Zwischen Schein und Sein

Die wenigsten Menschen ernähren sich so, wie sie es eigentlich wollen. Die Gründe sind vor allem Stress und Zeitmangel. Die fatalen Folgen: Ernährungsbedingte Krankheiten nehmen rasant zu.

Rund 85 Prozent der Menschen ernähren sich anders, als sie wollen. Das ergab ausgerechnet eine Studie, die im Auftrag des Lebensmittelriesen Nestlé durchgeführt worden war. Jeder Zweite ist zwar davon überzeugt, dass gute Ernährung die Lebensqualität erhöht. Doch kaum jemand kann das im Alltag auch wirklich in die Praxis umsetzen.

 

Laut WHO werden im Jahr 2020 ernährungsbedingte chronische Krankheiten für drei Viertel aller Todesfälle verantwortlich sein, wenn es in den Industriestaaten zu keiner Ernährungsumstellung kommt. Und das, obwohl in diesen Ländern das Angebot an Nahrungsmitteln und damit die Möglichkeit ausgewogener Ernährung noch nie so groß und leistbar war wie heute. Der Hauptgrund, warum Wunsch und Wirklichkeit so weit auseinanderklaffen, liegt laut der zitierten Untersuchung im Stress.

 

Jeder Vierte gab an, zu wenig Zeit zum Essen zu haben. „Viele Berufstätige sagten, sie könnten nur am Wochenende auf ihre Ernährung achten, und einige haben offenbar gar keine festen Essenszeiten mehr“, lautet in der Studie die entsprechende Erklärung für diesen Misstand: Der wachsende Druck in der Arbeitswelt, die wachsende Vereinsamung durch sich auflösende Familienstrukturen, aber auch die billige Produktion und massive Bewerbung von ungesunden Nahrungsmitteln durch die Lebensmittel- und Agrarindustrie schränken die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten beim Thema Ernährung für viele Menschen sogar ein. Betroffen sind primär Vielarbeiter und Menschen mit geringem Einkommen und Bildungsniveau.

 

In allen Industriestaaten sind ernährungsbedingte Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, einige Arten von Krebs, Diabetes mellitus, chronische Erkrankungen der Leber und anderer Verdauungsorgane, Osteoporose und Schädigungen des Bewegungs- und Stützapparates eine wesentliche Ursache für Erkrankungen und Todesfälle. In Österreich stellen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs 69 Prozent aller Erkrankungen dar. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass eine Ernährung mit reichlich Gemüse und Obst, das in der Regel günstiger ist als Fast-Food, das Risiko von Krebs beziehungsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich reduzieren kann. In den Niederlanden konnte in Studien bestätigt werden, dass aufgrund einer solchen Ernährungsumstellung die Sterblichkeit bei Krebserkrankungen um durchschnittlich 19 Prozent, jene bei Herzerkrankungen um 16 Prozent gesenkt werden kann.

 

Nicht zu vernachlässigen ist offenbar auch die soziale Komponente der Ernährung: das gemeinsame Kochen und Essen im Familienverbund oder mit anderen Menschen. Derart ritualisierte Essensgewohnheiten – etwa das gemeinsame Frühstück oder Abendessen – seien wichtig für Gesundheit und Wohlbefinden der modernen Familien, lautet die Quintessenz einer Analyse von zahlreichen Studien durch ein US-Forscherteam rund um die Psychologin Barbara Fiese von der Syracuse University. Untersuchungen zeigten, dass zumindest während der ersten sechs Lebensjahre Kinder gesünder sind und ein positiveres Verhalten zeigen, wenn es solche Routinen im Alltag gibt.

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