"Müssen Menschen vor Geschäftemacherei schützen"

Gesundheitsminister Alois Stöger: „Es gibt im Gesundheitsministerium einen Beirat für traditionelle asiatische Medizin. Wir setzen uns also damit sehr qualifiziert auseinander.“ Foto: Barbara Krobath
Gesundheitsminister Alois Stöger: „Es gibt im Gesundheitsministerium einen Beirat für traditionelle asiatische Medizin. Wir setzen uns also damit sehr qualifiziert auseinander.“ Foto: Barbara Krobath

 

In Österreich gibt es schon beinahe so viele Anbieter von ganzheitlichen Leistungen wie Schulmediziner. Dennoch nimmt die Gesundheitspolitik diesen Sektor noch kaum wahr. lebensweise-Chefredakteur Martin Rümmele sprach darüber mit Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) und über Alternativen zur Schulmedizin, Prävention, Gesundheitsziele und die Bezahlung von Komplementärmedizin durch die Krankenkassen.

lebensweise: Wie steht es um Ihre Gesundheit?

Alois Stöger: Danke. Ich gehöre zu den privilegierten Menschen, die wenig Leistungen des Gesundheitssystems in Anspruch nehmen müssen. Und ich bin mir bewusst, dass ich da in einer glücklichen Situation bin.


lebensweise: Das klingt, als hänge Gesundheit vor allem von Glück und Zufall ab und nicht auch von der persönlichen Einstellung und Vorsorge.

Stöger: Ja. Natürlich ist Prävention wichtig. Die zentrale Frage ist aber, was uns gesund hält. Entscheidend für Gesundheit sind hier nicht nur individuelle Dinge, sondern auch die Faktoren Bildung, Einkommen, aber auch, in der Gesellschaft ernst genommen zu werden. Unsere wichtige Aufgabe ist es, die Rahmenbedingungen für Gesundheit zu schaffen. Im Bereich der Prävention muss man sich zum Beispiel überlegen, wie Kinder genügend Raum für Bewegung bekommen oder wie Jugendliche in der Schule und arbeitende Menschen im Betrieb zu einer gesunden Ernährung kommen. Als Gesundheitsminister ist es mein zentrales Anliegen, die Gesundheit der Menschen in diesem Land langfristig zu sichern und zu verbessern. Dafür müssen alle Einflüsse auf die Gesundheit berücksichtigt werden. Ich möchte etwa künftig auch politische Maßnahmen evaluieren, noch bevor sie eingeführt werden, um ihre Auswirkungen auf die Lebensumstände und die Gesundheit der Menschen zu prüfen.

 

lebensweise: Das hört sich sehr nach einem ganzheitlichen Ansatz an. Was halten Sie von Ganzheitsmedizin und ganzheitlichen Gesundheitssystemen, wie sie etwa traditionelle Systeme in Asien aber auch in unseren Breiten früher propagiert haben oder immer noch propagieren und praktizieren?

Stöger: Es gibt hier sicher Überschneidungen in den Denkansätzen und sicher auch viele Elemente, die mehr in den wissenschaftlichen Diskurs einbezogen werden müssen. Ich habe mir etwa bei einem Besuch in China ein Krankenhaus der Traditionellen Chinesischen Medizin angesehen. Das war ein Spital der Vollversorgung und das hat mich schon auch beeindruckt.

 

lebensweise: Ein Ansatz auch für unser Gesundheitssystem? Sollten wir mehr ganzheitliche Ansätze und Komplementärmedizin einbauen?

Stöger: Es gibt im Gesundheitsministerium einen Beirat für traditionelle asiatische Medizin, wo Expertinnen und Experten aus diesem Bereich aktuelle Fragen diskutieren, analysieren und Empfehlungen für die Politik erarbeiten. Wir setzen uns also damit sehr qualifiziert auseinander. Es gibt auch eine Zusammenarbeit etwa mit einer Universität in China, die sich für uns auch die Qualität der Ausbildung in diesem Bereich ansieht. Eine Aufgabe des Beirates ist auch, die einzelnen Behandlungsmethoden den Berufsgruppen zuzuordnen und Curricula zu erstellen.

 

lebensweise: Was halten Sie generell von komplementärer Medizin?

Stöger: Ich bin generell immer für einen kritischen Umgang mit Medizin. Für manche der komplementären Methoden gibt es aus konventioneller naturwissenschaftlicher Sicht keinen plausiblen Wirkmechanismus, dennoch gilt das Fehlen von Plausibilität nicht als Beweis für die Unwirksamkeit und stellt kein zwingendes Kriterium innerhalb einer evidenzbasierten Medizin dar. Aber auch komplementäre Therapien müssen evaluiert werden, um eine optimale und sichere Anwendung zu gewähren. Mir ist wichtig, dass gute Leistungen bei den Menschen ankommen. Es gibt in der Fülle der Angebote auch scheinbare Gesundheitsleistungen, die sich als gefährlich herausstellen

 

lebensweise: Wie wollen Sie hier gegensteuern?

Stöger: Wir haben in diesem Bereich einen offenen Zugang für die Patienten. Aber kranke Menschen haben generell keine Marktposition, weil sie Hilfe suchen und jede Hilfe annehmen, wenn sie Linderung oder Heilung verspricht. Es ist wichtig, die Menschen vor Missbrauch und Geschäftemacherei zu schützen.

 

lebensweise: Und wie genau soll das geschehen?

Stöger: Im Bereich der Arzneimittel warne ich vor Produkten, die nicht zugelassen sind und nicht aus legalen Lieferketten, also von Ärzten, Apotheken oder dem qualifizierten Handel stammen. Das betrifft vor allem den Kauf im Internet. Wir schauen uns die Produkte auch genau an und schränken den Verkehr ein – so haben wir etwa den Verkauf psychotroper Produkte für Jugendliche verboten. Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, die AGES, geht Entwicklungen in diesem Bereich nach und kontrolliert Produkte genau. Das betrifft auch die Frage von Therapien. Das wird bei uns in eigenen Fachbeiräten diskutiert und soll klare Positionen bringen, die für die Konsumentinnen und Konsumenten nachvollziehbar sind. Im Beirat für traditionelle asiatische Medizin wurde etwa auch ein Arbeitskreis geschaffen, der Fehlentwicklungen bei Ausbildungsangeboten oder der Entwicklung neuer Angebote analysieren aufhalten soll.

 

lebensweise: Dennoch werden gerade komplementäre Angebote oft heftig diskutiert und manche Kritiker lehnen sie sogar strikt ab. Wo stehen Sie selbst in solchen Diskussionen?

Stöger: Ich halte generell nichts von Wissenschaften, die absolute Ansprüche vertreten. Das gilt für beide Seiten. Ich halte viel davon, dass im Gesundheitswesen Beziehungen zu den Menschen wichtig sind. Hier gibt es Dinge, die wirken, und die sollte man auch sehen und die spielen auch eine Rolle. Aber sie müssen sich dennoch wissenschaftlichen Analysen stellen.

 

lebensweise: Sie haben die Ausbildung angesprochen: Gerade im ganzheitlichen Bereich gibt es viele Schulen, Richtungen und Ausbildungen. Zudem gibt es immer Diskussionen zwischen etablierten Berufsgruppen, wie Ärzten und Pflegepersonal mit Zusatzausbildungen, und eigenständigen Berufen. Wie regelt man das?

Stöger: Die Frage ist, was ein Gesundheitsberuf ist. Hier braucht es ja besondere Qualifikationen, die über eigene Ausbildungen vermittelt werden. Mir ist wichtig, dass in einer Ausbildung höchste Qualität geboten wird. Manche Tätigkeiten sind zudem Ärzten vorbehalten und das ist auch gut so.

 

lebensweise: In Deutschland gibt es den Beruf des Heilpraktikers, wo Menschen im komplementären Bereich eine medizinische Basisausbildung erhalten. Dafür dürfen sie dann auch mehr machen und ihre Leistungen werden von den Krankenkassen übernommen. In Österreich gibt es das nicht. Wäre so eine Basisausbildung nicht sinnvoll, um die Qualität zu sichern?

Stöger: Nein, ich denke nicht. Wir haben genügend Berufe mit gut ausgebildeten Menschen im Gesundheitswesen. Wir haben eine sehr abgestufte und breite Ausbildung und überall hochqualifiziertes Personal. Das Ziel, das wir verfolgen müssen, ist, über die Ausbildung auch die Qualität in den Leistungen zu sichern. Das gilt für alle Bereiche – Schul-, wie Komplementärmedizin.


lebensweise: Eine andere Diskussion ist jene der Kassenerstattung. Patienten wünschen sich, dass auch komplementäre Angebote von den Kassen übernommen werden, damit es in diesem Bereich nicht zu einer Zwei-Klassen-Medizin kommt. Wir stehen Sie dazu?

Stöger: Wenn eine Behandlung wissenschaftlich nützt, kann sie auch angeboten werden. Die Krankenkassen schließen hier nichts aus. Das gilt auch für Arzneimittel. Erstattet wird, was einen Nutzen bringt. Es gibt ja auch Medikamente, die zwar eine Zulassung haben und auch rezeptpflichtig sind, aber dennoch nicht von den Kassen bezahlt werden, weil der Nutzen eben nicht nachgewiesen ist.

 

lebensweise: Kommen wir zurück zum Thema Prävention: Sie haben einen nationalen Aktionsplan Ernährung und einen nationalen Aktionsplan Bewegung ins Leben gerufen, was kommt als Nächstes?

Stöger: Jetzt muss das einmal umgesetzt werden. Parallel arbeiten wir aber auch an der Entwicklung von Gesundheitszielen. Dabei müssen alle relevanten Institutionen und Entscheidungsträger mitwirken, die Bevölkerung wird dabei auch über eine eigene Internetplattform eingebunden.

 

lebensweise: Diese Diskussion gab es schon einmal,  und dann hat eine Ihrer Vorgängerinnen Ziele vorgeschlagen, wie die Reduktion von Herzerkrankungen und Krebserkrankungen usw. Experten kritisieren solche Ziele, weil sie zu kurz greifen?

Stöger: Mir persönlich sind auch Ziele, wie es sie in Skandinavien gibt, lieber. Da geht es um Armutsbekämpfung, Teilnahme an sozialen Prozessen und soziale Sicherheit. Das sind relevante Dinge, die unsere Gesundheit beeinflussen. Ich will dem Prozess, der jetzt in Gang gesetzt ist, aber nicht vorgreifen. Alle sollen mitdiskutieren. Vielleicht gibt es am Ende beides: Globale Ziele und Vorgaben und davon abgeleitet für einzelne Akteure, wie etwa Krankenkassen, Ziele wie die bessere Betreuung chronisch Kranker oder eben die Reduktion von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Oder ein Ausbau betrieblicher Gesundheitsförderung.

 

lebensweise: Also doch ganzheitlichere Ziele?

Stöger: Ja!            

 

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