„Ein Mann erfüllt seinen Lebenszweck, wenn er Frauen unterstützt“

Foto: P.Atkins/Fotolia.com
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Gegenseitige Unterstützung ist für die Gesundheit von Männern und Frauen entscheidend, sind sich immer mehr Experten einig. Für Männer ist das nicht einfach, schauen sie doch selbst nur bedingt auf ihre eigene Gesundheit.

 

Von Martin Schriebl-Rümmele

 

Erfolgs- und Leistungszwang im Beruf, in der Beziehung und nicht zuletzt auch in der Sexualität – das beschäftigt einen großen Teil der Männer und viele definieren sich auch darüber. Gleichzeitig bestehe längst kein Zweifel mehr, dass Rollenzwänge nicht nur das soziale Leben der Männer – und Frauen – sondern auch ihre Gesundheit beeinflussen, sagt Alexandra Kautzky-Willer, Leiterin der Abteilung für Gendermedizin der Medizinuniversität Wien. Wenn nur noch die Position und der Besitz den Wert eines Menschen ausmachen, werde die Person selbst, unwichtig. Depressionen, Burnout und Angsterkrankungen würden vermehrt in Zusammenhang gebracht mit dem Rollenkorsett, in dem Männer stecken.

Die Expertin wünscht sich wie viele Medizinerinnen, dass Männer mehr Aufgaben – auch in der Familie übernehmen und Frauen entlasten. „Das kann eine Bereicherung sein, wenn Männer etwa mehr auf die Kinder schauen oder sogar in Väterkarenz gehen. Viele Männer, die das tun, erzählen von schönen Momenten.“

Auf die Gesundheit der Partnerinnen zu achten sei aber schwer, wenn man(n) schon nicht auf die eigene Gesundheit achte. „Frauen tragen immer noch den Riesenanteil an Gesundheitsarbeit, nicht nur professionell als Pflegende, sondern auch als Ehefrauen, Schwestern, Töchter, Freundinnen. Sie schleppen etwa ihren Partner zur Prostatavorsorge und weiteren Untersuchungen“, sagt auch Daniela Stoiber-Kern, Psychologin und Leiterin der FEM in der Semmelweis Frauenklinik in Wien. Männer könnten Frauen in ihrem Gesundsein und Gesundheitsverhalten unterstützen, indem sie ihnen ein Umfeld ermöglichen, in dem Frau „ohne Gewalt, ohne Mehrfachbelastungen (Arbeit, Haushalt, Kinder), ohne Schönheitsdruck (schlank sein, schön sein, jung sein) leben kann."

Die Wiener Allgemein- und Ganzheitsmedizinerin Judith Binder, die in einem Frauen-Männer-Gesundheitszentrum tätig ist, sieht das sogar radikaler und zitiert einen indianischen Weisen: „Ein Mann erfüllt nur dann seinen Lebenszweck, wenn er Frauen unterstützt. Frauen sind laut schamanischer Tradition die Hüterinnen der Energie. Die großen Häuptlinge der hawaiianischen und indianischen Stämme ehren Großmutter Erde.“ Schamanen schreiben, so Binder, Frauen und Männern traditionell verschiedene Aufgaben zu. „Ein Mann gibt sich dem Leben nur über die Frau hin, nicht nur durch die Kinder. Ein Mann, der nur für sich lebt, wird zum Schmarotzer.“ Auf Hawaii würden traditionell lebende Männer Kinder herumtragen „und die Frauen sagen, was sonst noch passiert.“

Soweit muss man(n) in unseren Breiten allerdings gar nicht gehen, um Frauen gesundheitlich zu unterstützen, meint die Wiener Homöopathin und Gynäkologin Micha Bitschnau. Männer seien fürchterlich beunruhigt, wenn ihre Frauen nicht gesund sind. „Sie tun sich aber schwer, wenn Frauen nicht funktionieren und brauchen lange, um sich umzuorientieren hin zu einer Unterstützung für ihre kranke Partnerin.“ Es dauere oft lange, bis Männer merken würden, was sie für ihre Frauen tun könnten. „Ich halte es für sehr wichtig, wenn Männer Frauen begleiten – besonders in der Gynäkologie und gerade bei auffälligen Befunden, die weitreichende Folgen haben können.“ Betroffene würden bei schlechten Nachrichten oft in einen Schock verfallen und nicht mehr hören, was besprochen werde, schildert Bitschnau ihre Erfahrungen. Hier sei es dann gut, wenn der Partner da ist und auch Fragen stellt, die der schockierten Frau nicht einfallen. „Hier sind Männer oft hilfreich, weil sie einen mechanistischeren Blick haben und nüchterne Fragen stellen.“

Aufmerksamkeit und Achtsamkeit gehören hier zu den zentralen Elementen. Immer wieder empfehlen etwa Gynäkologen, Männern ihre Frauen in der Brustkrebsvorsorge zu unterstützen, wenn sie etwa Knoten in der weiblichen Brust spüren. Vor allem der eigene Partner könne Frauen oft die Sorge vor einem möglichen Brustkrebs nehmen, weil damit auch Ängste im Hinblick auf die eigene Weiblichkeit und Sexualität verbunden sind.

Kautzky-Willer hat noch ein anderes Beispiel: „Frauen hören es meist, wenn ihre Partner schnarchen, und schicken Sie auch zum Arzt. Man findet aber kaum Männer, die das bei ihren Frauen tun.“ Für sie ist die sogenannte Schlafapnoe ein alltägliches Beispiel, wo etwa Männer Frauen helfen können, für ihre Gesundheit Sorge zu tragen.

Artikel aus Ausgabe 05/06 2013

 

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