Der Lustlosigkeit entkommen

 

Wenn Frauen sagen: „Ich habe keine Lust mehr“, dann muss das noch lange nicht stimmen, sagt die Kremser Gynäkologin Doris Linsberger. Sie sprach mit Sabine Fisch über Probleme in der Partnerschaft, wie Paare der „Lustlosigkeitsfalle“ entkommen und wie Sexualität garantiert misslingt.

 

 

lebensweise: Was ist guter Sex?

Doris Linsberger: Das hängt davon ab, wann, mit wem und unter welchen Umständen eine sexuelle Begegnung stattfindet. Guter Sex ist für jede und jeden etwas anderes. Es gibt keine Norm.

 

lebensweise: Und wie geht Sex garantiert daneben?

Linsberger:Wenn ich jegliche sexuelle Basis in einer Beziehung zerstören möchte, dann sage ich meinem Partner so oft wie möglich, wie hässlich, fett oder unerotisch ich ihn finde. Ich konfrontiere ihn ständig damit, was er alles falsch macht. Das Tüpfelchen auf dem I ist dann den Partner auszulachen – damit kann man sichergehen, dass Sex in der Beziehung nicht mehr funktioniert.

 

lebensweise: Welches sind die häufigsten Probleme, mit denen sie in ihrer Praxis konfrontiert werden?

Linsberger:Viele Frauen berichten von Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und Lustlosigkeit. Nicht selten kommen Patientinnen und sagen „geben sie mir was, damit ich wieder Lust habe“.

 

lebensweise: Warum hält bei länger andauernden Partnerschaften oft die Lustlosigkeit Einzug?

Linsberger:Unser Alltag ist meist nicht gerade lustfördernd. Das ist aber nur ein Punkt. Ein zweiter Punkt betrifft das Thema „Lustlosigkeit der Frau“ an sich. Denn meistens sind Frauen gar nicht lustlos – sie befinden sich aber in länger dauernden Beziehungen oft in einem Status „sexueller Neutralität“. Sie haben durchaus gerne Sex mit ihrem Partner, es braucht aber Stimuli, um die Frau aus der „sexuellen Neutralität“ heraus zu holen. Das kann ein gemeinsames Essen sein, ein erotischer Gedanke, der Geruch des geliebten Partners – da können Frauen relativ rasch aus der Neutralität herauskommen.

 

lebensweise: Wie versuchen Sie, Frauen zu helfen?

Linsberger:Am Anfang jeder Lösung steht das Gespräch. Wenn sich die Frauen mir anvertrauen, zeigt sich häufig, dass sie sehr wohl Lust hätten – wenn die Umstände andere wären. Viele fühlen sich von ihren Partnern nicht verstanden, nicht liebevoll genug behandelt. Ich glaube, der Kuschelfaktor in der Sexualität ist enorm wichtig. Viele Männer können das aber nicht wahrnehmen und fühlen sich durch intensive Nähe überfordert. Ich rate Frauen, das Gespräch mit ihren Partnern zu suchen. Sie sollen offen und ohne Vorurteile ihrem Partner mitteilen, was sie sich für eine gelungene Sexualität wünschen.

 

lebensweise: Über Sex zu reden, fällt vielen schwer ...

Linsberger:...Das ist richtig. Kommunikation über Sexualität ist oft buchstäblich verwüstet, da ist nichts. Viele Menschen sind in dieser Hinsicht tatsächlich sprachlos und können, auch dann, wenn sie spüren, was sie brauchen, nicht ausdrücken, was sie sich wünschen. Oft bestehen auch Ängste gegenüber dem Partner, fehlinterpretiert zu werden. Sexualität ist nach wie vor tabuisiert, viele Frauen kennen ihre eigenen Bedürfnisse nicht und können sie nicht ausdrücken – das gilt für Männer übrigens auch. Und wenn dann versucht wird, darüber zu reden, wird oft über Vorwürfe kommuniziert – nicht „ich wünsche mir von dir“, sondern „du tust nicht“. Das verschlimmert das Problem.

 

lebensweise: Wie können sich Paare hier helfen?

Linsberger: Wenn ein Paar wirklich bereit ist, sich mit seinen sexuellen Problemen auseinanderzusetzen, dann empfehle ich eine Sexualtherapie. Dort lernen sie, liebevoll miteinander zu kommunizieren, und lernen, ihre Bedürfnisse auszuleben.

 

 

Zur Person: Dr. Doris Linsberger ist niedergelassene Fachärztin für Gynäkologie in Krems.

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