Agrarreform

Die europäische Argrarpolitik hilft Großgrundbesitzern und der Industrie. Kritiker fordern ein Umdenken. Foto: Richard Schramm/Fotolia.com
Die europäische Argrarpolitik hilft Großgrundbesitzern und der Industrie. Kritiker fordern ein Umdenken. Foto: Richard Schramm/Fotolia.com

  

Die Landwirtschaftspolitik der Europäischen Union steht im Kreuzfeuer der Kritik. Der Großteil der öffentlichen Gelder fließt in die Hände von Großgrundbesitzern und an die exportorientierte Lebensmittelindustrie. Bauern und Kritiker fordern eine regionale, ökologische und sozial nachhaltige Agrarpolitik, die vor allem eines bringen würde: gesündere Lebensmittel.

Von Martin Rümmele

Die gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union (kurz GAP) soll reformiert werden. Doch Kritiker fürchten eine Ausweitung des bestehenden Systems: Der Großteil der öffentlichen Gelder fließt in die Hände von Großgrundbesitzern und an die exportorientierte Lebensmittelindustrie. Die fortschreitende Industrialisierung und Überproduktion in Europa ist nicht nur verantwortlich für massive Umweltprobleme - sie zerstört auch die Landwirtschaft des globalen Südens, kritisiert Alexandra Strickner, Obfrau des globalisierungskritschen Netzwerkes Attac und Co-Autorin eines neuen Buches, das Alternativen aufzeigen will. Agromultis und Supermarktketten würden derzeit steigende Profite erzielen und ihre Preisspannen erhöhen. „Mit der Explosion der Lebensmittelpreise wird offensichtlich, wie problematisch unser Lebensmittelsystem organisiert ist.“

 

Im Zentrum des Buches steht deshalb das Konzept der so genannten Ernährungssouveränität, die eine Alternative zur derzeitigen Agrarpolitik der EU darstellt. Der Ansatz orientiert sich an einem ökologisch und sozial nachhaltigen Landwirtschafts- und Lebensmittelsystem, das von einer bäuerlichen Landwirtschaft getragen wird, gesunde Lebensmittel für alle erzeugt und den Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, ein gerechtes Einkommen durch den Verkauf ihrer Produkte sichert. Das Buch will einen Beitrag zu einem besseren Verstehen der GAP aus einer kritischen Perspektive darstellen, sagt Strickner. „Es stellt eine zivilgesellschaftliche Alternative für eine zukünftige gemeinsame europäische Agrar- und Lebensmittelpolitik vor.“

 

Der Hintergrund klingt einleuchtend und hat einen starken Bezug zur Gesundheit der Menschen: In jedem Land wachsen Gemüse- und Obstsorten mit ihren spezifischen Nährstoffen just zu jener Zeit, in der die dort lebenden Menschen genau diese Nährstoffe aufgrund äußerer Umstände brauchen. Die Menschheit hat sich mit der Pflanzenwelt zwar nicht im klassischen Sinne einer Symbiose, aber doch in einem gegenseitigen Harmonieverständnis entwickelt. Ein kleines Beispiel: Vitamin D wird über die UV-Strahlung auf die Haut von dieser in Vorstufen produziert und vom Stoffwechsel schließlich synthetisiert. Während der sonnigen Jahreszeit also hat so gut wie niemand einen Vitamin-D-Mangel. Im Winter hingegen, wenn sich die Menschen weniger im Freien aufhalten und die Sonnenstunden weniger werden, brauchen wir eine vermehrte Aufnahme von Vitamin D über die Nahrung. In unseren Breitengraden wachsen genau in diesen sonnenarmen Monaten Kraut beziehungsweise Kohl, die perfekten Vitamin-D-Lieferanten, die zur kalten Jahreszeit das Immunsystem stärken.

 

Da inzwischen aber auch im Winter Bananen, Kiwis, ja sogar Erdbeeren und anderes Obst und Gemüse aus Tausenden Kilometer entfernten Gegenden um teilweise weniger Geld als das Gemüse aus dem Nachbargarten angeboten werden, greifen wir immer öfter zu saisonal unpassenden, dafür aber billigeren Produkten. Was Wunder also, dass der Vitamin- und Mikronährstoffhaushalt aus den Fugen gerät. Das Problem: Australische Kiwis sind samt Transportkosten meist günstiger als der heimische Kohl. Auch Produkte aus Afrika, Asien sowie Süd- und Nordamerika sind trotz der langen Transportwege oft um ein Vielfaches günstiger als heimische Waren. Dies hat mit den dort viel größeren Anbauflächen und der damit wesentlich höheren Produktion und auch mit viel günstigeren Lohnkosten und Steuersätzen zu tun. Aber auch mit den jeweiligen Exportförderungen.

 

Faktum ist zudem, dass importierte Früchte unreif geerntet werden müssen und entsprechend weniger Inhaltsstoffe besitzen, als sie haben könnten, und dass auf den langen Transporten mittels Flugzeug, Schiff, Bahn und Lkw Unmengen an Schadstoffen in die Umwelt geblasen werden.

 

Sowohl aus gesundheitlichen Überlegungen heraus als auch zur Stützung der regionalen Landwirtschaft müsse über gezielte Steuerungsmaßnahmen diese Diskrepanz beseitigt werden, fordern die Buchautoren.

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