Generation geliebter Einzelkinder

Am befruchtenden Ziel: Eine Samenzelle dringt in eine reife Eizelle ein. Ganzheitliche Methoden können den Erfolg deutlich erhöhen. Foto:Stephen Sweet/Photoxpress.com
Am befruchtenden Ziel: Eine Samenzelle dringt in eine reife Eizelle ein. Ganzheitliche Methoden können den Erfolg deutlich erhöhen. Foto:Stephen Sweet/Photoxpress.com

 

Mutterschaft versus Faltenwurf: Immer mehr Babys werden von reifen Frauen geboren. Sie stehen mitten im Leben und wissen, was sie wollen: ein Kind. Schul- und Komplementärmedizin bieten Hilfen an.

Von Sigrit Fleisz

 

Studium, Karriere, Selbstfindung. Und Spaß am Leben. Immer mehr Frauen verschieben ihre erste Schwangerschaft auf einen späteren Termin. Schließlich kann man heutzutage, wenn die Leichtigkeit des Seins irgendwann unerträglich langweilig wird, mit der biologischen Uhr einen Deal machen. Was die Medizin noch vor gar nicht langer Zeit als „alte Primipara“, also späte Erstgebärende bezeichnete, ist mittlerweile salonfähig. Das durchschnittliche Alter der Jungmütter hat sich in Mitteleuropa irgendwo zwischen 31 und 35 Jahren eingependelt. 1980 war die Frau bei ihrer ersten Geburt 25 Jahre jung. Heute hat von den 25- bis 29-Jährigen nur jede dritte Nachwuchs vorzuweisen.

 

Den Trend geben Berühmtheiten aus Film und Musik vor: Céline Dion, Julia Roberts und Holly Hunter zeigen ihren Fans, wie man jenseits der 40 schön, reich und auch noch eine Super-Mum von süßen Zwillingen ist. Desperate Housewife Marcia Cross gebar ihre Zwillinge im Alter von 44 Jahren. Spät aber doppelt glücklich wurde Geena Davis: Sie bekam mit 48 Zwillinge. Und schon bei Tochter Nummer eins war Davis stolze 46 Jahre alt. Die Liste der späten Mütter ist endlos lang: Popikone Madonna, Schriftstellerin Helen Fielding („Bridget Jones“), Prinzessin Caroline von Monaco, Barbara Wussow, Halle Berry, Kim Basinger und mehr – sie alle bekamen nach vollendeter Lebensmitte und Karriere noch ein Kind. Aus psychologischer Sicht hat eine späte Schwangerschaft durchaus Vorteile. Ältere Frauen gelten durch ihren Erfahrungsschatz als gelassener als ihre jüngeren Schwestern. Sie haben das Leben ausgekostet und können sich nun mit ganzem Herzen ihrem Kinderwunsch und damit auch dem Wunschbaby widmen.

 

Soweit klingt es sinnvoll. Doch wie sieht es hinter den perfekt gestylten Kulissen aus? Faktum ist: Während sich viele Frauen mit Geburtsdaten in den 1960ern eines strahlend jungen Äußeren erfreuen, unterliegen Eizellenqualität und Eizellenreserve ihrem natürlichen Alterungsprozess. Beide nämlich verringern sich mit zunehmend biologischem Alter der Frau. Späte Schwangerschaften sind also schwierig und rein biologisch selten. Doch weil immer öfter gewünscht, sind sie zu einem lukrativen Geschäftsfeld in der Medizin geworden. „Die Sehnsucht nach einem eigenen Kind ist tief in der Seele des Menschen verankert“, sagt der Wiener Gynäkologe Johannes Seidel. „Wir wollen möglichst allen unseren Patientinnen diesen Wunsch zu erfüllen.“

 

Altersgrenze ist nur noch biologisch zu ziehen

Eine Altersgrenze für die Mutterschaft gibt es also scheinbar höchstens noch aus biologischer Sicht. Für Psychologen ist entscheidend, dass die spät berufenen Mütter noch flexibel und feinfühlig genug sind, um die Bedürfnisse des Kindes in den Mittelpunkt des eigenen Lebens stellen zu können. Die begründete Angst, ob auch wirklich alles gut geht, teilen alle späten Mütter. Denn Frauen über 35 sind für Schulmediziner so genannte Risikoschwangerschaften. Ab diesem Alter steige die Gefahr, ein behindertes Kind zu bekommen markant an. Liegt das Risiko für ein Downsyndrom normalerweise bei etwa 1:7000, so liegt die statistische Wahrscheinlichkeit bei 35-Jährigen bei 1:385; bei 40-jährigen Müttern erhöht sie sich auf 1:90, bei 45-Jährigen auf 1:30. Auch Diabetes, Bluthochdruck und Fehlgeburten nehmen mit dem Alter zu. Dennoch schieben vor allem gebildete Frauen die Familienplanung immer weiter nach hinten. Die Zahl der berufstätigen Akademikerinnen in Mitteleuropa ist seit 1991 um mehr als 70 Prozent gestiegen. Lautete früher die Frage noch „Kind oder Karriere?“, so tun Frauen heute beides, in einer klar definierten Reihenfolge: erst Karriere, dann Kinder.

 

Die Möglichkeiten, einen unerfüllten Kinderwunsch positiv zu manipulieren, erstrecken sich heute von der Schulmedizin über die Homöopathie, TCM bis hin zu psychologischen Methoden wie Familienaufstellung. Mithilfe der in Österreich verbotenen Eizellspende ist selbst eine schwangere Frau jenseits der Wechseljahre kein medizinisches Wunder mehr. Die italienische Musikerin Gianna Nannini war 54, als ihr Kind das Licht der Welt erblickte. Der Vater: unbekannt. „Jedes siebente Paar in Österreich ist mit einem unerfüllten Kinderwunsch konfrontiert“, sagt Gynäkologe Andreas Nather. „Dabei können viele unterschiedliche Faktoren, von Hormonstörungen über körperlichen oder psychischen Stress bis hin zu Endometriose und mangelhafte Spermienqualität eine Rolle spielen.“ Im Gespräch mit dem Arzt werden Lösungsansätze besprochen. 

 

„Wir leben in einer Zeit, in der die Voraussetzungen topmoderner Medizin auf eine oft sehr individuell gestaltete Lebensplanung treffen“, analysiert Johannes Seidel. „Das macht es aus medizinischer Sicht möglich, auch unkonventionellere Lösungsmethoden zu wählen.“ Schulmedizinisch lasse sich die Fruchtbarkeit der Eierstöcke heute gut bestimmen. Dabei ist das so genannte Anti-Müller-Hormon, das sich durch eine einfache Blutabnahme bewerten lässt, ein aussagekräftiger Indikator. Zusätzlich nimmt der Facharzt via Ultraschall eine Zählung der Eibläschen an den Eierstöcken vor, wodurch sich auch die Eizellenreserve eruieren lässt. Je nach Bedarf wird dann meist hormonell stimuliert, der Eisprung ausgelöst und/oder aufbereitetes Sperma direkt in die Gebärmutter injiziert (Insemination).

 

Es geht aber auch anders: „Moderne westliche und traditionelle chinesische Medizin (TCM) stellen keine unüberbrückbaren Gegensätze dar, sondern können sich etwa bei Unfruchtbarkeit sinnvoll ergänzen“ sagt die Allgemein- und TCM-Medizinerin Evemarie Wolkenstein. Gemeinsam mit Katharina Rubi-Klein betreibt sie ein ganzheitliches medizinisches Institut (www.institut-wolkenstein.com) und wird auch von der Wiener Privatklinik Goldenes Kreuz konsultiert. „Mit zunehmendem Alter nimmt die Eizellenqualität ab, es kommt daher schwerer zu einer Befruchtung“, sagt sie und ergänzt: „Frauen, die sich gesund und fit halten, sind natürlich weniger betroffen.“

 

Die TCM bietet eine Reihe von Möglichkeiten, der natürlichen Ordnung auf die Sprünge zu helfen. Akupunktur hilft und verbessert etwa bei Männern die Beweglichkeit der Spermien. „Immerhin 40 Prozent der Männer weisen ein schlechtes Spermiogramm auf“, sagt Wolkenstein. Bei Frauen kann die Alternativmedizin vor allem den Zyklus regulieren. Akupunktur wird gerne als Schmerztherapie und zur Verbesserung der Durchblutung im Uterus eingesetzt. „Chinesische Kräuter sind besonders in der Vorbereitung für IVF (In-vitro-Fertilisation) hilfreich, um die Nebenwirkungen der Hormontherapie abzupuffern“, so die Expertin. Außerdem verbessern sie die Qualität der Eizellen und einige Kräuter unterstützen die Einnistung der Eizelle.

 

Der psychische Stresspegel steigt und steigt

Ein unerfüllter Kinderwunsch beansprucht die betroffenen Paare und gerade während der reproduktionsmedizinischen Behandlung steigt der psychische Stresspegel. Die ganzheitliche TCM stellt häufig auch hier eine Entlastung dar. „Viele Frauen sind erleichtert, wenn sie in der als kalt und technisch empfundenen Reproduktionsmedizin ein Verfahren erleben, das ihr Wohlbefinden steigert“, sagt Expertin Wolkenstein. Die Frage nach der zunehmend ansteigenden Durchschnittsalter Erstgebärender sieht die Allgemeinmedizinerin auch kritisch: „Ich habe oft das Gefühl, dass diese Wunschkinder eher verwöhnt werden und damit den Anforderungen des realen Lebens teilweise schlechter gewachsen sind.“

 

Ein weiterer Hoffnungsschimmer auf der Checkliste der Kinderwunschpatientinnen ist der Homöopath. „Auch wenn der Hormonstatus auf den ersten Blick unauffällig erscheint, kann eine ausführliche Anamnese helfen“, sagt Herwig Janetschek, der eben seine Praxis für Homöopathie in Wien Meidling eröffnet hat. Nicht nur die ausreichende Versorgung, sondern auch das Verhältnis der Hormone untereinander ist für die erfolgreiche Befruchtung und Einnistung der Eizelle in die Gebärmutter ausschlaggebend. Mit bewährten natürlichen Arzneimitteln wie etwa Pulsatilla, Cimicifuga und Sepia, die eine hormonstimulierende oder hormonähnliche Wirkung aufweisen, kann die Funktion der Schilddrüse und der Eierstöcke verbessert werden. „Selbstverständlich ist auch die ausreichende Versorgung mit entsprechenden Vitaminen und Spurenelementen notwendig“, schildert Janetschek. Die Grenzen der Homöopathie sind bei Fällen wie etwa Endometriose, die zu Verwachsungen der Eileiter sowie zur Atrophie der Eierstöcke durch große Zysten führt, erreicht. „Hier kann nur ein chirurgischer Eingriff Abhilfe schaffen.“

 

Janetschek hat aber noch einen anderen Tipp: relax. „Die große psychische Anspannung des Paares, die sich durch den emotionalen Druck, häufige Arztbesuche und vielfache Untersuchungen aufbaut, ist auf dem Weg zum Wunschbaby kontraproduktiv.“ Hier kann der einfühlsame Ganzheitsmediziner durch Gespräch und Therapie unterstützen. Das Stellen ganzer Systeme dient etwa psychologisch gesehen positiven zukünftigen Entwicklungen einer Familie. Der aus Vorarlberg stammende Therapeut Reinhold Wildner, der bereits 1972 vom Vater der Methode, Bert Hellinger inspiriert wurde, hat in seiner umfangreichen, langjährigen psychotherapeutischen Tätigkeit auch das Stellen von Körpersymptomen vorangetrieben: „Ich habe bestimmt zehn Aufstellungen zum Thema Kinderwunsch in meiner Praxis erlebt. Mit Kindern, die aus künstlicher Befruchtung hervorgehen, habe ich bisher noch nicht gearbeitet.“ In einer Musterunterbrechung können etwa frühkindliche Verstrickungen zwischen einer Frau und ihrer Mutter gebannt werden. Der Vorgang dieser Methode ist komplex.

 

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