Zeit zum Durchatmen

Foto: Claudia Feiertag
Foto: Claudia Feiertag

 

Ätherische Duftöle, Räucherstäbchen – der uralte Brauch des Räucherns erlebt eine Renaissance. Doch die Harmonisierung oder Vitalisierung von Räumen durch Duft kann recht einfach und günstig auch einen Raum schaffen, in dem wir uns Zeit für uns nehmen, der Hektik des Alltags entfliehen und durchatmen können.

Angst, Stress, Anspannung, Dauerbelastung und manchmal auch Unsicherheit – nicht selten wird derartiges als „dicke Luft“ umschrieben. Gedanken, Gefühle, Handlungen beeinflussen oft spürbar die Energie in einem Raum. Die Industrie hat dies längst erkannt und mit den verschiedensten künstlichen Produkten Lösungen entwickelt, um Räume zu harmonisieren. Die technische Antwort auf Klimaanlagen. Doch es geht viel einfacher. Der Geruchssinn, sagen Evolutionsbiologen, ist entwicklungsgeschichtlich einer unserer ältesten Sinne. Aus dem ursprünglichen Riechhirn hat sich das Denkhirn – die Großhirnrinde – entwickelt. Im limbischen System werden Sinnerfahrungen mit Erinnerungen und Stimmungen verknüpft. Gerüche beeinflussen so Gefühle, die Regulation der Hormone und das vegetative Nervensystem. So ist auch zu erklären, warum Düfte Gefühle, Stimmungen und das Befinden in Resonanz bringen. Die Wirkungen entstehen, wenn kleinste Teilchen sich von der Materie lösen und auf die Riechschleimhaut der oberen Nasenmuschel treffen.

 

Das Wissen um das Räuchern ist beinahe so alt wie die Menschheit selbst. Räucherungen gibt es schon seit tausenden Jahren. Immer wenn Menschen Kontakt mit unsichtbaren Sphären aufnehmen wollten, bedienten sie sich der Räucherung. In vielen Religionen wird auch heute noch geräuchert, um Kontakt mit Göttern oder Geistern herzustellen. Bei zentralen Ritualen setzt etwa auch die katholische Kirche auf Weihrauch und versucht damit den Heiligen Geist zu beschwören.

 

In allen Kulturen und Regionen finden sich Räucherrituale. Die ältesten bekannten Schriften über den Gebrauch stammen aus dem Gilgamensch Epos, dem wohl ältesten mythischen Werk der Menschen aus Persien. Dort heißt es: „Ich, Utnapistim (der Urmensch, der die Menschheit, Tier- und Pflanzenwelt vor der Sintflut rettete, Anm.), führte ein Räucheropfer aus auf dem Gipfel des Berges. Sieben [...] Gefäße stellte ich aus und schüttete in ihre Schalen Rohr, Zedernholz und Myrte. Die Götter rochen den süßen Duft...“ Die Römer schickten ihre Bitte „per fumum“, durch Rauch, zum Himmel und so wurde mit dem Räuchern bei Verehrung und Opferfeiern eine Verbindung zu den Göttern hergestellt. Daher leitet sich auch der Begriff „Parfüm“ ab.

 

Doch Räuchern hatte nicht nur spirituelle Hintergründe oder das Ziel, Räume zu harmonisieren, sondern auch handfeste medizinische: Weihrauch etwa wirkt keimtötend, desinfizierend, zellerneuernd, wundheilend, antirheumatisch, insektizid und eben geistöffnend. Weihrauch half dadurch auch die Ansteckungsgefahr bei großen Menschenansammlungen, etwa in Tempeln und Kirchen, zu verringern. Incensol, ein Inhaltsstoff des Weihrauchharzes, zeigte in wissenschaftlichen Studien Effekte, die einer angstlösenden und antidepressiven Wirkung ähnlich waren.

 

In der Traditionellen Chinesischen Medizin ist eine der zentralen Behandlungen mit Räuchern verbunden. Die Moxa-Therapie (Moxibustion) ist eine Wärmetherapie, bei der Akupunkturpunkte oder größere Körperbereiche mit glimmendem Beifußkraut erwärmt und damit reaktiv die Selbstheilungskräfte des Körpers mobilisiert werden. Die Moxabehandlung wird angewendet bei Schmerzen, chronischen Erkrankungen, Schwächezuständen oder zur Gesundheitsvorsorge.

 

Auch unsere Vorfahren wussten, dass das Verräuchern bestimmter Kräuter die Luft reinigen und Atmosphäre schaffen kann. So räucherten sie an bestimmten Tagen des Jahres und zu wichtigen Ereignissen wie Geburt, Hochzeit, Krankheit und Tod. Rund um den Jahreswechsel hat sich in Mitteleuropa vor allem in ländlichen Gegenden die Tradition der Raunächte gehalten, während deren Haus und Hof regelmäßig mit Weihrauch von bösen Geistern gesäubert werden sollen. Unsere Vorfahren gingen davon aus, dass während der zwölf heiligen Nächte zwischen Weihnachten und Drei-König die Barriere zur Anderswelt sehr dünn ist und daher die Kontaktaufnahme mit den Geistern der Ahnen erleichtert wird.

 

(rüm)

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