Mensch und Umwelt

Umweltgifte werden bereits ähnlich konträr und inflationär diskutiert wie der Klimawandel. Eine unüberschaubare Fülle an wissenschaftlichen Daten macht es Expertinnen und Experten leicht, Ursache-Wirkungs-Beziehungen von Ereignissen überzeugend zu untermauern, oder bei Bedarf ebenso fundiert zu widerlegen. Hinter allen fachlichen Meinungsdifferenzen über Umwelt, Wetter, Klima und Wasser stehen letztlich politische und ökonomische Interessen. Die jüngste Posse über das Verbot der Neonicotinoide hat das Spannungsverhältnis ökonomischer Agrarinteressen und damit verbundener Kollateralschäden für die Umwelt aufgezeigt. Wie folgenschwer sich falsche gesundheitspolitische Entscheidungen auswirken können, zeigt ein Rückblick auf den jahrzehntelangen Einsatz eines Umweltgiftes in der Medizin: Quecksilber.

Dass Quecksilber ein tödliches Nervengift ist, war bereits in der Antike bekannt. Dass noch vor wenigen Jahrzehnten anorganische Quecksilber-Legierungen (Amalgam) als Zahnfüllmaterial und organische Quecksilber-Verbindungen (Thiomersal) zur Konservierung von Impfstoffen und Infusionen eingesetzt wurden, mag mit den damals noch eingeschränkten analytischen Analysetechniken entschuldigt sein. Mittlerweile aber ist evident, dass chronische Quecksilber-Belastungen Mitursache, wenn nicht Hauptfaktor sind für neurologische Erkrankung wie MS, für gastroenterologische Erkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa und für einige degenerative Gelenkserkrankungen.

Der Münchener Toxikologe Max Daunderer trug in jahrzehntelanger akribischer Forschungsarbeit wesentlich dazu bei, die toxikologische Rolle von Quecksilber bei der Entstehung dieser Erkrankungen nachzuweisen und umfassend zu dokumentieren. Auch in eigenen Untersuchungen konnten wir immer wieder feststellen, dass neurologisch-degenerative Beschwerden häufig von Schwermetall-Belastungen begleitet waren und durch gezielte Ausleitung dieser Schwermetalle gelindert und repariert werden konnten. Man könnte diese mittlerweile gewonnenen Erkenntnisse nun durchaus als Forschungserfolg der Umweltmedizin zur Kenntnis nehmen und eine standardisierte Ausleitungstherapie von Schwermetallen in die offiziellen Leitlinien zur Behandlung von zum Beispiel Multipler Sklerose, Morbus Crohn und diversen Arthritiden aufnehmen. Das Gegenteil aber war der Fall.

Der Arzt Max Daunderer begleitete seinerzeit Dutzende Patienten mit seinen toxikologischen Expertisen bei Gericht, um kausale Zusammenhänge zwischen Blei- oder Quecksilber-Belastungen und den jeweiligen Erkrankungen beziehungsweise der Arbeitsunfähigkeit nachzuweisen. Daunderer scheiterte häufig an juristisch-formellen Details oder an relativierenden Gegengutachten. Im wirtschafts- und gesundheitspolitischen Kontext ist es offensichtlich, dass Gesetzgeber und Legislative bemüht waren, Präzedenz-Urteile zu vermeiden, um so einer Klageflut zahlreicher Geschädigter vorzubeugen.

Es hat sich mittlerweile zur politischen Unkultur entwickelt, Entscheidungen, die Wählerstimmen kosten oder industrielle Interessen gefährden, auf die lange Bank zu schieben. Es ist ja auch pragmatischer, eine mächtige Agrarlobby mit dem erlaubten Einsatz umweltschädigender Neonicotinoide zu unterstützen und als Preis dafür den Groll einiger Hobby-Imker in Kauf zu nehmen (als ginge es „nur“ um die Honigproduktion). Es ist auch pragmatischer, sich politisch durch Nicht-Handeln hinter staatseigene Schwermetall-Erzeuger zu stellen, ist doch der linear-kausale Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Amalgam-Füllungen und MS-Patienten im Rollstuhl zumindest nicht eindeutig nachweisbar. Beispiele dieser Art gäbe es viele. Eines ist ihnen allen gemeinsam: das Fehlen moralisch-ethischer Prinzipien und das zunehmende Unvermögen, ressortübergreifend zu denken und zu handeln.

 

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