Mach dich leichter

Die Trager-Methode hat eine spielerische Komponente, die besonders bei Kindern sehr gut ankommt. Foto:privat
Die Trager-Methode hat eine spielerische Komponente, die besonders bei Kindern sehr gut ankommt. Foto:privat

 

Die Körperarbeit „Trager“ will helfen, den Körper mit dem Unbewussten zu verbinden. Ein kritischer Blick hinter eine noch nicht weit verbreitete Methode, die immer mehr Freunde findet.

Von Sabine Fisch

Streichen, wiegen, dehnen, schütteln – während einer Tragerbehandlung geht es immer um Sanftheit, Entspannung und Leichtigkeit. Der Klient lässt buchstäblich an sich arbeiten, bleibt passiv und soll so tiefe Entspannung und Wohlbefinden erfahren, sagen die Anbieter dieser noch nicht sehr weit verbreiteten Methode.

 

„Der Klient erlebt Trager wie eine Pause, Passivität, er erfährt, er muss nichts tun, er kann sich hingeben“, erläutert Hedi Stieg-Breuss die Eckpunkte der Trager-Methode: „Die Praktikerin nimmt ihm sein Körpergewicht ab, bewegt den Körper spielerisch und hilft damit beim Entspannen des Geistes.“ Hedi Stieg-Breuss ist seit 20 Jahren Trager-Praktikerin in Wien. An der Methode schätzt sie vor allem die friedliche Stimmung, die die Methode beim Klienten, aber durchaus auch bei der Praktikerin erzeugt.

 

Der Namensgeber der Trager-Methode ist ein amerikanischer Tänzer, Akrobat und Arzt mit Namen Dr. Milton Trager. Die Quintessenz seiner Methode ist die Frage: „Was könnte noch leichter sein?“ Alles im Leben verläuft in Wellenbewegungen. Dieses Wissen macht sich die Trager-Methode zu nutze. Der Trager-Praktiker bewegt den Körper ganz sanft, spielt mit dem Körpergewicht und versetzt mit sanften Berührungen und Bewegungen den ganzen Körper des Klienten oder der Klientin in leichte Wellenbewegungen. Dies lockert Verspannungen, lässt Blockaden schmelzen und bewirkt ein „Hook up“ – ein Begriff, der etwa „zusammenschließen“ oder auch „verbinden“ bedeutet. „Körper und Unbewusstes gehen eine Verbindung ein“, erläutert Trager-Praktikerin Gertraud Neumayr, die in Mattsee bei Salzburg ihre Praxis hat.

 

Die Ergebnisse dieser Behandlung? Entspannung, Leichtigkeit und eine veränderte, offene Körperhaltung. Diese äußere Veränderung geht im besten Fall mit einer gelösteren inneren Haltung einher: „Ich kann beim Tragern eine Erfahrung der Weite machen“, sagt auch Hedi Stieg-Breuss, die mit der Trager-Methode ihre Träume verwirklichen konnte: „Mit dieser Körpertherapie kann ich mit meinen Händen und mit Menschen tanzen“, berichtet sie begeistert. Und tatsächlich erscheint die Trager-Behandlung wie ein Tanz – auch wenn der Klient auf dem Behandlungstisch liegt und die Praktikerin die Bewegungsarbeit leistet (siehe Artikel Erfahrungsbericht).

 

„Tragern ist eine gute Möglichkeit, den freien Fluss der Energie im Körper zu unterstützen“, sagt auch Shiatsu-Praktiker, Psychotherapeut und lebensweise-Fachbeiratsmitglied Eduard Tripp, der lange auch Vorstand im Shiatsu-Verband war. Grenzen der Methode sieht er dort, wo es um Diagnostik und ein umfassendes Behandlungskonzept geht. Hier sieht er andere körpertherapeutische Methoden, wie beispielsweise Shiatsu im Vorteil. Tripp hält Tragern aber für eine ausgezeichnete Unterstützung für Menschen, die mit ihrem Körper arbeiten wollen, die Körper und Geist stärker miteinander in Verbindung bringen und Stress abbauen wollen.

 

Besonders Kinder profitieren von der Methode

Tragern (sprich „trägern“) eignet sich sowohl für gesunde als auch für kranke Menschen, für Erwachsene und Kinder: „Kinder profitieren sogar besonders von dieser Methode“, ist Gertraud Neumayr überzeugt, die in ihrer Praxis viele Kinder mit der Trager-Methode behandelt. Vor allem Kinder, denen Hyperaktivität zugeschrieben wird, entwicklungsverzögerte Kinder aber auch Kinder, die einen Unfall hatten und mit den Folgen auf den Bewegungsapparat zu kämpfen haben, helfe diese Methode. „Die Trager-Methode hat eine spielerische Komponente, die bei Kindern sehr gut ankommt“, berichtet Neumayr. Die kleinen Klienten lernen damit, sich wieder spielerisch und ganz selbstverständlich zu bewegen. Gertraud Neumayr verbindet die Berührungen und Wellenbewegungen bei Kindern mit Singen und Reimen, denn „die Sprache ist mit Bewegung eng verbunden.“ Die Ergebnisse der Behandlung auf die Kinder sprechen für sich: „Die Kinder werden ruhiger, sie fühlen sich geerdet und sind gleichzeitig fasziniert von der Leichtigkeit, die sie fühlen“, so Neumayr: „Manche Kinder sagen nach einer solchen Sitzung, sie könnten jetzt fliegen oder sie seien Tiger – und alle gehen sie fröhlicher weg, als sie gekommen sind.“

 

Tragern ist vor allem eine Bewegungslehre: „Wir sind im Alltag oft so gehalten, etwa wenn wir dauernd am Computer sitzen“, sagt Hedi Stieg-Breuss, „mit der Trager-Methode kann der Körper wieder mehr Leichtigkeit und Offenheit erfahren. Der Klient kann lernen, wie er mühelos  aufrecht sitzen kann.“ Die Trager-Praktikerin, die die Methode auch auf der ganzen Welt unterrichtet, spricht übrigens von einem Weg, den Klient und Praktiker in einer Sitzung beschreiten.

 

Ein wesentlicher Begriff in der Trager-Arbeit ist das „somatische Lernen“, also „das Lernen über den Körper“. Vermittelt werden Gefühle der Leichtigkeit, wie etwa ein Weiten des Brustkorbs: „Ein Brustkorb, der viel Raum hat, der beweglich ist – das ist ein angenehmes Gefühl, an das sich der Klient gerne erinnern wird“, erläutert Stieg-Breuss. Die Methode wird nicht nur passiv vom Klienten oder der Klientin wahrgenommen. Neben der Arbeit auf dem Behandlungstisch wird mit Mentastics gearbeitet – ein Kunstwort aus „Mental“ und „Gymnastik“. Mentastics sind Wahrnehmungsübungen, mit denen der Klient lernt, seinen Körper mühelos und leicht zu bewegen: „Diese Mühelosigkeit wirkt auch auf Geist und Seele“, erläutert Gertraud Neumayr. Die Übungen sind sehr einfach und beruhen immer auf der Frage: „Was möchte mein Körper jetzt?“ und „Wie könnte es noch leichter sein?“ Über die Wahrnehmung des eigenen Körpers, die Gefühle, die etwa das Spüren der Fußsohlen auf dem Boden, ein tiefer Atemzug oder das Öffnen der Arme vermitteln, wird auch innerlich ein Gefühl der Weite, der Leichtigkeit ermöglicht.

 

Die Methode eignet sich aber nicht nur für gesunde Menschen, die sich mehr Leichtigkeit im Alltag wünschen. Auch bei verschiedenen Krankheiten hat sich Tragern, als Ergänzung zur Schulmedizin, durchaus als sinnvoll erwiesen. So kann sie etwa bei Schmerzzuständen ebenso zum Einsatz kommen wie bei innerer Anspannung, Stress und Schlafstörungen. Die Auswirkungen, die Tragern auf das vegetative Nervensystem hat, konnte mittlerweile auch in einer Studie nachgewiesen werden. Dabei wurde mittels Herzfrequenzvariabilitätsmessung bei Klienten und Praktikern der Grad der Entspannung ermittelt, der mit einer Tragersitzung erreicht werden kann. Die Herzfrequenzvariabilitätsmessung macht sichtbar, wie der Rhythmus des Herzens auf Atmung, Haltung und Stress reagiert. Das vegetative Nervensystem besteht aus Sympathikus und Parasympathikus. Ersterer sorgt, vereinfacht ausgedrückt, für Aktion, zweiterer für Entspannung. Gerät dieses System zum Beispiel aufgrund von Stress oder Schlafstörungen aus dem Gleichgewicht, lässt sich dies über eine Messung der Herzfrequenzvariabilität ablesen. Getestet wurden sowohl Trager-Praktiker als auch Klienten – insgesamt nahmen 193 Personen an der Studie teil. Sichtbar wurde, wie entspannend diese Methode auch für den Trager-Praktiker ist. Noch deutlicher zeigte sich die entspannende Wirkung des Tragerns bei den Klienten: 40 Prozent der Studienteilnehmer entspannten periphere Muskulatur, Atmung und Herz sofort, bei 88 Prozent sank der Puls, bei 75 Prozent zeigte sich eine deutliche Entspannung des vegetativen Nervensystems.            

 

 

Woher es kommt

 

Dr. Milton Trager wurde 1908 in Chicago geboren und wuchs in einem Armenviertel auf. Schon früh begann sich der schmächtige Junge für Bewegung und Akrobatik zu interessieren. Folgerichtig wurde der junge Milton Trager Tänzer und Akrobat. Als solcher nahm er seinen Körper immer bewusster wahr. Bei einem spielerischen Wettkampf mit seinem Bruder am Strand fragte er sich: „Wer kann weicher fallen, statt höher springen?“ „Was wäre leichter, was wäre freier in der Bewegung?“ Dies war die Geburtsstunde der Trager-Methode. Milton Trager schloss sein Medizinstudium 1947 ab, entwickelte dabei seine Methode der Leichtigkeit immer weiter.

 

Er ließ sich als Allgemeinmediziner und Facharzt für medizinische Rehabilitation nieder. Erst 1975 konnte er seine Methode einem größeren Publikum in Kalifornien vorstellen. 1977 gründete er das Trager Institut for Psychophysical Integration and Mentastics und widmete sich fortan der Ausbildung von Trager-Praktikerinnen und –praktiker, die aus der ganzen Welt nach Kalifornien kamen. Milton Trager selbst übte täglich Mentastics und verstarb 1997 mit 89 Jahren.

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