Aufopferung für das Patientenwohl

Wir sind die Guten! Es ist verwunderlich, dass wir Ärzte nicht knapp vor der Seligsprechung stehen. Denn alles, was wir tun, der Grund für jahrelange Ausbildung, für Aufopferung, für familienfeindliche Arbeitszeiten und Stress ist das Wohl unserer Patienten. Amen.

Wir ticken anders als der Rest der arbeitenden Bevölkerung. Denn im Gegensatz zu den egoistischen Schweißern, Nachtportieren oder Putzfrauen geht es uns nicht um den schnöden Mammon, sondern lediglich um das eine: das Wohl unserer Patienten. So nehmen wir in völlig altruistischer Weise Kürzungen bei den Gehältern im Gesundheitswesen als genau das hin, was sie sind: Schikanen für die Patienten. Ist die Kasse knausrig, so werden die tollen Medikamente unseren Patienten vorenthalten, nicht uns. Demonstrierend auf die Straße gehen wir nur für unsere Schäfchen. Das müssen sie uns wert sein. Man kann sagen, wir sind die „Mutter Teresa“ der Medical-Working-Class. Dafür wollen wir aber auch etwas von unseren Patienten. Nicht viel. Aber zumindest ein wenig Anerkennung. Demut. Dankbarkeit. Deshalb laufen wir auch ein wenig unrund, wenn unsere Bemühungen missachtet werden.

 

So ist es für jeden nachvollziehbar, wenn Menschen, die nur wenig Compliance an den Tag legen, in den Krankenanstalten auch nicht allzu beliebt sind. Menschen, die geheim ihre Tabletten wegwerfen. Die versteckt rauchen. Die geheim trinken. Oder die alleine durch ihre massive Körperfülle den Undank quasi wie einen Bauchladen vor sich hertragen. Die Adipositas ist das rote Tuch für das medizinische Personal. Denn hier wird vom Patienten massiv und offenkundig unser Gesundheitssystem verhöhnt. Daher verdienen diese Menschen unsere Anerkennung nicht.

 

Hier hört sich die Empathie, die wir einmal in einem verpflichtenden Psychologiekurs gehört haben, auf. Einfühlungsvermögen: Ja, aber nur bei den Braven! Denn warum sollen Menschen, die bewusst das Sozialsystem durch ihre Maßlosigkeit schädigen, auf unser Mitgefühl hoffen? Sie werden zwar behandelt, sollen aber auch die geballte Ladung Widerwillen zu spüren bekommen. Und selbst das tun wir nur zu ihrem Besten. Denn ein bisschen Inquisition wird uns künftigen Seligen wohl erlaubt sein.

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