Die Welt als Ganzes

Wo die Natur verweigert, ist die Medizin mit ihrem Latein oft am Ende. Der Zufall wollte es, dass ausgerechnet eine Frau dazu kam, Frauen zu helfen: Michaela Zorzi zog aus, um Kinder und Blumen in die Welt zu pflanzen.

Von Berit Freutel

lebensweise: Würden Sie die Kombination Gynäkologie und Homöopathie als Spezialisierung beschreiben?

Michaela Zorzi: Ich bin Allgemeinmedizinerin, denn in der Homöopathie gibt es immer nur einen ganzheitlichen Ansatz. Spezialisierungen existieren hier in dem Sinne nicht, man behandelt praktisch nur eine Erkrankung. Ich würde eher sagen: Ich betreibe eine allgemeinmedizinische Ambulanz auf der Abteilung Gynäkologe.

 

lebensweise: Wie kam eine klassische Medizinstudentin der frühen 1980er-Jahre zur Homöopathie?

Zorzi:Das war Zufall. Während des Turnus‘ hatte ich Nachtdienst mit einer Kollegin, die ein paar Bücher über Homöopathie dabei hatte. Ich schmökerte darin und war höchst überrascht über die Annahme, dass Zugluft, Schwitzen und eine Vorliebe für weiche Eier ganzheitlich zusammenwirken sollen. Und ich wurde über Nacht bekehrt. Mich hat das Thema einfach nicht mehr losgelassen. Die kraftvolle Wirkung der Homöopathie – auch bei meiner eigenen Erkrankung – hat mich dann überzeugt. Es gibt wohl keinen Homöopathen, der sich nicht selbst behandelt.

 

lebensweise: Inwieweit und wie konkret kann man einen unerfüllten Kinderwunsch homöopathisch behandeln? Gibt es den „So-werde-ich-schwanger-Mix“?

Zorzi:Nein, Homöopathie ist eine individuelle Medizin. Eine genaue, circa eineinhalbstündige Anamnese ist die Voraussetzung, um die Arznei zu finden, die zu Geist, Seele und Körper der Patientin passt. Man kann den Zyklus stimulieren, also das Hormonsystem der Frau anregen. Homöopathie kann Ängste und Blockaden lösen oder konkrete Maßnahmen durch passende Arzneien setzen, um wiederkehrenden Infektionen oder Schilddrüsenerkrankungen, die eine Schwangerschaft verhindern könnten, gegenzusteuern.

 

lebensweise: Wie sieht Ihre eigene homöopathische Erfahrung bei unerfülltem Kinderwunsch aus?

Zorzi:Im Allgemeinen gut. Dennoch reagiert nicht jeder Mensch gleich. Manchmal klappt es sofort, mitunter geht auch mit Homöopathie der Kinderwunsch nicht in Erfüllung. Es gibt also, wie bei jeder ärztlichen Behandlung, keine Garantien.

 

lebensweise: Was können schwangere Frauen präventiv tun, damit die Geburt unkompliziert verläuft?

Zorzi:Auch das ist eine Frage der individuellen Konstitution. Wenn man gesund ist, braucht man gar keine Arznei. Ansonsten ist eine gute Anamnese das Beste. Heute ist es oft üblich, dass alle Patientinnen zur Geburtsvorbereitung die gleichen Arzneien bekommen. Dieses Prinzip widerspricht der Homöopathie gänzlich. Im Krankenhaus Hietzing ist die Homöopathie-Behandlung in der Schwangerschaft gratis. Eine gute Beratung bieten auch Apotheken mit homöopathischem Schwerpunkt oder der Hausarzt mit Homöopathie-Ausbildung und Kassenvertrag. Leider gibt es davon noch nicht so viele.

 

lebensweise: Kann Homöopathie in der Geburtshilfe als Schmerzmittel auch Kreuzstich und Co ersetzen?

Zorzi:Nein, ersetzen lassen sich diese Methoden freilich nicht. Aber durch effiziente homöopathische Schmerztherapie und Entspannungs-Methoden werden solche Maßnahmen oft überflüssig.


lebensweise: Was zahlt die Krankenkasse an Behandlungen, an Medikamenten und anderem?

Zorzi:Sehr wenig, nämlich die normalen Tarife eines niedergelassenen Arztes für einen Patienten im Quartal und das sind rund 10 bis 15 Euro. Medikamente werden allerdings gar nicht bezahlt. Zahlreiche Zusatzversicherungen bieten mittlerweile die Abdeckung von komplementärmedizinischen Methoden an und bezahlen durchschnittlich 80 bis 100 Prozent der Behandlungskosten und Arzneien.

 

lebensweise: Was lehren Sie in der „homöopathischen Lehrambulanz“? Was könnte man verbessern?

Zorzi:Die auszubildenden Studenten und Ärzte sind bei der Anamneseführung anwesend, wir besprechen die Patientin mit der entsprechenden Arzneiwahl direkt, also durch so genanntes „bedside teaching“. In Österreich gibt es eine hochqualitative Ausbildung, die mit einem Diplom abschließt, das EU-Status hat. Für eine Verbesserung hielte ich eine verpflichtende allgemeine Einführung in die Denk- und Behandlungsweise der Homöopathie für Studenten der Medizin und Pharmazie.

 

lebensweise: Nach welchen Grundsätzen leiten Sie Ihre Praxis?

Zorzi:Meine Praxis ist klein aber fein. Ich führe sie – von der Anmeldung bis zum Rechnungsschreiben und von der Telefonauskunft bis zum Füllen des Wasserkrugs im Wartezimmer – sehr persönlich. Zwischen den anspruchsvollen Anamnesegesprächen und der Arzneifindung ist mir dies eine freudvolle Abwechslung. Ich liebe meinen Beruf und fühle mich meinen Patienten sehr verbunden.

 

lebensweise: Haben Sie selbst Kinder?

Zorzi:Ich habe drei wunderbare Kinder. Meine Töchter Anna-Teresa und Magdalena sind zwei zukünftige Homöopathinnen, die von Kindesbeinen an am eigenen Körper die Wirkungen der Arzneien miterleben durften. Auch mein Sohn schätzt die Homöopathie und wendet sie für sich selbst an.

 

lebensweise: Die Zukunft der Homöopathie: Was ist  Ihr persönlicher Traum?

Zorzi:Homöopathie auf Krankenschein, also die Möglichkeit für Ärzte, Homöopathie genauso einsetzen zu können wie Mittel der Schulmedizin. Mein Traum wäre eine völlige Integration der Homöopathie in die Medizin, dies wäre dem Können der Homöopathie würdig. Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg.

 

 

Zur Person:Dr. med. Michaela Zorzi hat ein ÖÄK-Diplom für Homöopathie, führt eine Praxis für Allgemeinmedizin in Hietzing. Sie leitet die homöopathische (Lehr-)Ambulanz an der geburtshilflich-gynäkologischen Abteilung des KH Hietzing.

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