Bildung macht gesund

Politikwissenschaftlern und Soziologen sind sich einig, dass Bildung der Schlüssel zur Demokratie und das Bildungsniveau Garant für soziale Sicherheit darstellt. Doch erst in jüngster Zeit setzt sich eine neue Erkenntnis durch: Bildung ist auch der Schlüssel zur Gesundheit. Eine Analyse.

 

Von Andreas Feiertag und Martin Rümmele

Der Bundesstaat Kerala liegt am südwestlichen Ende Indiens. 32 Millionen Menschen leben dort. Zwar ist das Wirtschaftswachstum sehr langsam und die Region bettelarm, dennoch begegnet man hier der extremen Armut, wie man sie aus den Großstädten der anderen 27 Bundesstaaten Indiens kennt, selten. Was aber noch mehr auffällt: Die Menschen leben hier deutlich länger als anderswo auf dem Subkontinent. Auch die Gesundheit der Menschen in Kerala ist vergleichsweise gut. Noch in einem anderen Bereich liegt der Bundesstaat vor den anderen: bei der Bildung der Bürger.

 

Von der ersten bis zur achten Klasse gehen hier alle Kinder in eine Schule. Mehr als 80 Prozent von ihnen besuchen noch die High School bis zur zehnten Klasse. Ein Viertel pro Jahrgang geht dann in die weiterführende höhere Schule, und viele studieren anschließend an einer der neun Universitäten oder einer Fachhochschule des Bundesstaates. Zugangsbeschränkungen gibt es nicht. Die staatlichen und vom Staat unterstützten Bildungseinrichtungen sind alle gebührenfrei – Mittagessen und Nachmittagsbetreuung für die, die es brauchen, sind ebenfalls gratis. Schon in den 1970er-Jahren ist es gelungen, in Kerala einhundert Prozent aller Kinder einzuschulen.

 

Aufgrund des hohen Bildungsniveaus hat Kerala auch eine der höchsten Zeitungsleserdichten in ganz Indien. Das Interesse an der Welt, der Politik und auch an medizinischen Themen ist einer der Gründe, warum die viel und gerne lesenden Bewohner des südindischen Bundesstaats im Schnitt 74 Jahre alt werden – und das, obwohl sie umgerechnet nur rund 460 Euro im Jahr verdienen. „Hierzulande mag sich die Ansicht verfestigt haben, ein langes Leben sei vor allem eine Folge von Wohlstand und teurer medizinischer Versorgung. Das Modell Kerala aber erinnert daran, dass Gesundheit mehr von Bildung abhängt als von Computertomografen und teuren Medikamenten“, analysiert der deutsche Zeit-Journalist Harro Albrecht. Ein Drittel des gesamten Staatshaushalts gibt Kerala für Bildung und Gesundheit aus. Rechnet man die anderen Sozialleistungen und die Förderung des öffentlichen Sektors hinzu, dann fließt insgesamt mehr als die Hälfte des jährlichen Budgets in die menschliche Entwicklung.

 

In der westlichen Welt herrscht unter Politikwissenschaftlern, Soziologen und Historikern seit Jahrzehnten weitgehender Konsens darüber, dass Bildung der Schlüssel zur Demokratie sei, das Bildungsniveau den Garant für soziale Sicherheit, Gerechtigkeit und Frieden darstelle. Doch erst in jüngster Zeit setzt sich die Erkenntnis durch: Bildung ist auch der Schlüssel zur Gesundheit. Und jüngste Untersuchungen untermauern diese Erkenntnis: Gesundheitsschädliche Gewohnheiten und ungesunder Lebensstil wie Rauchen, falsche Ernährung und Bewegungsmangel sind viel öfter in Gesellschaftsschichten mit niedrigerem Bildungsniveau zu finden. Diese Gesellschaftsgruppe nimmt auch die Gesundheitsvorsorge viel seltener in Anspruch. Bildungsunterschiede zeigen sich auch in der Lebenserwartung: Demnach sterben Männer mit Pflichtschulabschluss um 6,2 Jahre früher als Männer mit Hochschulabschluss. Bei Frauen fällt dieser Unterschied weniger stark auf, dort beträgt die Spannweite 2,8 Jahre.

 

Neben der kürzeren Lebenserwartung von Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau zeigt eine große Analyse des österreichischen Gesundheitsministeriums auch noch das entsprechende Risikoverhalten auf: 52 Prozent der Frauen mit Pflichtschulabschluss sind übergewichtig beziehungsweise fettsüchtig, unter Hochschulabsolventinnen sind es nur 28 Prozent. Männer hingegen werden fast unabhängig von der Schulbildung fett. Auch beim Bewegungsmangel zeigen sich Unterschiede: Von Pflichtschulabsolventinnen betreiben nur 20 Prozent wenigstens einmal pro Woche Sport, bei Akademikerinnen sind es 30 Prozent, und bei Männern steht es 26 zu 34 Prozent. Auch der Anteil der Raucher ist unter Pflichtschulabsolventen mit 28 Prozent höher als unter Universitätsabsolventen mit 18 Prozent.

 

Gesundheit wird nicht von Ärzten produziert

Von den Akteuren im Gesundheitswesen wird uns permanent vorgemacht, dass unsere Gesundheit bei niedergelassenen Ärzten und im Krankenhaus produziert wird. Deshalb beurteilen wir die Qualität unseres Gesundheitssystems primär anhand von Sensationsberichten in den Medien, die über die gelungene Transplantation ganzer Gliedmaßen oder die medizinisch herbeigeführten späten Mutterfreuden einer 68-jährigen Frau, die gerade Fünflinge zur Welt gebracht hat, informieren. Wir bewerten die Qualität unseres Gesundheitssystems viel zu wenig anhand der Qualität des Bildungs- und Sozialsystems.

 

Otto Rath von der Grazer Nonprofit-Organisation ISOP (Innovative Sozialprojekte), die Migranten, Flüchtlinge, Arbeitslose und Menschen mit Grundbildungsdefiziten unterstützt, bringt das oben skizzierte Problem in einem Beitrag für das „Netzwerk Alphabetisierung und Basisbildung“ auf den Punkt: „Mangelnder Zugang zu Bildung bedeutet ein hohes Risiko zu verarmen, soziale Ausgrenzung zu erleiden und auch häufiger krank zu werden.“ Der Zusammenhang von Bildung und Gesundheit wurde von Experten vielfach untersucht. Er zeigt sich auch daran, dass Bildungsdefizite die Chancen auf dem Arbeitsmarkt verschlechtern. Geringere soziale und ökonomische Ressourcen sind die Folge und das wirkt sich auf die Gesundheit der Betroffenen aus. Kinder sind besonders betroffen. Je geringer die Bildung, desto kürzer das Leben und desto höher die Krankheitsanfälligkeit. Und das große Paradoxon dieser Zusammenhänge: Menschen mit Bildungsdefiziten und daher den größten Gesundheitsrisiken werden von den heute angebotenen Gesundheitsinformationen am wenigsten erreicht.

 

Es ist aber nicht nur so, dass Bildung Gesundheit erzeugen kann, es zeigt sich auch, dass Schule krank macht. Der Leistungsdruck, der schon bei Kindern beginnt, sowie teilweise ungesunde Unterrichtszeiten sind nicht gerade gesundheitsfördernd. Experten kritisieren den oft frühen Unterrichtsbeginn einerseits und andererseits auch, dass Jugendliche oft schon bis zu 40 Unterrichtsstunden in der Woche haben und damit so viel, oder – rechnet man Hausaufgaben und Lernzeiten mit ein – sogar mehr arbeiten, als ihre Eltern. Die infrastrukturellen Bedingungen österreichischer Schulen selbst werden zwar überwiegend positiv bewertet, wie eine Analyse des Ludwig Boltzmann Institute for Health Promotion Research zeigt: „Über alle Schultypen hinweg berichten im Rahmen einer repräsentativen Studie etwa 70 Prozent des befragten Lehrpersonals, dass sie an ihrer Schule keine Probleme mit der Beleuchtung, dem Raumklima, den ergonomischen Voraussetzungen, Lärm oder mit den hygienischen Bedingungen haben. Für etwa ein Viertel (24 Prozent) aber stellt die Qualität der materiellen Umwelt ein nennenswertes Problem dar. Sechs Prozent berichten diesbezüglich sogar von großen oder sehr großen Problemen.“ Tatsächlich sind es für die Schüler primär unzureichende technische Unterrichtsbehelfe, wie etwa Computerbildschirme mit mangelnder Qualität, die zu Kopfschmerzen und Sehschwächen führen können, des weiteren mangelhafte Ausstattungen von Spiel- und Turngeräten, die zu Verletzungen führen können, und schließlich, am häufigsten, ungeeignete Sitzmöbel und Tische, die zu Haltungsschäden von Kindern führen können, wie die Ludwig-Boltzmann-Analyse weiters ergibt. Ganz abgesehen von Getränke- und Essensautomaten, die mitunter ernährungsphysiologisch bedenkliche Produkte anbieten, beziehungsweise einige Schulkantinen, die noch immer unausgewogen kochen.

 

Sparen heißt: immer weniger Turnstunden

Gegen die zunehmende Fettleibigkeit von Schulkindern hilft laut Experten vor allem eines: mehr Bewegung. In Österreich ist die Zahl der Turnstunden in den Schulen seit 2001 aber um mehr als fünf Prozent gesunken, wie der Rechnungshof kritisiert hat. Damit spart das Unterrichtsministerium Personal und Geld ein. Und die Tendenz geht immer mehr in Richtung weiterer Abbau von Turnstunden. Besonders betroffen sind Berufsbildende Schulen (minus sechs Prozent) und AHS (minus zwei Prozent). Die Zahl der Sportlehrer blieb im Beobachtungszeitraum zwar gleich, die Schülerzahl stieg aber um sieben Prozent. Die Rechnungsprüfer kritisieren zudem, dass es keine Bildungsstandards für Sport gibt. Die Lehrpläne seien abstrakt und kaum überprüfbar. Inspektionen fänden nur selten statt.

 

Experten und nicht zuletzt die Initiatioren des aktuellen Bildungsvolksbegehrens kritisieren aber noch etwas anderes: Die Schule in Österreich hat sich in ihren Strukturen seit etwa 250 Jahren nicht mehr verändert: Das System wird getragen von Jahrgangsklassen und 50-minütigen Unterrichtseinheiten. Viele Verbesserungsmöglichkeiten wie die Einführung von Kurssystemen, die sich an Interessen orientieren, von geblockten thematischen Einheiten und auch von Klassen, die sich nicht nach dem Alter, sondern nach dem Entwicklungsgrad der Kinder und Jugendlichen richten, haben sich trotz Dutzender Schulversuche und Reformbemühungen nicht durchgesetzt. Schule ist heute, was Schule vor 250 Jahren war, auch wenn man inzwischen an vielen Beispielen anderer Länder sehen kann, dass es besser ginge.

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