„Ein Tor zur Kultur“

Die Übersetzung der ersten beiden Teile des bedeutendsten Textes der Tibetischen Medizin ist vollendet. Damit ist dieses jahrhundertealte Werk nun auch der deutschsprachigen Welt zugänglich. Florian Ploberger, Arzt und Tibetologe, hat sie übersetzt.

lebensweise: Wann sind die tibetischen Bücher, die Sie übersetzt haben, entstanden?

 

Florian Ploberger: Es gibt verschiedene Theorien zur Entstehungsgeschichte. Vermutlich wurden die Bücher im 8. Jahrhundert von Yuthok Yonten Gonpo dem Älteren, er lebte angeblich von 708 bis 833 n. Chr., geschrieben und später nochmals von Yuthok Yonten Gonpo dem Jüngeren überarbeitet.

 

 

 

lebensweise: Wie sind die Bücher aufgebaut?

 

Ploberger: „Die vier Tantra der tibetischen Medizin“ sind in 5900 Versen geschrieben, enthalten Metaphern und Gleichnisse und sind eng mit der Religion der Tibeter, dem Buddhismus, verknüpft. Wer die ersten beiden der insgesamt vier Bücher liest und in der Tiefe versteht, soll sogar die Buddhaschaft erlangen können, also die wahre Natur des Geistes erfassen. Der erste Teil besteht aus sechs Kapiteln, der zweite Teil umfasst 31 Kapitel.

 

 

 

lebensweise: Warum hat der Dalai Lama entschieden, die Bücher übersetzen zu lassen?

 

Ploberger: Er hat erkannt, dass die jahrhundertealte Heil- und Medizinkunde seines Volkes von unschätzbarem Wert für die westliche Welt ist. Daher hat er vor einigen Jahren die Anregung gegeben, das jahrhundertealte Wissen der Tibetischen Medizin ins Englische übersetzen zu lassen. Die Verbreitung der Bücher lag ihm so sehr am Herzen, dass er nur wenige Jahre später den Entschluss fasste, die ersten beiden Teile auch ins Deutsche übersetzen zu lassen.

 

 

 

lebensweise: Wie wurden Sie beauftragt?

 

Ploberger: Im Jahr 1997 lernte ich Dr. Lobsang Wangyal, den Leibarzt des Dalai Lama kennen und stehe seither in Kontakt mit den Gelehrten und Vertrauten des Dalai Lama. Sechs Jahre später schrieb ich dann ein Buch über Tibetische Medizin, zu dem der Dalai Lama ein Vorwort verfasste. Es folgten mehrere Jahre des Studiums der Tibetologie und der Forschung sowie des Unterrichts von tibetischen Ärzten, hauptsächlich im indischen Exil, aber auch in Nepal und Tibet. 2006 übersetzte ich erstmals ein kleineres Buch für den Men-Tsee-Khang – das Institut für Tibetische Medizin und Astrologie in Dharamsala in Indien mit dem Titel „Die Grundlagen der Tibetischen Medizin“. Drei Jahre danach übertrug mir das Team des Dalai Lama die ehrenvolle Aufgabe, die ersten Teile der „Vier Tantra der Tibetischen Medizin“ ins Deutsche zu übersetzen. Mir wurde damit ein großes Vertrauen entgegengebracht, denn jede Übersetzung birgt ja auch die Gefahr der Fehlinterpretation.

 

 

 

lebensweise: Wie komplex war die Übersetzung?

 

Ploberger: Ich habe drei Jahre gebraucht, um die ersten beiden Bücher zu übersetzen. Die Gelehrten des Men-Tsee-Khang haben mir angenehmerweise Lehrer zur Seite gestellt und schwer zugängliche Texte besorgt. Es war aber nicht immer einfach, da meine Handlungen genauestens beobachtet wurden. Es bestand die nachvollziehbare Angst, dass das Wissen falsch gedeutet werden könnte.

 

 

 

lebensweise: Welche Bedeutung haben die Bücher für die westliche Welt? Wie lautet ihre Hauptbotschaft?

 

Ploberger: Die Bücher sind das Tor zur tibetischen Kultur. Das darin gesammelte umfangreiche Wissen mehrerer Jahrhunderte lässt sich natürlich nicht auf eine einzige Hauptbotschaft reduzieren. Allerdings basiert die Tibetische Medizin ganz klar auf dem Grundsatz, dass Unwissenheit die Ursache aller Krankheiten ist. Tibetische Ärzte betrachten die Körperfunktionen nicht losgelöst vom Geist, sondern sehen beides als Einheit. Kommt es zum Ungleichgewicht von Körper und Geist, wirkt sich diese Störung auf die Gesundheit aus. Die traditionelle Medizin der Tibeter hat also eine ganzheitliche Betrachtungsweise und denkt viel mehr in Zusammenhängen – davon kann die Schulmedizin des Westens profitieren.

 

lebensweise: Welchen Nutzen kann jeder für sich ziehen?

 

Ploberger: Die Tibetische Medizin gibt klare Antworten, indem sie den Begriff des Karma nutzt – also das Prinzip von Ursache und Wirkung. Kommt es zu einem schmerzvollen Ereignis wie dem plötzlichen Tod eines nahestehenden Menschen, führt dies in der westlichen Welt zu Unverständnis und wirft die anklagende Frage nach dem Warum auf. Nach den Grundsätzen der Tibetischen Medizin hat alles einen tieferen Sinn und geschieht nichts grundlos, sodass sich eine Erkrankung, die nun auftritt, mit früher begangenen Handlungen des Betroffenen erklären lässt. Mir persönlich hilft diese Sichtweise bei der Arbeit mit Schwerkranken. Die Tibetische Medizin stellt mir Antworten und Denkmuster bereit, die mich letztlich auch vor einem Burnout schützen.

 

 

lebensweise: Was beeindruckt Sie besonders?

 

Ploberger: die Herangehensweise der tibetischen Ärzte an Probleme etwa. Ihr tiefes Wissen übt eine starke Anziehungskraft auf mich aus, die mich oftmals den Wunsch verspüren ließ, so sein zu können wie sie. Bei einem erfahrenen tibetischen Arzt fühlt man sich als Patient im höchsten Maße angenommen und verstanden. —

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0