Nicht kaufen reicht nicht

Die jüngsten Lebensmittelskandale belegen erneut, dass nicht alles stimmt, was auf Packungen gedruckt wird, und die Industrie längst den Überblick verloren hat, was woher kommt. Einzig der Preis zählt. Wer sichergehen will, sucht den direkten Kontakt zum Produzenten, raten Experten.

Pferdefleisch statt Rindfleisch, falsch als bio deklarierte Hühnereier, krebserregender Futtermais, Unkrautgifte in Backwaren: Binnen weniger Wochen sind zahlreiche neue Lebensmittelskandale aufgebrochen und verunsichern Konsumentinnen und Konsumenten. Tatsächlich sind solche Entwicklungen nicht neu, in den vergangenen Jahren sind immer wieder Skandale bekannt geworden.

„Die aktuellen Lebensmittelskandale sind nur die Spitze des Eisbergs. Der Alltag ist alarmierend genug“, schreibt Clemens Arvay, Agrarbiologe und Buchautor, in seinem neuen Buch „Friss oder stirb: Wie wir den Machthunger der Lebensmittelkonzerne brechen und uns besser ernähren können.“ Er kritisiert, dass die Kontrollen gegenüber Handel und Industrie zu lasch sind und von diesen vieles beschönigt wird.

Ähnlich argumentiert auch der deutsche Ernährungsexperte, Journalist und Buchautor Hans-Ulrich Grimm: „Die Politik vertraut auf die Vernunft des Einzelnen und schreitet nicht ein“, kritisiert er. Doch das wäre dringend nötig, denn tatsächlich wisse die Lebensmittelindustrie selbst nicht mehr, was alles im Hintergrund laufe. „Die Konzerne kaufen ihre Rohstoffe, wo sie gerade am billigsten sind. Das ist heute in Osteuropa, morgen in Asien und übermorgen in Lateinamerika.“ Die unterschiedlichen Lieferketten seien nicht einmal für die Industrie nachvollziehbar – geschweige denn für den Konsumenten.

Experten fordern deshalb strenge Regeln, wie sie etwa im Arzneimittelbereich oder auch der Autoindustrie gelten. Dort müssen nicht nur alle Produktionsschritte nachvollziehbar sein, vor allem haften auch die Hersteller und Händler. „Die Politiker müssen jetzt endlich mal kapieren, dass sie für die Verbraucher da sind, und nicht die eigentlichen Täter schützen dürfen. Ein Beispiel: Große Handelsketten vertreiben Eigenmarken unter ihrem Namen, müssen aber kaum Strafen befürchten, wenn sie uns Pferd statt Rind andrehen. Vielmehr können sie auf ihre Zulieferbetriebe verweisen. Das ist ungefähr so, als wenn Mercedes nicht für defekte Bremsen einer Autoserie haften müsste, sondern der Bremsenhersteller“, kritisiert Thilo Bode, Chef der Verbraucherschutz-NGO foodwatch. Das einzige Risiko ist für Handelsketten seiner Ansicht nach: „Sollte ein Verbraucher die Lasagne nicht schon verspeist haben, kann er sie umtauschen. Geld zurück, das war’s.“

Das Argument, der Verbraucher sei mit seiner „Geiz ist geil-Mentalität“ selbst schuld, gilt für foodwatch nicht. Das werde nur von der Politik vorgeschoben. Die Argumentation greife zu kurz – und lenke den Blick weg von den eigentlichen Problemen. „Richtig ist: Der Kunde ist im Lebensmittelmarkt keinesfalls der König, der mit seinen Kaufentscheidungen Angebot und Produktionsweise bestimmen kann.“ So würden etwa längst keine Eier mehr aus Käfighaltung gekauft, obwohl diese die billigsten wären. Stattdessen würden konventionelle Eier als Bioeier verkauft.

Ähnlich argumentiert auch Grimm, der noch einen Schritt weiter geht: „Die Skandale sind nebensächlich zu dem, was erlaubt ist und uns krank macht, ohne, dass wir gegensteuern können.“ Er sieht vor allem Zucker als massives und verstecktes Problem. „Forschungen zeigen, dass schon Kinder auf Abhängigkeit programmiert werden, oft bereits im Mutterleib. Viele essen Zucker, ohne es zu wollen, versteckt als Konservierungsstoff in Industrienahrung. Neue Erkenntnisse zeigen, dass Zucker Menschen auch zu Handlungen veranlasst, die sie gar nicht wollen – nämlich laufenden Konsum. Zucker wirkt im Gehirn wie eine Droge.“

 

Die Lobby hat die Politik fest im Griff

 

Seit Jahrzehnten habe aber die Zucker-Lobby die Politik im Griff. „Der Verkauf wird gefördert, die Nebenwirkungen werden verharmlost, mit freundlicher Unterstützung von Staat und Wissenschaft“, wettert Grimm. Als Ausweg empfehlen er und Arvay einen Ausstieg aus dem System. Man müsse versuchen, mit dem System nichts mehr zu tun zu haben und am besten den Kontakt zu regionalen, biologischen Produzenten suchen.

Ähnlich sieht es auch die Tiroler Diätologin, Gesundheitswissenschafterin und Köchin, Angelika Kirchmaier. „Es gibt aus jeder Warengruppe hochwertige Lebensmittel aber auch industrialisierte Magenfüller.“ Woran man gesundheitlich hochwertige Ware erkenne, könne man etwa bei Einkaufsberatungen erfahren oder auf Anfrage bei den Diätologen Österreichs. Auch sie empfiehlt frische, regionale Produkte. „Mit den heutigen Techniken kann es keine Fertigprodukte geben, die gesünder oder zumindest gleich gesund sind als frisch Gekochtes aus frischen Zutaten. Es handelt sich bei Fertigprodukten immer um etwas Vorgefertigtes.“ Wer aber umgekehrt minderwertige Ware, „etwa im Winter weit gereiste Tomaten, Paprika oder Zucchini der heimischen, ausgereiften Saisonware beim Frischkochen vorzieht, der kann auch ein Fertigpackerl öffnen.“ (rüm)

 

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