Essigpatschen und Schneckenschleim

Vergessene Hausmittel feiern eine Renaissance bei unseren Patienten. Selbst in modernen Leitlinien werden bereits Phytopharmaka empfohlen. Ein vergangener Trend mit Zukunft. Medikamente haben Nebenwirkungen, sind in Plastik und Metall verpackt, enthalten kaum Nährstoffe und stehen im Verruf, zum Ruin des Gesundheitswesens beizutragen. Was liegt also näher, als auf die Ratschläge unserer Omis und Uromis zurückzugreifen? Zwar waren deren Vorschläge mit Milch und Honig im Hals, Topfen um den Hals und Essig an den Füßen nicht mit randomisierten multizentrischen Doppelblindstudien belegt, aber gewirkt haben sie allemal.

 

Dennoch ist das, was wir heute unter Volksmedizin verstehen, nur noch ein Relikt. Mit der Einführung der allgemeinen Krankenversicherung in den 1960er-Jahren ist das gute, alte Hauswissen schlagartig verschwunden. Plötzlich war der Arzt nicht mehr teurer als Omi und hatte den Vorteil, dass er zusätzlich zu den Verordnungen nicht den Kindern und Enkelkindern ein schlechtes Gewissen gemacht hat, weil alle so garstig waren.

Vor dieser Zeit war man nicht allzu zimperlich und hatte für jedes Zipperlein ein passendes Hausmittelchen parat: Da schluckte man mitunter auch lebendige Nacktschnecken bei Magenbeschwerden. Ob dies wirklich half, ist nicht bewiesen. In jedem Fall aber eine Methode, um seinen Garten weitgehend in Form zu halten (ein Gastritis-Patient im Gemüsebeet des Doktors wirkt Wunder).

 

Tatsächlich erleben wir eine Renaissance vergessen geglaubter Hausmittel. Der Mensch ist eben nicht von der Natur zu trennen. Die Sehnsucht nach dem Waldschrat-Dasein, der Wunsch, wieder Jäger und Sammler zu sein, der Jagdtrieb - all das steckt tief in uns.

 

Vorteil dieser Entwicklung: Das Medizinsystem wird sukzessive billiger. Nachteil: Die Schnecken werden sukzessive ausgerottet. So könnte der Run auf pflanzliche Heilmittel den Arnika-Preis in die Höhe schnellen lassen. Riesige Ringelblumen-Plantagen werden die Baumwollfelder von heute verdrängen, um alle schmierwütigen Mitteleuropäer zu befriedigen. Als großen Player der nächsten Dekade gelten die Spitzwegerich Unlimited AG und die International Eibischwurzel-Company. Dafür werden die pharmazeutischen Firmen wieder entfusioniert und ihre Fläschchen mit chemisch gemixten Arzneien in kleinen Boutiquen oder mit Bauchläden verkauft. Sehen wir mal, wohin das Pendel das nächste Mal ausschlägt.

 

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