Angst essen Seele auf

Foto: giz/fotolia.de
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Wirtschaftskrisen, wie die sich erneut abzeichnende, und unsichere Zukunftsaussichten machen Menschen zunehmend krank, sagen Experten. Wenn individuelle Lösungsansätze nicht mehr helfen, braucht es deshalb Systemänderungen. 

Von Michael Strausz und Martin Schriebl-Rümmele

Arbeitslosigkeit, wirtschaftlich angeschlagene Staaten und Sozialsysteme, kriselnde Unternehmen, Angst vor finanziellen Nöten: Die wirtschaftliche Entwicklung und die Ungewissheit über die weiteren Entwicklungen und daraus resultierende Ängste um Job, Geld und Wohnung machen Menschen zunehmend krank, warnen Experten. „Der Shareholder-Value-Ansatz, die Globalisierung und das sozioökonomische Ungleichgewicht haben verheerende Auswirkungen auf die Psyche der Bevölkerung“, warnt Wolfgang Dür, Direktor des Ludwig Boltzmann Institutes for Health Promotion Research.

 

Internationale Studien belegen seit Jahren die Entwicklung. In Japan stieg die Zahl der Selbstmorde während der Wirtschaftskrise der neunziger Jahre drastisch an - 1999 nahmen sich mehr als 30.000 Menschen das Leben - fast ausschließlich Männer. Britische Soziologen wiederum analysierten 2009 alle Wirtschaftskrisen, die zwischen 1970 und 2007 in den 26 EU-Staaten aufgetreten waren. Das Ergebnis: Eine Steigerung der Arbeitslosigkeit erhöht die Mord- und Suizidraten.

 

Studie analysiert Griechenland-Krise

Wie sehr eine Wirtschaftskrise der Bevölkerung zusetzen kann, haben nun Forscher um den Gesundheitssoziologen David Stuckler von der University of Cambridge anhand der Finanzkrise in Griechenland analysiert. Im Medizinjournal The Lancet stellen sie ihre Ergebnisse vor:

 

Die Zahl der Spitalseinweisungen ist 2010 im Vergleich zu 2009 um 24 Prozent gestiegen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten ihren Gesundheitsstatus als „schlecht“ oder „sehr schlecht“ betrachten, ist 2009 im Vergleich zu 2007 um 14 Prozent gestiegen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums haben sich in der ersten Jahreshälfte 2011 etwa 40 Prozent mehr Menschen suizidiert als im ersten Halbjahr 2010. Dazu kommt, dass weniger Menschen einen niedergelassenen Arzt aufgesucht haben. Der Grund dafür: Die Leistungen des staatlichen Gesundheitswesens sind für jeden kostenlos. Allerdings gibt es Kürzungen im System von bis zu 40 Prozent. Weniger Personal in den Krankenhäusern, längere Wartezeiten und eine schlechtere Medikamentenversorgung seien ausschlaggebend dafür, dass immer weniger Kranke sich in die Hände von Medizinern begeben würden, sagen die Experten.

 

Ängste, Schlafstörungen, Alkoholkonsum

Auch in Österreich gilt: Angsterkrankungen, Schlafstörungen, Alkohol und Drogenkonsum sind nach Expertenansicht im Steigen begriffen: 78.000 Krankenstände aufgrund psychischer Diagnosen (+ 22%) mit einer durchschnittlichen Dauer von 40 Tagen (organische Erkrankungen: + 10% und 11 Tage), rechnete Eva Mückstein, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie kürzlich vor. Arbeitslose sind vier Mal häufiger betroffen als Arbeiter oder Angestellte. 44% der Neuzugänge zur Pension erfolgen aufgrund psychischer Störungen (2005: 24%). Von derzeit 2,2 Mio. Rentnern erhalten 460.000 eine Invaliditätspension, die häufigste Ursache dafür sind psychische Erkrankungen.

 

Bereits die Finanzkrise im Jahr 2008 zeigte entsprechende Folgen. So gaben etwa 29 Prozent von 1200 befragten US-Männern und Frauen an, durch Sorgen und Ängste in Bezug auf die aktuelle wirtschaftliche Situation weniger gut oder weniger lang zu schlafen. Ursachen dafür waren Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten, Schulden, Arbeitsplatzverlust, Hypothekenrückzahlungen und der Verlust der Pensionsvorsorge (ComPsych Corp. 2008).

 

Sorgen, die es nicht nur in den USA gab. Auch in Österreich gab es in der zweiten und dritten Säule der Pensionen massive Einbußen. Gleichzeitig warnte die Arbeiterkammer davor, dass private Häuslbauer durch so genannte Tilgungsträger stark unter Druck kommen. Mit diesen Tilgungsträgern wird ein Kredit nicht laufend, sondern erst am Ende der Laufzeit bezahlt. Die laufenden Raten werden angespart, was zusätzliche Zinsen bringen und damit den Kredit billiger machen soll. Durch die Finanzkrise gab es aber vor allem Verluste, was die Kredite enorm verteuerte. Laut einer US-Studie ist der Verlust der Wohnimmobilie für das psychische Gleichgewicht von größerer Bedeutung, als die Angst um den Arbeitsplatz (Paul Corry von Rethink, 10/2008).

 

Nach einer anderen Studie fühlen sich Menschen vom wirtschaftlichen Status quo beunruhigt und ermüdet und entwickeln ungesunde Lebensweisen, um mit dem Stress umzugehen. „Stress ist der häufigste Grund, warum die Leute wieder mit dem Rauchen, Trinken und dem Konsum von Drogen beginnen. Weitere Auswirkungen: Übergewicht, Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, schreibt Petros Levounis vom Roosevelt Hospital in New York.

 

Besonders gefährdet sind armutsgefährdete oder manifest arme Menschen – immerhin eine Million bzw. 459.000 Menschen in Österreich. Jobverlust sei ein weiteres Gesundheitsrisiko, denn Arbeit stelle das „erweiterte Ich“ dar: „Brechen Teile davon weg, kommt es zur Destabilisierung der Persönlichkeit – psychische Krisen sind die Folge“, sagt Mückstein.

 

173.000 Menschen in Privathaushalten leben unter Sozialhilfe-Bedingungen, darunter 30 Prozent Kinder. Frauen sind deutlich stärker betroffen, rechnet Martin Schenk von der Armutskonferenz vor. „Die Anzahl der Personen in Sozialhilfe ist seit dem Jahr 1999 um über 111.000 Personen angestiegen. Gründe dafür sind prekäre Jobs, nicht existenzsichernde Notstandshilfeleistungen, Arbeitslosigkeit, psychische Erkrankungen und hohe Lebenshaltungskosten beim Wohnen.“ Prekäre Jobs, denen kein existenzsicherndes Arbeitslosengeld folgt, nehmen zu. Die neuen „working poor“ würden von der Mindestsicherung „Richtsatzergänzungen“ erhalten, um zu überleben. Weiters haben Personen mit physischen oder psychischen Beeinträchtigungen auf dem Arbeitsmarkt schlechte Chancen. Schenk: „Besonders nehmen depressive Erschöpfungszustände zu: vier von zehn Mindestsicherungsbezieherinnen haben gesundheitliche Beeinträchtigungen. Und die steigenden Lebenshaltungskosten beim Wohnen wirken sich bei geringem Einkommen überproportional stark aus.“

 

Wenn man aber genau hinschaue, dann sehe vieles anders aus: „Es trifft viele, die es sich nie gedacht hätten. Daten aus Wien zeigen, dass für die große Mehrheit die Sozialhilfe eine kurzfristige Überbrückungshilfe darstellt. Die durchschnittliche Bezugsdauer beträgt rund sieben Monate, bei 25 Prozent bloß ein bis drei Monate. Nur rund zehn Prozent der Mindestsicherungs-Haushalte leben zur Gänze und dauerhaft von der Leistung.“

 

Auswege ortet die Ökonomin Alexandra Strickner in einer Änderung des Wirtschaftssystems. „Unser aktuelles Wirtschaftsmodell basiert auf der Maximierung des individuellen Profits und der Ausbeutung von Mensch und Umwelt“, sagt die Obfrau des globalisierungskritischen Netzwerkes Attac. „Mehr als eine Milliarde Menschen hungert, Umweltzerstörung und Klimawandel nehmen rapide zu, die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert sich. Finanzkrisen und Sparpakete, Standortwettbewerb und zunehmende Arbeitslosigkeit betreffen immer mehr Menschen.“

 

Das Netzwerk Attac entwickelt deshalb konkrete politische Alternativen und trägt sie nach eigenen Angaben aktiv in die Öffentlichkeit „um die Möglichkeit einer anderen Welt aufzuzeigen“. Diese umfassen etwa ein gemeinwohlorientiertes Finanzsystem, gerechte globale Handelsregeln, ein faires Steuersystem oder eine sozial und ökologisch nachhaltige Lebensmittel- und Agrarpolitik. Strickner: „Unser Ziel ist ein gutes Leben für alle heute und in Zukunft lebenden Menschen.“

 

Ein Mittel dafür ist die so genannte Tobin Tax, die sich nur auf Spekulationen mit Devisen (alle grenzüberschreitenden Geldtransfers) bezieht. Eine allgemeine Steuer auf Finanztransaktionen ist eine Abgabe auf alle Transaktionen mit Finanzanlagen wie Derivate, Fonds, Anleihen, Sicherheiten, Devisen und Aktien.

 

Der Ökonom John Maynard Keynes hat bereits 1936, sein Schüler James Tobin 1972, die Einführung einer Steuer gegen Währungsspekulationen befürwortet. Die Idee ist Sand ins Getriebe der hektischen Transaktionen zu streuen, einfach dadurch, dass für jede Transaktion ein Abgabe gezahlt werden müsste. Da die Finanztransaktionssteuer vor allem kurzfristige spekulative Derivattransaktionen verteuert, ist davon auszugehen, dass das Handelsvolumen dieser Transaktionen zurück gehen wird.

 

Der Autor und Attac-Mitbegründer Christian Felber hat zudem ein neues Konzept entwickelt, wie Wirtschafts funktionieren kann - er nennt es „Gemeinwohlökonomie“. Das neue Wirtschaftsmodell überdenkt nachhaltig und ökologisch die derzeitigen Strukturen. „Schlagworte wären hier Befriedigung von Grundbedürfnissen, Gesundheit, gute Beziehungen, eine intakte Umwelt, wertgeschätzt werden, mitbestimmen dürfen, ein gleiches Geschlechterverhältnis, Zeitwohlstand, Raum für individuelle Entfaltung und Kompetenzentwicklung“, sagt Felber.

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