Gynäkologen kommen von der Venus

Auch wenn ich mich selbst nur selten in die Hände dieser Fachdisziplin begebe, mag ich die Gynäkologen irgendwie. Sie sehen lächelnd über Ungerechtigkeiten hinweg, etwa die, dass bei der Betreuung einer Schwangeren plus ungeborenem Kind nur über eine E-Card abgerechnet werden kann.

Gynäkologen sind die ersten Ärzte, die ein neugeborener Mensch zu Gesicht bekommt. Erst später lassen sich, in der Reihenfolge ihres Auftretens, Pädiater, Allgemeinmediziner, Internisten, Geriater und Pathologen blicken. Damit hat diese Sparte Arzt jedoch auch eine verantwortungsvolle Aufgabe übernommen. Denn wie einst die Graugansküken des Herrn Lorenz über die Prägung ein Leben lang ihrem ersten Anblick ergeben waren, hängt es stark davon ab, wie sanft und kompetent sich der Geburtshelfer in diesen ersten Lebenssekunden verhält. Zwar werden geborene XY-Träger diese Gattung Mediziner nur in der Rolle des männlichen Begleiters wahrnehmen, doch diese erste Begegnung prägt unser generelles Ärzte-Bild.

 

Mich dürfte ein netter Mensch auf die Welt gebracht haben, denn ich persönlich mag sie, die Gynäkologen. Was mir immer gefallen hat, ist diese Begeisterungsfähigkeit: Mit wehenden Fahnen im Kampf für ihre Patientinnen machen sie sich mal stark für Hormone in den Wechseljahren, mal dagegen. Aber immer mit einem Enthusiasmus, der vielen anderen Fachrichtungen fehlt. Ein guter Geburtshelfer bewahrt immer die nötige Ruhe und lässt sich auch von der kreißenden Mutter gemeinsam mit dem blassen Ehegatten beschimpfen, ohne zurückzuschlagen.

 

Neben den üblichen Krankheiten darf sich der Gynäkologe mit so schönen Dingen wie Sex, Schwangerschaft und Geburt beschäftigen, wohingegen so mancher Pneumologe lediglich zwischen den Farben des Auswurfes wählen kann. Dafür müssen Geburtshelfer, erkennbar an der ununterbrochenen elektronischen Erreichbarkeit in Theatern und Konzerten, rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Auch wird von den Gynäkologen weitaus mehr Einfühlungsvermögen verlangt als von den Kollegen anderer Fachrichtungen: Er kommuniziert durch die Knie seiner Patientinnen hervor und findet doch stets die richtigen Worte.

 

Über wissenschaftliche Fortschritte gilt es natürlich auch in der Gynäkologie und Geburtshilfe zu berichten. Zwar kommen Kinder nach wie vor auf dieselbe Weise zur Welt wie vor 1000 Jahren, doch erst heute sind wir so weit und vergeben auch LKF-Punkte dafür. Hat man früher den weiblichen Körper von medizinischer Seite lediglich als Summe der Einzelteile betrachtet, Eierstöcke, Gebärmutter, Brust, so hat man heute eine viel ganzheitlichere Sicht: Die Frau ist nämlich ein Hormon. Da wird pubertiert, gewechselt und atrophiert was das Zeug hält, die Hormone verändern die Haut, das Bindegewebe, die Zellen und nicht zuletzt auch indirekt die Männer. Hormone sind hip und ein Gynäkologe ohne Hormon ist wie ein Chirurg ohne SUV. Da es Hormone in unglaublich vielen Darreichungsformen gibt, als Pille, Spritze, Spirale oder auch als Nahrungsergänzung im Schnitzel, sind der Phantasie der Verschreibung keine Grenzen gesetzt.

 

Auch die moderne Genderforschung bestätigt, was wir schon immer wussten: Frauen ticken anders als Männer. Diese ganze Venus-Mars-Sache schlägt sich auch auf die betreuenden Ärzte nieder. Und tatsächlich haben Gynäkologen, so sie nicht selbst dem weiblichen Geschlecht angehören, irgendwie etwas Feminines. Vielleicht macht sie das ja so anziehend. Wer anderen Menschen an Kopf, Steiß oder Füßen in diese Welt hilft, kann kein schlechter Arzt sein. Und nicht von ungefähr gibt es nur hier den Kaiserschnitt.

 

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