Wenn seelisches Leid körperlich wird

Selbsterkenntnis ist oft der erste Weg zur Heilung körperlicher Beschwerden. Die Psychossomatik verbindet Körper und Geist und versucht, die Ursachen für Leiden in der Ganzheit des Menschen zu finden. Foto:Aleksandar Todorovic/Photoxpress.com
Selbsterkenntnis ist oft der erste Weg zur Heilung körperlicher Beschwerden. Die Psychossomatik verbindet Körper und Geist und versucht, die Ursachen für Leiden in der Ganzheit des Menschen zu finden. Foto:Aleksandar Todorovic/Photoxpress.com

 

SERIE Gemeinsam Heilen:

Warum der menschliche Körper nicht wie ein Auto repariert werden kann, und wie die Psychosomatik langsam aber erfolgreich Eingang in die Schulmedizin findet.

Von Sigrun Saunderson

Wäre unser Körper ein Auto und ein Herzinfarkt vergleichbar mit einem Kolbenreiber, so würde es genügen, nur regelmäßig für genug Treibstoff und Schmiere zu sorgen. Dazu ab und zu ein Service in der Werkstatt – also beim Arzt – und die Fahrt durchs Leben könnte ohne gesundheitliche Zwischenfälle verlaufen. Bis die Einzelteile Altersschwäche zeigen und auch der Motor irgendwann das Ende seiner zu erwartenden Lebenszeit erreicht hat.

 

Im Gegensatz zum Auto, das wirklich nur eine Summe aus mechanischen Teilen ist, hat der Mensch jedoch auch andere Aspekte, die sich auf seine Gesundheit auswirken können: Gefühle zum Beispiel, ein Bewusstsein, Beziehungen und die damit verbundenen Schwierigkeiten. Hier setzt die Psychosomatische Medizin an. Sie beschäftigt sich mit den Zusammenhängen und Wechselwirkungen zwischen körperlichen Beschwerden, der Gefühlswelt und den sozialen Umständen des Patienten.

 

„Hätten wir ein mechanistisches Menschenbild, dann wäre hier Körper, dort Seele,” erklärt Anton Leitner, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin und Mitglied im Obersten Sanitätsrat im Gesundheitsministerium. „Wir haben aber ein humanistisches Menschenbild, das den Menschen als Körper-Seele-Geist-Subjekt in seinem sozial-ökologischen Umfeld in der Zeit wahrnimmt. Hier sind Körperliches, Emotionales und Geistiges immer miteinander verbunden.” Und haben daher Auswirkungen aufeinander.

 

Immer? Primar Manfred Stelzig, Leiter des Sonderauftrags Psychosomatische Medizin im LKH Salzburg, meint ja: „Nach dem bio-psycho-sozialen Modell hat jede Erkrankung körperliche, psychische und soziale Anteile, die in Wechselwirkung stehen.” Sollte da nicht jeder Arztbesuch idealerweise auch psychische und soziale Komponenten der Erkrankung berücksichtigen? „Natürlich. Das ist für mich keine Frage”, sagt Stelzig. „Tatsächlich werden aber sogar eindeutig psychosomatische Erkrankungen einfach nicht diagnostiziert.” Vor allem bei Symptomen, für die sich keine körperlichen Ursachen finden lassen, legen viele Patienten immer noch einen langen Weg von Arztpraxis zu Arztpraxis zurück. Aussagen wie „Sie sind völlig gesund” oder „Ihnen fehlt nichts” sind zwar oft vom körperlichen Standpunkt aus gerechtfertigt, für den Patienten mit chronischen Schmerzen jedoch nicht hilfreich. Für Stelzig sind solche Aussagen von Ärzten völlig unverständlich: „Wer da nicht die Diagnose einer psychosomatischen Erkrankung stellt, begeht aus meiner Sicht tatsächlich einen Behandlungsfehler.”

 

Dass der Patient möglicherweise seine seelischen Schmerzen körperlich fühlt und dass das noch dazu ganz normal ist, ist eine Vorstellung, die sowohl unter Ärzten als auch unter Patienten noch viel zu selten akzeptiert wird. „Das Psychische wird nach wie vor deutlich stigmatisiert”, sagt Stelzig. „Oft will der Patient gar nicht, dass jemand in seine Psyche hineinleuchtet. Auf der anderen Seite weiß der Arzt, dass er mit dem üblichen Fünf-Minuten-Gespräch da nicht durchkommt. Mehr wird ihm aber nicht bezahlt.” So bleibt es also meist bei EKG und Laboruntersuchung und der Diagnose: gesund.

 

Aber auch wenn die Befunde auf eine körperliche Erkrankung deuten, sollte die psychische Komponente nicht ausgeblendet werden. Denn sie kann oft als Ursache der Erkrankung ausgemacht werden. Wie das funktioniert, erklärt Leitner so: „Wenn eine psychische oder emotionale Belastung über lange Zeit anhält, kann sie sich körperlich manifestieren. Dann liegt tatsächlich eine körperliche Erkrankung vor. Diese muss körperlich bestens abgeklärt und behandelt werden, im Notfall sogar durch eine Operation. Gleichzeitig aber sollte man den psychodynamischen Zusammenhang in den Blick nehmen, um mögliche Wiederholungen oder eine Verstärkung der Erkrankung zu verhindern.”

 

Die „Klassiker” der Psychosomatik

Zu den Krankheitsbildern, die sehr häufig deutliche seelische Aspekte haben, gehören Magen-/Darmerkrankungen, Hautkrankheiten, Unterleibsbeschwerden, Diabetes, Kopf- und Rückenschmerzen, Rheumatoide Arthritis, Asthma und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dahinter stecken oft depressive Erkrankungen oder Angststörungen, die sich in unterschiedlicher Form über den Körper ausdrücken. „In der Regel ist es immer sinnvoll auch zu schauen, wie eine Störung begonnen und wie sie sich entwickelt hat”, meint Leitner. „So gesehen hat es Sinn, dass Ärzte und Ärztinnen einerseits das medizinische Wissen und Können mitbringen, andererseits aber auch eine gelungene Kommunikation möglich machen. So kann die subjektive Erlebniswelt des Patienten, seine soziale Einbindung, seine Beziehungsgestaltung etc. gesehen werden. Das kann in manchen Fällen der Arzt mit entsprechendem psychosomatischem Wissen abdecken. Aber es kann auch ein Arzt die organmedizinische Seite übernehmen und die begleitende psychotherapeutische Behandlung einem anderen überlassen.”

 

Weg von rein mechanistischer Behandlung

Noch ist die Psychosomatik nur ein kleiner Teil der Medizin, der in der ärztlichen Praxis meist gar nicht angesprochen wird. Wer mit seinen seelischen Problemen nicht mehr zurechtkommt, geht zum Psychotherapeuten. Wer körperliche Probleme hat, erwartet vom Arzt meist immer noch eine rein mechanistische Behandlung. „Das Bewusstsein für die psychischen und sozialen Aspekte von Krankheit ist zwar noch nicht generell verbreitet, es ist aber in den letzten zwanzig Jahren eindeutig gewachsen”, sagt Leitner. Das zeigt sich auch in der Tatsache, dass bereits 1.700 Ärzte in Österreich zusätzlich zu ihrer medizinischen Ausbildung das Diplom für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin erworben haben.

 

Einer von ihnen ist Christian Bachl, Facharzt für Innere Medizin und gleichzeitig Psychotherapeut. Er trennt in seiner Arbeit die medizinische von der psychotherapeutischen Behandlung weitgehend. „Es ist schwierig, beide Seiten gleichzeitig zu behandeln, weil die therapeutischen Techniken in Medizin und Psychotherapie so verschieden sind.” Dennoch hält er es für wichtig, dass Ärzte durch das Psychosomatik-Diplom eine psychosomatische Betrachtungsweise auf eine Erkrankung haben und sensibel werden für psychische und soziale Einflüsse. So können sie diese im ärztlichen Gespräch ansprechen, was für den Patienten sehr hilfreich sein kann, auch wenn er sich nicht für eine Psychotherapie entscheidet. Auch er hält eine medizinische Abklärung solcher Beschwerden für unabdingbar. „Es ist wichtig zu wissen, dass Menschen, die psychosomatisch reagieren, ihre Emotionen nur beschränkt oder gar nicht leben können. Wenn die Seele keinen adäquaten Ausdruck findet, wird der Umweg über den körperlichen Ausdruck genommen. Sobald sich aber ein seelisches Leiden im Körper manifestiert hat, durch Bluthochdruck zum Beispiel, ist es auch wichtig, den Körper medikamentös zu behandeln. Gleichzeitig sollte man den seelischen Hintergrund bewusst machen und neue Möglichkeiten der Konfliktlösung erschließen, damit der Umweg über die Krankheit nicht mehr notwendig ist.” Neben einzelnen niedergelassenen Ärzten befassen sich auch immer mehr Spitäler in Spezialabteilungen mit der Psychosomatik. Oft sind diese in den Psychiatrischen Abteilungen untergebracht, was auf Patienten immer noch abschreckend wirken kann. Wer will schließlich in der Psychiatrie landen? Daneben existieren in Österreich seit fünf Jahren zwei Psychosomatische Kliniken: In Bad Aussee und in Eggenburg.

 

Psychosomatische Kliniken

„Eine Psychosomatische Klinik ist kein herkömmliches Spital, in dem die Patienten den halben Tag unter der Bettdecke liegen. Hier wird den ganzen Tag gearbeitet”, erklärt Primarius Marius Nickel. Er ist Leiter der Klinik Bad Aussee für Psychosomatik und Psychotherapie, deren insgesamt 100 Betten permanent belegt sind. Neben sehr intensiver Psychotherapie erlernen die Patienten Methoden zur Entspannung und wenn nötig die Grundlagen richtiger Ernährung. Zum psychotherapeutischen Programm gehören auch Musik-, Tanz- und Kunsttherapie und ein Genusstraining für jene, die sich selbst keine Lebensfreude mehr gönnen wollen. Zugleich ist auch die medizinische Versorgung in Kooperation mit dem LKH Bad Aussee sichergestellt. „In den unterschiedlichen Therapien wird das Emotionale angesprochen. Die Zeit wird während des gesamten Aufenthaltes in der Klinik intensiv genutzt.”

 

Permanent steigender Bedarf

Nickel sieht eine große Versorgungslücke auf dem psychosomatischen Gebiet: „Der Bedarf ist groß und er wird noch steigen. Es dauert immer noch Jahre, bis Patienten mit psychosomatischen Störungen endlich die richtige Behandlung bekommen. Viele von ihnen bleiben jahrelang in den Inneren Abteilungen der Spitäler, der Neurologie, der Orthopädie, der Gynäkologie. Dadurch sind ihre Beschwerden bereits stark chronifiziert. Ihnen könnte rascher geholfen werden.” Nickel ist jedoch überzeugt, dass die Stigmatisierung der Psychiatrie und der Psychosomatischen Medizin weiter abnehmen wird: „Letztlich geht es darum, dass Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen ernst genommen werden.” Stelzig sieht einen Teil der Verantwortung auch beim Patienten selbst: „Das Wichtigste ist, dass der Patient mehr Bewusstsein für den  Zusammenhang zwischen Psyche und Krankheit bekommt und eine adäquate Behandlung einfordert. Das ist eine langsame Entwicklung, aber es wird schon.”

Kommentar schreiben

Kommentare: 0