Gegen Schmerz ist ein Kraut gewachsen

Foto: emer/Fotolia.de
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Die vielseitige therapeutische Wirkung von Cannabis ist längst bekannt, wurde früher auch genutzt. Frei verfügbar ist die Droge auch für den medizinischen Einsatz jedoch nicht. Dennoch wird in Österreich seit kurzem Cannabis angebaut – seit der gewerbliche Anbau von Pflanzen der Gattung Cannabis gemäß Suchtmittelgesetz gestattet ist, erklärt Eberhard Pirich Geschäftsführer der Bionorica Ethics Austria.

lebensweise: Immer mehr Studien belegen die therapeutische Wirkung von Cannabis gegen Schmerzen. Das Thema ist heikel. Wie funktioniert der Einsatz?

 

Eberhard Pirich: Cannabinoide haben viele günstige Eigenschaften auf die Lebensqualität von Schmerz-, Palliativ- und Krebspatienten: Sie wirken stimmungsaufhellend bzw. antidepressiv, verbessern den Schlaf und können vielfach den Bedarf zusätzlicher Medikamente senken, was Nebenwirkungen und Kosten reduziert. Die Schmerzlinderung erfolgt über das Andocken an Cannabinoid-Rezeptoren. Als Schmerzbekämpfer dient der Hauptwirkstoff der Hanfpflanze, Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC oder Dronabinol), der natürlich gewonnen oder synthetisch hergestellt werden kann.

 

lebensweise: Mit der natürlichen Herstellung wird es aber schwer sein, der Selbstanbau ist ja verboten. Oder sollen Patienten einfach Marihuana rauchen?

 

Pirich: Nein, mit der Legalisierung von Marihuana oder des Anbaus hat der Einsatz von THC nichts zu tun. In der Freigabe der Selbstversorgung sehen Mediziner keinen Sinn, da Cannabis hier aus illegalen Quellen stammt. Schwer kranke Menschen werden so zum Kontakt mit dem Schwarzmarkt gezwungen mit unüberschaubaren Risiken. Nicht standardisierte Zubereitungen weisen zum Teil eine extrem schlechte Qualität auf und können Patienten mehr gefährden, als sie ihnen nützen. In Österreich wird Cannabis unter staatlicher Kontrolle angebaut.

 

lebensweise: Der Staat verdingt sich als Produzent von Cannabis?

 

Pirich: Ja, Cannabis mit hohen THC-Gehalten wird in Österreich offiziell angebaut. Seit Anfang 2010 ist es sogar gesetzlich erlaubt, Pflanzen der Gattung Cannabis zwecks Gewinnung von Suchtgift für die Herstellung von Arzneimitteln anzubauen.

 

lebensweise: Und sie bringen das auf den Markt?

Pirich: Sowohl im Rahmen klinischer Studien in

Österreich als auch in unserem deutschen Stammhaus, das über eine FDA-Zertifizierung für die Erzeugung von THC verfügt, bemüht sich Bionorica, für Dronabinol die Zulassung als Arzneimittel-Spezialität zu erwirken. Derzeit ist der Wirkstoff für die magistrale Herstellung von Tropfen und Kapseln von jeder Apotheke über den Großhandel zu beziehen. THC ist in Europa u.a. in Deutschland, Österreich, England, Dänemark und Tschechien verfüg- und verschreibbar.

 

lebensweise: Wo wird es konkret eingesetzt?

Pirich: Nachdem THC vor allem Tumor- und HIV-Patienten gegeben worden ist, um Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust zu lindern, hat sich sein Einsatzbereich auf die Behandlung von Neuropathien und spastischen Schmerzen erweitert. In aktuellen Studien erwiesen sich Cannabinoide - als Extrakt oder Einzelwirkstoff- z.B. bei Multiple-Sklerose-Patienten als wirksam und gut verträglich. Bei akuten Schmerzen ist THC eher ungeeignet. Zusammenfassend: Dronabinol verbessert die Lebensqualität, ist gut in bestehende Therapie-Schemata integrierbar und hat keine negativen, organschädigenden Wirkungen. (rüm)

 

 

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