Das blaue Gold

Hohe Wasserqualität ist in Österreich eher die Regel als die Ausnahme. Dennoch droht der Ressource Gefahr, primär von Landwirtschaft und Industrie. Foto: Claudia Feiertag
Hohe Wasserqualität ist in Österreich eher die Regel als die Ausnahme. Dennoch droht der Ressource Gefahr, primär von Landwirtschaft und Industrie. Foto: Claudia Feiertag

 

Sauberes Wasser ist die wertvollste Ressource, die die Menschheit besitzt. Und direkt an der Quelle zu sitzen, wie das die meisten Österreicherinnen und Österreicher aufgrund der geografischen Lage tun, heißt am Ursprung des Lebens zu sitzen. Umso mehr gilt es, das Wasser zu schützen – sowohl als Lebensmittel als auch als Gesundheitsmittel. Denn es hat sehr viele Eigenschaften, die sich positiv auf den Organismus auswirken.

Von Angelika Stallhofer

Zwei Wasserstoffatome und ein Sauerstoffatom, die sich zu einem Molekül verbinden: Wasser muss nicht mehr sein, um seinen unschätzbar kostbaren Zweck zu erfüllen. Unser Leben, die Fruchtbarkeit unseres Planeten sind ohne Wasser nicht denkbar. Der menschliche Körper, der zu rund zwei Dritteln aus Wasser besteht, ist wesentlich stärker auf Flüssigkeit angewiesen als auf feste Nahrung. Ohne Nahrung können wir mehrere Wochen auskommen, ohne Wasser gewöhnlich bis zu vier Tagen. Sauberes Wasser ist die Grundvoraussetzung für gesundes Leben.

 

Das Wasser im Körper wird für zahlreiche Funktionen benötigt. Der Großteil befindet sich in den Körperzellen, der Rest wird in Gefäßsystemen und als Gewebsflüssigkeit benötigt. Nahezu vollständig aus Wasser bestehen Blut, Verdauungssäfte und Lymphe, aber auch Gehirn, Leber und Muskeln benötigen reichlich Wasser. Nur mithilfe von Wasser können lebenswichtige Stoffe transportiert und verarbeitet werden.

 

Kalzium und Magnesium, die wesentlich für den Aufbau von Knochen und Zähnen sind und die wir über die Nahrung oft in zu geringer Form aufnehmen, zählen zu den Hauptinhaltsstoffen von Trinkwasser. Kalzium ist unentbehrlich für Blutgerinnung und Funktion des Nervensystems, Magnesium ist an vielen Stoffwechselvorgängen beteiligt. Der Geschmack des Wassers wird von Kalzium bestimmt. In der österreichischen Trinkwasserverordnung ist ein Mindestgehalt an beiden Stoffen vorgeschrieben. Die Höchstwerte werden durch den Lebensmittelkodex geregelt. Kalzium und Magnesium bestimmen zudem die Wasserhärte: Je höher der Anteil der gelösten Ionen, desto härter und kalkhaltiger ist das Wasser.

 

Was aus technischer Sicht Probleme verursacht, ist aus gesundheitlicher Sicht jedoch unbedenklich: Ältere epidemiologische Studien fanden sogar einen Zusammenhang zwischen dem regelmäßigen Konsum von hartem Wasser und einer geringeren Häufigkeit von atherosklerotischen Herzgefäß-Erkrankungen. Medizinisch relevant ist aber vor allem die Frage, wie viel Wasser beziehungsweise Flüssigkeit wir zu uns nehmen. Mitte der Neunziger Jahre erregte der iranische Arzt und Alternativmediziner Fereydoon Batmanghelidj mit seinem Buch „Wasser – die gesunde Lösung“ Aufsehen. Die Zivilisationskrankheiten, die er darin beschrieb, führte er primär auf eine Unterversorgung des Körpers mit Wasser zurück. „Eine chronische und allmählich immer stärkere Dehydration ist die Wurzel fast aller heute auftretenden größeren Krankheiten“, schrieb Batmanghelidj. Verdauungsbeschwerden, Herzbeschwerden, Bluthochdruck, Schmerzen im unteren Rücken, Schmerzen in den Beinen beim Laufen, migräneartige oder katerähnliche Kopfschmerzen: All dies weise auf eine Austrocknung des Körpers hin. Noch vor jeder medikamentösen Behandlung sei diesen Leiden durch reichliches Wassertrinken beizukommen. „Wassermangel kann bei einer Reihe von Zivilisationskrankheiten eine Rolle spielen. Bluthochdruck und Herzerkrankungen stehen aber nicht im Vordergrund“, sagt Wolfgang Marktl von der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin (GAMED).

 

Der Griff zum Wasserglas erfolgt meist, wenn wir Durst verspüren. Doch noch bevor der Körper das Alarmsignal gibt, will er ausreichend mit Flüssigkeit versorgt sein. Der Körper verliert täglich rund zwei Liter Wasser. „Die tägliche Flüssigkeitszufuhr soll etwa 35 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht betragen, das wären bei einem Menschen mit 70 kg etwa 2,5 Liter“, empfiehlt Marktl.

 

Klares Wasser ist die beste Lösung

Einen Teil seines Durstes kann der Körper aus halbflüssigen und festen Nahrungsmitteln wie Obst oder Gemüse stillen. Zur Deckung des gesamten Flüssigkeitsbedarfs stellt klares Wasser die ideale Lösung dar. Im Vergleich zu anderen Getränken bedeutet dies auch eine enorme Ersparnis an Kalorien. „Die meisten Getränke außer Leitungswasser und Mineralwasser enthalten Inhaltsstoffe, die bei regelmäßiger und lang dauernder Zufuhr gesundheitlich nicht unbedenklich sind. Beispiele für solche Inhaltsstoffe sind Zucker und Koffein“, sagt Marktl. Dem österreichischen Leitungswasser spricht der Mediziner eine „generell hohe Qualität“ zu. Mineralwässer hätten allerdings den gewissen Vorteil, dass sie von ursprünglicher Reinheit sein müssen und daher nicht behandelt werden dürfen.

 

Aber auch vor zu viel des Guten warnen Mediziner: Langstreckenläufer und Ausdauersportler laufen durch übermäßiges Trinken Gefahr, ihrem Salzhaushalt zu schaden. Die überschüssige Flüssigkeit kann – unabhängig von der Art des Getränks – Natriummangel und in der Folge Muskelkrämpfe und sogar Bewusstlosigkeit herbeiführen, wie eine im „New England Journal of Medicine“ veröffentlichte Harvard-Studie an rund 500 Marathonläufern zeigte. Jeder siebte Teilnehmer litt nach dem Lauf an Natriummangel, bei drei Teilnehmern wurde eine lebensgefährlich niedrige Konzentration festgestellt. Frauen erwiesen sich als besonders gefährdet: Zu viel Flüssigkeit schadet ebenso wie zu wenig.

 

Genau genommen könnten wir unseren Planeten auch „Wasser“, nicht „Erde“ nennen: Mehr als zwei Drittel der Erdoberfläche sind mit Wasser bedeckt. Nur drei Prozent davon sind allerdings Süßwasservorkommen und weltweit betrachtet sind diese sehr ungleich verteilt. Die Süßwassermenge, die Österreich zur Verfügung steht, ist beträchtlich: Das Lebensministerium spricht von cirka 120 Milliarden Kubikmetern pro Jahr. Abzüglich der Verdunstung bleiben immer noch 84 Milliarden. Verbraucht werden derzeit nur 2,6 Milliarden, zwei Drittel davon von Landwirtschaft und Industrie, Haushalte verwenden nur ein Prozent der theoretisch verfügbaren Menge. Der hohe Waldanteil und die geringe Besiedelung der alpinen Regionen machen die hohe Qualität der Quellwässer möglich. Der erste, 2003 veröffentlichte Weltwasserbericht der UNESCO wies Finnland als Spitzenreiter in Sachen Wasserqualität aus, gefolgt von Kanada und Neuseeland. Österreich fand sich auf Platz 18 von 122 Ländern.

 

Der dabei verwendete Indikator für die Wasserqualität wurde hernach zwar von verschiedenen Stellen kritisiert, Zweifel an der hohen Qualität kommen jedoch selten auf. „Im europäischen Vergleich stehen wir gut da“, sagt Michael Fusko, Wasserexperte der „Umweltberatung St. Pölten“. „Die österreichische Trinkwasserversorgung wird zu hundert Prozent aus Grundwasser gedeckt. Das ist einmalig. Deutschland zum Beispiel deckt nur vierzig Prozent seines Bedarfs mit Grundwasser, der Rest stammt aus Oberflächengewässern.“ Die derzeitige Wasserqualität in Österreich schätzt er als „sehr gut bis gut“ ein. Sowohl um die Oberflächengewässer als auch um das Grundwasser sei es gut bestellt: „Bezüglich Abwasserreinigung hat sich in den letzten dreißig Jahren viel getan. Der industrielle Schadstoffeintrag in Flüsse ist heute deutlich geringer. Die Qualität des Grundwassers ist gut, von wenigen Ausnahmen abgesehen.“ Diese sind Marchfeld, Wiener Becken, Linz und Umgebung, Teile der Südsteiermark – die landwirtschaftlich oder industriell intensiv genutzten Regionen, in deren Grundwasser sich Nitrate oder Pestizide nachweisen lassen.

 

Kein Grund zur Sorge in Österreich

Wer an die öffentliche Trinkwasserversorgung angeschlossen ist, hat laut Fusko jedoch keinen Grund zur Sorge. Die in der Trinkwasserverordnung sowie im Lebensmittelkodex vorgeschriebenen Richtwerte müssen eingehalten werden. Bei einer Überschreitung wird das Wasser aufbereitet: Bakterielle Belastungen werden mithilfe von UV-Anlagen beseitigt, chemische Substanzen wie Nitrate beispielsweise über Aktivkohlefilter und Umkehrosmose-Anlagen aus dem Wasser geholt.

 

Zurück bleibt gesundes, genießbares Wasser. Aufbereitungsanlagen in Wasserwerken stellen die Regel dar. Einzigartig ist, sagt Fusko, die Wiener Wasserversorgung: „Das Wasser wird so, wie es aus der Quelle kommt, in das Wiener Trinkwassersystem eingeleitet. Es muss nicht aufbereitet werden. Das gibt es so auf der ganzen Welt nicht.“

 

Die Sensibilität für Wasserqualität ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Die größte Gefahr für die Umwelt und damit für Grundwasser geht nach wie vor von landwirtschaftlich genutzten Pestiziden und Düngemitteln aus.

 

Hormone noch kein Problem in heimischem Wasser

Immer häufiger bringen auch Hormone und hormonähnliche Substanzen (Rückstände aus Medikamenten, Kosmetika, Kunststoffweichmachern) das biologische Gefüge in Gewässern durcheinander. Obwohl diese, im Gegensatz zu Nitraten und Pestiziden, noch nicht im österreichischen Grundwasser nachgewiesen werden konnten, wie Michael Fusko sagt, stellen sie dennoch eine Bedrohung dar. Aus Angst vor Schadstoffen suchen Verbraucher immer öfter nach privaten Lösungen. Der Absatz von Umkehrosmose-Geräten für den eigenen Haushalt hat zugenommen, bis zu dreitausend Euro ist vielen das sichere Gefühl wert. Zu Recht oder ein Sturm im Wasserglas? „Grundsätzlich ist die Umkehrosmose eine bewährte Technologie, um Wasser aufzubereiten. Das Wasser wird über eine halbdurchlässige Membran gedrückt. Je nachdem, wie feinporig die Membran ist, werden Moleküle bestimmter Größe zurückgehalten“, erklärt der Experte. Der privaten Anschaffung eines Umkehrosmosegerätes steht er aber skeptisch gegenüber: Während große Umkehrosmose-Geräte in Wasserwerken ihren Zweck erfüllten, bedeuteten Haushaltsgeräte dieser Art zumeist unnötige Ausgaben. Vor allem die „Raubrittermethoden“ mancher Vertreter kritisiert die „Umweltberatung“ scharf. Unsichere Verbraucher würden sich immer wieder von windigen Versuchen überzeugen lassen, die mit der Wasserqualität nichts zu tun haben. Fusko bekräftigt: „Das Problem ist: Den Leuten wird etwas vorgetäuscht. Die Geräte werden in Bereichen eingesetzt, wo sie nicht notwendig sind. Wenn ich in Österreich an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen bin, besteht in keinster Weise irgendeine Notwendigkeit, das Wasser aufzubereiten.“

 

Eher lässt sich ein Verdacht auf schlechte Wasserqualität aus eigenen Quellen und Hausbrunnen schöpfen, aus denen gegenwärtig noch rund eine Million Österreicher ihr Trinkwasser beziehen. Hohe Eisen- oder Mangananteile etwa führen zu Verfärbungen und beeinträchtigen den Geschmack. Nitrate und andere chemische Belastungen sind allerdings mit keinem der Sinne wahrzunehmen. Michael Fusko rät, das Wasser zunächst von einer seriösen Stelle überprüfen zu lassen. Je nach Art der festgestellten Belastung sind hernach maßgeschneiderte Lösungen notwendig. „Die Umweltberatung“ bietet im Raum Niederösterreich professionelle Trinkwasseranalysen an. Eine Liste von österreichweit akkreditierten Labors ist auf der Homepage des Gesundheitsministeriums abzurufen.

 

Weltweit steigt der Druck auf Süßwasserressourcen. Die Mengen an Wasser, die in die Produktion von Lebensmitteln, Konsumgütern und Dienstleistungen fließen, sind enorm. Besonders hoch ist der Wasserverbrauch in der Landwirtschaft, bei der Produktion von Fleisch und anderen tierischen Erzeugnissen. So werden für ein Kilogramm Rindfleisch 16.000 Liter Wasser benötigt: Von „virtuellem Wasser“ ist dabei die Rede: dem, das benutzt worden ist, um ein Produkt herzustellen. Laut dem „Nutrition Ecology International Center“ (NEIC) hat sich der Fleischkonsum der Industrieländer im vergangenen halben Jahrhundert mehr als verdoppelt. Zahlen aus dem Lebensministerium bestätigten diese Entwicklung auch für Österreich. Die neue Fleischeslust bringt darum nicht nur klimabelastende Folgen mit sich: Auch Wasser als lebenswichtige Ressource wird durch diese Ernährungsgewohnheiten nicht bloß „virtuell“, sondern tatsächlich knapper.

 

Generell kommt Wasser immer auch in Form von Importgütern in wasserreiche Länder. Einem WWF-Report zufolge, der sich auf eben jene Mengen an Wasser bezieht, die zur Produktion von Gütern notwendig sind, finden mehr als zwei Drittel des österreichischen Wasserverbrauchs außer Landes statt: Das Wasser wird indirekt über Importgüter konsumiert. Der so genannte Wasser-Fußabdruck Österreichs im Ausland scheint nicht gerade unbedeutend, man lebt hierzulande auf großem Fuß. Österreichs Wert liegt „mehr als das Fünffache über dem globalen Durchschnitt“, analysierte der WWF. Als problematisch gilt vor allem die Frage nach der Herkunft der Waren. Es ist nicht auszuschließen, dass Güter aus Ländern kommen, in denen Wassermangel herrscht.

 

Der nachhaltige Umgang mit Wasser ist in vielen wasserarmen Ländern nicht gegeben: In der Regel wird er den finanziellen Interessen großer, für den Westen und Norden der Welt produzierender Unternehmen untergeordnet. Ausgetrocknete Flüsse und zerstörte Ökosysteme, etwa als Folge der Baumwollproduktion, mehren sich. Das Anrecht lokaler Bevölkerungen auf Trinkwasserversorgung und intakte Umwelt wird Menschenrechts- und Umweltorganisationen zufolge regelmäßig, mitunter systematisch verletzt. Vielerorts ist es auch schlicht unmöglich, die Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser zu versorgen.

 

Geschätzte 1,1 Milliarden Menschen weltweit haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. Die Weltgesundheitsorganisation führt achtzig Prozent aller Krankheiten in so genannten Entwicklungsländern auf schlechtes Wasser zurück. In ländlichen Gebieten fehlt es an Infrastruktur, Desinfektionsanlagen sind meist etliche Kilometer entfernt: ein Problem, das zum Beispiel der Vorarlberger Martin Wesian auf anderem Weg zu lösen versucht. Er hat ein Gerät namens „Wadi“ entwickelt, ein Messgerät für den Bereich der an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich erforschten „Solaren Trinkwasserdesinfektion“. Auf eine PET-Flasche geschraubt, die dem Sonnenlicht ausgesetzt wird, misst das Wadi die eingetroffene UV-Strahlung und zeigt an, wann das Wasser keimfrei getrunken werden kann. Eine Alternative zum gängigen Abkochen, zu Chlortabletten, Filtern oder zentralen Desinfektionsanlagen, die laut Wesian „einfach zu handhaben und kostengünstig ist, weil das Gerät im Vergleich zu Filtern keine Wartung braucht. Und es lässt sich gut in ländlichen Gebieten oder in Katastrophengebieten einsetzen.“ Ende 2009 wurde dem 36-jährigen Erfinder dafür der „Energy Globe Austria Award“ zuteil. Im März dieses Jahres erhielt sein Unternehmen „Helioz“ den Neptun-Wasserpreis in der Kategorie „WasserWELT“, der unter anderen vom Lebensministerium getragen wird.

 

Kleine Handlungen, große Wirkungen

Ein nachhaltiger Wasserverbrauch ist auch österreichweit ein Thema. „Wassersparen ist sinnvoll“, sagt Michael Fusko von der „Umweltberatung“. „Wir befinden uns in Österreich in einer sehr gesegneten Position: Wir haben sehr viel Wasser in hoher Qualität. Trotzdem gibt es Gebiete, wo sich die Grundwassersituation verschlechtert, sich die Grundwasserspiegel absenken. Das heißt, man kommt schwerer an das Wasser heran und der Wasserpreis verteuert sich.“ Bei der Neuanschaffung von Haushaltsgeräten wie Geschirrspülern und Waschmaschinen achten bewusste Käufer darum auf den Verbrauch. Duschen statt baden, während des Zähneputzens den Hahn zudrehen, den Garten mit Regenwasser bewässern: kleine Handlungen, große Wirkung.

 

 

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