„Frei von“ ist viel zu wenig

Schlendert man durch die Lebensmittelregale, wächst der Eindruck, wir müssten uns zunehmend vor schädigenden Zutaten diverser Nahrungsmittel schützen. Als glutenfrei, Laktosefrei, Fruktosefrei, cholesterinfrei, fettarm oder gar fettfrei werden mehr und mehr Fertigprodukte angepriesen. Im Umkehrschluss stellt sich die Frage: Sind herkömmliche Produkte minderwertiger oder gar schädlich?

Die Vorgaben für eine gesunde und abwechslungsreiche Ernährung sind rasch auf den Punkt gebracht. Wir benötigen täglich etwa 1 Gramm Eiweiß, 1 g Fette und Öle sowie 4 g Kohlenhydrate pro Kilogramm Körpergewicht. Die Proteine sollten hohe Anteile an essenziellen Aminosäuren aufweisen (Fisch, Ei, Milchprodukte, Kartoffeln), die Fette und Öle wenigstens 10 Prozent an hochungesättigten Fettsäuren enthalten (kalt gepresste Pflanzenöle) und die Kohlenhydrate mehrheitlich in komplexer Form (zur retardierten und anhaltenden Zucker-Freisetzung) zugeführt werden. Diese drei genannten Makronährstoffe – also Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate – sollten zudem möglichst hohe Mengen an Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und sekundären Pflanzenstoffen enthalten (viel Obst und Gemüse also).

Wie aber kommt es, dass Verbraucher nicht mehr wissen, wem sie glauben und zu welchem Produkt sie greifen sollen? Der – historisch gesehen, sinnvolle – Weg, Lebensmittel nach Kalorien zu klassifizieren, führt heute in die Sackgasse. War es in Hungerszeiten eine Notwendigkeit, alle Bevölkerungskreise ausreichend mit Nahrungs- brennstoffen zu versorgen, so hat sich die Bedeutung des Heizwertes heute umgekehrt. Hunderte Kalorientabellen suggerieren uns, dass vor allem Zucker für den hohen Kaloriengehalt diverser Nahrungsmittel verantwortlich sei. Sie suggerieren uns, wir müssten nur Süßes meiden, um unser Körpergewicht und unseren Zuckerspiegel unter Kontrolle zu haben. In Konsequenz dieser Fehlmeinung werden uns Limonaden und Süßwaren mit Zuckerersatzstoffen sowie zuckerreduzierte Light-Produkte angeboten.

Was niemand sagt: dass 60 g Kartoffelstärke (etwa Kartoffelchips) oder 60 g raffiniertes Weizenmehl gleich viel Kalorien und Zucker enthalten wie 60 g Kristallzucker. Und weiter: dass es nicht so sehr der Brennstoff selbst (also Zucker und Stärke) ist, der uns schadet. Zucker ist nämlich auch in frischem Obst, Stärke auch in Vollkornbrot oder nativen Kartoffeln enthalten. Es geht vielmehr um die Frage, ob wir unser Brennholz in isolierter Form, oder ausgestattet mit den nötigen Feuerungsutensilien anliefern. Ebenso wenig, wie wir einen Kachelofen ohne Streichhölzer, Trockenspiritus, Zündspäne und Zeitungspapier anheizen können, ebenso wenig kann das biologische Brennholz (Glucose) ohne die Zündhilfen Aneurin, Riboflavin, Niacin, Biotin, Chrom, Zink oder Mangan in unseren zellulären Kachelöfen (Mitochondrien) verbrannt werden.

Wir benötigen diese Baumaterialien u.a. für ein gesundes Nervensystem (Stichwort Lern- und Konzentrationsstörungen), für ein flexibles Immunsystem (Stichwort Allergien), für eine elastische Lungenfunktion (Stichwort Asthma), für ein kräftiges Herz/Kreislauf-System (Stichwort Hypertonie) und für ein funktionstüchtiges Muskelsystem (Stichwort Sehnen- und Bänderzerrungen).

 

Baumaterialien für das Nervensystem

 

Wenn heute unser Fettkonsum als zu hoch eingestuft wird, sollten wir uns vor Augen halten, woher diese Fettzufuhr kommt: aus den als „Pflanzenöle deklarierten Industriefetten und -ölen in Margarinen, Chips, Snacks und Süßwaren. Diese aber enthalten keinerlei natürliche ungesättigte Fettsäuren, sondern starre, hydrierte Fettsäuren und Trans-Fettsäuren.

Die Botschaft müsste daher lauten: „Hydrierte Industriefette und -öle sind biologisch wertlos und machen dick. Wenn die Nahrungsmittelindustrie – aus marketingstrategischen Gründen – natürliche, hochwertige Fette und Öle aus Milchprodukten entfernt, um mit Werbeaussagen, wie „nur 0,5 Prozent Fett oder gar „0 Prozent Fett Marktanteile zu gewinnen, geht dieser Schritt in die falsche Richtung.

Die „Frei von-Strategie diverser Nahrungsmittelkonzerne mag aus ernährungsphysiologischer Sicht für bestimmte, selektierte Zielgruppen (etwa Zöliakie-Patienten, Laktose- und Fruktose-intolerante Personen und andere) hilfreich sein, für das Gros der Konsumenten ist sie eher irreführend. Je vollwertiger, abwechslungsreicher und natürlicher die Auswahl unserer Lebensmittel ist, umso zuträglicher ist sie für unsere Gesundheit.   —

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