar nicht Reiki nennen.“

 

Nicht nur Technik sondern auch innere Einstellung

Wozu dann die Ausbildung? „Zum einen, weil es nicht primär um die Technik des Händeauflegens geht, sondern um die innere Einstellung, mit der man das macht“, sagt Kronreif. Er erklärt die Energieübertragung als alltägliches Phänomen: „Wenn ich in einen Raum gehe, in dem gerade gestritten wurde, wirkt sich das auch auf meine eigene Stimmung sofort negativ aus. Wenn ich umgekehrt gerade auf einer Skitour viel Energie getankt habe, kann ich einen Teil meiner Freude auf einen unglücklichen Menschen übertragen.“ Kurz umschrieben: Die Qualität der eigenen Stimmung überträgt sich leicht auf andere. Erklären lässt sich dieses Phänomen möglicherweise durch die erst seit wenigen Jahren erforschten Spiegelneuronen im Gehirn, die Menschen dazu veranlassen, nicht nur Handlungen sondern auch den emotionalen Zustand des Gegenübers zu kopieren. Diese Qualität der eigenen Stimmung – oder Energie – jedoch verlässlich positiv zu halten und sich nicht umgekehrt von der negativen Stimmung anderer anstecken zu lassen, dabei ist eine Reiki-Ausbildung hilfreich.

 

Ein wesentlicher Teil dieser Ausbildung ist die Selbsterfahrung des Schülers. Wer den so genannten Meistergrad absolviert, der hat auf dem Weg dorthin idealerweise seine eigenen problematischen Themen gelöst. Durch Meditation und unter Anleitung seines Lehrers hat er zur Selbsterkenntnis gefunden und hält sich an die Lebensregeln Usui Mikaos, die zu einer stabilen inneren Haltung führen sollen: Dankbarkeit, Leichtigkeit, Ehrlichkeit und ein Handeln aus Liebe. Er hat sich vor allem damit beschäftigt, sich selbst zu helfen, bevor er sich seinerzeit an die Probleme anderer herangewagt hat.

 

Aber nicht nur die eigene innere Haltung ist wichtig, sondern offensichtlich auch die Quelle, aus der die Energie kommt. „Wer immer nur von seiner eigenen Lebenskraft abgibt, der wird irgendwann selbst ausgepowert sein“, erklärt Kronreif. Reiki-Praktiker geben an, sich aus einer anderen Energiequelle zu bedienen und selbst nur als Übermittler von Lebensenergie zu fungieren: „Mit dieser Kraft trete ich in Kontakt“, erklärt Janisch ihre Arbeitsweise. „Ich öffne mich für diese Energie und lasse sie durch mich über die Hände zum Klienten fließen. Dabei gebe ich nicht meine eigene Energie weiter, sondern stehe als Kanal für die universelle Lebensenergie zur Verfügung.”

 

Dieses „Kanal-Sein“ ist die mysteriösere Seite des Reiki und kaum nachvollziehbar. Dafür muss man „Eingeweiht sein“ – und das wird man in der traditionellen Reiki-Ausbildung, wie sie nach dem Vorbild Mikao Usuis von zahlreichen unabhängigen Reiki-Lehrern angeboten wird. Meist reiche ein Wochenend-Seminar mit anschließendem Einweihungsritual, um Kontakt zu dieser mysteriösen „universellen” Kraft aufzubauen. Wer diese Initiation durchgemacht habe, könne bereits spürbare Energie durch seine Hände fließen lassen, sagen die Kurs-Anbieter.

 

Was genau geschieht dabei? „Das Ritual hilft dem Schüler, sich für die Lebensenergie zu öffnen, um sie bei Bedarf durchströmen zu lassen“, sagt Kronreif. Er vergleicht diesen Vorgang mit einem Radio, bei dem die Frequenz eingestellt wird, damit er den Sender sauber empfangen kann. „Wir empfangen alle diese Lebensenergie zu einem gewissen Grad, sonst würden wir ja nicht leben. Als Empfangsinstrument dienen uns die Energiezentren, die Chakren. Dass es sie gibt, kann jeder spüren, wenn er sich darauf konzentriert. Das Herzchakra weitet sich zum Beispiel merkbar, wenn man starke Liebe fühlt und wird ganz eng bei Angst.“

 

Derart „eingestellt“ kann der Eingeweihte während der Behandlung die Reiki-Energie über das Kronenchakra über dem Kopf aufnehmen und durch seine Hände zum Klienten fließen lassen. Er legt seine Hände in verschiedenen Positionen auf den (bekleideten) Körper und erspürt dabei an einzelnen Stellen Energiemangel und Blockaden. Wo der Klient mehr Energie benötigt, fließt sie durch die Hände des Behandlers zu. Eine Körperstelle, die schon lange blockiert ist, kann sich zum Beispiel kalt anfühlen und benötigt daher eine längere oder häufigere Energiezufuhr. So lassen sich nicht nur Stress ab- und Widerstandskraft aufbauen. Regelmäßige Sitzungen sollen auch dabei helfen, emotionale Probelme zu lösen und zum persönlichen Wachstum beizutragen.

 

Für Kronreif ist Reiki jedoch weder Religion noch besonders einzigartig. „Es gibt auch andere Wege, um die Lebensenergie zu aktivieren. Qi Gong zum Beispiel oder Shiatsu oder Meditation”, erklärt er. „Reiki ist ein Weg der Liebe und Achtsamkeit. Die Einweihung ist der Samen, aus dem etwas Wunderbares wachsen kann. Sie ist hilfreich, weil die persönliche Entwicklung dadurch schneller geht. Trotz Einweihung ist jedoch die Arbeit am eigenen Wachstum genauso notwendig. Nur Seminare zu konsumieren reicht nicht.” Nach lediglich drei Wochen bereits Reiki-Meister sein zu wollen, hält Kronreif demnach für unrealistisch. Die notwendige Bewusstseinsbildung dauere, abhängig vom Schüler selbst, mindestens ein Jahr.

 

Einen neuen Weg der Reiki-Ausbildung hat Erna Janisch in ihrer Shambhala-Reiki-Schule entwickelt. Der große Unterschied zur traditionellen Ausbildung: Janisch bietet keine Einweihungen an und nimmt dem Reiki damit zumindest einen Teil des geheimnisumwobenen Nimbus. Nicht ganz unbeabsichtigt. „Wir lehren die Schüler, wie sie durch Meditation und Energiepflege sich selbst für die Energie öffnen und diese kanalisieren können.” Die Ausbildung dauert insgesamt zwei Jahre und ist auf sehr viel Selbsterfahrung und Lernen in kleinen Schritten aufgebaut. Die Wahrnehmung in den Händen wird dabei durch viel Praxis langsam verfeinert. Im zweiten Jahr erhalten die Schüler auch Grundwissen über Anatomie und Funktionen des Körpers nach westlicher und östlicher Medizin, vermittelt durch Leopold Spindelberger, einen praktischen Arzt mit Ausbildung in TCM und Homöopathie. Janisch besteht auf diese Gundausbildung: „Der Klient begibt sich ganz in die Hände des Reiki-Praktikers. Dieser muss daher nicht nur Sicherheit ausstrahlen. Die Sicherheit muss auch wirklich da sein, wenn er ein starker Begleiter seines Klienten sein will.”

 

Auch die ethischen Grundsätze des Reiki sind ein wesentlicher Bestandteil der Shambhala-Ausbildung. „Kanal zu sein bedeutet, sich selbst total zurückzunehmen. Sonst ist man nicht mehr reiner Kanal, sondern schickt auch eigene Energien mit. Auch ein Zuviel an Helfen-Wollen kann den Klienten beengen”, erklärt Janisch die ideale Grundhaltung des Reiki-Praktikers. „Wir verstehen uns als Vermittler, um die Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Wir sind keine Heiler.”

 

Das Angebot an Reiki-Praktikern und -Lehrern ist groß, und auch wer sich Meister nennt, ist nicht automatisch immer weise und wohlmeinend. Rudolf Kronreif hat in seinen 20 Jahren als Reiki-Lehrer einige schwarze Schafe unter den Reiki-Meistern kennengelernt: „Die richtige Reiki-Einweihung kann niemandem schaden. Doch es gibt auch Meister, die ihre eigenen Rituale in die Einweihung einbauen. Die Reiki dadurch mit etwas verbinden, was gar nichts mit der Lebensenergie zu tun hat.”

 

Den Unterschied zu erkennen ist schwierig. Kronreif rät jedem, der sich für Reiki interessiert, sich den Praktiker oder zukünftigen Lehrer persönlich anzuschauen und ihn niemals unreflektiert als Autorität anzunehmen. Ein Meister, der sich selbst als allwissender Guru inszeniere, der sich anbeten und von seinen Schülern auf ein Podest heben lasse, habe grundlegende Prinzipien der Reiki-Haltung noch nicht erlernt. Seine Behandlungen und vor allem seine Einweihungen beschränkten sich nicht auf die reine Reiki-Energie. Kronreif scheut auch das Wort „Scharlatan” nicht: „Es gibt einen Riesenbasar an Anbietern. Jeder findet dabei die Menschen, die zu ihm passen. Viele Menschen hinterfragen bewusst nicht. Daher ist auch Platz für Scharlatane und sie stellen Reiki in ein schlechtes Licht.”

 

Eine Behandlung bei einem solchen Praktiker wird in den meisten Fällen kaum Wirkung zeigen. Ob sie sogar schaden kann, ist unklar. Wer sich aber dafür entscheidet, selbst eine Ausbildung zu machen, der sollte sich seinen Lehrer sehr genau aussuchen. Denn Einweihungen sind kraftvoll und können auch schaden, wenn sie aus einer ungünstigen Haltung heraus gegeben werden: „Ein Meister sollte seinen Schüler dabei unterstützen, ihn auf seinen Weg zu bringen, und ihm nicht den seinen aufdrücken”, sagt Kronreif. Fällt die Wahl auf einen seriösen und verantwortungsbewussten Reiki-Lehrer, der Einweihungen je nach individueller Entwicklung seiner Schüler gibt, können auch einige Wochenendkurse in größeren Abständen zum Ziel führen.

 

Qualitätskontrolle und ethische Richtlinien

Um den Verbrauchern im mitunter schwer zu durchdringenden Dschungel der Praktiker und Seminaranbieter verlässliche Qualitätsstandards als Orientierung zu bieten, gibt es seit 2006 den Österreichischen Berufsverband der Diplomierten Reiki-Therapeutinnen und -Therapeuten. Wer hier Mitglied werden will, muss den Aufnahmekriterien im Sinne der Qualitätssicherung genügen, darunter eine sorgfältige Ausbildung, nachweisbare Praxis und die Wahrung ethischer Richtlinien. Großes Ziel ist es, den Beruf des Diplomierten Reiki-Therapeuten als Gesundheitsberuf im österreichischen Gesundheitswesen zu etablieren, vergleichbar mit Ergo-, Musik- und Physiotherapeuten. „Reiki eignet sich hervorragend zur Gesundheitsvorsorge und -pflege“, ist sich Verbandsvorsitzende Janisch sicher. „Auch in Spitälern gäbe es Einsatzmöglichkeiten, zum Beispiel als Vorbereitung auf eine Operation und zur Regeneration und Wundheilung.” Ihr Wunsch: „Reiki soll raus kommen aus der esoterischen Grauzone.”

 

Webtipp:

Österreichischer Berufsverband der Diplomierten Reiki-TherapeutInnen: www.oebrt.at

 

 

Die Autorin: Sigrun Saunderson ist freie Journalistin im Breitenbrunn. Sie schreibt bevorzugt zu medizinischen und populärwissenschaftlichen Themen – unter anderem für das Universum Magazin und die Wiener Zeitung.

 

 

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