Radfahren macht schlau

Auf dem Gipfel des Genusses angekommen: Mountainbiken ist nicht nur gesund, es ist auch gruppendynamisch und mental anspruchsvoll. Foto: tarei/Photoxpress.com
Auf dem Gipfel des Genusses angekommen: Mountainbiken ist nicht nur gesund, es ist auch gruppendynamisch und mental anspruchsvoll. Foto: tarei/Photoxpress.com

 

Ob Herz oder Hirn – Radfahren ist ideal, um fit zu bleiben. Der Sport kann das Infarktrisiko um mehr als 50 Prozent reduzieren, das Immunsystem stärken, Depressionen vorbeugen und wahrscheinlich auch vor motorischen Erkrankungen schützen – weil regelmäßiges Radfahren zur vermehrten Bildung von Synapsen im Bewegungszentrum des Gehirns führt.

Von Martin Link

Minus 55, das ist jene magische Zahl, die Heinz Schwerter – mittelgroß, fit und angegraute Schläfen – gerne nennt: 55 Kilo hat der Büroangestellte verloren, seit er regelmäßig mit dem Rad unterwegs ist. „Es war mein Hausarzt, der mir ins Gewissen geredet hat. Und das Schicksal eines Kollegen, den mit Mitte 40 ein Herzinfarkt erwischt hat.“ Seit diesen einschneidenden Erlebnissen hat Heinz Schwerter seinen Lebensstil geändert und fährt – so lang es das Wetter zulässt – mit dem Rad ins Büro. Und auch nach Arbeitsschluss und am Wochenende schwingt sich der Steirer in den Sattel, um die Umgebung von Graz zu erfahren. Der 54-jährige Hobby-Radfahrer gehört zur immer größeren Zahl an Zweiradanhängern in Österreich – die damit weit mehr für ihre Gesundheit tun, als sie selbst ahnen. Die Strampelei ist nämlich gleichermaßen Therapeutikum und Prophylaktikum in physischer und psychischer Hinsicht, wie die Wissenschaft inzwischen eindrücklich belegen kann.

 

Forscher der deutschen Sporthochschule Köln beispielsweise haben mehr als 7000 Einzelstudien zum Thema ausgewertet. Das Ergebnis: Mit Radfahren lässt sich weit verbreiteten Zivilisationskrankheiten wie zum Beispiel Rückenschmerzen und Herz-Kreislauf-Störungen vorbeugen.

 

Die ausgewogene körperliche Aktivität beim Radeln kann das Herzinfarktrisiko sogar um mehr als 50 Prozent reduzieren. Für die Kniegelenke ist die Sportart ebenfalls vorteilhaft, da ein Großteil des Körpergewichts durch den Sattel abgefedert wird. Diese Schonung der Gelenke reduziert auch das Arthroserisiko. Dass sich das regelmäßige Treten auch noch positiv auf das Immunsystem positiv auswirkt, haben erst unlängst US-Wissenschafter um David Nieman von der Appalachian State University in Kannapolis herausgefunden und ihre Ergebnisse danach im „British Journal of Sports Medicine“ publiziert: Wer regelmäßig radelt und sich so fit hält, bekommt im Herbst und Winter seltener eine Erkältung. Auch die Symptome sind nicht so stark ausgeprägt, wenn es einen Radfahrer dann doch einmal erwischt.

 

Ausreichendes Training für beste Effekte

Allerdings muss man sich für diesen Effekt an fünf oder mehr Tagen in der Woche ausreichend abstrampeln – und zwar mindestens zwanzig Minuten und so, dass man leicht ins Schwitzen gerät. Das schließen die Forscher aus einer Untersuchung von über 1000 Versuchspersonen, bei denen sie Erkältungssymptome dokumentierten. Die Personen, die häufig radelten, waren nur halb so oft erkältet wie Menschen, die nur an einem Tag in der Woche oder noch seltener den Sport trieben. Die Wissenschaftler führen diesen Effekt auf eine Aktivierung des Immunsystems durch das Training zurück.

 

So wie die menschliche Abwehrkraft durch das Fahrradfahren aufgebaut wird, so wird Hektik abgebaut – genauer gesagt: Das Hirn baut Stresshormone ab. Der Ruhepuls sinkt um bis zu zehn Schläge pro Minute, das Herzvolumen steigt auf bis zu 1200 Milliliter pro Minute. Neue Blutgefäße werden gebildet; der Körper besser mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Und die beste Nachricht für gestresste Menschen mit viel zu wenig Zeit: Bereits fünf Minuten körperliche Aktivität im Grünen, also Radfahren, verbessern Stimmung und Selbstwertgefühl deutlich.

 

Nach Studien britischer Forscher um Jules Pretty von der University of Essex in Colchester, veröffentlicht im Fachmagazin „Environmental Science and Technology“, ist eine Steigerung des Selbstwerts durch Naturerfahrung und Aktivität besonders hoch bei jüngeren Leuten und psychisch angegriffenen Menschen. Erhöht wird der positive Effekt von Aktivitäten im Grünen, zu denen neben Radfahren auch Spaziergänge im Park und Gartenarbeit gehören, durch eine Umgebung mit Wasser. Hochgefühl und Selbstwert gelten unter Psychologen als wichtige Indikatoren für die psychische Gesundheit – geringe Selbstachtung und ein andauerndes Stimmungstief sind häufig anzutreffende Symptome bei Depressionen. Insofern, folgern die Wissenschafter, könne Radfahren auch Depressionen vorbeugen, gegen diese vielleicht sogar einen – begleitenden – therapeutischen Nutzen haben.

 

Um gleich beim Gehirn zu bleiben: Radfahrer sind nicht nur schlauer als andere, sie zeigen auch in anderen Bereichen eine wesentlich höhere Gehirnleistung. Zu diesem völlig überraschenden Ergebnissen kamen US-Forscher um Yi Zuo von der University of California in Santa Cruz – überraschen genug jedenfalls, dass das renommierte Fachmagazin „Nature“ darüber berichtete: Beim Erlernen einer muskelgesteuerten Fähigkeit wie Radfahren beginnen die Nervenzellen im Gehirn fast augenblicklich damit, sich neu zu verbinden. Das haben die Wissenschaftler herausgefunden, als sie das Bewegungslernen von Mäusen untersuchten: Innerhalb von einer Stunde bildeten sich Synapsen zwischen Nervenzellen in eben dem Gehirnbereich aus, der Muskelbewegungen kontrolliert. Die neuen Nervenverbindungen erwiesen sich als sehr robust. Langfristig sollen die Erkenntnisse Neurologen dabei helfen, das Langzeitgedächtnis von Schlaganfall-Patienten schneller wieder herzustellen. Und die Ergebnisse deuten auch darauf hin, dass Radeln die motorischen Gehirnzentren positiv stimuliert, derart vielleicht motorischen Störungen vorbeugen könnte.

 

Fahrradfahrer sind schlauer und geistig agiler

Sicher scheint hingegen die Erkenntnis, dass Radler schlauer sind. Mit regelmäßigem Ausdauertraining können Menschen nämlich den Intelligenzquotienten steigern. Das hat eine schwedische Studie bei 18-jährigen Männern ergeben. Ausgewertet wurden dabei Daten der Jahrgänge von 1950 bis 1976, und zwar von mehr als 1,221 Millionen Männern, die für den Wehrdienst auf ihre körperliche und geistige Leistung hin untersucht wurden. Dabei achteten die Forscher darauf, wie stark die einzelnen Werte miteinander in Beziehung stehen, berichtete die deutsche Publikation „Bild der Wissenschaft“. Während zwischen der reinen Muskelkraft und der Intelligenz kein Zusammenhang festgestellt wurde, zeigte sich bei der Ausdauerleistung ein anderes Bild: Je höher die Ausdauerleistung war, desto größer waren auch das Sprachvermögen, die räumliche Vorstellungskraft, das mathematisch-technische Denkvermögen und das logische Denken. Diese Kategorien wurden anhand eines Intelligenztests gemessen. Als Grund für diesen Zusammenhang sehen die Forscher, dass ein durch regelmäßiges Fahrradfahren gut trainiertes Herz-Kreislauf-System wichtige Stoffe auf einem hohen Niveau zum Gehirn transportierten kann – womit sich der Kreis von der psychischen zur physischen Gesundheit wieder schließt.

 

Eine äußerst figurfreundliche Betätigung

Ganz abgesehen davon ist Radfahren natürlich auch figurfreundlich: Bereits normale Touren helfen, das Gewicht zu halten. Eine 75 Kilo schwere Person verbrennt etwa 500 Kalorien in einer Stunde, wenn sie 20 Kilometer zurücklegt. Mehr Wachstumshormon HGH wird ausgeschüttet. Das kurbelt den Fettstoffwechsel an. Schon mit fünf Kilometern am Tag erfüllt man das Pensum, das Ärzte für Bewegung fordern. Ideal ist es, an zwei oder drei Tagen in der Woche zwischen fünf und 15 Kilometer zu fahren und einmal pro Woche 20 bis 30 Kilometer. Der Flüssigkeitsbedarf von Radfahrern beträgt bei mittleren Temperaturen einen halben Liter pro Belastungsstunde.

 

Mediziner und Sportwissenschaftler empfehlen natriumhaltige Mineralwässer, auch Mineralwasser mit Apfelsaft. Wer Radtouren macht, sollte zu Mittag etwas Leichtes essen. Das meiste Blut hält sich beim Radeln ja in den Beinen auf und dadurch arbeitet das Verdauungssystem nicht so effizient. Deshalb ist bei Radlern meist das Abendessen die Hauptmahlzeit. Nicht nur sportliche Gründe sprechen für eine Radtour. Im Radsattel kann man die Natur erleben, die Gedanken schweifen und die Seele zur Ruhe kommen lassen. Bei Radtouren verbringt man viel Zeit in der Natur und sieht Dinge, die man im Alltag kaum noch wahrnimmt: den Horizont über den Feldern, Regenbogen und Sonnenuntergänge. Man spürt den Wind in den Haaren und bewegt sich in einem optimalen Tempo, um die Umwelt wahrzunehmen. Viele radeln gerne an Flüssen entlang, weil das beruhigt. Auch in Österreich folgen viele Radwege den Gewässern wie zum Beispiel entlang der Donau, des Inns, der Mur oder der Drau oder rund um Neusiedlersee im Osten und Bodensee im Westen.

 

Natur und Kultur erleben auf zahlreichen Routen

Natur und Kultur lassen sich zudem auf unzähligen regionalen Radrouten erleben, aber auch auf den großen Radwegen Österreichs, die in den vergangenen Jahren entstanden sind. Eine beliebte Alternative wegen des ursprünglichen Naturerlebnisses sind auch die vielen Mountainbike-Routen. Mittlerweile gibt es für die Fortgeschrittenen auch schon europäische Radtouren, die sich in mehreren Etappen bewältigen lassen.

 

Das ist auch das Ziel von Heinz Schwerter: Nachdem er bereits einige österreichische Langrouten absolviert hat, lautet das Ziel für diesen Sommer: Nordkap, 520 Kilometer nördlich des Polarkreises. Nicht nur gemessen an seiner sportlosen Vorvergangenheit stellt diese Reise einen Vorstoß in eine neue Dimension dar: „Vor vier Jahren hätte ich jeden für verrückt erklärt, der mir vom Nordkap mit dem Fahrrad erzählt.“ Und jetzt? „Jetzt freue mich riesig auf diese verrückte Idee“, frohlockt Schwerter.

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