Der schwere Weg

Der Schweizer Therapeut Peter Fässler-Weibel befasst sich schon seit Jahren mit dem Tod.  Foto: Fässler-Weibel
Der Schweizer Therapeut Peter Fässler-Weibel befasst sich schon seit Jahren mit dem Tod. Foto: Fässler-Weibel

  

Ärzte fühlen sich oft hilflos im Umgang mit chronisch Kranken, Krebskranken, Sterbenden. In der Vergangenheit wurden Mediziner in der Ausbildung kaum auf die Belastungen vorbereitet. Der Schweizer Therapeut Peter Fässler–Weibel befasst sich seit Jahren in Seminaren und Büchern mit diesem Tabuthema.

Von Birgit Köhlmeier

Soll der Arzt einem Schwerkranken die Wahrheit über dessen Gesundheitszustand sagen? Sollen Angehörige in dieses Gespräch einbezogen werden oder nicht? Wann ist der geeignete Zeitpunkt für ein solches Gespräch, wie viel Wahrheit ist dem Patienten zumutbar und vor allem, wie soll der Arzt die alle belastende Botschaft überbringen? Der Schweizer Paar- und Familientherapeut Peter Fässler-Weibel aus Winterthur bei Zürich beschäftigt sich seit Jahren mit diesen Fragen. Er ist Spezialist für Krisenereignissen – seien es familiäre Konflikte, Katastrophen wie etwa jene beim Seilbahnunglück in Kaprun, wo er Angehörige der Opfer betreute, oder eben die Begleitung von Sterbenden und deren Angehörige. Und er bildet auch Laien und Gesundheitsarbeiter aus, Menschen in solchen Krisen zu begleiten.

 

„Interessanterweise denken viele Ärzte, Pflegepersonen und Therapeuten für die Patienten und beurteilen für sie die Frage der Zumutbarkeit, ohne mit den Betroffenen darüber gesprochen zu haben“, stellt Fässler-Weibel in seinen Seminaren immer wieder fest. Er ist überzeugt: „Es ist ein Trugschluss zu glauben oder zu meinen, die Patienten wüssten nichts über ihre innere Befindlichkeit und ebenso wenig über die Bedrohung einer möglicherweise ernsthaften Erkrankung.“ Es sei vielmehr so, dass behandelnde Ärzte, Therapeuten und Pflegepersonen nichts über die Befindlichkeit der Patienten wissen, weil sie gar nicht danach fragen.

 

Häufig sei es so, meint der Therapeut, „dass wir - die Ärzte und Therapeuten - nicht wissen, wie wir die schlechte Nachricht überbringen sollen, während sich der Patient schon seit Monaten innerlich damit beschäftigt und auseinandergesetzt hat“. Ärzte stehen unter Druck und haben Leistungen in kürzester Zeit zu erbringen. In den meisten Krankenhäusern muss ein Arzt viele Patienten betreuen, viele Visiten absolvieren. Da bleibe nicht sehr viel Zeit für ein intensives Gespräch mit dem Patienten. Als Folge ortet der Therapeut Überforderung, die sehr oft zu Burn out bei den Helfern führe.

 

Eines der wichtigsten Anliegen Peter Fässler-Weibels ist es, in einer Zeit zunehmender Regulierung und Ökonomisierung vieler Aspekte des Arztseins dem ärztlichen Gespräch wieder den Stellenwert und die Zeit zu geben, die ihm gebührt: „Es ist eine Notwendigkeit, die Fortschritte und die Grenzen der modernen Medizin in der Begegnung zwischen Arzt und Patient im ärztlichen Gespräch für die Betroffenen begreifbar zu machen und damit eine Grundlage zu schaffen, um das, was Kranksein bedeutet, ertragen zu können“, schreibt Fässler-Weibel im Vorwort zum Buch „Über den Schatten springen“, das er zusammen mit dem Wiener Krebsmediziner und Psychotherapeuten Alexander Gaiger verfasst hat.

 

Wenn es zu einer fatalen Isolation führt

Neben der Beziehung zwischen Arzt und Patient spielt in der Betreuung Schwerkranker auch die Beziehung zwischen dem Patienten und seinen Angehörigen eine wichtige Rolle. „Häufig empfindet der Patient seine Situation nicht nur für sich sondern auch für die Angehörigen als Belastung“, sagt Fässler-Weibel. Der Verschonmechanismus, der oft gegenseitig praktiziert werde, führe zu einer fatalen Isolation. „Sowohl der Patient als auch seine Angehörigen blockieren dabei ihre eigene Emotionalität“, betont der Therapeut. Somit stelle sich eigentlich nicht die Frage „wer fällt wem zur Last“ sondern „was fällt wem zur Last?“

 

Aus Erfahrung weiß der Schweizer Therapeut, dass die Rolle der Angehörigen in der Beziehung zum kranken Familienmitglied grundsätzlich schwierig einzuschätzen ist. Das Verhalten der Verwandten wirke im Alltag der Ärzte und Pflegenden oft blockierend, oft sogar störend: „Anhand der Aufgaben, die Angehörige zu bewältigen haben und verbunden mit den Verhaltensweisen, die sie zeigen, lassen sich ‚Störfälle’ konstruktiv einbinden und führen zu einer ressourcenorientierten Beziehung, sehr zum Wohl aller Beteiligten.“

 

Zum Kreis der Angehörigen gehören intrafamiliäre, extrafamiliäre, exfamiliare und berufliche Bezugspersonen. In diesen vier Gruppen entstehen im Verlaufe der Beziehung Dynamiken, die dann wesentliche Bestandteile der Begleitung werden. Angehörige erleben sich in ihrer Beziehung zum kranken oder sterbenden Familienmitglied oft ambivalent. Das Erkennen dieser eigenen Ambivalenz und die Suche nach Transparenz verhelfen dem Patienten und seinen Angehörigen zu einer konstruktiven Begegnung während der Krankheit und auf dem Weg zum Sterben.

 

„Sterbebegleitung ist in Mode, ausgebildete, teils freiwillige Helferinnen und Helfer leisten viele Einsätze“, sagt Fässler-Weibel. Das Sterben in einer Institution (etwa in einem Spital oder Heim) oder zu Hause erfordert von allen Beteiligten eine hohe Sensibilität. „Jeder Patient hat auf dem Weg hin zu seinem Tod Ansprüche, die seinerseits oft nicht formuliert werden“, sagt der Therapeut: „Die klare Kommunikation im System verbunden mit dem tabufreien Umgang der individuell belastenden Fragen erfordert eine Professionalität, die mehr ist als Begleitung“. Durch qualifiziertes Coaching des Systems und der darin stehenden Personen unter Berücksichtigung von Lebensqualität, Familiendynamik und der Ressourcen der einzelnen Systemteile können die zu leistenden Schritte gemeinsam durchlebt werden. Menschen mit terminaler Erkrankung durchwandern schmerzhafte Stationen des Abschiednehmens. Persönliche Veränderungen in körperlicher und seelischer Hinsicht bleiben sowohl dem Patienten als auch seinen Angehörigen nicht verborgen.

 

Die Patienten durchwandern ein Schatten überzogenes Leben, in dem oft das Licht durch die Begegnung mit Angehörigen, Freunden, Bekannten, Verwandten, Pflegenden oder Ärzten partiell erscheinen mag. Vielen Menschen fällt es schwer, diese Spannung zwischen Licht und Schatten auszuhalten, weil deren Inhalte oft zuwenig bekannt sind.

 

Sinn und Ziel der Psychotherapie sei es, sagt der Therapeut Fässler-Weibel, Leidenszustände zu verstehen, zu verändern, zu lösen oder zu lindern. Palliativbetreuung ist eine Herausforderung an die Pflegenden, die Ärzteschaft, die Therapeutinnen und Therapeuten, die Seelsorger und alle, die mit schwerkranken und sterbenden Menschen in Beziehung stehen. Schon bei der Eröffnung der Diagnose entstehen schwierige Momente, die oftmals in kommunikativer Hinsicht verantwortlich sind für Fehlentwicklungen. Das Pendeln zwischen Macht und Ohnmacht führt oft zu Störungen, die die verschiedenen Systeme der Beziehungen nicht nur beeinträchtigen sondern gar blockieren können.

 

Sowohl bei einer schweren Erkrankung als auch bei der Entwicklung hin zum Sterben stellt sich für alle Beteiligten die Frage nach der Lebensqualität. Ein Patient lebt noch und in diesem Leben ist Lebensqualität zu suchen. Die Parameter dazu liefert der Patient in Zusammenarbeit mit seinen Angehörigen. Was ist Lebensqualität? Was fördert oder fordert Lebensqualität?

 

Den Tagen und Wochen Leben geben

Diese Frage sei abhängig von der Lebensphilosophie des Patienten und seiner Angehörigen. „Viele, nur allzu viele, fügen während des Krankheitsprozesses ihrem Leben Tage und Wochen hinzu. Wir sollten indes lernen, den Tagen und Wochen Leben zu geben, sie mit dem zu füllen, was dem Patienten Freude und Begeisterung verleiht.“ Alle beruflich involvierten Persönlichkeiten seien aufgefordert, den Patienten und seine Angehörigen in sorgfältigen Prozessschritten dahin zu führen, dass sie trotz Krankheit leben und nicht lebend auf das Ende der Krankheit zu warten.

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