Heisenberg spendet nur wenig Trost

In der Medizin hält man sich an die gute alte Schulphysik. Neumodische Dinge, wie die seit acht Jahrzehnten bekannte Quantenmechanik, sind unerheblich. Dennoch verschließen wir Ärzte uns nicht der Moderne, schaffen wir uns doch immer exaltiertere Diagnosegeräte an, erstehen den Ultraschall in 3D- und Dolby-Surround.

Und doch geben wir den Blutdruck in Millimeter Quecksilbersäule an oder die Geschwindigkeit des Haarwuchses in Klafter pro Schaltjahr. Tatsächlich ist die naturwissenschaftliche Medizin irgendwo bei Newton hängengeblieben. Heisenberg, Planck und Einstein schieben wir in die Esoterik-Ecke, weil das wenige verstehen, diese Kapitel in unseren Medizin-Physiklehrbüchern ganz hinten standen, daher gefahrlos gestrichen werden konnten.

 

So genügt uns, was wir sehen. Die schiefe Ebene ist einfach schief. Diese physikalischen Grundweisheiten reichen für den medizinischen Alltag aus. So vermessen wir die Patienten von Kopf bis Fuß. Sind sie nicht messbar, machen wir sie messbar. Können wir Therapien nicht messbar machen, machen wir sie essbar – als Tabletten.

 

Dass da den komplementärmedizinischen Kollegen die Zornesadern schwellen ist verständlich. Denn die etablierte Medizin verbannt alles, was man nicht so recht quantifizieren kann, in die Voodoo-Abteilung: Nadeln reinstecken in Stellen, die gar nicht weh tun, oder von einer Psyche zu sprechen, die noch kein seriöser Wissenschaftler geröntgd hat. Die letzten Kapitel der Physiklehrbücher machen Angst - man beginnt zu verstehen, dass selbst der Arzt nicht mehr ist, als die Realisierung einer Wahrscheinlichkeit. Dass sich erst durch Messung von Dingen, diese Dinge manifestieren. Dass es diese Dinge ohne Messung vielleicht nicht gäbe. Hat ein Patient keinen Cholesterinspiegel, bevor wir ihn bestimmen?

 

Auch für Patienten ist die Diagnose „Ihre Quanten spielen verrückt“ nicht sonderlich beruhigend. Bei all der Philosophiererei über Quanten bleibt zumindest das Quantum Trost, dass sich Patienten nur selten mit Lichtgeschwindigkeit durch den Raum bewegen, daher als träge Massen am Boden haften. Derart sind sie zum Glück unseren Therapien hilflos ausgeliefert.

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