Aufgesogen mit der Muttermilch

Stillen ist gesund – für Mutter und Kind. Doch viele Fragen sind unklar: etwa wie lange gestillt werden soll, oder ab wann zugefüttert werden kann.  Foto: bilderstoeckchen/Fotolia.com
Stillen ist gesund – für Mutter und Kind. Doch viele Fragen sind unklar: etwa wie lange gestillt werden soll, oder ab wann zugefüttert werden kann. Foto: bilderstoeckchen/Fotolia.com

  

Muttermilch ist ein wahrer Power-Cocktail mit nachhaltig positiver Wirkung auf die Gesundheit von Babys. Über das Stillen kursieren aber oft auch sehr widersprüchliche Aussagen, die Mütter und Väter von Neugeborenen immer wieder verunsichern. Eine Spurensuche.

Von Christian F. Freisleben-Teutscher

Karin T. ist überglücklich. Nach drei Tagen hat sie das Spital verlassen, um mit ihrem Baby Leo nach Hause zu gehen. Karin und ihr Lebensgefährte Paul lasen schon in der Schwangerschaft Bücher rund um die ersten Wochen mit einem Neugeborenen. Sie besuchten gemeinsam den Schwangerschaftskurs. Karin stillt. Doch nach einigen Tagen beginnen die Probleme. Sie hat wunde Brustwarzen, Leo ist hörbar unzufrieden, nimmt nicht wirklich zu. Was tun? Karin fragt den Hausarzt. Dieser zuckt die Schultern und verweist auf die große Auswahl an Säuglingsnahrung.

 

Die junge Mutter ist mit dieser Auskunft unglücklich und wendet sich an die Hebamme, die sie im Spital betreut hat. Diese verweist auf die Wichtigkeit eines regelmäßigen Stillrhythmus. Ebenso eine Antwort, mit der Karin nicht viel anfangen kann. Noch dazu waren gerade Freunde zu Besuch, die einen riesigen Vorrat an Schnuller und eine nagelneue Babyflasche mitgebracht haben. Diese liegen nun neben den zahllosen kostenlosen Proben an Säuglingsnahrung, die Karin beim Gynäkologen und später im Spital bekommen hat. Die Freunde steuern ebenso ihren Rat bei: „Das mit der Stillerei“ würde ohnehin übertrieben – gerade in einem Industrieland wie Österreich. Paul hat wiederum eine Studie entdeckt, in der „überlanges“ ausschließliches Stillen mit höherer Wahrscheinlichkeit mit Allergien verbunden wird.

 

Stillkrisen, die oft zum frühzeitigen Abstillen führen, treten meist in den ersten zwei Wochen nach der Spitalsentlassung auf. Zu diesem Zeitpunkt ist die Rate voll stillender Frauen am höchsten. Ein Großteil der Mütter versucht alleine mit den Problemen fertig zu werden. Selten wenden sich die Frauen an die Geburtenabteilung, an der sie entbunden haben. Es gibt an einigen Spitälern zwar eine Stillambulanz, hinter dieser Bezeichnung steht aber nicht überall das selbe Ausmaß an fundierter Beratung und Zeit. Teils müssen – auch aufgrund starken Arbeitsdrucks – Gespräche mit verzweifelten Müttern zwischen Tür und Angel geführt werden. Nur ein Drittel der Frauen erhalten Informationen zum Stillen beim Gynäkologen, obwohl 64 Prozent überzeugt ist, dass entsprechende Informationen schon in der Schwangerschaft wichtig wären, ergibt eine Studie.

 

Ist das Baby drei Monate alt, haben bereits ein Viertel der Mütter abgestillt, obwohl nur vier Prozent der Frauen angeben, dass dies ihrer Zielvorstellung entsprochen hätte. Ein großer Teil der Mütter beginnt zu dieser Zeit mit dem Zufüttern von Säuglingsnahrung. Ist das Baby sechs Monate alt, stillen noch zehn Prozent der Mütter voll, 55 Prozent teilweise.

 

Vor zehn Jahren veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation WHO eine Empfehlung zum Stillen: Es ist demnach die „optimale ausschließliche Ernährung für Säuglinge während der ersten sechs Lebensmonate. Spätestens im siebenten Lebensmonat soll mit der Gabe von Beikost begonnen und dabei weiter bis ins zweite Lebensjahr und darüber hinaus gestillt werden, solange Mutter und Kind das wollen.“ Ausgangspunkte dafür waren damals aktuelle Studien zum Thema, „inzwischen gibt es zahlreiche weitere Studien, die die Bedeutung und Aktualität der WHO-Empfehlung untermauern“, analysiert die Fachärztin für Pädiatrie Beate Pietschnig, Vorsitzende der Österreichischen Stillkommission. Diese ist im Gesundheitsministerium angesiedelt und hat wie viele andere renommierte internationale Gesellschaften aus Bereichen wie Medizin und Pflege die WHO-Empfehlungen übernommen und bekräftigt.

 

Stillen ist auch ein wichtiges Thema im heimischen „Nationalen Aktionsplan Ernährung (NAP.e)“ der gerade vom Gesundheitsministerium aktualisiert wird. Ein Ausgangspunkt ist dabei eine Analyse der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), in der die Implementierung einer Stillkoordinatorin nach dem Vorbild anderer Länder für Österreich empfohlen wird. Zudem wird – auch im NAP.e – die Bedeutung der „Babyfriendly Hospitals Initiative (BFHI)“ betont und empfohlen, dass möglichst alle Geburtenabteilungen diesen Standard mit institutionalisierter Unterstützung anstreben sollten. BFHI ist eine weltweite Initiative von WHO und UNICEF, in die über 15.000 Spitäler eingebunden sind, davon zwölf in Österreich. „In einem BFHI erhalten alle Frauen gute fachliche Anleitung und Unterstützung zum Stillen. Besondere Beachtung findet die Einheitlichkeit der Informationen durch alle Berufsgruppen im Spital“, erklärt Anne-Marie Kern, Koordinatorin der BFHI für Österreich.

 

Widersprüchliche Informationen

Ein großes Problem sind die oft sehr widersprüchlichen Informationen zur Säuglingsernährung. „Wird nachgefragt, sind sich alle einig, dass Stillen wichtig ist“, sagt Kern. Allerdings ist „Stillen“ kein klarer Begriff: Selbst die Kombination „ausschließliches Stillen“ scheint Raum für Interpretationen zu lassen. „Viele Neugeborene bekommen in den ersten Lebenstagen Tee oder teils Spezialnahrung, obwohl dies medizinisch nicht angezeigt ist und die Eltern dies nicht wollen“, bedauert die Hebamme Renate Mitterhuber. Sie ist neben ihrer freiberuflichen Tätigkeit als Vortragende an Fachhochschulen in Österreich und in Fortbildungen für Hebammen tätig.

 

„Wenn Stillprobleme auftreten, ist nach wie vor zu selten, dass eine kompetente Stillberatung empfohlen wird. Meist wird empfohlen abzustillen, statt eine von der Kasse bezahlte Hebammennachbetreuung in Anspruch zu nehmen“, kritisiert Mitterhuber. Wird Flaschennahrung oder Beikost bei weiterem Stillen eingeführt, hat dies viele Vorteile: etwa die Reduktion der Häufigkeit von Infektionen, Zöliakie und Allergien. Selbst wenn die Mutter Medikamente nehmen muss, ist dies nur in Ausnahmefällen ein Grund für eine Stillpause oder Abstillen.

 

„Eine wichtige Aufgabe bei der Begleitung von Schwangeren und Stillenden ist diese zu unterstützen, auch auf ihre natürlichen Instinkte und ihre Beobachtungsgabe zu vertrauen“, sagt Mitterhuber. Ein Beispiel dafür: Theoretisch ist etwa das Wissen, dass Nähe wichtig ist, vorhanden. Praktisch wird der Prozess des Bonding, der so wichtigen ersten Kontaktaufnahme zwischen Kind und Mutter bzw. Vater, nach der Geburt oft unterbrochen. Allen aktuellen Erkenntnissen der Bindungstheorie zum Trotz wird teils davor gewarnt ein Kind zu verwöhnen, wenn es zu oft getragen wird, oder wenn es auch im Bett der Eltern schläft oder eben oft gestillt wird.

 

Empfehlungen und internationale Richtlinien

Die Interpretationsbandbreite spiegelt sich auch in verschiedenen Studienergebnissen wieder. Selten wird bei den Analysen nachgefragt, ob ausschließlich gestillt wird oder wann Spezialnahrung oder Beikost eingeführt wurde.

 

Ende des Vorjahrs wurden in Österreich Beikostempfehlungen von AGES und Gesundheitsministerium herausgegeben, die auf internationalen Empfehlungen basieren. Auch dort wird die Bedeutung der WHO-Stillempfehlung unterstrichen und betont, dass eine Einführung von Beikost vor der 17. Lebenswoche das Risiko für spätere Fettleibigkeit, Diabetes, kardiovaskuläre Erkankungen und Allergien erhöht. Mit Beikost soll begonnen werden, wenn das Baby beginnt, sich für andere Dinge zu interessieren. Es soll mit Stütze sitzen und Brei schlucken können bzw. an diesem Interesse zeigen – dies ist etwa ab dem sechsten Lebensmonat der Fall. „Die Aufgabe kompetenter Stillberatung ist es, Müttern eine informierte Entscheidung über die Ernährung ihres Babys zu ermöglichen und die Umsetzung zu begleiten. Sowohl Mütter, die sich für das Stillen entscheiden, als auch solche, die neben dem Stillen Milchfertignahrungen geben, oder Frauen, die nicht stillen wollen oder können, brauchen Unterstützung “, unterstreicht Pietschnig.

 

Muttermilch besteht aus 200 verschiedenen Bestandteilen: Sie enthält neben Wasser Proteine, Kohlehydrate (Milchzucker und Oligosaccharide), Fett, Mineralien, Spurenelemente sowie Vitamine. Weitere Bestandteile sind Enzyme, die dem Säugling eine bessere Verdauung der Nährstoffe ermöglichen, und verschiedene Immunstoffe.

 

Durchfall sowie Infektionen im Hals-Nasen-Ohren-Bereich sind bei gestillten Kindern deutlich seltener, die Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauferkrankungen im Erwachsenenalter ist niedriger. Gestillte Kinder ernähren sich später ausgewogener und es gibt deutliche Hinweise, dass das Risiko für Fettleibigkeit sinkt. Stillen ist weiters ein wichtiger Faktor bei der Prävention vor plötzlichem Kindstod. Geringer ist die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Allergien. Gefördert werden zudem die Sprachentwicklung, die gesunde Entwicklung des Kiefers sowie die intellektuelle Fähigkeit und emotionale sowie kognitive Entwicklung. Gerade auch bei frühgeborenen Kindern hat neben Körpernähe Muttermilch eine große Bedeutung für den oft schwierigen Einstieg ins Leben. Aktuelle Analysen weisen auch auf den schmerzlindernden Effekt von Muttermilch hin.

 

Stillen bringt auch Vorteile für die Gesundheit der Mütter: Die Gebärmutter bildet sich nach der Geburt rascher zurück. Unterstützt wird auch die Reduktion des Körpergewichts, das in der Schwangerschaft teilweise stark zugenommen hat. Das Risiko, an Brust- oder Eierstockkrebs zu erkranken, vermindert sich mit jedem Monat, n dem gestillt wird. Eine aktuelle Studie zeigt auch ein vermindertes Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen für die Mütter.

 

Qualifizierte Ausbildung gewährleistet

Weltweit gibt es rund 23.000 Personen aus dem Kreis von Ärzten, Fachpflegekräften, Hebammen und anderen Gesundheitsberufen, die eine Zusatzausbildung als geprüfte Still- und Laktationsberaterin haben. Grundlage sind eine theoretische und praktische Schulung, sowie regelmäßige Fortbildung. Wer die Berufsbezeichnung Intenational Board Certified Lactation Consultant (IBCLC) führen will, muss diese alle fünf Jahre rezertifizieren. IBCLCs sind in ihren Grundberufen tätig und dort in der Weiterbildung für Kolleginnen und Kollegen, der Implentierung von Stillstandards und in der Stillberatung von Müttern und Vätern.

 

Webtipp: www.stillen.at

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