Heilen mit der Kraft des Ganzen

Quantenheilung: Die so genannte Impulsgeberin und die Empfängerin verschmelzen dabei zu einem Ganzen. Kritiker sehen dahinter auch die Suche nach schnellen Lösungen und rascher Heilung. Foto:www.quantenheilung.or.at
Quantenheilung: Die so genannte Impulsgeberin und die Empfängerin verschmelzen dabei zu einem Ganzen. Kritiker sehen dahinter auch die Suche nach schnellen Lösungen und rascher Heilung. Foto:www.quantenheilung.or.at

 

Was früher als Wunder galt, hat heute nach Ansicht mancher einen Namen: Quantenheilung. Eine neue Methode erfreut sich großer Beliebtheit. Kritiker sehen darin vor allem Geschäftemacherei. Bei den Goldegger Dialogen im Juni wollen nun auch Experten darüber diskutieren.

Von Felicitas Freise

Von außen sieht es weder spektakulär noch aufwändig aus. Zwei Menschen stehen einander gegenüber, einer bezeichnet sich als Impulsgeber, der andere als Empfänger. Der Impulsgeber konzentriert sich, schließt kurz die Augen, seine Gesichtszüge entspannen sich und er strahlt Ruhe aus. Auch der Empfänger schließt die Augen. Dann öffnet der Impulsgeber die Augen, berührt den Empfänger sacht mit einer Hand an der Schulter und lässt die andere Hand rasch und suchend über seinen Körper gleiten. Schließlich hält er etwa in Höhe des Solarplexus inne. Für ihn sind seine Hände zugleich „Antennen“. Nach kurzer Zeit geht ein Schwanken durch den Körper des Klienten, wie eine Welle und lachend stolpert er einen Schritt nach vorne.

 

Das Ganze hat nicht länger als zwei Minuten gedauert und der Empfänger ist nicht der Einzige, der lachend seinem Impulsgeber um den Hals gefallen ist. Im ganzen Raum stehen oder sitzen solche Zweiergrüppchen und kichern vergnügt und etwas fassungslos. Es herrscht eine Atmosphäre von spielerischer Neugier und Freude, keinesfalls mystisch oder abgehoben. Die Situation spielt sich bei einem Seminar zum Erlernen von Quantenheilung ab.

 

Als kritischer Betrachter fragt man sich: „Wie bitte? Das soll Heilung sein?“ Werden hier Quanten geheilt oder zur Heilung herangezogen? Laut der Akteure mitnichten. Der Name solle zum Ausdruck bringen, dass es sich um eine Form spirituellen Heilens handelt, die aber – so wird versichert – den Gesetzen der Quantenphysik folgt: Diese wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts etabliert, als Forscher begannen in den Mikrokosmos vorzudringen. Max Planck, Werner Heisenberg, Niels Bohr und Werner Schrödinger gelten als die Väter der Quantenphysik. Sie zerlegten die Welt in immer kleinere Teile und es war Max Planck, der herausfand, dass selbst Protonen und Elektronen aus noch kleineren Teilen bestehen. Er nannte sie „Quanten“ von lat. „Quantum“, zu Deutsch „Wie viel/groß?“

 

Was an diesen Teilchen besonders faszinierte, war die Tatsache, dass sie den Gesetzen der „alten Physik“ von Isaac Newton und Co nicht mehr gehorchten, sondern ein ganz eigenes Verhalten an den Tag legten, das im Gegensatz zu den bisher gültigen Annahmen steht. So fand man beispielsweise heraus, dass Quanten miteinander „verschränkt“ sein können. Der deutsche Allgemeinmediziner und Antroposoph Lothar Hollerbach, der sich medizinisch mit dem Thema beschäftigt, schreibt: „Alle Quantenobjekte – d.h. Elektronen, Protonen, Photonen … – die jemals Masse oder Energiekontakt miteinander hatten, sind energetisch und informativ miteinander verbunden.“

 

Die Konsequenz daraus heißt für ihn, dass alles mit allem verbunden ist, da im Universum nichts verloren geht und die heute existierende Materie bereits vor Jahrmillionen existierte – wenn auch in anderer Zusammensetzung. Der Wiener Physiker Anton Zeilinger bewies diese Verschränkung in seinem Experiment der Zwillingsphotonen. Er spaltete ein Photon in zwei Zwillingsphotonen und stellte fest, dass eines dieser neuen Teilchen stets denselben Drehimpuls annahm wie das andere Teilchen. Auch das Gesetz des Beobachtereffekts lässt sich so erklären. Der Quantenphysiker Paul Davies wollte 1990 den Drehimpuls von Elektronen verändern und stellte fest, dass die Teilchen stets in die Richtung schwangen, in die er sie schwingen lassen wollte. Es war, als würde sein Bewusstsein diese Information ohne Zeitverlust an sie übertragen. Das zeigt Anhängern der Methode nicht nur den Einfluss des Beobachters auf das beobachtete Objekt, sondern auch die Verschränkung von Beobachter und Objekt. Denn wären die beiden isoliert, könnte keine Übertragung stattfinden. Zugleich stellt sich aber die Frage, über welche „Kanäle“ so eine Übertragung funktioniert.

 

An diesem Punkt kommt ein kollektives „Feld“ ins Spiel, in dem sämtliche Informationen gespeichert sind. Einer der zentralen Punkte für die Quantenheilung ist das Bewusstsein, das weder materiell noch räumlich verortet werden kann. Jedoch zeigt es sich in verschiedenen Ausprägungen wie Trancebewusstsein, Bewusstseinsstörungen oder Wachbewusstsein. Doch nicht nur das. Forscher sprechen auch von einem Weltenbewusstsein, einer Art kollektivem Gedächtnis, fünftem Feld (Ervin Laszlo), Hyperraum (Burkhard Heim) informationstragendem Äther (Plato) oder wie Rupert Sheldrake von einem morphogenetischen Feld. Dieser englische Biochemiker stellte die Hypothese auf, dass es für eine Form, die bereits an einem Ort existiert, durch Übertragung durch dieses Feld ein Leichtes sei, auch an irgendeinem anderen Ort zu entstehen. Dies nannte Sheldrake 1973 ein morphisches Feld, später auch das „Gedächtnis der Natur“.

 

Seine Annahmen beruhen unter anderem auf dem berühmten Rattenexperiment aus den 1920er Jahren des Psychologen und Verhaltensforschers William McDougall. Dieser hatte Ratten darauf trainiert, ein Labyrinth zu durchqueren und festgestellt, dass deren Nachkommen immer weniger Fehlversuche dabei zeigten. Quantenheiler Richard Bartlett: „An einem bestimmten Punkt in der Entwicklung kann, wenn man der Datenbank eines speziellen morphischen Feldes neue Informationen oder Lerninhalte hinzufügt, das Bewusstseinsmodell eine kritische Masse erreichen. An diesem Punkt der kritischen Masse kann sich eine ganze Spezies gleichzeitig neuer Informations- oder Verhaltensmuster bewusst werden. Dieses Feedbacksystem bezeichnet man als morphische Resonanz.“ Als Erklärung führt er an: „Bei jeder Spezies wirkt die DNA wie ein Tuner: Er empfängt die Anweisungen für den korrekten Typus und die richtigen Komponenten dieses Lebewesens aus der Energie des morphogenetischen Feldes der Spezies.“ Schon C.G. Jung hatte ein kollektives Unbewusstes postuliert als Lagerstätte des psychischen Erbes der Menschheitsgeschichte, welches sich – ähnlich wie der biologische Körper – durch die Evolution hindurch entwickelt hat und von verschiedenen Erfahrungen geprägt worden ist. Alles, was irgendwann einmal von der individuellen Psyche eines Menschen ausgedrückt wurde, werde zu einem Bestandteil der psychischen Grundkonstitution eines Menschen – und ebenso auf einer kollektiven Ebene zu einem Bestandteil der ganzen Gattung und damit zu einem Bestandteil des kollektiven Unbewussten.

 

Jeder Quantenheiler hat heute seine eigene Terminologie. Der Physiker und Biologe Ulrich Warnke: „Diese universell verbreitete Virtualität bezeichne ich als Meer aller Möglichkeiten. Es ist ein riesiges universelles Rauschen, gleichzeitig aber auch eine unvorstellbar exakte Einheit. Dieses Meer aller Möglichkeiten ist überall gleichzeitig an allen erdenklichen Orten. Es ist in jedem von uns, in der Materie der Erde und der Natur und ebenso in der Atmosphäre und im gesamten Kosmos.“ Frank Kinslow, einer der Pioniere auf dem Gebiet der Quantenheilung, spricht von „reinem Bewusstsein, die potenzielle Ordnung und Energie hinter jeder Form.“ Im Gegensatz zu anderen Methoden wirke bei der Quantenheilung nicht die Methode, sondern dieses reine Bewusstsein. Denn: „Gesundheit ist Ordnung. Je mehr Ordnung wir spiegeln, desto gesünder sind wir.“ So können Organe und Gewebe, aber auch Gedanken, Verhaltensweise oder Emotionen als Bündel von Schwingungen betrachtet werden, die in geordneter Form zusammenwirken. Verlieren sie ihre Ordnung, entsteht Krankheit und es bedarf einer Korrektur mithilfe des ihnen zugrunde liegenden Bauplans (von Richard Bartlett und vielen anderen Matrix genannt), um sie wieder in Gleichklang zu bringen.

 

Dieser Bauplan sei das reine Bewusstsein. Damit der Impulsgeber dessen Informationen an den Empfänger weitergeben kann, muss er sich mit dem reinen Bewusstsein verbinden. Kinslow empfiehlt dafür, sich in ein Eu-Gefühl (eu für euphorisch) zu versetzen, das direkt aus dem reinen Bewusstsein entspringt: „Situationsabhängige Gefühle sind vom Verstand gemacht und hängen immer mit der Vergangenheit oder der Zukunft zusammen. Eu-Gefühle wie Frieden, Freude oder Liebe existieren aus sich selbst heraus.“

 

Euphorische Grundstimmung ist Voraussetzung

Der Kontakt zum Empfänger erfolgt über zwei Punkte an dessen Körper, von denen einer die zu behandelnde Stelle sein kann – aber nicht sein muss. Daraus erklären sich auch Namen wie „2-Punkt-Methode“ oder „Quantum Touch“, mit denen andere Praktiker arbeiten. Schließlich formuliert der Impulsgeber seine Intention, ruft ein Eu-Gefühl in sich wach und begibt sich in das Vertrauen, dass das reine Bewusstsein „den Job für ihn erledigt“ und das, was aus der Balance geraten ist, wieder in seine ursprüngliche Ordnung kommt. Quantenheilung sei keine Entdeckung im Kielwasser der Quantenphysik, sondern eine spirituelle Heilmethode, die sich bereits in uralten schamanischen Traditionen findet. Der Heiler Serge Kahili King hat sie als Ritual der hawaiianischen Huna-Schamanen im Westen bekannt gemacht. Dort wird sie als Kahi bezeichnet, was „Einssein“ bedeutet. King beschreibt, wie der Impulsgeber die Hände beim Empfänger auf bestimmte Kraftzentren sowie die Stelle, die geheilt werden soll, auflegt und sich auf seine Handflächen konzentriert, woraufhin „die Aufmerksamkeit selbst die Energie harmonisiert und intensiviert in dem Körper, der geheilt werden soll“.

 

Laut den Quantenheilern kann die Methode zur Heilung von schlichtweg allem herangezogen werden – körperlich, geistig und emotional. Die Grenzen sieht Kinslow im Behandler. Ist er nicht fähig, sich mit dem „reinen Bewusstsein“ zu verbinden oder stören andere Aspekte (Emotionen, Ehrgeiz, Unkonzentriertheit) die Verbindung, ist er auch nicht fähig, dessen Informationen an seinen Klienten zu übertragen.

 

Das ist einer der Punkte, welche Kritiker den Quantenheilern vorwerfen. Komme es nicht zur Besserung, habe laut den Befürwortern nicht die Methode versagt, sondern der Anwender oder das „kosmische Bewusstsein hat anders entschieden“.

 

Ein anderer Punkt, den Skeptiker ins Treffen führen, ist die 1:1-Übertragung der Quantengesetze vom Mikro- auf den Makrokosmos. Der Physiker Martin Bäker: „Um die Verschränkung der Quantenteilchen irgendwie ausnutzen zu können, müssten wir alle anderen Verschränkungen genau kennen und herausrechnen. Gerade weil in dieser Interpretation wirklich alles mit wirklich allem verbunden ist, ist die spezifische Verschränkung zwischen genau zwei Quantenteilchen nicht mehr aus diesem unendlichen Verschränkungswirrwarr herauszufiltern.“ Basierend auf den Quantengesetzen sagen die Quantenheiler auch „alles ist Information“, doch dem hält Anton Zeilinger entgegen: „Ich habe das Gefühl, dass diese Dinge, die wir in der Quantenphysik sehen, zeigen, dass man so etwas wie einen goldenen Mittelweg benötigt. Die Welt ist nicht rein materiell; man kommt ohne eine geistige Komponente nicht aus. Sie ist aber andererseits auch nicht rein ideeller Natur.“

 

Jedenfalls prallen beim Thema Quantenheilung Weltanschauungen aufeinander und die Diskussionen etwa in Internetforen sind heftig und häufig untergriffig. Tatsache ist, dass Quantenheilung boomt und die selbst ernannten Heiler geradezu inflationär auftreten.

 

Schnelle Lösungen werden gesucht

Warum unsere Zeit den passenden Nährboden für sie liefert, bringt Andre Varkonyi, der bei den diesjährigen Goldegger Dialogen ein Seminar zum Thema hält, auf den Punkt: „Wir leben in einer Zeit, in der schnelle Lösungen gesucht werden. So hoffen Menschen häufig auf instant healing, besuchen ein Wochenendseminar, zahlen zweihundert Euro und glauben, sie sind dann für immer von allem geheilt. Erwartungshaltungen und Konsumationsdenken stehen bei ihnen im Vordergrund, doch Bewusstsein kann man nicht konsumieren.“ Leider habe sich in den vergangenen Jahren auch ein regelrechter Markt um Quantenheilung entwickelt, und viele der darauf agierenden Heiler seien geschickte Verkäufer. „Der andere Grund, warum Quantenheilung boomt, ist, weil immer mehr Menschen aufwachen und sich ihrer Spiritualität bewusst werden.“

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Kommentare: 4
  • #1

    Robert Harsieber (Donnerstag, 07 Juli 2011 10:40)

    Ob das Ganze sinnvoll ist oder nicht, ist eine eigene Frage. Aber die Quantenmechanik ist immer noch eine physikalische Theorie, die mit Materie zu tun hat. Der Name ist also hier so unpassend wie nur irgendwas.
    Die einzige Gemeinsamkeit ist vielleicht die Unverständlichkeit. ("Wer die Quantentheorie verstanden hat, hat sie nicht verstanden". Richard Feynman)
    Die Bezeichnung Quantenheilung ist bestenfalls ein PR-Gag, wenn auch ein völlig unsinniger.

  • #2

    Martin Bäker (Samstag, 04 Februar 2012 16:00)

    Nett, dass ich hier - wenn auch ohne Quellenangabe - zitiert werde. In diesem Zusammenhang als "Skeptiker" bezeichnet zu werden, ist allerdings amüsant - ich bin genauso "Skeptiker", was z.B. die Idee der flachen Erde angeht, die ist wissenschaftlich ähnlich gut begründet wie die Quantenheilung, nämlich gar nicht.

  • #3

    Martin Bäker (Sonntag, 05 Februar 2012 14:03)

    Weitere Anmerkungen von mir zum Text habe ich direkt auf meinem Blog gepostet:
    http://www.scienceblogs.de/hier-wohnen-drachen/2012/02/ich-bin-jetzt-quantenheilungsskeptiker.php

  • #4

    Dance (Sonntag, 05 Februar 2012 18:27)

    @ Robert Harsieber
    Eher: "Wer glaubt, die Quantentheorie verstanden zu haben, hat sie nicht verstanden." - Richard Feynman