Vier Fachleute, vier Behandlungsstrategien bei Harnwegsinfekten

Verschiedene Methoden im ganzheitlichen Bereich haben in ihren Zugängen zu Krankheiten ganz unterschiedliche Ansätze. Für Patienten ist es oft nicht leicht, sich zu orientieren. Die lebensweise stellt deshalb verschiedene Therapiekonzepte vor – und nicht selten finden

sich überraschende Berührungspunkte.

 

Homöopathie.

Im Alltag erlebe ich in meiner Praxis aber auch im Krankenhaus Hietzing in Wien, wo ich tätig bin, immer wieder Harnwegsinfekte in Kombination mit Infekten im Vaginalbereich. Die Gründe für Harnwegsinfekte sind grundsätzlich sehr unterschiedlich. Es gibt etwa eine besondere Empfindlichkeit für Kälte und Frauen, die rasch einen Infekt bekommen, wenn sie sich auf einen kalten Untergrund setzen oder im Sommer mit einem nassen Badeanzug sitzen, wenn es kühl wird. Eine Infektion kann aber auch durch Reizungen hervorgerufen werden, etwa beim Geschlechtsverkehr in Verbindung mit Keimen. Möglich sind auch anatomische Gründe, etwa nach Geburten und mit zunehmendem Alter durch Scheidenvorfall oder Gebärmuttervorfall, natürlich auch nach Operationen, wenn etwa Harnkatheter gesetzt werden.

Die Behandlung eines Harnwegsinfektes wird homöopathisch immer ganzheitlich gesehen. Wichtig ist es, auch die psychische Situation, in der sich eine Frau befindet, bei der Arzneiwahl zu berücksichtigen. Es gibt Stresssituationen, die eine Vermehrung von Keimen beschleunigen. Es geht etwa nicht einfach um die Reizung durch einen Katheter, sondern auch um die Situation des Ausgeliefertseins, der Beschämung, wenn so etwas gemacht wird. Ebenfalls eine psychische Komponente ist die sogenannte Honeymoonzystistis, benannt nach dem ersten Geschlechtsverkehr (in der Hochzeitsnacht), wenn die Situation mit Scham behaftet ist.

Zu beobachten sind wiederkehrende Infektionen im Urogenitalbereich auch, wenn der Schambereich einer Frau schreit und damit auf sich aufmerksam machen möchte. Etwa bei Frauen, die sexuelle Übergriffe erlebt haben. Oft ist der Beginn der homöopathischen Behandlung dann auch der Start für eine Entwicklung, sich mit dem dahinterliegenden Thema auseinanderzusetzen, manchmal beginnen die Patientinnen zu träumen und verdrängte Inhalte steigen ins Bewusstsein auf.

Homöopathisch behandelt man also sowohl kurzfristig mit Akutarzneien als auch langfristig. Gerade bei wiederkehrenden Harnwegsinfektionen braucht man eine tief gehende Anamnese.

 

Dr. Michaela Zorzi ist Allgemeinmediziner und Homöopathin in Wien und leitet die Homöopathie-Ambulanz an der geburtshilflich-gynäkologischen Abteilung des Krankenhauses Hietzing.

 

Traditionelle Chinesische Medizin.

Mit wiederkehrenden Blasenentzündungen signalisiert der Körper uns eine „Schwachstelle im System”. Harnblasenentzündungen werden in der Traditionellen Chinesischen Medizin prinzipiell als eine Form der feuchten Hitze oder eine Kältestörung im unteren Erwärmer gesehen. Diese blockieren und irritieren den Austreibungsimpuls der Blase. Man muss hier die Blasenfunktion stärken und die feuchte Hitze kühlen. Bei der Neigung zu Blasenentzündungen zeigt sich die Symptomatik der Erkrankung charakteristischerweise oft neben den klassischen Unterbauchschmerzen in Verbindung mit chronischen und dumpfen Schmerzen im unteren Rückenbereich sowie einem Kältegefühl in der Nierengegend.

Bei der Neigung zu Blasenentzündungen kommen Akupunktur und Kräuterrezepturen zur Anwendung. Mit der Akupunktur behandelt man den Nierenmeridian, den Blasenmeridian und eventuell auch den Milz-Pankreasmeridian und den Dreifachen Erwärmer. Die Kräuter brauchen bei dieser Erkrankung komplexere Rezepturen.

Grundsätze der Therapie sind neben Akupunktur, Kräutermischungen und Moxa Füße, Unterleib und Rücken zu wärmen und viel zu trinken.

Über die Ernährung nach der Fünf-Elemente-Lehre kann beispielsweise etwa durch den Genuss von schwarzem und grünem Tee die Niere gestärkt werden. Auch die Zubereitung von Maisbarttee ist zu empfehlen. Weiters günstig wirkt das Würzen von Speisen mit Spuren von Nelken, Zimtrinde und getrocknetem Ingwer. Als besonders Nieren stärkend aus Sicht der TCM sind Gerichte mit Schweinenieren und auch Muscheln. Bei Blaseninfekten helfen Walnüsse und Buchweizen als gute und stärkende Lebensmittel. Aus dem Buchweizen kann man sich eine einfache Suppe zubereiten, um das Geschehen positiv zu beeinflussen.

 

Prof. Dr. Andrea Zauner-Dungl ist Ärztin, Leiterin der Therapie des Dungl Zentrums Wien und des Zentrums für TCM und Komplementärmedizin an der Donau-Universität in Krems.

 

Traditionelle Europäische Medizin.

Harnwegsinfekte können bei Frauen ganz unterschiedliche Ursachen haben. Deshalb ist es wichtig, dass das bei einer Therapie sehr genau angeschaut wird und vor allem bei chronischen Beschwerden sollte es auch eine laufende Kontrolle geben. Wenn umgekehrt bei Harnwegsinfekten ohne ausführliches Gespräch und Betrachtung der Zusammenhänge etwa Antibiotika gegeben werden, lindert das zwar kurzfristig die Probleme, kann aber gerade bei jungen Frauen dann chronisch werden und sich bis zu einer chronischen Zystitis auswachsen.

Eine noch recht banale Ursache für einen Harnwegsinfekt kann sein, dass zu wenig getrunken wird ,durch ein Zuviel an Hygiene die Schleimhaut im Genitalbereich austrocknet. Kommt es dann zu mechanischen Belastungen, sei es durch Sport oder einfach auch das Tragen zu enger Kleidung oder Unterwäsche mit hohem Kunststoffanteil, kann es eben zu Infekten kommen. Oft spielt auch die Ernährung eine Rolle: Menschen, die viel Süßes naschen und Fleisch essen, neigen eher zu Harnwegsinfekten. Dann gibt es auch jene Frauen, die einen Harnwegsinfekt nach dem Geschlechtsverkehr entwickeln – vor allem wenn zu wenig Feuchtigkeit da ist und oft auch, wenn es wenig Übereinstimmung mit dem Partner gibt – das kann übrigens auch in langen Partnerschaften der Fall sein. Ich habe in der Praxis oft die Erfahrung gemacht, dass bei chronischen Harnwegsinfekten selten Harmonie und Gleichklang in der Beziehung herrschen.

Oft entstehen Harnwegsinfekte aber durch einen Cocktail aus unterschiedlichen Fakten, eine Kombination aus Empfindlichkeit, Stress und Ernährung. Eine Therapie sollte deshalb sowohl körperlich wie auch psychisch ansetzen. Ich empfehle Koffein, Süßigkeiten aber auch Früchtetee wegzulassen und viel zu trinken. Wichtig sind auch die Feuchtigkeitspflege im Intimbereich und Wärme. Auch Übungen, die den Blasenmeridian stärken, können sinnvoll sein. Zusammengefasst: Wärme, Entspannung, viel Trinken und eine emotionale Ausgeglichenheit anstreben.

 

Dr. Petra Zizenbacher ist Allgemeinmedizinerin, Kräuterfachfrau und Expertin für komplementäre Heilmethoden.

 

Akupunktur.

Schwerpunktmäßig behandle ich Harnwegsinfektionen weniger direkt mit Akupunktur, als vielmehr mit chinesischen Kräutern. Die Traditionelle Chinesische Medizin verwendet für den Harnwegsinfekt synonym den Begriff „Lin“-Syndrom, das die Infektion auch in verschiedene Formen einteilt.

Eine davon, die Schwächste, ist die sogenannte Reizblase, die wiederum mit Kälte zu tun haben kann oder mit Aufregung und Stress. Die TCM sieht als Ursache bei Kälte eine feuchte Kälte oder Kälte im so genannten unteren Erwärmer. Betroffene Frauen haben oft auch Rückenschmerzen.

Bei Stress und Aufregung geht es wiederum eher um innere Hitze. Das ist dann eine besondere Form der Reizblase, weil hier Herzhitze – positiv oder negativ - wirkt. Das Herz ist jenes Organ, das neben der Leber zu Hitze neigt und diese Hitze wird laut der TCM über die Blase ausgeleitet. Zu beobachten ist das etwa auch, wenn jemand Prüfungsangst hat und dann vor Prüfungen einen ständigen Harndrang verspürt. Hier gibt es gerade in der TCM gute Kräuterrezepturen, um zu helfen.

Die häufigste Diagnose einer Harnwegsinfektion ist aber die feuchte Hitze, eine Infektion, die meist bakteriell bedingt ist und wo der Harn dunkel und brennend ist. Man kann diese Hitze mit Akupunktur gut ausleiten und akut auch mit Kräutern therapieren. Hier arbeitet die Schulmedizin meist mit Antibiotika und hat im Gegensatz zur Reizblase damit auch Therapiemöglichkeiten. Wenn eine Harnwegsinfektion nicht bakteriell ist, tut sich die Schulmedizin aber am schwersten. Hier gibt es wenige therapeutische Möglichkeiten. Die TCM sieht das eher spezifischer und hat deshalb auch gute Therapiekonzepte.

 

Dr. Sonja Laciny ist Fachärztin für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Expertin für kontrollierte Akupunktur und TCM sowie Vizepräsidentin des Österreichischen Dachverbandes für TCM.

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