Homöopathie am Krankenbett

An derzeit zwölf Spitälern bieten eigene Ambulanzen auch eine homöopathische Behandlung an. Immer als Ergänzung zur Schulmedizin.  Foto: Kzenon/Fotolia.com
An derzeit zwölf Spitälern bieten eigene Ambulanzen auch eine homöopathische Behandlung an. Immer als Ergänzung zur Schulmedizin. Foto: Kzenon/Fotolia.com

SERIE Gemeinsam Heilen 

  

Schulmediziner greifen in Spitälern immer öfter auf Komplementärmedizin zurück. Mit teils beachtlichen Erfolgen. Der erste Teil der Serie beleuchtet die vielen Einsatzgebiete der Homöopathie - ganz nach dem Motto: „Gibt’s da nicht ein gutes Kügelchen?”

Von Sigrun Saunderson

Wer in Österreich eine homöopathische Behandlung sucht, findet sie nur in privaten Arztpraxen und muss dafür aus eigener Tasche bezahlen, und zwar gar nicht wenig. Stimmt nicht ganz. An derzeit zwölf Spitälern bieten eigene Ambulanzen auch eine homöopathische Behandlung an. Immer als Ergänzung zur Schulmedizin, meist in enger Kooperation mit den behandelnden Ärzten. Diese Ambulanzen werden teilweise von den Spitalbetreibern oder auch von speziellen Fonds finanziert. Für die Patienten fallen oft nur geringe oder gar keine zusätzlichen Kosten an. Eine Antwort auf den Ruf der Patienten nach mehr Komplementärmedizin?

 

Die gynäkologisch-geburtshilfliche Abteilung im Linzer Konventhospital der Barmherzigen Brüder wird seit sechs Jahren um eine homöopathische Ambulanz ergänzt, geführt von Rosemarie Brunn-thaler. Sie ist praktische Ärztin und Psychotherapeutin mit eigener Praxis und hat das Diplom für Homöopathie. Einmal pro Woche steht sie Patientinnen in der Spitalsambulanz zur Verfügung. „Gerade bei hormonellen Problemen scheint die Homöopathie besonders gut zu wirken. Wechselbeschwerden, unerfüllter Kinderwunsch, Menstruationsprobleme, Pilzerkrankungen. Diese Probleme sind oft schulmedizinisch schwer behandelbar. Oft haben die Symptome auch eine psychische Komponente, da hilft der ganzheitliche Ansatz der Homöopathie meist besser als eine einseitig auf einen Keim konzentrierte Behandlung.” Brunnthaler betreut die Patientinnen nicht nur ambulant, sondern bietet auch im stationären Bereich eine homöopathische Begleitung an.

 

Sie berichtet von klaren Erfolgen auch während der Geburt und im Wochenbett. „Wehenschmerzen lassen sich homöopathisch erträglicher machen, es lassen sich aber auch die Wehen homöopathisch stimulieren. Sogar dann, wenn der Wehentropf keine Wirkung hat, kann eine homöopathische Gabe gegen die Erwartungsspannung den Einsatz der Wehen bewirken.” Während des Wochenbetts kommen Patientinnen wegen Stillproblemen, Schmerzen nach einer traumatischen Geburt und postnataler Depression zu ihr.

 

Um auch außerhalb ihrer Dienstzeiten die homöopathische Begleitung sicherzustellen, bildet Brunnthaler Hebammen der Geburtenstation in der Homöopathie rund um Geburt und Wochenbett aus. Diese eingeschränkte Ausbildung dauert ein Jahr und endet mit einem Diplom. „Jede kann man aber nicht überzeugen. Vor allem die älteren Hebammen lassen sich oft gar nicht auf die Homöopathie ein.” Brunnthaler nimmt Zweiflerinnen jedoch gelassen: „Es gibt immer noch Leute, die glauben, das darf es nicht geben, nur weil die Funktionsweise mit der Newton’schen Physik nicht erklärbar ist. Leute, die die Wirkung der Homöopathie an sich selbst kennengelernt haben, sprechen aber in höchsten Tönen davon.” Sie wünscht sich mehr Zusammenarbeit zwischen Schulmedizin und Homöopathie. „Patientinnen fragen vor allem nach homöopathischen Kinderambulanzen. Kinder brauchen oft Betreuung, die aber beim niedergelassenen Homöopathen wegen der notwendigen langen Patientengespräche teuer ist. Das kann nicht jeder einfach so zahlen. In Spitalsambulanzen zahlen Patienten abhängig vom Spital nur einen Selbstbehalt oder manchmal auch gar nichts.”

 

Die Hälfte aller homöopathischen Ambulanzen befindt sich tatsächlich an Abteilungen für Kinder- und Jugendheilkunde. Eine davon schon seit zehn Jahren am Landeskrankenhaus Steyr. „Wir wollen uns in verschiedenen Richtungen offen zeigen”, erklärt Primarius Josef Emhofer, Vorstand der Abteilung. „Grundsätzlich können alle Fälle mit Ausnahme akuter Notfälle auch homöopathisch behandelt werden. Dabei richten wir uns vor allem nach dem Wunsch der Eltern. Manche Stationsärzte schlagen auch von sich aus eine homöopathische Begleitung der Therapie vor.

 

Allerdings nie als Ersatz einer konventionellen Therapie.” Emhofer selbst schreibt der Homöopathie übrigens nicht mehr als Placebowirkung zu. „Ich bin skeptisch. Trotzdem schlage ich auch manchmal vor, dass sich unser Homöopath ein Kind anschaut. Die Extra-Zuwendung, das Placebo – das hat durchaus Wirkung.” Der Homöopath an der Kinderstation, das ist Gian Farid. Er ist aber vor allem Kinderarzt und Leiter der Kinderambulanz des Hauses. Die Homöopathie ist für ihn eine von vielen ärztlichen Behandlungsmöglichkeiten, die er je nach eigener ärztlicher Einschätzung anwendet. Eltern müssen nicht ausdrücklich danach verlangen, Globuli sind in seiner Ambulanz genauso selbstverständlich wie Fieberzäpfchen und Schmerzmittel-Infusionen. „Als Kinderarzt arbeite ich sehr viel mit schulmedizinischen Methoden. Ich kann daher Vergleiche ziehen zwischen dem Krankheitsverlauf mit schulmedizinischer und mit homöopathischer Behandlung: Vor allem Atemwegserkrankungen kann eine homöopathische Behandlung relativ schnell lösen. Der Erfolg der Homöopathie ist hier ungleich besser.” Dennoch würde er vor allem in akuten Fällen nicht auf die Schulmedizin verzichten wollen. „Da ist rasche schulmedizinische Akutbehandlung nötig, erst im Anschluss ist Zeit für ein ausführliches Anamnesegespräch, um das geeignete homöopathische Mittel zu finden.”

 

In der homöopathischen Baby- und Kinder-ambulanz in der Wiener Rudolfstiftung behandelt die Kinderärztin Bettina Baltacis schon die Allerkleinsten auch homöopathisch. „Sogar im intensivmedizinischen Zusammenhang ist eine Begleitung durch eine homöopathische Therapie möglich und oft erfolgreich. In unserem Team hat sich eine kleine Anzahl an homöopathischen Arzneien für den Akutfall sehr gut durchgesetzt, die zum Beispiel unmittelbar nach der Geburt verwendet werden, wenn das Baby Anpassungsstörungen zeigt. Oft genügt die homöopathische Therapie, um die Selbstregulationskräfte ausreichend zu stimulieren.” Und auch in den ersten Lebenstagen kann sie den Neugeborenen über Schwierigkeiten hinweghelfen. „Sehr oft treten Pflegepersonen oder Ärztinnen an mich heran und sagen: ,Dieses Baby fühlt sich gar nicht wohl. Es hat Bauchschmerzen, keinen Appetit oder Ähnliches. Gibt es da nicht ein gutes Kügelchen?’”

 

Im Landeskrankenhaus Klagenfurt steht Patienten der kinderonkologischen Abteilung schon seit sechzehn Jahren eine homöopathische Begleitung zur Verfügung. Angeregt wurde diese von der Kinderkrebshilfe, die bis heute die Kosten trägt. Erfried Pichler betreut hier einmal pro Woche die jungen Krebspatienten begleitend zur konventionellen Therapie. Der Primarius der Abteilung, Wilhelm Kaulfersch, sieht nicht nur Verbesserungen für die Patienten, sondern für die gesamte Abteilung. „Durch die Homöopathie ersparen wir uns oft zusätzliche Therapien. Ich würde natürlich nicht eine homöopathische Behandlung statt der Chemotherapie vorschlagen. Ziel ist es aber, zu den belastenden Chemotherapien und Bestrahlungen nicht noch zusätzliche Medikamente zu benötigen. Gegen Schlafstörungen, Ängste, Kopf- oder Bauchschmerzen zum Beispiel setzen wir lieber die Homöopathie ein.” Die konkrete Auswirkung für die betroffenen Kinder: Sie können oft schneller das Spital verlassen. Kaulfersch hat auch selbst schon mehrmals Medikamente abgesetzt, die er verordnet hatte, weil eine Krankheit mit homöopathischer Behandlung geheilt wurde. „Auch wenn die Homöopathie nur einen Placeboeffekt haben sollte, wäre mir das recht. Das ist besser, als dieselbe Wirkung mit einem teuren Medikament zu erreichen, das noch dazu Nebenwirkungen hat.”

 

Von reiner Placebowirkung kann Pichler nicht sprechen. „Die Wirkung ist nachvollziehbar und reproduzierbar. Manche Kinder werden zum Beispiel nach der Strahlenbehandlung plötzlich aggressiv. Das kann meist rein homöopathisch gelöst werden. Dabei kann man gut beobachten, dass sie beim Absetzen der Mittel wieder in die Aggression zurückfallen.” Kaulfersch und Pichler sind sich einig, dass das psychische Zustandsbild der jungen Krebspatienten meist besonders problematisch ist – und auch besonders gut mit Homöopathie beeinflusst werden kann. „Dadurch werden auf unserer Station Psychopharmaka extrem selten eingesetzt”, sagt Pichler.

 

Werner Knoflach sieht die Wirkung der Homöopathie auf die Psyche regelmäßig im Psychiatrischen Krankenhaus Hall in Tirol. Der Allgemein- und Komplementärmediziner behandelt in der Spitalsambulanz ausschließlich Patienten, die ihm von den dortigen Ärzten zugewiesen werden. „Wir pfuschen uns gegenseitig nicht in die Arbeit, sondern ergänzen uns im Sinne des Patienten. Ich setze keine Medikamente ab und umgekehrt setzt auch kein Arzt meine Behandlung ab.” Seine häufigsten Fälle sind Depressionen. Er begleitet aber auch Menschen, die an Schizophrenie oder bipolaren Krankheiten leiden. „Die meisten Psychiatrie-Patienten nehmen mehrere Psychopharmaka. Der Vorteil der Homöopathie ist, dass man diese Medikamente zumindest reduzieren kann. Wir haben einige Patienten, die mit der Homöopathie ihre Psychopharmaka auch ganz absetzen können. Das entscheide aber nicht ich. Der Patient sagt dem Facharzt, wenn es ihm besser geht, und dieser kann dann die Medikamente absetzen. Wir bewahren immer einen respektvollen Umgang zwischen den Kollegen und den Methoden. Die homöopathische Spitalsambulanz ist ein Zusatzangebot vor allem für Patienten, die sich Privatbehandlung nicht leisten könnten.”

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Kommentare: 1
  • #1

    Medikamentenskepsis (Mittwoch, 03 August 2011 12:29)

    Leider ist die Zahl der Nebenwirkungen bei multimorbiden Paienten oft das geringere Problem. Viel unberechenbarer sind die schwer vorhersehbaren Wechselwirkungen der verordneten oft ein Dutzend und mehr Medikamente untereinander, die sich ja von Patient zu Patient jeweils unterscheiden können und permutative Formen annehmen. Diese lassen sich daher weniger aus Beipackzetteln ablesen, sondern in vertretbarer Zeit nur noch in Datenbanken recherchieren, von denen ich in meinen <a href="http://gelenkgesund.com/2011/07/25/informationsquellen-und-online-ressourcen-zu-arzneimittelwechselwirkungen/">Online-Ressourcen zu Arzneimittel-Neben- und -Wechselwirkungen</a> einige zusammengestellt habe.