Der Staat als Drogendealer

Cannabis, getrocknet und für medizinische Zwecke aufbereitet, dargeboten in einer Apothekenverpackung. Foto: Craif Wactor/iStockphoto.com
Cannabis, getrocknet und für medizinische Zwecke aufbereitet, dargeboten in einer Apothekenverpackung. Foto: Craif Wactor/iStockphoto.com

 

Vor 50 Jahren wurde, ausgehend von den USA, durch eine Drogenkonvention, Cannabis aus der Medizin verbannt. Langsam kehren Wirkstoffe aus dem Hanf zurück und werden bei Krebs- und Schmerzpatienten oder Menschen mit Multipler Sklerose eingesetzt. In Österreich baut seit dem Vorjahr sogar der Staat Hanf für den Medizineinsatz an. 

Von Martin Rümmele

Die ersten Angaben zur medizinischen Nutzung von Hanf gehen auf ein rund 4700 Jahre altes chinesisches Lehrbuch über Botanik und Heilkunst zurück. Ab dem 16. Jahrhundert fand Cannabis Eingang in europäische Kräuterbücher. Ab dem ersten Kreuzzug wurde es bei uns in der Volks- und Klostermedizin eingeführt. Anwendungsbereiche waren damals wie heute rheumatische und bronchiale Erkrankungen. Auch wurde Cannabis allgemein als Opiumersatz verschrieben. Im 19. Jahrhundert wurde es ausserdem gegen Migräne, Neuralgie, epilepsieähnliche Krämpfe und Schlafstörungen eingesetzt. Bis es im Jahre 1898 Konkurrenz durch Aspirin erhielt und schließlich als Heilmittel durch eine breite Palette von neuen, synthetischen Arzneimitteln abgelöst wurde, war Cannabis in Amerika das am häufigsten benutzte Schmerzmittel. Im Jahr 1961 erfolgte, betrieben von den USA, dann die so genannte „Konvention of narcotic Drugs“, die zum engültigen Aus für den Cannabiseinsatz in der Medizin führte. Doch langsam kehrt das Kraut zurück.

 

 

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Die ersten Angaben zur medizinischen Nutzung von Hanf gehen auf ein rund 4700 Jahre altes chinesisches Lehrbuch über Botanik und Heilkunst zurück. Ab dem 16. Jahrhundert fand Cannabis Eingang in europäische Kräuterbücher. Ab dem ersten Kreuzzug wurde es bei uns in der Volks- und Klostermedizin eingeführt. Anwendungsbereiche waren damals wie heute rheumatische und bronchiale Erkrankungen. Auch wurde Cannabis allgemein als Opiumersatz verschrieben. Im 19. Jahrhundert wurde es ausserdem gegen Migräne, Neuralgie, epilepsieähnliche Krämpfe und Schlafstörungen eingesetzt. Bis es im Jahre 1898 Konkurrenz durch Aspirin erhielt und schließlich als Heilmittel durch eine breite Palette von neuen, synthetischen Arzneimitteln abgelöst wurde, war Cannabis in Amerika das am häufigsten benutzte Schmerzmittel. Im Jahr 1961 erfolgte, betrieben von den USA, dann die so genannte „Konvention of narcotic Drugs“, die zum endgültigen Aus für den Cannabiseinsatz in der Medizin führte. Doch langsam kehrt das Kraut zurück.

 

„Eine Hanfpflanze liefert zwischen 40 und 60 verschiedene Cannabinoide. In der Medizin werden derzeit Dronabinol und Cannabidiol angewendet“, sagt der Wiener Allgemeinmediziner Kurt Blaas, Vorstand der Arbeitsgemeinschaft „Cannabis als Medizin“. Tetrahydrocannabinol (THC) oder Dronabinol ist der Hauptwirkstoff der Pflanze. Der klassische Einsatz liege ganz in der Schmerztherapie. In der Zwischenzeit gibt es aber eine ganze Reihe von anderen Leiden, bei denen Cannabis sich bewährt hat: „Bewiesen ist, dass Dronabinol muskelrelaxierend, beruhigend, stimmungsaufhellend, appetitanregend, übelkeitshemmend, schmerzstillend, bronchienerweiternd und augeninnendrucksenkend wirkt“, erklärt der Arzt. Schon jetzt wird es deshalb etwa bei Krebspatienten, AIDS-Kranken oder in der Palliativmedizin verwendet. Auch bei Patienten mit Spastiken – etwa bei Querschnittserkrankungen und Multipler Sklerose sowie bei Patienten mit Epilepsie wird Cannabis verwendet. Der Vorteil zudem laut Experten: Cannabis ist im Allgemeinen gut verträglich und nebenwirkungsarm.

 

Grund dafür ist, dass in vielen Lebewesen und beim Menschen körpereigene Cannabinoide vorhanden sind, so genannte Endocannabinoide. Somit stellt das Endocannabinoidsystem - ähnlich wie das Endorphin-System bei den Opioiden - die Voraussetzung für die Wirksamkeit verabreichter pflanzlicher und synthetischer Cannabinoidsubstanzen dar. „Das Abhängigkeitspotenzial ist natürlich da, aber die Droge ist nicht toxisch, wie das bei anderen Drogen der Fall ist. Und es ist gut mit anderen Therapien kombinierbar“, sagt Eberhard Pirich, Geschäftsführer des zur deutschen Bionorica-Gruppe gehörenden Unternehmens Bionorica Ethics Austria GmbH.

 

Das Unternehmen erforscht seit einigen Jahren den Wirkstoff Dronabinol und erzeugt auch entsprechende Medikamente. Den Rohstoff dafür bezieht das Unternehmen vom Staat. Pirich: „Bis zum Vorjahr war der Anbau von THC-hältigem Hanf in Österreich verboten - außer für wissenschaftliche Zwecke. Mit Anfang 2010 wurde das Suchtmittelgesetz auch für die gewerbliche Nutzung geändert. Allerdings hat der Staat ein Monopol, nur er darf Cannabis anbauen.“ Konkret ist im Rahmen der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH (AGES) und unter Aufsicht und Kontrolle des Gesundheitsministeriums der Anbau zulässig. Dezidierter Zweck des Gesetzes ist vor allem die kostengünstigere Gewinnung von THC aus Drogenhanf für den medizinischen Einsatz.

 

Suchtgiftrezept in Apotheken

Hersteller wie  Bionorica können die getrockneten Blüten vom Staat kaufen und Wirtstoffe extrahieren. Der Wirkstoff selbst ist dann verkehrsfähig für den medizinischen Verbrauch. Arzneien können dann auf Suchtgiftrezept in Apotheken hergestellt werden.

 

Kurt Blaas gilt unter Experten als Vorreiter für den therapeutischen Einsatz von Cannabis in der Medizin. Anfangs kamen fast nur extrem schwere Fälle zu ihm - fortgeschrittene Multiple Sklerose, nicht mehr behandelbare Schmerzsyndrome, Krebs im Endstadium, berichtet er, „Mittlerweile nützen auch viele Patienten mit Depressionen, Migräne oder Burn-out die entspannende und gemütsaufhellende Wirkung des THC.“ Vom Joint auf Krankenschein könne aber nicht die Rede sein“,  ergänzt er und warnt: „Rauchen ist grundsätzlich keine medizinisch akzeptable Konsumform. Es gibt Tropfen und Extrakte, Sprays und ganz neu ein für den medizinischen Gebrauch zugelassenes Inhalationsgerät, bei dem keine Verbrennung stattfindet.“

 

Eine generelle Freigabe von Cannabis würde mehr Schwierigkeiten verursachen als man glaubt, meint der Mediziner. Ein ganz wesentlicher Punkt ist die unbedingte Einhaltung des Jugendschutzes, die eine Abgabe an unter 18-jährige verbietet. Sinnvoll sei jedoch eine Lizensierung des Cannabis. Das bedeutet, dass die Pflanzen kontrolliert angebaut werden müssen, um sicherzustellen, dass sie frei von Pestiziden und Düngemitteln sind und immer die gleiche Qualität haben. Es sei aber generell nicht einzusehen, dass ein wertvolles Arzneimittel, das in medizinisch indizierten Dosen verabreicht, kaum Nebenwirkungen zeigt, immer noch derart verteufelt werde.

 

Wirkstoff-Erzeuger Pirich ist sich der heiklen Debatte durchaus bewußt. Es gäbe durchaus Personengruppen, die die Medizin als Zugpferd für eine generelle Drogenöffnung und Freigabe von Cannabis verwenden wollen. „Und das wollen wir sicherlich nicht sein.“ Deshalb sei der eingeschlagene Weg der Gesundheitspolitik, nur den Einsatz von Wirkstoffen und Arzneimitteln zuzulassen, auch sinnvoll. Vor diesem Hintergrund beobachtet er auch zunehmende Untersuchungen und Studien über die Wirkungen und Einsatzgebiete. „Derzeit gibt es noch nicht so viele, kontrollierte klinische Studien, aber sehr viel Expertise“, sagt Pirich.           

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